Fox News am Vorabend von #MeToo. 2016 tritt Roger Ailes, Gründer und Strippenzieher einer der einflussreichsten Nachrichtensender der Welt, von allen Ämtern zurück. Zuvor hatte die Moderatorin Gretchen Carlson Klage wegen sexueller Belästigung gegen den mächtigen Medien-CEO eingereicht. Sie ist die Erste, die das Schweigen bricht. Über 20 weitere Kolleginnen, darunter die prominente Journalistin Megyn Kelly, folgen ihrem Beispiel und berichten von ihren eigenen Erfahrungen mit Ailes. Der Film Bombshell rekonstruiert das Beben von damals – und legt den Finger in die Wunde der Gegenwart.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Lionsgate.

Regisseur Jay Roach bringt in Bombshell ein perserves System zum Einsturz, wohl wissend, dass sich die Geschichten wie die von Gretchen Carlson oder Megyn Kelly noch immer tausendfach, an Arbeitsplätzen überall auf der Welt, wiederholen. Fox News ist und war nur die Spitze des Eisberges. Die Angriffsfläche, die der Sender bietet, ist umso größer. Der Nachrichtenkanal aus dem Medienimperium von Rupert Murdoch gilt als Inbegriff erzkonservativer Scheinheiligkeit, der seinem einstigen Slogan Fair and Balanced (Fair und ausgewogen) schon lange nicht mehr gerecht wird. Selbst bei Fox News glauben sie nicht mehr an die Gültigkeit dieser Maxime. Zumindest wurde sie 2017 von dumpfer Platzhirsch-PR abgelöst. Most watched. Most trusted. (Meistgesehen. Meistvertraut.), heißt es seitdem. Schlagwortartiges Gehabe, das frappierend an den Duktus eines gewissen US-Präsidenten erinnert.

Auf dem ersten Blick trifft es gut, vielleicht zu gut, dass ein Film wie Bombshell – eine der ersten großen Hollywood-Produktionen, die den Geist von #MeToo transportieren – anno 2020 im Vorbeigehen auf die unheilige Allianz zwischen Donald Trump und seinem Haussender einprügeln darf: Wenn nichts dazwischen kommt, entscheiden die Vereinigten Staaten noch in diesem Jahr über ihren Präsidenten. Keine Frage, der Film zieht politisch Stellung, verteilt Seitenhiebe im Stile eines The Big Short (der sich mit Bombshell den Autoren, Charles Randolph, teilt) ans „konservative Establishment“.

Gretchen Carlson (Nicole Kidman) macht den Anfang. Die Moderatorin klagt im Jahre 2016 den mächtigen Fox News-CEO Roger Ailes an.
Gretchen Carlson (Nicole Kidman) zündet die erste Bombe. Die Moderatorin klagt im Jahre 2016 den mächtigen Fox News-CEO Roger Ailes an.

Bombshell zielt (nicht nur) auf das konservative Establishment

Immerhin befinden wir einem Gebäude, in dem neben Fox News auch weitere Murdoch-Medien wie die New York Post oder das klimaleugnerische Wall Street Journal beheimatet sind, wie uns Protagonistin Kelly in einer persönlichen Ansprache durch die vierte Wand hinweg erklärt. Allerdings ist Bombshell keine reine Erklär-Satire, kein zweites The Big Short, das seine politischen Ansichten allzu trojanisch in einem Kommentar zu einer der wichtigsten Debatten unserer Zeit verbirgt. Fox News ist nicht DAS Problem. Es ist aber Teil DIESES Problems, das der Film seziert.

Denn bei allem Fox– und Trump-Bashing: Bombshell bemüht sich, seine Hauptfiguren nie im Stich zu lassen. Im Mittelpunkt stehen drei Frauen in drei unterschiedlichen Phasen ihres Lebens. Gretchen Carlson (Nicole Kidman) ist eine Veteranin im Herbst ihrer Karriere. Obwohl beim Publikum beliebt, werden ihre Sendeplätze nicht besser. Mit dem mangelnden Rückhalt im Network schwindet auch ihre Bereitschaft, die langjährigen Herabwürdigungen und sexuellen Diskriminierungen am Arbeitsplatz zu ertragen. Die ehemalige Miss America fällt durch liberalere Positionen und eine feministischere Themenwahl auf.

