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Der Scoop, der eine Bewegung entfachte: She Said (2022)

She Said erzählt, wie die Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor den Weinstein-Skandal aufdeckten – und #MeToo ins Rollen brachten.

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She Said erzählt, wie die Journalistinnen Megan Twohey und Jodi Kantor den Weinstein-Skandal aufdeckten – und #MeToo ins Rollen brachten.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal.

Am 5. Oktober 2017 erscheint ein folgenreicher Artikel in der New York Times. Die Überschrift: kein blumiger Teaser. Sie benennt, was ist. Über Jahrzehnte hinweg hat der mächtige US-Filmproduzent Harvey Weinstein Anklägerinnen sexueller Belästigungen finanziell „abgebügelt“ (Paywall). Der Bericht schlägt hohe Wellen, die in die Welt hinaus schwappen. 

Denn (nicht nur) zwischen den Zeilen wird klar: Viele Frauen, darunter Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen in Weinsteins Produktionsfirma Miramax, wagten es gar nicht erst, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen zu melden. Geschweige denn anzuzeigen. Das ändert sich jetzt. In den Tagen nach Erscheinen des Artikels wagen sich mehr und mehr Betroffene aus der Deckung. Sie berichten öffentlich von sexueller Gewalt, die sie erfahren haben. Durch Weinstein, in Hollywood und überhaupt. Es ist der Beginn der #MeToo-Bewegung.

She Said begleitet Jodi Kantor und Megan Twohey

She Said stellt die Rechercheleistungen der Autorinnen Jodi Kantor (Zoe Kazan) und Megan Twohey (Carey Mulligan) in den Mittelpunkt. Für ihre Arbeit wurden die beiden Investigativ-Reporterinnen 2018 mit dem Pulitzer-Preis in der Kategorie Dienst an der Öffentlichkeit ausgezeichnet. 2019 veröffentlichten sie das Sachbuch She Said – Breaking the Sexual Harassment Story That Helped Ignite a Movement – und damit die Vorlage zum Film. Bestimmte Details, betonten die Journalistinnen im Zuge des US-Kino-Starts, zeige der Film genauso, wie sie gewesen seien. Gleichwohl handle es sich bei She Said um keine Dokumentation, sondern um einen Spielfilm, der naturgemäß mit Verdichtungen und künstlerischen Freiheiten arbeite. Vorweg: Da ich das Buch nicht gelesen habe, lasse ich den Abgleich wahre Begebenheiten vs. Fiktionalisierung im Folgenden außen vor.

She Said ist nicht der erste Hollywood-Film, der sich auf #MeToo bezieht (siehe auch: Bombshell). She Said ist auch bei weitem nicht der erste Beitrag, der die Arbeit von Journalistinnen in den Fokus rückt. Doch die Kombination macht’s: Die Tragweite des Themas, der Impact der Recherchen, wie selbstverständlich die Protagonistinnen in einem tradiert männlichen Redaktionskosmos agieren – She Said besitzt definitiv das Zeug, nachfolgende Generationen von Reporter*innen zu inspirieren und künftig als DER Journalistinnenfilm hofiert zu werden.

Jodi Kantor (Zoe Kazan) wird auf die Missbrauchserfahrungen von Schauspielerinnen aufmerksam.
Jodi Kantor (Zoe Kazan) wird auf die Missbrauchserfahrungen von Schauspielerinnen aufmerksam.

She Said schmiegt sich an die großen Klassiker an

Das entsprechende Sendungsbewusstsein bringt der Film von sich aus mit. Gezielt sucht Regisseurin Maria Schrader die Nähe zu Meilensteinen des Genres. Die Unbestechlichen (Ikonografie, David vs. Goliath: zwei Reporterinnen bringen einen sehr mächtigen Mann zu Fall) und Spotlight (Missbrauchsskandal in einem Inner Cirlce, der eigentlich hätte schon viel früher aufgedeckt werden müssen, die pietätvolle Inszenierung: Ermächtigung der Opfer, keine lüsternen Schockszenen) sind in She Said allgegenwärtig.

Der Film leiht sich die Stilmittel, Tropen und dramaturgischen Kniffe der Klassiker und macht sich ihre Stärken zunutze, um ein kraftvolles Plädoyer für den investigativen Journalismus zu formulieren. Hier und da übertreibt es She Said mit der Selbstbedienung: Manche Anleihe läuft ins Leere – etwa wird ein Pakula-mäßiger Paranoia-Plot aufgemacht, aber uneingelöst fallen gelassen. Insgesamt aber ist She Said ein stilsicherer Journalist(inn)enfilm. 

