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Integrität schlägt Liebesglück: Ein Herz und eine Krone (1953)

Thronfolgerin Ann flüchtet in Ein Herz und eine Krone vor ihren royalen Verpflichtungen. Journalist Joe Bradley gabelt die Prinzessin auf.

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Thronfolgerin Ann flüchtet in Ein Herz und eine Krone vor ihren royalen Verpflichtungen. Journalist Joe Bradley gabelt die Prinzessin auf.

Die nervlich angeschlagene Thronfolgerin Ann bricht während eines Rom-Aufenthalts aus ihrem goldenen Käfig aus, ausgerechnet der amerikanische Journalist Joe Bradley gabelt die zerstreute Prinzessin auf. Die Schlagzeile ist gedanklich schon geschrieben, da verleben die beiden einen wundervollen Tag in der italienischen Hauptstadt. Ein Herz und eine Krone zählt zu den Klassikern des romantischen Genres.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Paramount Pictures.

Dass ein Prinzessinnen-Leben ist kein Zuckerschlecken ist, davon kann die junge Thronfolgerin Ann (Audrey Hepburn) ein Lied singen. Immerzu muss sie auf Knopfdruck funktionieren, das „grelle Licht der Öffentlichkeit“ und die starren Protokolle ihrer offiziellen Auftritte nehmen ihr die Luft zum Atmen. In Rom, die letzte Station ihrer jüngsten Europa-Tour, erleidet die Königstochter einen Nervenzusammenbruch. In den 1950er-Jahren ist die Wiederherstellung der seelischen Gesundheit noch ein Kinderspiel, der Hof-Mediziner injiziert der hysterischen Ann ganz fix „ein einfaches Mittel“. Die vermeintlich harmlose Substanz sorgt dafür, dass die Prinzessin somnambul wie unbemerkt durch das nächtliche Rom spaziert.

Das leere Bett am Morgen versetzt wiederum das königliche Gefolge in Hysterie. Statt stimmungsaufhellender Spritzen wird nun höchste Geheimhaltung verordnet. Die Prinzessin wird für krank erklärt, sämtliche Termine werden abgesagt. Was keiner ihrer Getreuen ahnt: Ann wurde inzwischen vom Journalisten Joe Bradley (Gregory Peck) aufgegabelt. Der ist als Mitarbeiter des Amerikanischen Nachrichtendienstes in Italien gestrandet, wittert aber – als ihm endlich schwant, wer da in seinem Bett übernachtet hat – die Chance auf eine gefeierte Rückkehr in die Staaten…

Erstmal eine Kippe: Prinzessin Ann (Hepburn) kostet die neu gewonnene Freiheit aus. Noch lauern die Reporter Joe Bradley (Peck, links) und Irving Radovitch (Albert) auf königliche Fehltritte.
Erstmal ‘ne Kippe: Prinzessin Ann (Hepburn) kostet die neu gewonnene Freiheit aus. Noch lauern die Reporter Joe Bradley (Peck, links) und Irving Radovitch (Albert) auf königliche Fehltritte.

Späte Oscar-Anerkennung für Buchautor Dalton Trumbo

1953 brachte Regisseur William Wyler mit Ein Herz und eine Krone einen romantischen Klassiker auf die Leinwand. Und das beinahe aus dem Stand: Seit 20 Jahren hatte der Filmemacher, der vor allem für den Monumentalschinken Ben Hur in die Filmgeschichte einging, keine Komödie mehr inszeniert. Das Drehbuch stammt aus der Feder Dalton Trumbos. Da der legendäre Autor im Hexenjagd-Klima der McCarthy-Ära verdächtigt war, kommunistische Umtriebe zu fördern, und auf Hollywoods Schwarzer Liste stand, blieb sein Einfluss zunächst unerwähnt – und seiner Arbeit die Anerkennung versagt.

Die Academy zeichnete den Film bei den Verleihungen 1954 mit drei Oscars aus, darunter für die Beste Originalgeschichte. Den Oscar nahm Ian McLellan Hunter entgegen, der anstelle von Trumbo als Autor genannt wurde. Erst 1992 wurde der Oscar dem rechtmäßigen Gewinner zugesprochen, posthum. Trumbos zweiter Goldjunge. Den ersten hatte er 1975, ein Jahr vor seinem Tode, persönlich in Empfang nehmen dürfen; für seine Vorarbeit an dem 1957 ausgezeichneten Filmdrama Roter Staub. Die neueren Veröffentlichungen von Ein Herz und eine Krone führen längst wieder Trumbos Namen im Vorspann.

Ein Herz und eine Krone gilt als Klassiker der romantischen Komödie. Und das durchaus zu Recht.
Ein Herz und eine Krone gilt als Klassiker der romantischen Komödie. Und das zu Recht. Der Film geht für seine Entstehungszeit ungewöhnliche Wege.

Eine erfrischender Ansatz und eine Stadt als Hauptdarsteller

Ein Herz und eine Krone geht einen, für die damalige Zeit, ungewöhnlichen Weg. Die Komödie erzählt eine umgekehrte „Aschenputtel“-Geschichte. Der Film handelt nicht von einem einfachen Mädchen, das sich als Adelige entpuppt, sondern von einer Adeligen, die von einem Leben als einfaches Mädchen träumt. Für einen Tag entsagt sich Prinzessin Ann allen royalen Verpflichtungen, um sich, begleitet vom lauernden Journalisten Joe Bradley, der einfachen Dinge im Leben zu erfreuen.