„Niemand will eine ungeschminkte Frau in den Wechseljahren sehen“

Als sie anlässlich eines Aktionstages ohne Make-Up durch ihre Sendung führt, platzt CEO Roger Ailes der Kragen: „Niemand will sehen, wie sich eine ungeschminkte Frau in den Wechseljahren durch das nationale Fernsehen schwitzt!“ Kurz darauf setzt Fox News die Moderatorin vor die Tür. Carlson hatte schon seit längerem mit dem Gedanken einer Klage gegen Ailes gespielt. Die Kündigung ist Wasser auf die Mühlen, sie hat nun nichts mehr zu verlieren. Ihre Anwälte machen ihr allerdings deutlich: Wenn die Klage auch nur geringste Erfolgsaussichten haben soll, dann braucht es weitere Frauen, die Ähnliches erlebt haben.

Eine Kollegin, die Carlsons Vorwürfe stützen könnte, ist Megyn Kelly (Charlize Theron). Ailes hat die Journalistin in der Vergangenheit belästigt, doch das liegt lange zurück. Heute ist Kelly eines der Vorzeigegesichter von Fox News, und als solches ist sie mittlerweile, so zynisch es klingt, unantastbar. Außerdem hat sie es derzeit mit Donald Trump zu tun. Die Berichterstatterin, die von sich sagt, sie sei „keine Feministin“, sondern „eine Anwältin“, liegt mit dem republikanischen Präsidentschaftskandidaten im Clinch, Streitpunkt sind dessen frauenfeindliche Aussagen. Nach einer im Fernsehen übertragenen Konfrontation macht Trump Kelly via Twitter zur Zielscheibe, er wirft der Journalistin öffentlich vor, sie habe ihre menstruellen Beschwerden an ihm ausgelassen. Der Mob in den sozialen Medien steigt in diese Kakophonie ein, plötzlich ist es Kelly, die sich rechtfertigen muss.

Donald Trump macht Journalistin Megyn Kelly zur Zielscheibe

Nach außen gibt die Reporterin kämpferisch. Innerlich jedoch ist sie zermübt von der landesweiten Aufmerksamkeit und den wüsten Tiraden gegen sie. Am liebsten will sie – und das ist auch im Sinne des Senders – die Angelegenheit auf sich beruhen lassen. „Er ist der republikanische Präsidentschaftskandidat, ich bin eine Nachrichtensprecherin. Ich brauche Zugang zu ihm“, sorgt sie sich um einen normalen Fortgang ihrer Karriere. Kelly sieht, dass sie sich in einer privilegierten Position befindet, die es ihr erlaubt, ihre Stimme stellvertretend für alle Frauen zu erheben. Sie weiß aber auch: Wenn sie es jetzt zuließe, dass sie von ihrer Vergangenheit eingeholt wird, würde man in ihr ein „Aushängeschild für sexuelle Belästigung“ sehen. Die Aussicht auf diesen zusätzlichen, womöglich nie endenden Medienrummel macht ihr sichtlich Angst.

Dritte Frau im Bunde ist Kayla Pospisil (Margot Robbie, Whiskey Tango Foxtrot), eine Nachwuchsjournalistin aus konservativen Hause, die stets von einer Karriere bei Fox News geträumt hat. Noch ist alles neu und aufregend, wobei schnell offensichtlich wird, dass Carlson ihre schützenden Hände über das „Senderküken“ legt – die erfahrene Kollegin hält die Anfängerin, so gut es geht, von den toxischen Strukturen im Sendergefüge fern. Allerdings merkt Pospisil, dass das Standing Carlsons im Sender wackelt, weswegen sie sich beruflich von ihr löst.

Kayla Pospisil (Margot Robbie) weiß nicht, wie ihr geschieht. Im Job-Interview mit Roger Ailes wird sie mit dem misogynen System im Hause Fox konfrontiert. Ailes ist dessen oberster Verfechter.
Kayla Pospisil (Margot Robbie) weiß nicht, wie ihr geschieht. Im Job-Interview mit Roger Ailes wird sie mit dem misogynen System im Hause Fox konfrontiert. Ailes ist dessen oberster Verfechter.

