Wen interessiert schon Afghanistan, wenn es Saddam an den Kragen geht? Die USA ziehen gegen den Irak in den Krieg – und der Pressetross zieht mit. Weil man den Hindukusch nicht gänzlich vernachlässigen kann – schließlich bleiben die Vereinigten Staaten in Afghanistan stationiert – werden  ein paar abkömmliche Journalisten benötigt, die von dort berichten. Abkömmlich heißt: unverheiratet und ohne Kinder. Damit auch ja niemand hinterher klagt. Nachrichtentexterin Kim Baker (Tina Fey) aus Whiskey Tango Foxtrot passt in dieses Beuteschema. Ohne zu wissen, worauf sie sich eigentlich einlässt, meldet sich die Frau auf der Suche nach sich selbst freiwillig: „Jetzt bin ich wohl Kriegsberichterstatterin.“

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Paramount Pictures.

Jeder Krieg hat einen Kriegsfilm mit Klassikerstatus. Je nachdem, wie „populär“ der Krieg in der Rückschau ist, sogar mehrere. Der Afghanistan-Krieg (gemeint ist hier die Intervention nach dem 11. September) ist kinematographisch eher unterbelichtet. Einer der Handlungsstränge von Robert Redfords Von Löwen und Lämmern spielt in Afghanistan. Und dann ist da noch Barry Levinsons peinlicher (Pop-)Kultur-Clash Rock the Kabash, den noch nicht mal Bill Murray retten konnte. Aber sonst? Nicht besonders viel, was in der Erinnerung bliebe…

Warum das so ist? Vielleicht, weil dieser Militärkonflikt sehr zeitnah von den Ereignissen im Irak überlagert wurde. Vielleicht aber auch, weil niemand so genau wusste, warum die Amerikaner in das karge und ohnehin schon zerbombte Gebirgsland einmarschierten. Ging uns Deutschen ja genauso. Plötzlich sollte die westliche Welt am Hindukusch verteidigt werden. Sicher, Osama Bin Laden wurde in Afghanistan vermutet. Aber was man davon ab mit diesem Krieg erreichen wollte, wurde für die Öffentlichkeit nie so richtig klar. Erst recht, wenn man sich die heutige Lage in dem gebeutelten Staat vergegenwärtigt. Gut, dass man wenig später mit Saddam Hussein ein Gesicht und ein Regime vor Augen hatte, dass man anschaulich zu Fall bringen konnte…

Kein Mann, keine Kinder. Damit ist Kim Baker (Tina Fey) im heimischen Sender abkömmlich. Die Nachrichtentexterin wird plötzlich zur Kriegsreporterin.

Kein Mann, keine Kinder. Damit ist Kim Baker (Tina Fey) im heimischen Sender abkömmlich. Die Nachrichtentexterin wird plötzlich zur Kriegsreporterin.

Ein Buch, um Afghanistan zu erklären

Der Afghanistan-Konflikt ist für viele Amerikaner ein Buch mit sieben Siegeln geblieben. Um ihren Landsleuten zumindest einen Eindruck von diesem flugs verblassten Krieg zu vermitteln, hat die Journalistin Kim Barker ein verständlicheres Werk geschrieben. The Taliban Shuffle ist eine Mischung aus Erlebnisbericht und Selbstreflexion, getragen von einer schwarzhumorigen Beobachtungsgabe. Barker veröffentlichte ihre etwas anderen Kriegsmemoiren im Jahre 2011. Das Buch war ein großer Kritiker- und ordentlicher Publikumserfolg. 2014 kündigte die hierzulande eher unbekannte, in den USA dafür umso prominentere Comedy-Actress Tina Fey (Saturday Night Live) an, The Taliban Shuffle auf die Leinwand zu bringen. Der Titel: Whiskey Tango Foxtrot. Der Name setzt sich aus den Wörtern des NATO-Funkalphabets für die Buchstaben W, T und F zusammen – WTF ist Internetslang und steht bekanntermaßen für what the fuck. Was einen möglichen Erkenntnisgewinn betrifft, ist der Titel verräterisch. Aber hey, schließlich sind wir im Krieg. Krieg bleibt immer gleich. Gleichbleibend sinnbefreit.

