Eine Frau stiert nervös auf einen Drucker. Niemand soll bemerken, welche sensiblen Dokumente sie vervielfältigt. Doch das Papier kraucht im Schneckentempo aus dem Schacht. Diesen Kick kann jeder nachvollziehen, wer schon mal ein paar Extra-Minuten im Büro zugebracht hat, um an verwaisten Kopierstationen den Groupon-Gutschein für Tante Ulla oder gar die Bewerbungsunterlagen für den nächsten potenziellen Arbeitgeber auszudrucken. Nur wiegt der Fall der Whistleblowerin Katharine Gun ungleich schwerer: Die britische Geheimdienstmitarbeiterin ließ im Jahre 2003 ein streng geheimes Memo an die Presse durchsickern, das die Integrität ihrer Regierung hinsichtlich der Legitimierung des bevorstehenden Irak-Feldzuges in Frage stellte. Der Spielfilm Official Secrets erzählt von der Tragweite ihrer Entscheidung.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal Pictures.

Der Film steigt ein der Schuldfrage: Hat Katharine Gun (Keira Knigthley) gegen den Official Secrets Act verstoßen und sich damit des Landesverrats schuldig gemacht? Jenes Gesetz war 1989 verschärft worden, nachdem Clive Ponting, ein Mitarbeiter des Verteidigungsministeriums, Dokumente öffentlich gemacht hatte, die widerlegten, was die britische Regierung zur Versenkung der General Belgrano während des Falklandkrieges offiziell verlautbaren ließ. Der argentinische Kreuzer war 1982 durch ein britisches Atom-U-Boot torpediert und versenkt worden, 368 Menschen starben. Großbritannien hatte den Abschuss damit begründet, das argentinische Schiff habe gefährlichen Kurs auf die britische Falkland-Flotte gehalten. Die von Ponting geleakten Dokumente jedoch offenbarten, dass sich die General Belgrano zum Zeitpunkt des Abschusses seit elf Stunden auf Heimatfahrt befand.

Plakativ gesagt: Die britische Regierung erließ ein Gesetz, das verhindern sollte, dass derartige Sauereien künftig nicht mehr an die Öffentlichkeit gelangen. Dass solche staatlichen Allmachtsphantasien ihre Grenzen haben sollten, das ist die Botschaft des Spielfilms Official Secrets. Katharine Gun ist noch nicht allzu lange Mitglied im „Club“, die drei Jahre, die sie nun bei der britischen Nachrichtendienstbehörde GCHQ angestellt ist, haben sie noch nicht abgestumpft. „Du hast noch ein Gewissen“, bemerkt eine Freundin, der sie sich anvertraut. Gun bewertet – wie nicht wenige in diesen Tagen – die Kriegsabsichten ihrer Regierung kritisch: Großbritannien ist als treuer Bündnispartner in der „Koalition der Willigen“ bereit, gemeinsam mit den USA in den Irak einzumarschieren. US-Präsident George W. Bush und der britische Premierminister Tony Blair untermauern gebetsmühlenartig ihre hehren Absichten im Kampf gegen den Terror und verweisen auf die vermeintlich existente Gefahr von ABC-Waffen in Saddam Husseins Arsenalen. Allein, der Segen der Vereinten Nationen fehlt.

Runter von der Couch, rein ins Whistleblower-Dasein. Die Geheimdienstmitarbeiterin Katharine Gun (Keira Knightley) fürchtet, dass sich ihre Regierung in einen sinnlosen Krieg schummelt.
Runter von der Couch, rein ins Whistleblower-Dasein. Die Geheimdienstmitarbeiterin Katharine Gun (Keira Knightley) fürchtet, dass sich ihre Regierung in einen sinnlosen Krieg schummelt.

