Eine junge Frau erwacht in einem Krankenhausbett, an den Händen und Füßen fixiert. Sie weiß nicht, weshalb und wieso. Panik erfasst sie. Eine Horrorvorstellung. Für Susannah Cahalan wurde sie beängstigende Realität. Die Verfilmung Feuer im Kopf erzählt die Geschichte einer Journalistin, die ihr Leben aufgrund einer seltenen Hirnhautentzündung neu ordnen musste.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Ascot Elite/Netflix

Für die 21-jährige Susannah Cahalan (Chloë Grace Moretz) könnte es gerade nicht besser laufen. Die junge Frau hat ihren Traumjob ergattert: eine Anstellung bei der renommierten New York Post. Noch hat sie eine Menge zu lernen – etwa, dass die Überschrift „Gefahr von hinten ganz präsent“ Hohlspiegel-verdächtig ist –, aber aus diesem Grund ist sie ja hier. Auch die Geschichten, die sie beackert, könnten glamouröser sein. Aktuell schreibt sie eine Story über illegale russische Po-Implantate. „Komm schon. Du bist besser als das!“, kitzelt Freundin und Redaktionsmentorin Margo (Jenny Slate, war u.a. als Wissenschaftlerin in Venom zu sehen) die Nachwuchsreporterin. Doch Susannah winkt ab, sie fühlt sich ihrer Geschichte gegenüber verpflichtet. „Menschen sind daran gestorben. Vielleicht kann ich eine Verurteilung erwirken. Ich will den Menschen helfen“, hält sie dagegen. Sie sagt das ohne jeden Anflug einer Anbiederung. Susannah meint das ernst, ihre Augen strahlen vor Idealismus.

Doch schon bald holt sie die Realität ein. Ihrem Redaktionsleiter Richard (Tyler Perry, spielte den durchtriebenen Medienanwalt Tanner Bolt in David Finchers Gone Girl) schwebt vor, dass Susannah ein Interview mit einem „miesen Senator“ führt, der nach einem außerehelichen Fehltritt vor seinen Wähler*innen zu Kreuze krieche möchte. Diese Schmuddelgeschichte ist in seinen Augen tatsächlich DIE „Story für diesen Monat“. Susannah ist nicht gerade erbaut, doch ihr Boss lässt ihr keine Wahl. „Da war kein Fragezeichen. Denn ich stelle keine Fragen“, wischt Richard eine Diskussion vom Tisch. Eine hierarchische Feststellung, die hinsichtlich seines publizistischen Rollenverständnisses tief blicken lässt. Denn journalistische Überlegungen sind in seiner Themenwahl nachrangig. Gedruckt wird, was von ihm erwartet wird.

Margo (Jenny Slate) ist Susannahs (Chloë Grace Moretz) Mentorin in der Redaktion der New York Post. Der Krankheit ihrer Mentee steht sie aber schon bald hilflos gegenüber.
Margo (Jenny Slate) ist Susannahs (Chloë Grace Moretz) Mentorin in der Redaktion der New York Post. Der Krankheit ihrer Mentee steht sie aber schon bald hilflos gegenüber.

An russische Po-Implantate hat Edward R. Murrow wohl nie gedacht

Das Ehebrecher-Interview lässt er deshalb nur führen, weil der reuige Politiker ein einflussreicher Mann mit vielen Kontakten ist. Auch sonst hievt Richard Artikel ins Blatt, von denen er nicht wirklich überzeugt ist. „Was haben Sie aktuell für mich?“, will er von Susannah wissen. „Was über den Beziehungsstatus in den sozialen Medien.“ Die Jungjournalistin muss ihre Idee gar nicht groß pitchen. „Klingt furchtbar. Unsere Leser werden es lieben“, stellt der Chef leidenschaftslos fest. Kollegin Margo schreibt derweil einen Artikel über Bettwanzen. „Was für kritische Themen wir bearbeiten. „Edward R. Murrow* rotiert in seinem Grab“, bemerkt sie süffisant. Offen bleibt, wer für die Boulevardisierung der New York Post verantwortlich ist. Margo und vor allem Richard machen den Eindruck, als seien diese Themen alternativlos, getreu dem Motto: „Die Leser wollen es so.“ Dem muss man entgegenhalten: Susannahs journalistische Vorbilder sprühen nicht gerade vor Eifer.

* Der legendäre CBS-Moderator Edward R. Murrow legte sich inden 1950er-Jahren mit dem Kommunistenjäger Nr. 1, Senator Joesph McCarthy, an. Seine Konfrontation in seiner Sendung See it now gilt in den USA als Sternstunde des Meinungsjournalismus. George Clooney widmete Murrow 2010 einen Film: Good Night, and Good Luck. In einer Folge von journalistenfilme.de – der Podcast spreche ich mit Michael Braun von serieslyAWESOME darüber.