Nach dem obligatorischen Based on a true story-Tag schubst uns der Film ins Kabuler Pressezentrum, wo zur Abwechslung der anwesenden Journalisten mal keine Neuigkeiten in die Welt geblasen, sondern Pillen geschluckt werden. Die Menge tobt und schwitzt. Und mittendrin Kim Baker (bewusst ohne r), die ganz souverän agiert, als der Budenzauber jäh von einer nahen Explosion unterbrochen wird. Während die Kollegen (nicht wörtlich) den Kopf verlieren – „Das muss das Ecstasy sein!“ -, switcht sie geistesgegenwärtig vom Party- in den Profimodus. Aus dem Off eröffnet uns die Protagonistin, dass sie zur ihrer Ankunft in Afghanistan noch ganz anders tickte. Also geht’s zurück auf Anfang.

Ankunft in Kabul: Ein Hauch von Scheiße liegt in der Luft, Kim Baker wird bepöbelt und um ihre schönen Dollars gebracht. That's Kabul, baby!

Ankunft in Kabul: Ein Hauch von Scheiße liegt in der Luft, Kim Baker wird bepöbelt und um ihre schönen Dollars gebracht. That’s Kabul, baby!

Eat. Pray. Love. vor Kriegskulisse?

2002 beginnen die USA, Truppen aus Afghanistan in den Irak zu verlegen. Die Bush-Administration hat die Invasion des Schurkenstaates von langer Hand geplant. Konkrete Erwägungen kursieren bereits vor den Anschlägen vom 11. September 2001. Im Irak braut sich etwas zusammen, dementsprechend ziehen die Sender ebenfalls ihre Leute aus Afghanistan ab. Um kein nachrichtentechnisches Vakuum zu hinterlassen, werden unbeleckte Reserve-Journalisten nach Kabul entsandt – darunter eben jene Miss Baker. Erfahrungen als Kriegsberichterstatterin besitzt die Nachrichtensprecherin keine, eine Vorstellung davon, wer sie eigentlich sein will, ebenso wenig. Zu Hause wartet nur eine Beziehung, die sie nicht richtig einzuordnen weiß. Daher lässt sie auf den zunächst zeitlich begrenzten Auslandseinsatz ein. Nicht die Aussicht auf Karriere, sondern die Chance zur Selbstfindung treiben Kim Baker nach Afghanistan. Weshalb Whiskey Tango Foxtrot gerne auch als Eat.Pray.Love. vor Kriegskulisse abgewatscht wird. Nicht völlig zu Unrecht.

Im ersten Drittel hetzt Whiskey Tango Foxtrot gezwungen von Szene zu Szene, um ja dem WTF im Titel alle Ehre zu erweisen. Was funktionieren könnte, würde der Film inhaltlich mehr als die plumpe Stereotypen-Parade abspulen. Allein Kims Ankunft ist ein Konglomerat einfallsloser Einzelszenen: Erst wird sie von einer Ganzkörper verhüllten Frau als Hure bepöbelt, dann lässt sie ein paar Scheine im Wind fliegen, woraufhin sich eine ganze Meute auf die Dollars stürzt. Nebenbei ist die ganz Luft voller Fäkalien (was ja nicht unrichtig ist, aber unbedingt die erste Info sein muss, die man dem Zuschauer über Kabul an die Hand gibt) – und überhaupt: Warum spricht Miss Bakers Fremden(!)führer so gutes Englisch? Aus „What the fuck?“ wird ganz schnell „Was für’n Scheiß“. Wobei – das „Fuck“ bleibt uns noch eine ganze Weile erhalten.

"Darf ich mit deinen Sicherheitsleuten vögeln?", Tany Vanderpoel (Margot Robbie) macht Kim Baker gleich klar, wo die Prioritäten liegen.

„Darf ich mit deinen Sicherheitsleuten vögeln?“, Tany Vanderpoel (Margot Robbie) macht Kim Baker gleich klar, wo die Prioritäten liegen.