Eine unerschütterliche Whistleblowerin: Katharine Gun

Anfang 2003 erlangt Katharine Gun im Zuge ihrer Arbeit Kenntnis von einer Anweisung aus den Reihen der US-amerikanischen Sicherheitsbehörde NSA. In dieser Dienst-eMail ist die Rede davon, kleinere Staaten mit Stimmrecht im UN-Sicherheitsrat auszuspionieren, mit dem Ziel, mögliche Druckpunkte offenzulegen – Druckpunkte für eine „Überzeugungsarbeit“, die Bestechung und Erpressung als geheiligte Mittel akzeptiert. Gun steht vor einem Gewissenskonflikt: Ist es nicht ihre Pflicht, die Politik einer demokratischen Regierung zu entlarven, die bereit ist, Völkerrecht auszuhebeln? Auf der anderen Seite stehen die Folgen, mit denen sie sich konfrontiert sieht, sollte sie erwischt werden. Sie entscheidet sich schließlich, das Memo über einen Zwischenkontakt an die Öffentlichkeit zu tragen.

Official Secrets porträtiert Katharine Gun als etwas naive, aber unerschütterliche Idealistin. Nachdem das Memo geleakt und – nach wochenlanger Ruhe vor dem Sturm – veröffentlicht ist, wankt die von Keira Knightley gespielte Whistleblowerin von Magenschmerzen und Gewissensbissen geplagt ins gläserne Besprechungszimmer, das sich wie ein Beobachtungsturm in einem panoptischen Gefängnis über das Großraumbüro erhebt. In diesem Glaskasten finden die demonstrativen Einzelverhöre mit Mitarbeiter*innen statt. Gerade ist ihre liebste Arbeitskollegin an der Reihe. Katharine Gun kann es nicht ertragen, dass sie an ihrer statt in die Mangel genommen wird. In diesem Moment blendet sie alle persönlichen Konsequenzen aus.

Zwei Cowboy bereiten sich auf ihren Ausritt vor: Premier Tony Blair und US-Präsident George W. Bush führen die "Koalition der Willigen" an. Ziel ist der Irak.
Zwei Cowboys bereiten sich auf ihren Ausritt vor: Premier Tony Blair und US-Präsident George W. Bush führen die „Koalition der Willigen“ an. Ziel ist der Irak.

Die „Koalition der Willigen“ auf der „Suche“ nach Gefolgsstaaten

Damit tritt sie eine Welle los, die der Film „frei nach wahren Ereignissen“ rekapituliert. Official Secrets basiert auf dem Buch The Spy Who Tried to Stop a War: Katahrine Gun and the Secret Plot to Sanction the Iraq Invasion von Marcia und Thomas Mitchell aus dem Jahr 2008. Dort lassen sich die Details der Affäre nachlesen. So waren es die Staaten Angola, Bulgarien, Chile, Guinea, Kamerun und Pakistan, die von der Koalition der Willigen unter Druck gesetzt werden sollten. The Observer, eine Zeitung, die als eher linksliberal geprägt gilt, hatte in ihren Berichten den Kurs der Regierung befürwortet, bevor sie in den Besitz der Notiz gelangte. Ihre Veröffentlichung war Wasser auf die Mühlen der Kriegsgegner, die sich im Februar 2003 zahlreich wie lautstark gezeigt hatten. Weltweit gingen damals über zehn Millionen Menschen auf die Straße, um gegen die Kriegsbestrebungen der „Willigen“ zu demonstrieren.

Einige Tage nach dieser Veröffentlichung wurde Katharine Gun festgenommen, die sich anschließend öffentlich zu ihrer Tat bekannte. Ihre klare Haltung brachte ihr die Unterstützung durch Menschenrechtsorganisationen und die Friedensbewegung ein. Unter anderem sprangen ihr Prominente wie Schauspieler Sean Pean oder Daniel Ellsberg zur Seite. Ellsberg war zu Beginn der 1970er-Jahre selbst als Whistleblower berühmt geworden. Als Mitarbeiter im US-Verteidigungsministerium hatte er die so genannten Pentagon Papers geleakt. Diese Dokumente belegten, wie sämtliche US-Administrationen die Öffentlichkeit getäuscht hatten, um die wahren Gründe und die mäßigen Erfolgsaussichten der US-Interventionen in Südostasien zu verschleiern. Dieser Leak wird in Steven Spielbergs Die Verlegerin zelebriert, und zwar in Form eines journalistischen Scoops. In Official Secrets hingen fungiert der Journalismus als Verstärker, er spielt eine von mehreren Nebenrollen. Der Fokus liegt auf der Whistleblowerin.