Auf der Suche nach Whistleblowerinnen

Inhaltlich – auch da ist der Film ganz nah bei seinen Vorbildern – rekonstruiert der Film die Recherchen der Protagonistinnen, die sich vor allem aus Gesprächssituationen speisen. Wir sehen Jodi Kantor und Megan Twohey dabei zu, wie sie Frauen identifizieren, die von Weinstein belästigt wurden, wie sie sich potenziellen Whistleblowerinnen auf unterschiedliche, meist aber empathische Weise nähern, um so an verwertbare Aussagen zu kommen.

Das Kernproblem: Die beiden Journalistinnen stoßen auf eine Mauer der Verschwiegenheit. Es gibt Frauen, die das Ganze einfach hinter sich lassen wollen. Frauen, die aus Scham, Furcht vor Stigmatisierung oder einem Medienrummel, zurückhalten. Und Frauen, die von Weinstein und dessen Einsatz von Verschwiegenheitsvereinbarungen eingeschüchtert wurden. Letzteres ist elementar für die Geschichte, die Kantor und Twohey aufschreiben. Weinsteins Methode hat System – und eine Reihe von Mitwissern, die sich auf ihre Art schuldig machen.  

Megan Twohey (Carey Mulligan), frisch aus dem kurzen Mutterschaftsurlaub zurück, schließt sich den Recherchen ihrer Kollegin Kantor an.
Megan Twohey (Carey Mulligan), frisch aus dem kurzen Mutterschaftsurlaub zurück, schließt sich den Recherchen ihrer Kollegin Kantor an.

Journalismus im Post-Faktischen Hier und Jetzt

Um dieses System zum Einsturz zu bringen, braucht es belastbare Beweise. She Said beschwört die Notwendigkeit seriöser Recherchen sowie den sorgsamen wie wasserdichten Umgang mit Quellen. Sollte der Redaktion ein Fehler unterlaufen, selbst wenn die eigentliche Geschichte stimmt: Wir sind in den USA, hier nehmen Schadensersatzklagen leicht aberwitzige Dimensionen an. Doch nicht nur die New York Times, auch der Journalismus allgemein muss sich seiner Sache eintausend-prozentig sicher sein.

Lese-Tipp: Die sehr ausführliche Besprechung der Kollegin Dobrila Kontić: She Said – das unergründete System.

Dies ist vielleicht der bedeutsamste Unterschied zu den genannten Vorbildern: In den 1970er-Jahren bzw. Anfang der 2000er-Jahre lag der Journalismus in Sachen Deutungshoheit deutlicher vorne. In She Said befinden wir uns im Post-Faktischen Hier und Jetzt (nicht umsonst steigt der Film mit einem Anruf von Donald Trump ein, der die hochschwanger recherchierende Megan Twohey mit wüsten Beschimpfungen eindeckt). In einem Klima eines gesteigerten Medienmisstrauens, getrübt durch den Smog permanenter Fake-News und Desinformationskampagnen, muss jede Zeile nicht mehr nur doppelt, sondern zigfach geprüft werden. Wichtigster Ansprechpartner in Veröffentlichungsfragen ist – neben der Redaktionsleitung – inzwischen das Justiziariat.

Die journalistischen Methoden waren schon mal vielfältiger

Das ist nicht neu, weder im Film, noch in der journalistischen Praxis – aber in der dargestellten Zuspitzung äußerst intensiv. Wenn sich Carey Mulligan alias Megan Twohey einen  inoffiziellen Schlagabtausch mit einem Weinstein-Anwalt liefert, dann ist das ganz großes Leinwand-Tennis, jedes Machtwort, mit dem der bärbeißige Chefredakteur Dean Baquet (Andre Braugher) die Nebelkerzen der Gegenseite erstickt, wird zum Triumph.

Ansonsten waren Filme in der Darstellung journalistischer Recherche-Methoden schon mal abwechslungsreicher. Alles, was über die Anbahnung von Kontakten, Off the Record-Gesprächen und Interviews hinausgeht, blendet der Film aus. Einmal verschwindet Twohey, um Dokumente zu beschaffen – und steht prompt in der nächsten Szene mit Ergebnissen da.

She Said gibt den betroffenen Frauen ihre Stimme zurück – und geht dabei sehr behutsam vor. Hier zu sehen: Jennifer Ehle als Laura Madden.