Jede Menge Fuck in Whiskey Tango Foxtrot

Denn ficken, das wollen in Whiskey Tango Foxtrot viele. Kollegin Tanya Vanderpoel (Männer verzehrend: Margot Robbie) will Kim Bakers Sicherheitsleute ficken. Der afghanische Staatsanwalt Ali Massoud Sadiq (hochnotpeinlich: Alfred Molina) will Kim Baker ficken, blitzt aber ab. Der schottische Fotograf Ian MacKelpie (kann man wie in Fargo nichts übel nehmen: Martin Freeman) will auch, muss aber zunächst seine machohafte Fassade fallen lassen, damit er ficken darf. Nur General Hollanek (Oneliner-freudig wie eh und je: Billy Bob Thornton) hält wenig vom Ficken. „Schlafen Sie ja nicht mit meinen Marines“, herrscht er die Reporterin während des Kennenlernens an. Recht hat er: Die trockenen Steppen Afghanistans drohen, sich in schwitzige Feuchtgebiete zu verwandeln. Darauf pinkelt Kim Baker erstmal lady-like in den Busch, um im nächsten Moment bzw. im erst besten Feuergefecht todesmutig mit der Handkamera zwischen den wild schießenden Soldaten umherzustürmen. General Hollanek is not amused – und doch ein bisschen beeindruckt.

Kim Bakers Mann-…pardon…Frauwerdung im Angesicht des Todes ist der erste große turning point in Whiskey Tango Foxtrot. Die Journalistin emanzipiert sich von ihrem Leben als Mäuschen, das nur auf Gelegenheiten gewartet hat (und darauf, dass ihr Freund – den sie zwischenzeitlich via Skype beim Fremdbeischlaf erwischt – von seinen Geschäftsreisen zurückkommt). Der Film stimmt ab diesem Moment mehr nachdenklichere Töne an. Man könnte auch sagen, der Film wird besser. Das Problem: Der Wechsel von der Clownerie ins Charakterfach gelingt nach diesem Eröffnungsdrittel nicht mehr. Whiskey Tango Foxtrot taumelt bis zum Ende unentschlossen zwischen bissiger Satire, Kriegsdrama und seichter Romantic Comedy hin und her. Allerdings: So schlecht (oder gut, je nach Sichtweise, Geschmack oder Erwartungshaltung) der Film auf der erzählerischen Ebene funktioniert, trifft er doch einige interessante Aussagen zum Zustand moderner Kriegsberichterstattung.

Journalisten in ihrer eigenen Filterbublle - der "Kabubble", wie es in Whiskey Tango Foxtrot so schön heißt. Gudde Laune, Alda!

Journalisten in ihrer eigenen Filterbubble – der „Kabubble“, wie es in Whiskey Tango Foxtrot so schön heißt. Gudde Laune, Alda!

Embedded Journalists an die Front

Kim Baker und ihre Kollegen sind Embedded Journalists (kurz: Embeds), die eingebettet in die Militäroperationen regulärer Truppen ihren Dienst verrichten. Auf eigene Faust begeben sie sich nur selten in die Kampfzonen. Die meiste Zeit verbringen sie im Schutz ihrer Presseherberge, weshalb sie Kabul aus ihrer ganz eigenen Filterbubble heraus erleben – die echte Kim Barker spricht in ihrem Buch The Taliban Shuffle von der Kabubble. Das stellt die Journalisten vor dem Problem, dass sie nur Ausschnitte des Krieges präsentieren können. Flotte Einsatzbilder sind zwar toll für die Quote, den Journalisten gelingt es aber kaum noch, diese Einsätze für den Zuschauer in einen übergreifenden Kontext zu setzen. Was der militärischen Führung gar nicht so unlieb ist. Wieso – dafür muss man wissen, wie sich das Verhältnis der USA zu ihren Kriegsberichterstattern über die Jahrzehnte entwickelte.