"Hallo? ist da die Pressestelle der NSA?" Martin Bright (Matt Smith), Reporter im Dienste der Zeitung The Observer, bimmelt freundlich durch.
„Hallo? ist da die Pressestelle der NSA?“ Martin Bright (Matt Smith), Reporter im Dienste der Zeitung The Observer, bimmelt freundlich durch.

Official Secrets zeigt einen schlingernden Journalismus

Official Secrets singt – anders als Die Verlegerin – kein Loblied auf die vierte Gewalt. Der Film stellt zwar die Notwendigkeit einer wachsamen Presse heraus. Indem er den Journalismus mehr problematisiert als glorifiziert, schmiegt sich der Film in seiner Haltung an Beiträge wie The Insider oder The Journalist an. Die journalistischen good guys in Official Secrets – namentlich Martin Bright (Matt Smith) und Ed Vulliamy (Rhys Ifans) – sind nämlich Außenseiter, die gegen den Strom in ihrer eigenen Redaktion schwimmen, der wiederum nur eine Stromschnelle in einem größeren, viel wirkungsmächtigeren Flusses ist: Die kriegsfreundliche Berichterstattung im Observer war keine eine Ausnahmerscheinung, sondern vielmehr common sense in den britischen Leitmedien.

Der Film braucht keinen Anlauf, um die zerrütteten Verhältnisse in der Redaktion, und damit die Schieflage in der Branche, auf den Punkt zu bringen. Chefredakteur Roger Alton (Conleth Hill) fordert gleich in seiner ersten Szene einen Artikel von Martin Bright, der die Parallelen zwischen dem NATO-Eingreifen im Kosovo 1999 und der bevorstehenden Invasion aufzeigen soll, und das – bitteschön – in schlanken 400 Wörtern.

Den Einwand seines Reporters, die beiden Fälle seien nur schwer zu vergleichen, schon gar nicht in so einem knappen Beitrag, lässt Alton nicht gelten: „Wir haben zu Recht im Balkan eingegriffen. Jetzt greifen wir zu Recht im Irak ein. Milosevic war böse. Saddam ist böse. Wie haben zu dem Thema Stellung bezogen. Wir unterstützen den Krieg.“ Martin Bright, der später, als er das von Katharine Gun lancierte Memo in den Händen hält, zunächst einmal brav die Nummer der Presseabteilung der NSA wählt, ist nicht Querulant genug, um seinem Chef Paroli zu bieten.

"Sind wir die PR-Abteilung von Tony Blair?" Ed Vulliamy (Rhys Ifans) ist der Outlaw-Reporter in einer angepassten Redaktion.
„Sind wir die PR-Abteilung von Tony Blair?“ Ed Vulliamy (Rhys Ifans) ist der Outlaw-Reporter in einer angepassten Redaktion.

Martin Bright und Ed Vulliamy als Schwimmer gegen den Strom

Die Rolle des redaktionellen Räsoneurs fällt Rhys Ifans alias Ed Vulliamy zu. Er ist der unangepasste Outlaw-Reporter: Unrasiert, fransige Brit-Pop-Matte, mit abgewetzter Lederkluft und Kodderschnauze ausgestattet, geht Vulliamy keiner Konfrontation aus dem Weg. Eine Figur wie ein Abziehbild. Eines, das dem Ego des echten Vulliamy, dem man einen Hang zum extravaganten, lauten Auftreten nachsagt, schmeichelte. Er adelte Ifans Performance als „my Alter Idem, more me than I am“.