She Said gibt betroffenen Frauen ihre Stimme zurück

Generell verläuft der Recherche-Plot wie auf Schienen. Sicher, mal schließt sich eine Tür, doch dann geht es eben an anderer Stelle für die Reporterinnen weiter. Irgendwer spricht immer. Außerhalb der Redaktionsräume schrumpft She Said zum Teilzeit-Journalistinnenfilm zusammen. Die Welt da draußen gehört den Frauen, die Weinsteins Missbräuche erleiden mussten – ihnen möchte der Film (an einer Stelle spricht er es offen aus) eine Stimme geben. Das ist freilich ein wichtiges und richtiges Anliegen, und auch wenn diese Herangehensweise starke Einzelszenen zutage fördert, die dem Film den nötigen Nachdruck verleihen, so wirkt das Ganze, über gute zwei Stunden ausgerollt, irgendwann repetitiv.

Und noch eine Stärke des Films wird zu einer dramaturgischen Schwäche. Zunächst löblich, weil alles andere als selbstverständlich: She Said konfrontiert uns mit zwei geerdeten Heldinnen. Jodi Kantor und Megan Twohey sind starke Frauen, die engagierte Journalistinnen und liebevolle Mütter sein dürfen, ohne unverwundbar oder gar unfehlbar sein zu müssen. Überforderung, ob im Job oder im Privatleben, gehört dazu, erst recht bei der Enthüllung eines Skandals ungeahnten Ausmaßes. In einer Szene prescht Jodi Kantor, im Umgang mit Missbrauchsopfern die Ungeübtere von beiden, derart vor, dass es manchen Brass auf Journalist*innen nur allzu nachvollziehbar macht. Auf der anderen Seite handelt es sich um einen sehr menschlichen, weil von Unsicherheit getragenen Moment.

Dramaturgische Schwächen schmälern nicht die Bedeutung

Echte Figurenentwicklungen bleiben allerdings aus – beide Journalist*innen sind vom Fleck weg mit der notwendigen Integrität ausgestattet, die es braucht, um eine solche Enthüllung zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen. Was den realen Vorbildern sicherlich gerecht wird. Twohey und Kantor sind zum Zeitpunkt der Weinstein-Recherchen alles andere als Greenhorns, denen man das ethische Investigieren noch beibringen muss. Dennoch: Etwas mehr Reibung hätte der Spannungsbogen sicherlich vertragen können. Differenzen, die zwischen den beiden vorherrschten – Megan Twohey zweifelte anfangs an der Stoßrichtung von Kantors Recherchen – wischt der Film in einer flüchtigen Szene vom Tisch.

Es leuchtet ein, warum Regisseurin Maria Schrader Gräben gar nicht entstehen lässt: Kantor und Twohey sind Komplizinnen, sie müssen es bleiben, um Solidarität gegen ein scheinbar unbesiegbares System herzustellen. Dabei zeigte Bombshell bereits, dass sich Mitstreiterinnen nicht immer grün sein müssen, damit ein Film funktioniert. She Said vergisst unter der „Last“, einem überlebensgroßen Scoop mit immenser gesellschaftlicher Wucht gerecht zu werden, bisweilen das Erzählen. Schraders Journalistinnenfilm leuchtet so einige Lumen schwächer als die Glanzlichter des Genres, an die sich der Film anschmiegt.

Seine Bedeutung schmälert das allerdings nicht. Im Gegenteil: Anders als andere Beispiele leitet der Film die reinigende Kraft des Journalismus mal nicht aus einer nostalgischen Vergangenheit her. Sondern richtet seine Botschaft an eines der wichtigsten Themen unserer Zeit aus. Keine rotierenden Druckerpressen mehr. Ein schnöder Publish-Button reicht. Damit steht She Said für sich. 

COMMENTS

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    Wieder mal eine tolle Filmkritik. Ich hab mir den Film auch angesehen und habe gerade das Buch gestartet. Mit einer finalen Einordnung halte ich mich noch zurück bis ich den Vergleich habe. Ich stimme dir aber zu, dass der Film nicht alle Stärken und Chancen nutzt, die er bietet. 

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    Danke Dir, liebe Valerie. Mit dem Gedanken, mir das Buch zur Hand zu nehmen, habe ich auch gespielt. Aber dann wäre noch stärker in Verzug gekommen. Wenn Du damit durch bist, bin ich sehr auf dein Fazit gespannt! Liebe Grüße, Patrick

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