Das Prinzip des Embedded Journalism ist natürlich nicht neu – auch wenn der Begriff erst im Irak-Krieg zu Beginn der 2000er Jahre besondere Aufmerksamkeit erhielt (so wurde das Wort „eingebettete Journalisten“ bei der Wahl zum Wort des Jahres 2003 auf den fünften Platz gewählt). Dass Journalisten Soldaten an die Front begleiten, das hat bereits in früheren Kriegen gegeben, lange bevor die Bilder laufen lernten. Berichterstatter, die den Truppen folgten, gab es etwa nachweislich in den Napoleonischen Kriegen und im Amerikanischen Bürgerkrieg. In den Staatenkriegen der Neuzeit und mit dem Aufkommen der Massenmedien wuchs der Einfluss der Kriegsberichterstattung auf die Kriegsführung – Bilder waren in der Lage, den Feind zu demoralisieren oder aber neuen Mut in der Heimat zu entfachen. Propaganda war ein wesentliches Stilmittel der Kriegsparteien im Ersten und Zweiten Weltkrieg. Aus Sicht der Sieger hatte sie sich auch bezahlt gemacht.

"Schlafen Sie ja nicht mit meinen Marines!" Zuviel Fraternisierung kommt bei General Hollanek (Billy Bob Thornton) nicht gut an.

„Schlafen Sie ja nicht mit meinen Marines!“ Zuviel Fraternisierung kommt bei General Hollanek (Billy Bob Thornton) nicht gut an.

Vietnam als Zäsur in der US-Pressepolitik

„Die Presse auf seiner Seite zu haben, erweist sich von Vorteil“, heißt es oft – und so dachten auch die USA an der Schwelle zum Vietnamkrieg. Ohne die Pressepolitik der Vereinigten Staaten in dieser Ära bis ins kleinste Detail zu beleuchten: Grundsätzlich konnten sich Berichterstatter in Südostasien frei bewegen. Das zahlte sich solange aus, wie sich die Aussicht auf einen Sieg aufrechterhalten ließ. In dem Glauben, auf der guten Seite der Macht zu agieren, standen die amerikanischen Medien der Intervention (die ohne Resolution der UN durchgeführt wurde) positiv gegenüber. Den Wendepunkt markiert die Tet-Offensive 1968 – hatten die meisten Amerikaner, und damit auch viele Journalisten, den offiziellen Verlautbarungen vertraut, die besagten, die USA seien im Begriff, den Krieg zu gewinnen, so war dieses Vertrauen mit dem Großangriff der Nordvietnamesen am Neujahrstag zerstört. Die Berichte fielen zunehmend kritischer aus, die Reporter gaben ihre Zurückhaltung auf und zeigten nun auch verstärkt Bilder von Opfern, Kriegsverbrechen von amerikanischer Seite wurden zu Tage gefördert. Einzelne Motive, wie das des Mädchens, das nackt und mit versengter Haut vor einem Napalm-Angriff flieht, brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein.

Auch wenn die oft verbreitete These, die Medien hätten den Vietnamkrieg beendet,  ins Reich der Legenden verwiesen gehört – die Negativ-Berichte gingen mit der allgemeinen Desillusionierung der amerikanischen Bevölkerung einher, vor allem ist die Niederlage der USA  auf politische und militärische Fehleinschätzungen zurückzuführen -, so zeigte die ungewohnt kritische Berichterstattung Wirkung bei der Militärführung. Sie fuhr bei künftigen Konflikten eine restriktivere Pressepolitik, die auf eine stärkere Reglementierung und vor allem Kontrolle der Medien abzielte. Der Irak-Krieg bildete den Höhepunkt dieser Restriktionen. Die Krise am Golf ging zwar als erster Live-TV-Krieg in die Geschichte ein. Allerdings waren seine Bilder gesteuert. So befanden sich kaum Journalisten an der Front, als die Operation Desert Storm begann. Ihnen wurde dringend von Besuchen in Bagdad abgeraten, mit dem Hinweis, man könne ihnen keine Sicherheit garantieren. Informationshäppchen wurden den Reportern in den eigens eingerichteten Pressezentren kredenzt, diese waren möglichst weit vom eigentlichen Kriegsgeschehen, zum Teil in den Nachbarstaaten, aufgebaut. CNN, das live vom nächtlichen Bombardement auf die irakische Hauptstadt berichtete, besaß ein Bilder-Monopol. Viele andere Sender hatten Bagdad zu diesem Zeitpunkt bereits verlassen (siehe hierzu auch Live aus Bagdad). Es sind eben diese Aufnahmen, die um die Welt gingen, auch weil die meisten anderen Nachrichtendienste auf dieses Material zurückgreifen mussten. Sie kolportieren das bis heute in den Köpfen verankerte Bild von einem schnellen, sauberen Krieg, der hoch technologisiert und chirurgisch präzise geführt wurde.