Der filmische Martin Bright ist konträr dazu grünschnäbelig angelegt: Fleißig, adrett, in seinem investigativen Tun noch nicht hundertprozentig trittfest. Die Story scheint anfangs eine Nummer zu groß für ihn. Schauspieler Matt Smith wandelt auf den Spuren von Robert Redford und Dustin Hoffman in Die Unbestechlichen, die ebenfalls erst mit dem Verlauf Geschichte zu „großen“ Journalisten heranreifen. Eine rollenverwandtschaftliche Nähe, die der Film mit einem kleinen Gag zusätzlich befeuert. In einer kurzen Sequenz trifft sich Bright mit einer Informantin in einer Tiefgarage.„Das erinnert schon sehr an Deep Throat“, merkt der Reporter schmunzelnd an.

Fast wie bei Die Unbestechlichen. Der obligatorisch-konspirative Treff in der Tiefgarage darf natürlich nicht fehlen.
Fast wie bei Die Unbestechlichen. Der obligatorisch-konspirative Treff in der Tiefgarage darf natürlich nicht fehlen.

Von mangelnder Courage und
der Gier nach Sensationen

Diese beiden Journalisten halten die Erinnerung an den eigentlichen Auftrag der vierten Gewalt aufrecht, sind jedoch streng genommen keine Heldenfiguren. Das, was sie tun, sollte keine Ausnahme sein, sondern die Regel. Dass ihr Ausscheren in den Augen des Publikums dennoch als ein mutiger Akt gewertet wird, liegt im folgenden Dilemma begründet. Denn: Wenn sämtliche Medien auf einer Linie publizieren, woher soll das journalistische Individuum noch die Courage aufbringen, Verdachtsfällen nachzugehen, die die vertretenen Positionen ins Wanken bringen? Sich hervorzutun heißt, sich besonderer Beobachtung auszusetzen. Sich den Ruf eines Nestbeschmutzers einzuhandeln. Zumal die Ausgangsnotiz ohne einen Hinweis auf einen Absender zunächst einmal nicht sonderlich vertrauenerweckend wirkt. Hinter den getippten Zeilen könnte auch eine Finte der Antikriegsbewegung lauern.

Die Rechtsabteilung des Observers erinnert an den Medienskandal um die gefälschten Hitlertage-Bücher (siehe auch Helmut Dietls Schtonk!). „Deswegen haben Menschen den Job verloren“, mahnt der Justiziar. Freilich trägt er nur ein Scheinargument vor, die Verantwortlichen des Sterns hatten bekanntlich sämtliche Indizien auf eine Fälschung, die Sensation vor Augen, ignoriert. Die Echtheit des vorliegenden Memos zu bestätigen oder widerlegen, das ist eben die Herausforderung, der sich die Reporter*innen des Observers in diesem Moment stellen müssen. Alles andere käme einem journalistischen Wegducken gleich. Heiklen Geschichten nicht mehr nachzugehen, das wäre die falscheste Lehre, die man aus den Fehlern der Anderen ziehen könnte.

Lost in Translation. Der Aufmacher über die geheimen Erpressungsabsichten von USA und Großbritannien schlägt hohe Wellen. Doch einigen Medien, insbesondere auf der anderen Seite des großen Teichs, kommt der Bericht ziemlich Oxford vor...
Lost in Translation. Der Aufmacher über die geheimen Erpressungsabsichten von USA und Großbritannien schlägt hohe Wellen. Doch einigen Medien, insbesondere auf der anderen Seite des großen Teichs, kommt der Bericht ziemlich Oxford vor …