Die Flecken auf der weißen Weste ihres Traumarbeitgebers geraten zur Nebensache. „Ich war furchtlos und hatte mein ganzes Leben vor mir“, holt uns die Erzählerin Susannah Cahalan aus dem Off ab, wohl wissend, dass der Nimbus jugendlicher Unverwundbarkeit brechen wird. Nach und nach schleichen sich Symptome ein, die Susannahs Alltag beeinträchtigen. Es fängt an mit Kopfschmerzen und Taubheitsgefühlen, steigert sich über Panikattacken, Sinnesirritationen und extremen Stimmungsschwankungen hinweg, bis sie schließlich nicht mehr sie selbst scheint. Sie wird den Anforderungen in der Redaktion nicht gerecht, das Interview, welches sie führen soll, kulminiert in einem Desaster. Ihr Umfeld glaubt zunächst an ein Drogenproblem, Susannah wird zu einer Zumutung für das Renommee der Post. Es ahnt nicht, dass die junge Frau unter einer seltenen Krankheit leidet, die ihr Gehirn angreift und der Grund für ihre gravierenden Persönlichkeitsstörungen ist.

Der Redaktionsbetrieb der New York Post duldet keine Schwäche

Die Ablehnung der Kolleg*innen ist zwiespältig zu bewerten. Einerseits charakterisiert Feuer im Kopf den Redaktionsbetrieb der Post als ein Arbeitsmilieu, das keine Schwächen duldet, in dem das Individuum zu funktionieren hat und Druck von oben nach unten weitergegeben wird. Störungen gefährden den Ablauf und sorgen für Betretenheit. Niemand, nicht einmal Margo, nimmt Susannah ernsthaft zur Seite. Sie und Richard merken, dass etwas nicht stimmt, bevorzugen aber zunächst die Lösung „Aus den Augen aus dem Sinn.“ Susannah wird ins Home Office geschickt.

Gleichwohl ist die Post keine Ansammlung empathie- und emotionsloser Egoman*innen. Margo und Richard halten große Stücke auf Susannah, was Richard als Chef, der eine komplette Redaktion bei Laune halten muss, nicht allzu deutlich offenbaren darf. Am Ende ist er es sogar, der die wiedergesehene Journalistin in ihrem weiteren Werdegang bestärkt. Im Hier und Jetzt ist es allerdings so, dass der journalistische Arbeitsalltag diesen beiden Bezugspersonen keine Luft lässt, sich mit den persönlichen Problemen ihrer Mentee auseinanderzusetzen. Hinzu kommt: Den Gesetzmäßigkeiten des Dramas folgend, muss die Situation erst einmal eskalieren, bevor es einen Sinneswandel geben kann. Die zunehmende Distanz zwischen Susannah und ihren engsten Vertrauten sorgt dafür, dass sich die Protagonistin zunehmend missverstanden fühlt. Ein Gefühl, das sich bis ins Wahnhafte hineinsteigert und auf uns Zuschauer überträgt.

Rätselraten am Krankenbett. Die echte Susannah Cahalan war erst die 217. Person, die mit Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis diagnostiziert wurde.

Susannah Cahalan holt eine seltene Krankheit in die Öffentlichkeit

Denn das ist es, was Feuer im Kopf beabsichtigt: Uns das Verständnis zu vermitteln, dass die scheinbar nahe liegende Lösung nicht immer die richtige ist. Susannah wird in ihrem Kollegenkreis als „verrückt“ abgestempelt, auch die behandelnden Ärzte sind mangels Befund ratlos und attestieren der jungen Frau – nachdem sie sie zunächst als Alkoholikerin fortgeschickt haben – eine psychologische Störung. Da haben wir es wieder. Aus den Augen, aus dem Sinn. Soll sich die Psychartrie um Susannah kümmern.

Wären da nicht die epilieptischen Anfälle, die Susannah letztendlich in einen katatonischen Zustand begleiten, der widerum einen medizinischen Idealisten auf den Plan ruft. Dr. Souhel Najjar (Navid Negahban, Homeland) ist ein freundlich gelaunter Dr. House und schwingt sich zum eigentlichen Vor- und Spiegelbild Susannahs auf. Denn Dr. Najjar tut, was man von investigativen Journalist*innen erwartet: Obwohl mittlerweile in der Lehre tätig, widmet er sich voll und ganz diesem Fall. Er schlägt sich die Nächte um die Ohren, steckt nicht zurück, bis er die Wahrheit ans Licht gezerrt hat. Die da lautet: Susannah leidet unter einer Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis, einer sehr seltenen Form einer Hirnhautentzündung.

Die „echte“ Susannah Cahalan war – wie uns die Texttafeln am Ende von Feuer im Kopf erklären – erst die 217. Person, der man diese Diagnose ausstellte. Der Befund versetzte die Journalistin in die Lage, sich zurück in ihr altes Leben zurückzukämpfen. Wie viele Menschen mit dieser Krankheit vor ihr unbehandelt blieben, möchte man sich nicht ausmalen. Cahalan ist es mit zu verdanken, dass Tausende nach ihr adäquat behandelt wurden. Mit ihrem Buch Brain on Fire holte sie 2012 ihre überwundene Krankheit in die Öffentlichkeit, bis heute setzt sie sich konsequent für die Erforschung und Behandlung der Anti-NMDA-Rezeptor-Enzephalitis ein. Damit hat Susannah Cahalan das geschafft, was ihr von Chloë Grace Moretz eindringlich gespieltes Alter Ego mit ihrer Geschichte über verpfuschte Po-Kissen erreichen wollte: Leben zu retten.


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