Eingebetteter Journalismus. Die Marines achten darauf, dass Kim Baker beim Pinkeln nicht der Hintern weg geschossen wird.

Eingebetteter Journalismus. Die Marines achten darauf, dass Kim Baker beim Pinkeln nicht der Hintern weg geschossen wird.

Embedded Journalism als Zugeständnis

Aus Sicht der US-Regierung hatte sich dieses System bewährt. Allerdings wurde die rigorose Pressepolitik seitens der Journalisten scharf verurteilt. Um die Hoheit über die Bilder durch „aufmüpfige“ Berichterstatter nicht zu gefährden, überarbeitete die Führung ihre Strategie für den nächsten Irak-Krieg. Durch die großangelegte Einbettung von Reportern in reguläre Verbände sollten diese sich freier bewegen können, gleichzeitig würde man, so der Plan, die Arbeit der Journalisten im Auge behalten können. Hierzu wurde ein Pool-System für Embedded Journalists eingerichtet. Der Afghanistan-Konflikt war auch ein Testlauf für dieses System. Kim Bakers „Frauwerdung“ in Whiskey Tango Foxtrot mag zwar befremdlich anmuten, weil sie plötzlich, die Anordnungen ihrer Beschützer missachtend, aus dem Militärfahrzeug springt und wie ein medialer Rambo zwischen den kämpfenden Marines hervor prescht – die Rahmenbedingungen sind jedoch real. General Hollanek ist nicht gerade erbaut darüber, dass er eine Zivilistin durch Feindgebiet eskortieren soll, doch er weiß auch: Tut er es nicht, läuft er Gefahr, die Kontrolle über das örtliche „Pressekorps“ zu verlieren.

Auch Hollaneks eindringliche Warnung an Kim Baker, sie solle ja bloß nicht mit seinen Marines in die Kiste springen, hat einen ernsthaften Hintergrund – er fürchtet zu enge Bande zwischen seinen Männern und der Reporterin, die im Ernstfall die Einsatzziele gefährden könnten. Tatsächlich baut das System der Embedded Journalists auf die emotionale Verbrüderung zwischen Soldaten und Journalisten. Die Idee: Journalisten, die das Lager mit Soldaten teilen und gemeinsam mit ihren neuen Kameraden der Gefahr ins Auge sehen, deren Gedanken und Empfindungen zu fassen bekommen, fühlen sich den „Objekten“ ihrer Berichterstattung näher. Unter dem Eindruck persönlicher Verbundenheit würden die Reporter zurückhaltender bzw. verständnisvoller berichten.

"Wie können wir einander kennen lernen?" Alfred Molina spielt einen afghanischen Politiker und ist spitz auf Kim Baker. Er muss sich mit einer Runde AK-Wettschießen begnügen.

„Wie können wir einander kennen lernen?“ Alfred Molina spielt einen afghanischen Politiker und ist spitz auf Kim Baker. Er muss sich mit einer Runde AK-Wettschießen begnügen.