In der Abhängigkeitsfalle des
Fox News-CEOs Roger Ailes

Die Wege trennen sich. Statt an ihren Traumjob gerät sie in die Abhängigkeitsfalle des Roger Ailes. Wer es bei Fox News zu etwas bringen möchte, müsse besondere Loyalität beweisen, betont der CEO eindeutig-zweideutig und nötigt die Aspirantin anschließend in einer quälend langen Szene, mehr „Bein zu zeigen“. Erst als der Ansatz von Pospisils Slip zu sehen ist, lässt Ailes von ihr ab. Weiter geht der Senderboss nicht. Braucht es auch nicht. Diese Sequenz ist perfide genug. Perplex wie Kayla Pospisil ist, bittet sie Ailes darum, diese Situation für sich zu behalten – als hätte sie eine Grenze überschritten, nicht er. „Was in diesem Büro passiert, verlässt dieses Büro auch nicht“, gibt sich Ailes abscheulich generös.

Während Nicole Kidman und Charlize Theron – auf eindrucksvolle Weise – reale Persönlichkeiten portraitieren, handelt es sich bei dem Charakter von Margot Robbie um eine zusammengesetzte Figur, die stellvertretend für die 20 Frauen steht, die von Ailes angegangen wurden. Einige von ihnen melden sich „persönlich“, in Form eines kurzen Einspielers, wie wir ihn aus den vielen, wenig tiefschürfenden Rankingshows aus dem TV kennen, zu Wort – verlesen wird ein „Worst of“ der widerlichsten Machosprüche des Robert Ailes.

Gefangen zwischen dem, was war, und dem, was auf sie einprasseln könnte. Megyn Kelly (Charlize Theron) hat Angst davor, ein Aushängeschild für sexuelle Belästigung zu sein. Roger Ailes (John Lithglow) ahnt noch nicht, welche Lawine bald auf ihn zurollt.
Gefangen zwischen dem, was war, und dem, was auf sie einprasseln könnte. Megyn Kelly (Charlize Theron) hat Angst davor, ein Aushängeschild für sexuelle Belästigung zu sein. Roger Ailes (John Lithgow) ahnt noch nicht, welche Lawine bald auf ihn zurollt.

Roger Ailes im Doppelpack: John Lithglow und Russell Crowe

Gespielt wird der Fox News-Geschäftsführer von John Lithgow, der – wie Kidman und Theron – fast nicht zu erkennen ist und entgegen seines üblichen Images als netter (Groß-)Vater besetzt ist. Er legt „seinen“ Roger Ailes nuancierter an als es Schauspielkollege Russell Crowe (The Insider, State of Play) in der Mini-Serie The Loudest Voice tut. Crowe spielt dort einen miesen Perversling im Fatsuit, dem kein Mittel zuwider ist, um seine (Medien-)Macht zu zementieren. Allerdings behandelt The Loudest Voice auch den Aufstieg Ailes, insofern muss die Serie dessen „Stärke“ forcieren.

In Bombshell ist der CEO ein schwerfälliger, alter Mann, von dem man ahnt, dass er es nicht mehr lange macht. Gesundheitlich arg angeschlagen und paranoid, haben seine Ausbrüche schon fast etwas Seniles. Auch seine Übergriffigkeit wirkt anfangs – und das ist das Schlimme: sie wird auch von Frauen im Sender so wahrgenommen bzw. klein geredet – wie eine alte Marotte, über die man einen verdienten Firmenchef auf der Zielgeraden nicht mehr stolpern lässt.

Sexuelle Diskriminierung als System im Hause Fox News

Dass sie das nicht ist, stellt Bombshell schon bald klar. Denn Ailes Umgang mit Frauen findet sowohl in unteren Management-Ebenen als auch in Moderatorenkreisen seine Entsprechung. In einem kurzen Flashback sehen wir, wie ein Bewerbungsgespräch zwischen der Journalistin Rudabeh Bakhtiar und dem Nachrichtensprecher Brian Wilson aus dem Ruder läuft, weil Wilson Bakhtiars Einstellung mit sexuellen Gefälligkeiten verknüpft wissen will. Der Fall liegt – aus der Perspektive des Films – zehn Jahre zurück. Die Botschaft ist klar: Sexuelle Diskriminierung hat bei Fox News System.

Bombshell zeichnet das üble Sittengemälde eines Arbeitsumfeldes, in dem Belästigungen und Benachteiligungen von einem Klima der Angst und falsch verstandener Loyalität gedeckt werden. Mitarbeiter*innen verheimlichen politische Gesinnungen, religiöse Zugehörigkeiten und sexuelle Identitäten, die nicht mit dem konservativen Weltbild des Senders – das, wie wir erfahren, mit dem eines „irischen Straßencops“ gleichzusetzen ist – übereinstimmen.

