Francisco Boix ist es zu verdanken, dass die Welt von den unmenschlichen Verbrechen im Konzentrationslager Mauthausen erfuhr. Der Spanier rettete, gemeinsam mit weiteren mutigen Inhaftierten, mehr als 2.000 Fotos vor der Vernichtung durch die SS. Sie wurden zu wichtigen Beweisstücken, unter anderem in den Nürnberger Prozessen. Doch allen Verdiensten zum Trotz blieben Boix und seine Mitstreiter über Jahrzehnte hinweg unbesungene Helden. In den vergangenen Jahren erst erschienen ein Theaterstück und eine Graphic Novel. 2018 zog Netflix unter dem Titel Francisco Boix – Der Fotograf von Mauthausen mit einer filmischen Ehrerbietung nach.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Netflix.

Es hatte seine Gründe, weshalb die Geschichte von den tapferen Frauen und Männern mit dem kapitalen S im blauen Dreieck auf der Brust jahrzehntelang unerzählt blieb. Politische Gründe. Die meisten der rund 8.000 spanischen Insassen im Konzentrationslager Mauthausen (1938 – 1945) hatten im Spanischen Bürgerkrieg gegen Francos Faschisten gekämpft, bevor sie als unterlegene Gegner des Regimes nach Frankreich zogen, wo sie Seite an Seite mit den Franzosen den Widerstand gegen die Nationalsozialisten formten. Mit der Proklamation des Vichy-Regimes allerdings gerieten die Spanier auch dort zu Klassenfeinden, man internierte sie zunächst auf Vichy-Boden und deportierte sie schließlich ins Nationalsozialistische Reich. Ein Kapitel, das in Spanien bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet ist – wie viele andere Kapitel der Franco-Ära.

Auf diesem Wege gerät auch Francisco Boix in Kriegsgefangenschaft. 1939 wird der 19-jährige Schneider-Sohn in den Vogesen verhaftet, am 27. Januar 1941 verlegen ihn die Nazis ins österreichische KZ Mauthausen. Boix ist ein aufgeweckter, draufgängerischer Typ, ohne Scheu. Er eignet sich ein paar Brocken Deutsch an und erlangt so das Vertrauen seiner Bewacher. Aufgrund seiner fotografischen Kenntnisse – schon als Jugendlicher hatte er erste Bilder in Zeitschriften unterbringen können, ab 1938 in der republikanischen Armee als Frontfotograf gearbeitet – wird er dem Erkennungsdienst im KZ Mauthausen zugeteilt. In seiner Position fotografiert er neu eingetroffene Häftlinge, er entwickelt im Fotolabor aber auch Aufnahmen der SS, die unter der Leitung des Hauptschärführers Paul Ricken zu Dokumentationszwecken angefertigt werden.

Der Zeremonienmeister der Mauthausen'schen Inszenierungen: Paul Ricken (gespielt von Richard van Weyden).
Der Zeremonienmeister der Mauthausen’schen Inszenierungen: Paul Ricken (gespielt von Richard van Weyden).

Die Inszenierung von Mauthausen

Francisco Boix erfährt aus erster Hand, wie die Nazis das Lagerleben nach außen hin verkaufen. So werden Gefangene in saubere Uniformen gesteckt und für Stillleben missbraucht, die eine humane Unterbringung suggerieren sollen. Eine berühmte Aufnahme zeigt Lagerinsassen in einer aufgeräumten Barracke beim Schachspiel – ein Setting, das Paul Ricken nach seinen ästhetischen Vorstellungen arrangiert. Der Fotoassistent Boix sagt später unter Eid aus, dass einige Häftlinge unmittelbar nach diesen Fotoshootings umgebracht wurden.

Der gebürtige Katalane erlangt außerdem Kenntnisse über perfide Vertuschungspraktiken. Hinrichtungen von Lagerinsassen werden als Fluchtversuche oder Selbstmorde getarnt, Leichname drappiert. Die Entstehung entsprechender Aufnahmen wird Boix später vor dem Nürnberger Kriegsverbrechergericht bezeugen können: „Der russische Kriegsgefangene auf dem Bild erhielt einen Schuß in den Kopf. Man hat ihn hinaufgehoben, um den Anschein zu erwecken, als ob er versucht hätte, sich in selbstmörderischer Absicht über den Stacheldraht zu werfen.“ (Aus dem Gerichtsprotokoll der Verhandlungen in Nürnberg, 44. Verhandlungstag, 28. Januar 1946)

Vertuschungspraktiken der Nazis: Hinrichtungen von Insassen werden als Fluchtversuche oder Selbstmorde inszeniert.
Vertuschungspraktiken der Nazis: Hinrichtungen von Insassen werden als Fluchtversuche oder Selbstmorde inszeniert.

Realität oder alles ein Frage des Blickwinkels?

Die Inszenierung von Mauthausen ist – neben der Biografie der Titelfigur – der zentrale Leitfaden in der spanischen Netflix-Produktion Francicso Boix – Der Fotograf von Mauthausen. Es geht um die Diskrepanz zwischen Sein und Schein. Was ist echt? Und was ist Fake? Die Frage nach der Authentizität von Fotos ist genauso alt wie die Fotografie an sich, es gibt viele Filme und Dokumentationen zum Thema, die sich mit den Möglichkeiten der Manipulation beschäftigen. Kriegsreporterstreifen wie Under Fire oder The Bang Bang Club thematisieren, wie Aufnahmen, die in guter Absicht angefertigt wurden, von bestimmten Parteien zu Propagandazwecken genutzt werden können. Und doch ist der Ansatz, diese Aspekte vor dem Hintergrund der nazi-deutschen Vernichtungsmaschinerie zu verhandeln, ein unverbraucht-spannender.