Eingebettet geht die Distanz flöten

Dass dieses Kalkül durchaus den erhofften Effekt bringt, wird im Film deutlich. Kim Baker führt relativ zu Beginn ihrer journalistischen Arbeit in Afghanistan eine Reihe von Feldinterviews. Das, was ihr die Soldaten vor der Kamera wie auswendig gelernt aufsagen, ist de facto ohne Nachrichtenwert (eine Szene, die die Absurdität solcher Interviews unterstreicht, gab es in identischer Form im 2005er Antikriegsfilm Jarhead – Willkommen im Dreck zu sehen). Wäre da nicht dieser eine Soldat, der einen tieferen Einblick in seine Gedankenwelt erlaubt. Ausgerechnet dieser Marine wird, ob aufgrund seiner angedeuteten Kritik in seinen Äußerungen wird nicht ganz klar, aus seiner ursprünglichen Einheit versetzt und später im Einsatz verwundert. Was in Kim Baker Gewissensbisse auslöst – hätte sie dieses Interview nicht medial „ausgeschlachtet“, wäre er womöglich unversehrt geblieben. Durch den eingebetteten Journalismus wird Distanz abgebaut.

Die betroffenen Journalisten sind sich dieser Wirkung durchaus bewusst, weshalb einige von ihnen versuchen, das Korsett der Einbettung abzustreifen. Auch Kim Baker schert mit zunehmenden Zutrauen in ihre eigenen Fähigkeiten aus. Obwohl sie angehalten ist, keinen unabgestimmten Kontakt mit den Einheimischen aufzunehmen, trifft sie sich in einem unbeobachteten Moment mit einigen verhüllten Frauen. Ihre Einheit ist in einem Dorf zu Gast, um wiederholt den Aufbau eines Brunnens zu überwachen. Doch jedes Mal, wenn die Soldaten weiterziehen, wird die Wasserquelle im Zentrum des Ortes wieder eingerissen. Gerneral Hollanek vermutet Milizen hinter der Sabotage. Im Gespräch findet Kim Baker heraus, dass die Frauen den Brunnen gezielt zerstören, um ihrem gewohnten Gang zum etwas entfernt gelegenen Wasserlauf frönen zu können. Der Weg dorthin ist für die Frauen die einzige Gelegenheit, unter sich zu sein. Die von ihren „Befreiern“ angelegte Zisterne bedeutet für sie einen Einschnitt in ihrer Freiheit. Für die echte Kim Barker waren es diese kleinen Geschichten, die ein ausgewogeneres Bild von der Lage im Irak zeichnen; als Kontrast zu den immer gleichen Einsatzberichten aus dem Schoss der Truppen.

"That sucks. That sucks for women." Kim Baker berichtet über die erste Fahrschulabsolventin auf Kabuls Straßen. Prompt fährt die Fahranfängerin rückwärts in einen Müllhaufen.

„That sucks. That sucks for women.“ Kim Baker berichtet über die erste Fahrschulabsolventin auf Kabuls Straßen. Prompt fährt die Fahranfängerin rückwärts in einen Müllhaufen.

Voll im Trend: Inszenierter Journalismus

In diesen  Momenten rücken die Beziehungskisten in Whiskey Tango Foxtrot wohltuend in den Hintergrund. Plötzlich geht es um die Menschen in diesem Krieg, und nicht um die Kriegsberichterstatterin an sich. Auch das ist ein Phänomen des eingebetteten Journalismus – der Journalist wird selbst zum Anlass der Berichterstattung. Indem die Sender immer wieder zu ihren Reportern „live schalten“, um sich nach ihrem Empfinden oder ihren subjektiven Eindrücken zu erkunden, stilisieren sie ihre Mitarbeiter zu aktiven Teilnehmern des Krieges. Die Journalisten wiederum nehmen diese Rolle an und wissen sich zu inszenieren, indem sie an bedeutsamen Orten auf Sendung gehen und verwegen in die Kamera stieren, während im Hintergrund möglichst viel Dynamik herrscht. So gesehen ist ein Film wie Whiskey Tango Foxtrot ein interessantes Kind seiner Zeit. Schade, dass er mitten in der Pubertät einsteigt.

Lektüre-Tipp zum Thema Embedded Journalists: Kristina Isabel Schwarte untersucht anhand des Vietnamkrieges sowie der beiden Irakkriege die Kriegsberichterstattung im Wandel. Der geschichtliche Abriss  zum eingebetteten Journalismus in diesem Blogbeitrag fußt im Wesentlichen auf der Darstellung der Journalistin Schwarte.


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