Das Scheitern im Journalismus ist selbst im Erfolg gegenwärtig

Dass die Gier nach Sensationen nicht nur die Sinne trüben, sondern auch eine positive Triebfeder sein kann, zeigt sich im Sinneswandel des Chefredakteurs. Roger Altons Glaube daran, dass sich das Memo als echt herausstellen könnte, ist gering. Doch sollte sich das Papier entgegen seiner Erwartungen als authentisch erweisen, „dann ist es auch eine Wahnsinns-Story“. Alton lässt seine Reporter gewähren. Eine Entscheidung, die sich bezahlt macht – und den Observer rehabilitiert. Zumindest ein Stück weit. Denn Official Secrets lässt uns nie vergessen , wie sehr sich der moderne Journalismus strecken muss, um seiner Verantwortung gerecht zu werden.

Selbst im Erfolg ist das Scheitern gegenwärtig: Die Echtheit des Dokuments ist dank gewissenhafter Recherchen belegt, die Story geschrieben und auf Seite 1 platziert. Der Artikel schlägt hohe Wellen. Doch schon wenige Stunden nach Veröffentlichung kippt die internationale Anerkennung für den Scoop. Vor allem die US-Medien nehmen von den eilig vereinbarten Interviews mit Bright Abstand. Warum sollte ein Kommuniqué, das aus einer US-Behörde stammt, mit britischen Schreibweisen aufwarten? Für einen Moment stehen die Rechercheure wie die Deppen vom Dienst da. Kann es wirklich sein, dass diese Diskrepanz unbemerkt blieb?

Eigentlich ignoriere ich weitergeleitete Mails ja geflissentlich. Wenn ich nicht der erste Adressat bin, kann es ja nicht so wichtig sein. Doch hier birgt die Weiterleitung ausnahmsweise mal Sprengstoff.
Eigentlich ignoriere ich weitergeleitete Mails ja geflissentlich. Wenn ich nicht der erste Adressat bin, kann es ja nicht so wichtig sein. Doch hier birgt die Weiterleitung ausnahmsweise mal Sprengstoff.

Eine gut gemeinte Korrektur wird zum internationalen Zwischenfall

Hektisch nestelt Martin Bright nochmal die Quelle hervor: Recognize mit z, favorable ohne u. Kein Zweifel, der Ursprung ist amerikanisch. Wie kommt dann die britische Schreibweise ins Blatt? Die Antwort ist einfach wie entlarvend. Nicole Mowbray, eine Jung-Journalistin im Dienste der Londoner Zeitung, war die Aufgabe zugekommen, den Artikel auf orthografische Richtigkeit zu prüfen. Das Rechtschreibprogramm, das sie über den Text fegen ließ, stolperte über das amerikanische Englisch. Aus recognize wurde recognise, aus favorable favourable. Überzeugt davon, Fehler auszubügeln, verursachte Mowbray einen internationalen Zwischenfall.

Ein Anfängerfehler, der nicht passieren darf, der gleichzeitig zeigt, wie arg es um die Bedingungen auch im Qualitätsjournalismus bestellt ist. Auch wenn es auf dem ersten Blick löblich erscheint, dass man jungen Kolleg*innen früh mit verantwortungsvollen Aufgaben betraut: Dass eine Journalistin mit gerade mal zweiwöchiger Erfahrung in der Auslandsredaktion die letzte Person ist, die einen so wichtigen Aufmacher überprüft, ist vielmehr ein Ausdruck mangelnder Ressourcen. Es habe lediglich zehn Minuten gebraucht, um den folgenschweren Fehler in die Welt zu setzen, erinnert sich Mowbray. Noch immer ist ihr die Angelegenheit hochnotpeinlich, die dank Official Secrets für die Nachwelt auf Zelluloid gebannt ist. Einen Einblick in ihre Gefühlswelt – damals wie heute – vermittelt der lesenswerte Guardian-Artikel: ‚You’ve caused an international incident‘: how my work mistake came back to haunt me.