In Zeiten von Instagram & Co. ist uns bewusst: Kaum ein Bild ist ursprünglich; irgendein Filter liegt immer über dem Original. Auch Paul Ricken, Zeremonienmeister der Mauthausen’schen Iszenierungen, weiß: „In der Fotografie gibt es keine Realität. Alles hängt vom Blickwinkel ab.“ Und doch akzeptieren wir die Fotografie als ultimativen Beweis – Fotografien ermitteln Rennsieger, zementieren Promibeziehungen und bestätigen die Echtheit von Seeungeheuern. Weil Boix ebenfalls an die immense Beweiskraft von Fotos glaubt, entscheidet er sich im Winter 1943 – die Deutschen haben soeben die Schlacht von Stalingrad verloren – dazu, die Negative der SS zu sichern und aus dem Lager zu schmuggeln. Die Welt soll von diesen Verbrechen an der Menschheit erfahren. Boix vertraut nicht darauf, das Hörensagen ausreicht: „Keiner kann es glauben, wenn er es nicht sehen kann.“

Fracisco Boix hatte tapfere Mitstreiter an seiner Seite

Offiziell gibt kein Nazi-Offizier den Krieg verloren, die Vernichtung von Beweismaterial ist jedoch verräterisch. Boix rekrutiert im Umfeld sozialistischer Spanier Komplizen, die bereit sind, ihr Leben für die Wahrheit aufs Spiel zu setzen. Tausende Negative, aber auch einige Positive, werden so vor der Zerstörung bewahrt. Der Film zeigt die Bandbreite des Einfallsreichtums, den die unglückseligen Archivare des Grauens an den Tag legen. Die Negativstreifen werden in jeder unverdächtigen Ritze im Lager versteckt, in die dünne Häftlingskleidung eingenäht und oder unter großen Risiken an vertrauenswürdige Bewohner Mauthausens übermittelt (in diesem Zusammenhang ist vor allem Anna Pointer als eine weitere mutige Heldin dieser Geschichte zu nennen).

An diesem Punkt der Erzählung betritt Francisco Boix – Der Fotograf von Mauthausen gängige Pfade des KZ-Films. Szenen der Hoffnung werden immer wieder von betroffen machenden Episoden unterbrochen, die das komplette Repertoire nationalsozialistischer Grausamkeiten zur Schau stellen. Ohne mir ein belastbares Urteil über die historische Akkuratesse des Gesamtwerkes zu erlauben, angesichts dünner Quellenlage im deutsch- wie englischsprachigen Netz sowie vergriffener Literatur: Manches wirkt ziemlich konstruiert. Beispielsweise dürfte die seltsame Beziehung zwischen Francisco Boix und Paul Ricken zugunsten der Dramaturgie verdichtet worden sein. Andere Begebenheiten sind durch die Zeugenaussagen Boix‘ verbürgt. Um den Wahrheitsgehalt des Gezeigten zu unterstreichen, greift der Film zum Ende hin nochmals Boix‘ motivatorischen Leitgedanken – Keiner kann es glauben, wenn er es nicht sehen kann – auf: Der Abspann präsentiert von Boix und seinen Mitstreitern gerettete Originalfotos, die auf zentrale Szenen des Films rekurrieren.

Die mutigen Taten von Francisco Boix (Mario Casas, Mitte) und seinen Mitstreitern (hier in Person von Schauspieler Alain Hernàndez) gerieten während der Franco-Ära in Vergessenheit.

Eine Tat, die in Vergessenheit gerät

Diese Fotografien beweisen der Welt, dass die Nazis vorsätzlich und planvoll gemordet haben, und das nicht nur partiell, sondern auf Anweisung von ganz oben. Im Fundus der konservierten Negative finden sich auch Aufnahmen hochrangiger Reichspersönlichkeiten, die das Lager inspizierten, darunter von SS-Reichsführer Heinrich Himmler. Boix sagt in Nürnberg aus, ist darüber hinaus Zeuge im Hauptprozess Mauthausen, der im Rahmen der Dachauer Prozesse stattfindet. Seine Verdienste und sein schwieriger Einsatz, der keineswegs immer heldenhaft war, sondern auch moralisch fragwürdige Entscheidungen erforderte, versetzen ihn jedoch nicht in die Lage, in seine Heimat Spanien zurückzukehren.

Für die Franco-Diktatur ist Francisco Boix nach wie vor ein Verräter. Nach Kriegsende lässt er sich in Paris nieder und arbeitet als Fotograf für die linksgerichtete Presse Frankreichs. Seine Arbeit führt ihn in den Folgejahren nach Algerien, Tschechien und Ungarn. 1951, mit gerade 31 Jahren, verstirbt Boix an Nierenversagen, wohl eine Spätfolge seiner Haft im KZ Mauthausen. Franco hält sich noch fast ein Vierteljahrhundert an der Macht, auch nach seinem Tod 1975 ist der Franquismus nicht am Ende. In dieser Zeit geraten Francicso Boix und seine tapferen Komplizen völlig in Vergessenheit. Es dauert bis ins Jahr 2005, bis Spanien die letzten Franco-Denkmäler entfernen lässt. Mit Der Fotograf von Mauthausen hat Netflix Francisco Boix ein filmisches Monument gesetzt.

Der Fotograf von Mauthausenist exklusiv auf Netflix abrufbar.

Lesetipps: Der Fotograf der Hölle & Die Geschichte von Francisco Boix auf History Now


Francisco Boix‘ Geschichte als Graphic Novel – hier geht’s zu Amazon!

Der Fotograf von Mauthausen

* Mit einem Kauf über diesen Affiliate-Link unterstützt Ihr journalistenfilme.de! Mehr Infos hier.