Können die Bilder eines Kriegsfotografen die Realität des Krieges greifbar machen? 2006 reist der kanadische Fotojournalist Louie Palu  in die afghanische Provinz Kandahar, um den Kampf gegen die Taliban zu dokumentieren. In Kandahar Journals arbeitet der Reporter die seelischen Wunden auf, die er in fünf Jahren Fronteinsatz erlitten hat.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Studio Hamburg Enterprises.

„Diese fünf Jahre haben mich älter gemacht als ein ganzes Leben“, resümiert Louie Palu. Co-Regisseur Devin Gallagher hat den Fotoreporter durch den Alltag in seiner kanadischen Heimat begleitet. Bei allem, was er auch tut: Louie Palu wirkt gezeichnet, mit den Gedanken alles andere als in der Gegenwart verhaftet. Innerlich befindet er sich noch immer in Kandahar, wo er von 2006 bis 2010 Zeuge der Kämpfe zwischen amerikanischen, kanadischen und afghanischen Truppen sowie den Milizen der Taliban wird. Es sind heftige und lang andauernde Gefechte, die er miterlebt. Kein Wunder: Die Region – zwischen den Massiven Zentralafghanistans und der Wüstenregion Rigestan im Süden des Landes gelegen – besitzt eine hohe geostrategische Bedeutung. Wer Kandahar kontrolliert, kontrolliert auch eine wichtige Durchmarschs- und Einfallsroute in den vorderindischen Raum.

Der Krieg in Afghanistan lässt Louie Palu keine Zeit zum Eingewöhnen. Gleich zu Beginn seines Aufenthalts bekommt er hautnah mit, wie sich ein Selbstmordattentäter auf einer Straße in die Luft sprengt. Palu findet sich inmitten von Trümmern und Leichenteilen wieder. Es sind Bilder, die er pflichtschuldig einfängt. Noch glaubt er beeinflussen zu können, was in seinem Bildausschnitt landet. Doch schon bald muss sich Louie Palu eingestehen, dass die Bilder Macht über ihn gewinnen. Seit diesem Attentat, betont er im Vorspann von Kandahar Journals, sei er nicht mehr derselbe.

The Kandahar Journals kombiniert Filmaufnahmen mit Tagebucheinträgen des Kriegsreporters Louie Palu.

The Kandahar Journals kombiniert Filmaufnahmen mit Tagebucheinträgen des Kriegsreporters Louie Palu.

Krieg aus einer subjektiven Perspektive

Auch sieben Jahre nach seiner Rückkehr hat Palu an diesen Erlebnissen zu knapsen. Kandahar Journals ist autobiografisches Psychogramm, in sich gekehrt und doch nach außen gewandt. In dem Film steckt der vergebliche Wunsch des Protagonisten, Erinnerungen wie Aufzeichnungen zu ordnen. Auf der anderen Seite ist er ein Versuch, den Schrecken des Krieges, das Leid der Einheimischen, aber auch die gespenstische Stille zwischen den Angriffen, nachvollziehbar zu machen – aus einer emotionalen, rein subjektiven Perspektive heraus, versteht sich.

Denn den Afghanistan-Konflikt zu legitimieren, zu erklären, warum es sich lohnt, die demokratische Freiheit rund um den Hindukusch zu verteidigen, fiel den selbsterklärten Befreiern schon damals schwer, und auch mit einigem Abstand zur Intervention 2001 erschließen sich die Sinnzusammenhänge nicht unbedingt. „In diesem Artikel oder Abschnitt fehlen noch folgende wichtige Informationen: […] fehlende Hintergründe zu den casus belli“, hält der deutsche Wikipedia-Artikel bezeichnenderweise fest (Stand Mai 2018, siehe auch: Whiskey Tango Foxtrot). Wie soll da dann ein Einzelner den Überblick behalten, wenn ihm Kugeln und Mörsergeschosse um die Ohren fliegen?

Louie Palu (links) mit einem "Fixer", einem einheimischen Kontaktanbahner und Dolmetscher. Der Kollege ist in den Wirren des Krieges umgekommen, wie wir erfahren.

Louie Palu (links) mit einem „Fixer“, einem einheimischen Kontaktanbahner und Dolmetscher. Der Kollege kam in den Wirren des Krieges um, wie wir erfahren.

