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Kim Jong-un oder die USA – wer ist der wahre Depp? The Interview (2014)

Der Journalist, dein Freund und Prankster. In The Interview leimen ein TV-Talker und sein Produzent den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un.

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Der Journalist, dein Freund und Prankster. In The Interview leimen ein TV-Talker und sein Produzent den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Sony.

Endlich habe ich ihn gesehen. Jenen Film, der beinahe den dritten Weltkrieg auslöste. The Interview trägt seine Kontroversen wie Verdienstorden am Revers. Da wären, in Kurzform: Ein brüskierter Despot, der mit militärischer Schlagkraft drohte. Ein Hackerangriff, bei dem nicht nur unveröffentlichtes Filmmaterial, sondern eine Menge sensibler Daten aus dem Hause Sony in Umlauf geriet. Eine Bekennergruppe, die mit Anschlägen auf Kinos drohte. Boykottaufrufe und eine Zensurdebatte, bei der US-Präsident Barack Obama höchstpersönlich das Wort ergriff. Und schließlich eine Veröffentlichungsstrategie, die als Mutmacher für heutige Releases herhält. Weil sie den Studios in Aussicht stellte, was in Hollywood seinerzeit unerdenkbar schien: Kommerziellen Erfolg in Unabhängigkeit von den Kinos. The Interview erschien größtenteils online, bei Streaming-Diensten und in den Shops von YouTube & Co. Freilich: Die skandalträchtige Vorgeschichte legte überhaupt erst den Grundstein für die gesteigerte Nachfrage.

Auf der Metaebene entpuppt sich The Interview als eigener Zirkelschluss. Gerade zu Beginn exerziert der Film die Mechanismen medialer Schnappatmung vor. Im Mittelpunkt steht der umgarnerische Talkshow-Host Dave Skylark (James Franco, True Story), der vorgibt, tiefgründige Gespräche mit Promis zu führen. In Wirklichkeit interessiert er sich einzig und allein für die pikanten Fußnoten aus dem Privatleben seiner Gäste. Vor ihm sitzt Rapper Eminem zum hermeneutischen Plausch über Sinn und Unsinn seiner Rhymes. Während er Zeile für Zeile auslegt, outet sich dieses Abbild gangsterhafter Männlichkeit im Vorbeigehen als homosexuell. Skylark traut seinen Ohren nicht, windet sich wie ein Kleinkind mit Freudentropfen in der Buchse auf seinem Stuhl. Hat er das eben wirklich gesagt? Er hat.

Entdämonisiert: Kim Jong-un (Randall Park) wird in The Interview zu einem Kindskopf mit ausgewiesenem Vaterkomplex.
Entdämonisiert: Kim Jong-un (Randall Park) wird in The Interview zu einem Kindskopf mit ausgewiesenem Vaterkomplex.

Ein Interview mit dem nordkoreanischen Führer als journalistisches Husarenstück

Das Schock-Geständnis katapultiert die Quoten in schwindelerregende Höhen. Hinter den Kulissen stellen sie den Schampus kalt. Nur einer mag den Scoop nicht so recht auskosten: Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen, Long Shot). Seitdem er an Bord ist, bricht Skylark Tonight, so der Name der Show, regelmäßig Rekorde. Journalistische Meriten, die die Welt bedeuten, sehen jedoch anders aus. Das halten ihm auch seine ehemaligen Kommilitonen von der Journalistenschule vor, die für ehrwürdige Nachrichtenformate wie CBS 60 Minutes arbeiten (siehe Insider, Der Moment der Wahrheit). Als sich ausgerechnet Kim Jong-un, Führer des einzig wahren Schurkenstaates Nordkorea, als Fan von Skylarks Talkformat zu erkennen gibt, schickt Rapaport eine Presseanfrage gen Pjöngjang. Noch in derselben Nacht erfolgt der Rückruf. Kim Jong-un macht mit, pocht aber darauf, die redaktionelle Hoheit über das Interview zu wahren.

Mit Tyrannen zu verhandeln, ziemt sich nicht. Also stimmt das Duo – trotz der journalistischen Vorbehalte Rapaports, der bereits die Häme seiner Kolleg*innen in den Ohren klingeln hört – den Bedingungen des Diktators zu. Der Buzz, den ein Exklusiv-Interview aus der sagenumwittertesten No-go-Area der Welt verspricht, ist zu verlockend. Als würde der Trip durch die zu erwartende Einflussnahme durch den nordkoreanischen Propaganda-Apparat nicht kompliziert genug, tritt auch noch die CIA an die zweiköpfige Reisegruppe heran. Ob die beiden Herrschaften bei dieser Gelegenheit nicht auch ihren patriotischen Eifer unter Beweis stellen möchten? Weil die federführende Agentin Lacey (Lizzy Caplan) Skylark ganz wuschig macht, reist das Sende-Tandem mit einem todsicheren Mordkomplott im Gepäck in Nordkorea ein.

Undercover in Nordkorea: Dank der CIA wird das Interview von Dave Skylark (James Franco, l.) zu einer mörderischen Angelegenheit. Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen) steht als Prellbock zur Seite.
Undercover in Nordkorea: Dank der CIA wird das Interview von Dave Skylark (James Franco, l.) zu einer mörderischen Angelegenheit. Produzent Aaron Rapaport (Seth Rogen) steht als Prellbock zur Seite.