Im Namen der Verteidigung: Der Menschenrechtsanwalt Ben Emmerson (Ralph Fiennes) springt Katharine Gun mit einer wagemutigen Verteidigungsstrategie zur Seite.
Im Namen der Verteidigung: Der Menschenrechtsanwalt Ben Emmerson (Ralph Fiennes) springt Katharine Gun mit einer wagemutigen Verteidigungsstrategie zur Seite.

Punktsieg für die Wahrheit, das böse Erwachen kommt noch

Allen kritischen Kommentaren zum Trotz entlässt Official Secrets den Journalismus anno 2019 versöhnlicher als etwa Robert Redfords Von Löwen und Lämmern. Der kammerspielartige Episodenfilm aus dem Jahre 2007 thematisiert die unkritische, allzu patriotische Haltung der US-Presse am Vorabend der Afghanistan-Invasion. Anders als den Observer-Reporter*innen bleibt der Journalistin Janine Roth (Merly Streep) die Rehabilitation verwehrt. Stattdessen erstarrt sie im Angesicht des Kollektivversagens ihrer Zunft zur Salzsäule. Allerdings wird ihr bereits vor Augen gehalten, was ihre Kolleg*innen in Offical Secrets nur erahnen können: das böse Erwachen einer festgefahrenen Militär-Intervention, die keine Probleme gelöst, dafür jede Menge neue Schwierigkeiten zu Tage gefördert hat.

Official Secrets deutet diese bittere Pointe nur an: Der Film endet mit dem Freispruch für Katharine Gun. Die britischen Behörden zogen im Jahr 2004 ihre Anklage zurück, eine halbe Stunde, nachdem das Verfahren offiziell eröffnet wurde. Eine offizielle Begründung blieb aus. Der Film suggeriert, die Verteidigungsstrategie hätte die britische Regierung womöglich in die Bredouille gebracht, weitere geheime Absprachen offenzulegen. Ein Punktsieg für die Wahrheit (und im Jahre 2019 ein mahnender Fingerzeig an die Brexit-Prediger). Katharine Gun drohen heute – anders als Edward Snowden und Julian Assange – keine juristischen Konsequenzen mehr. Schwierigkeiten, einen neuen Job zu finden, sah sie sich dennoch ausgesetzt. Und Großbritannien? Zog nichtsdestotrotz in den Krieg gegen den Iran.

Ab die Post: Gleich geht das kopierte Memo in die Welt hinaus. Katharine Gun schreibt damit Geschichte. Auch wenn sie sich einen anderen Ausgang erhofft hat.
Ab die Post: Gleich geht das kopierte Memo in die Welt hinaus. Katharine Gun schreibt damit Geschichte. Auch wenn sie sich einen anderen Ausgang erhofft hat.

Katharine Gun schreibt Geschichte, wenn auch anders als erhofft

Katharine Gun konnte nicht verhindern, dass „tausende irakische Zivilisten und britische Soldaten getötet oder verstümmelt“ wurden. Ob sie, vom Verlauf der Geschichte eingeholt, wieder so entscheiden würde? Bis heute beteuert sie genau das. Die Bewertung ihrer Handlungen musste sie allerdings korrigieren, wie sie gegenüber der Deutschlandfunk-Reporterin Susanne Burg im Zuge der Veröffentlichung von Official Secrets durchblicken ließ: „Ich denke, der einzige Trost bezüglich der Frage, ob es eine bedeutende Aktion war oder nicht, liegt darin, dass man am Anfang nicht gleich die Ergebnisse der Handlung im Kopf hat. Aber ein Ergebnis war, dass der UN-Sicherheitsrat kein Mandat gegeben hat. Das Bestreben wurde kategorisch fallengelassen, als die Email veröffentlicht wurde. Besonders die Chilenen weigerten sich. Das steht jetzt in den Geschichtsbüchern.“ Das ein solches Kapitel an einem Büro-Drucker seinen Anfang nimmt, kommt nicht oft vor.


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