Nichts ist heroisch in Kandahar Journals

Es sind Fetzen, die uns Kandahar Journals präsentiert. Vieles von dem, was Louie Palu festhält, wirkt konfus.  Soldaten geben Befehle, andere schießen auf für uns unsichtbare Gegner. Sie suchen ständig nach Deckung, wirken mal verängstigt, mal unmotiviert. Wenn es einen übergeordneten Plan gibt, dann ist dieser anhand der Bilder jedenfalls nicht erkennbar. Selbst die Soldaten machen nicht den Eindruck, als sie wüssten, was sie tun. „Warum suchst Du keine Deckung?“, pflaumt der Truppführer einen GI an, der den Ernst der Lage nicht zu verstehen scheint. Eine andere Szene zeigt Infanteristen, die nicht wissen, wo oben und unten ist. „In welche Richtung soll ich mich bewegen, Sarge?“, fragt einer der Soldaten flehend. Schnell wird der Unterschied zu den inszenierten Schlachten, wie man sie aus unzähligen Kriegsfilmen kennt, deutlich: Hier ist nichts heroisch, nichts ehrenhaft, ja nichts im Ansatz klar. Und das liegt nicht an den vielen Sandwinden, die einem die Sicht trüben. Der Krieg als Tabula rasa. In diesen Momenten ist Kandahar Journals ein richtig starkes Dokument.

Zwischen diesen Momenten spult die Doku jede Menge Leerlauf ab – was man als eine weitere Stärke, aber auch als Schwäche auslegen kann. Denn auch hierin unterscheidet sich der Film von den Schilderungen aus dem Spielfilm-Sektor: Kandahar Journals zeigt, dass Krieg nicht nur Krawall bedeutet, sondern auch große Langeweile. Bei zehn von 100 Einsätzen komme es zu Kampfhandlungen, schätzt ein kanadischer Sanitäter vor der Kamera. Wir sehen Soldaten dabei zu, wie sie versuchen, die Anspannung zu halten, um im Fall der Fälle handlungsfähig zu sein, und gleichzeitig nicht den Verstand zu verlieren, angesichts der öden Alltagsroutinen, die der Job als Befreier so mit sich bringt. Von solchen Szenen gibt es eine ganze Reihe, kombiniert mit den ruhigen wie ausgedehnten Landschaftsaufnahmen tragen sie nicht dazu bei, dass die Laufzeit wie im Fluge vergeht. Wie gesagt, dass Form und Inhalt eine bestimmte Empfindung triggern, kann man als gelungenen Kniff adeln – oder aber auch als unspannend abtun. So oder so: Kandahar Journals sind 76 Minuten Arbeit. Aber was sind 76 Minuten im Vergleich zu fünf Jahren an der Front? Ein Fliegenschiss.

You can't see me: Können Bilder die Realität des Krieges nachvollziehbar machen? Kandahar Journals ist jedenfalls ein sehr persönlicher Versuch.

You can’t see me: Können Bilder die Realität des Krieges nachvollziehbar machen? Kandahar Journals ist ein sehr persönlicher Versuch.

Rolle des Krisenreporters wird ausgeblendet

Darum ist es auch schade, dass der Film nur wenig über Louie Palus Motivation verrät. Wir erfahren zwar, dass die Kriegserinnerung seines Vaters einen Impuls geweckt haben. Was aber treibt einen Mann an, dieser Hölle fünf Jahre lang beizuwohnen, wo doch jeder Verständnis aufgebracht hätte, hätte er seine Zelte gleich nach dem miterlebten Attentat wieder abgebrochen? War es die Chronistenpflicht? Das Ethos? Die Verantwortung gegenüber der Nachwelt? Hierüber schweigen sich Palu und der Film aus. Der berufliche Kontext, die Rolle als Kriegsberichterstatters, bleibt in Kandahar Journals seltsam unbeleuchtet.

Auch das wird gewollt sein, den Journalisten nicht als einordnenden, ja sogar beeinflussenden Faktor zu betrachten, sondern als Menschen, der wie jeder andere diesem Chaos ausgeliefert ist. Allerdings fühlt es sich so an, als fehlten in Kandahar Journals Teile der Geschichte. Zumindest wenn man sich, so wie ich, tiefgehende Reflexionen zum Berufsbild erhofft hat. Allerdings gibt es, so fair muss man sein, schon genügend andere Werke, die das Wesen des Kriegsreporters ausloten. Kandahar Journals ist und bleibt ein sehr persönlicher, unmittelbarer Blick auf den Krieg. Womit er die Eingangsfrage dann doch im Schleichgang beantwortet hat.


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