James Franco und Seth Rogen den Spuren von Lt. Frank Drebbin

Amtierende Diktatoren zu verulken war in Hollywood schon immer en vogue. Man muss gar nicht die Nähe zu Chaplins Der große Diktator suchen, um Belege ins Feld zu führen. Dafür ist The Interview mit seinem Fäkal- und Anal-Witzchen zu platt. Ende der 1980er-Jahre brachte ein gewisser Lt. Frank Drebbin in der Eröffnungsszene von Die nackte Kanone Amerikas ärgste Widersacher gleich haufenweise zur Strecke. Zu dieser illustren Runde gehörte – neben Idi Amin, Fidel Castro und Muhammar al-Gaddafi – übrigens der spätere Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow. Der bekam von Drebbin nicht nur sein Fett weg, sondern auch sein markantes Blutmal von der Stirn geschubbert. Der Aufschrei aus der UdSSR blieb aus. Zumindest sind keine Protestnoten überliefert.

Heute ist die Welt eine andere. Vernetzter, hypernervöser, verbohrter, zumindest was die Rezeption von Satire betrifft. Wie kurz die Lunte brennt, hielten uns die Reaktionen auf die islamkritischen Karikaturen der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten sowie in der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo vor Augen. Seien es die islamistischen Anschläge oder aber die unbeirrbar-trotzigen Solidaritätsausgaben westlicher Medien, in denen die Skizzen des Anstoßes unter dem Deckmantel einer Korsett-artig verstandenen Pressefreiheit vervielfältigt wurden. Wobei der Vergleich mit Sonys Skandalfilmchen natürlich hinkt. Es macht einen Unterschied, ob Presseorgane die zweitgrößte Weltreligion mit 1,6 Milliarden Anhänger*innen verunglimpfen oder Hollywood einen Menschenrechtsverletzer ins Visier nimmt.

Do you ever feel like a plastic bag? Dave Skylark entkennt in dem Diktator Kim Jong-un einen vermeintlichen Seelengefährten.
Do you ever feel like a plastic bag? Dave Skylark entkennt in dem Diktator Kim Jong-un einen vermeintlichen Seelengefährten.

Eine Bromance mit dem Diktator wird zur erfüllenden Prophezeihung

Dass der Sturm um The Interview zügiger abebbte, als er sich auftürmte, wird dem Inhalt nur gerecht. Der Film traut sich nicht, Kim Jong-un und sein Unrechtssystem bei den Eiern zu packen (um im Duktus des Films zu bleiben). Der Despot erweist sich als Kindskopf, der Sexorgien feiert, im Privatpanzer Katy Perrys „Fireworks“ dröhnen und Basketballkörbe tiefer hängen lässt. Letzteres verstößt gegen die Ehre, maximal gegen sportliche Statuten, nicht gegen das Völkerrecht. Die Margarita-geschwängerte Bromance zwischen Franco und Randall Park, der den nordkoreanischen Machthaber mimt und seine Gäste mit offensichtlichen wie heimlichen Männerfreuden bezirzt, ist nicht ohne Witz. Nicht zuletzt, weil die Geschichte, eine US-Präsidentschaft später, eine zusätzliche Pointe birgt. Wer weiß? Vielleicht haben Kim Jong-un und Donald Trump gemeinsam über ihre Komplexe gelacht, als sie sich ineinander verliebten.

Mit Blick auf die echten Verbrechen kommt der Film-Diktator ungeschoren davon. Skylarks Bruch mit dem Gastgeber erfolgt, weil der sich nicht an den unausgesprochenen Brocode hält. Die finale Konfrontation in Anlehnung an das legendäre TV-Duell von David Frost und Richard Nixon – journalistisches Leichtgewicht vs. mit allen Wassern gewaschener Drecksack – enthüllt nichts, was wir nicht wüssten. Skylarks Sieg besteht nicht darin, Kim Jong-un ein Schuldeingeständnis zu entlocken (was Frost ebenso wenig gelang, jedoch hartnäckig als Mythos hält). Skylarks Triumph sind die kullernden Tränen eines komplexbeladenen Mannes vor laufender Kamera. Mit Verlaub: Dass Kim Jong-un nicht sauber tickt, ist keine Nachricht, sondern common sense. Und doch feiern die USA Skylarks „journalistische“ Leistung. Selbst Rapaports hochnäsiger Ex-Kommilitone von 60 Minutes nickt anerkennend in einer Bar.

Selbst wenn es so aussieht - The Interview tut nicht wirklich weh.
Selbst wenn es so aussieht – The Interview tut nicht wirklich weh.

Zielt The Interview letzten Endes auf die eigenen Reihen?

Dieses Happy End sagt mehr über die Volks- und Medienseele der Vereinigten Staaten als über die eigentliche Zielscheibe aus. Dazu passt die Eliminierungsfantasie, die den filmischen Kim Jong-un die ohne lästige Gerichtsbarkeit der Weltgemeinschaft in die Hölle befördert. War ja Notwehr, der rote Knopf in Pjöngjang schließlich schon gedrückt. In Reaktion auf eine US-amerikanische Einmischung, wie an dieser Stelle notiert sei.

Je mehr ich über The Interview nachdenke, umso mehr mutiert dieses satirische Dum-Dum-Geschoss zu einem filmischen friendly fire. The Interview wird dadurch qualitativ nicht besser. Wohl aber zu einem Prank, der den internationalen Wirbel letzten Endes irgendwie verdient gehabt hätte.


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