Nestbeschmutzerin: Nicht nur, dass die konservative Hälfte der Nation sie auf dem Kieker hat - auch im Sender macht sich Megyn Kelly keine Freunde.
In den Augen ihrer Kritiker*innen eine „Nestbeschmutzerin“: Nicht nur, dass die konservative Hälfte der Nation sie auf dem Kieker hat – auch im Sender macht sich Megyn Kelly keine Freunde.

Die verquere Logik derer, die das System praktizieren und decken

Betroffene legitimieren nachträglich Übergriffe, die ihnen angetan wurden. Vorgesetzte hätten schließlich Wort gehalten, Karrieren befördert und sowas wie einen Zusammenhalt beschworen. Der Machtmensch Ailes, betont eine Kollegin, habe auch eine zutiefst menschliche Ader: Bei Fox News müsse sich niemand Sorgen um die Kosten für notwendige Reha-Maßnahmen machen, niemand fliege wegen einer schwerwiegenden Erkrankungen von der pay roll. Und schließlich ist da das televisionäre Totschlagargument, das sämtliche Macher im Sender wie ein Mantra herunterbeten. Fernsehen sei eben „ein visuelles Medium“. Und sex sells, das weiß doch jeder. Da müsse man doch von Moderatorinnen verlangen können, dass sie vor der Kamera auch ein wenig „Sexbombe“ (engl: Bombshell) seien.

Der Film entlarvt derartige Argumentationen als verquer, und doch gibt es Kritikerstimmen, die dem Film anhand solcher Logiken die Sprengkraft absprechen. Bombshell zeige mit Gretchen Carlson und Megyn Kelly zwei Profiteurinnen dieses misogynen Systems, zwei journalistische Kollaborateurinnen, die jahrelang die Fox’sche Klüngelei mit der Politik und die Anbiederung ans konservative Publikum kultivierten. Der Film verharmlose außerdem Kontroversen, die sich um die Moderatorinnen ranken, spreche sie sogar heilig. So fiel Carlson durch homophobe, Kelly durch rassistische Äußerungen auf.

Gretchen Carlson und Megyn Kelly machen noch keine Bewegung

Sicher darf man die Biographien der beiden Frauen kritisch betrachten. Der Film tut im Übrigen genau das, indem er die Motive und Gedanken der Star-Reporterinnen reflektiert. Carlson ist sich dessen bewusst, dass es die Kündigung ihres Arbeitgeber bedurfte, um sich zu ihrer Klage durchzuringen. Auch Kelly wägt bis zum Schluss die Implikationen öffentlicher Schritte für ihre Karriere ab. Zum Ende begegnen sich Carlson und Kelly im New Yorker Nachtleben, ihre Blicke treffen sich durch das Schaufenster eines Restaurants. Ein kurzes, anerkennendes Nicken. Mehr nicht. Carlson und Kelly sind keine Komplizinnen, und noch längst keine Bewegung. Die kommt noch.

Die Protagonistinnen sind keine liberalen Lieblinge. Das Berechnende, das Kühle im Handeln der Figuren mag die Identifikation erschweren. Und ganz bestimmt ist die Lebenswelt der durchschnittlichen Zuschauerin weniger abgehoben als die von Carlson und Kelly. Beides ändert nichts an der Schwere der Vergehen, die ihnen angetan wurden. Wer das Unrecht im derart moralisch aufwiegt, hat den Film nicht verstanden, schlimmer noch, der ist Teil des Problems. Denn unter der Schminke seines medienträchtigen Aufhängers ist Bombshell ein Film über die Hartknäckigkeit frauenfeindlicher Verhaltensweisen und Täter und Opfer vertauschender Denkmuster in unserem Alltag. Dass angesichts dieses wichtigen gesellschaftlichen Themas „nur“ für der Oscar fürs Beste Make-Up heraussprang, ist eine Pointe für sich. Vielleicht ist das das größte Problem von Bombshell: dass er zu sehr als Satire hängenbleibt.

Hörtipp: Bombshell bei CUTS – Der kritische Film-Podcast mit Juliane Löffler & Samira El Ouassil, moderiert von Christian Eichler.

Lesetipp: Drei Gedanken zu Bombshell: Sophie Charlotte Rieger von den Filmlöwinnen über inhaltliche und dramaturgische Probleme, die einen positiven Wiederhall in der feministischen Sphäre unterminierten.


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