Besonders ikonisch ist die Szene, in der die beiden Hauptdarsteller ein Eis auf der Spanischen Treppe genießen. Ohnehin ist die italienische Hauptstadt – neben Hepburn und Peck – der Star von Ein Herz und eine Krone, der Film heißt im Original nicht umsonst Roman Holiday. William Wyler setzte durch, dass der Film – entgegen der üblichen Gepflogenheiten im Hollywood’schen Studiosystem – im Ausland gedreht wurde. Wylers Durchsetzungsvermögen hatte seinen Preis. Obwohl in Farbe geplant, wurde Ein Herz und eine Krone aus Kostengründen als Schwarz-Weiß-Film realisiert. Diesem Opfer steht der Gewinn gegenüber: Wer die Metropole kennt und liebt, gerät angesichts der vielen Originalschauplätze ins Schwärmen. Schon das zeitgenössische Publikum hatte sich begeistert gezeigt. Die realen Drehorte hoben Ein Herz und eine Krone von den künstlichen Bühnenbildern der Studiokonkurrenz ab. Von nun entließ Hollywood seine Filmcrews häufiger ins Ausland.

Pakt zwischen zwei Konkurrenten. Joe Bradley traut dem Fotoreporter Irving Radovitch nicht wirklich. Aber für seinen Scoop benötigt er gute Bilder.

Journalist Joe Bradley: Zocker, Schlitzohr, Verhandlungsass

Der Schauplatz Rom birgt auch einen erzählerischen Vorteil. Er erklärt, warum eine Person des öffentlichen Lebens unbehelligt durch eine Großstadt flanieren darf. Prinzessin Ann ist zwar prominent, aber in der römischen Gesellschaft nicht omnipräsent. In den 1950er-Jahren ist die Zeitung das vorherrschende Medium, und man darf davon ausgehen, dass die einfache Bevölkerung dem Blätterwald wenig Beachtung schenkt. Viel auffälliger ist, dass der Journalist Joe Bradley nicht in der Lage ist, die Thronfolgerin zu erkennen. Natürlich darf man einem Reporter zugestehen, dass er nicht jede Person des öffentlichen Lebens kennen kann. Allerdings: Ursprünglich sollte Bradley an einem Presseempfang der Prinzessin teilnehmen. Dass er am unmittelbaren Vorabend derart unvorbereitet ist, macht schon etwas stutzig.

Auf der anderen Seite wird schnell deutlich: Es hat wohl seine Gründe, warum Bradley nach Italien abgeschoben wurde. Verlässlichkeit gehört nicht zu seinen Charakterzügen. Joe Bradley ist ein Zocker, der sich mit seinen pokernden, rauchenden und trinkenden Kollegen die Nächte um die Ohren schlägt, in der Folge am nächsten Morgen zu spät in der Redaktion aufkreuzt und seinem Vorgesetzten schamlos vorlügt, seine Verspätung hinge mit dem Interview zusammen, welches er mit Prinzessin Ann am Rande ihres Empfangs geführt habe. Natürlich haben alle außer Bradley mitbekommen, dass sämtliche Termine aufgrund der Erkrankung ihrer Hoheit abgesagt wurden. Immerhin nimmt es der Chefredakteur Mr. Hennessy (Hartley Power) sportlich. Wer wie Hennessy gewohnt ist, eine Redaktion voller Schlitzohren zu hüten, wird sich ein entsprechend dickes Fell zugelegt haben.

Hat es nicht leicht: Redaktionschef Hennessy (Hartley Power) geht erstaunlich gelassen mit den Betuppungsversuchen seines Mitarbeiters Bradley um. Als Vorsteher eines Käfigs voller Schlitzohren muss er sowas wohl abperlen lassen.
Hat es nicht leicht: Redaktionschef Hennessy (Hartley Power) geht erstaunlich gelassen mit den Betuppungsversuchen seines Mitarbeiters Bradley um. Als Vorsteher eines Käfigs voller Schlitzohren muss er sowas wohl abperlen lassen.

5.000 Dollar für ein Interview mit Kronprinzessin Ann

Nur so ist es zu erklären, weshalb Bradley seinen Job nach dieser Episode behalten und in den Genuss von Honorarverhandlungen kommen darf. Als ihm bewusst wird, wer da in seinem Apartment schlummert, bietet Bradley seinem Redaktionsleiter ein Exklusivinterview mit der vermeintlich maladen Prinzessin an. Was ihm ein solches Interview wert sei, will er von Hennessy wissen. Mit Aussagen zur aktuellen politischen Lage – wir befinden uns auf dem Weg zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, ab 1957), Vorläuferin der Europäischen Union – seien üblicherweise 250 Dollar drin. „1.000 Dollar, wenn es um Mode geht“, ergänzt er. Der Boulevard verkauft sich schon damals besser. Auch weil Hennessy seinen Untergebenen für einen Schwätzer hält, steht Bradley am Ende schließlich bei sage und schreibe 5.000 Dollar für ein Interview. Zur Einordnung: Heute wären diese 5.000 Dollar annähernd das Zehnfache wert.

Bei so viel Geld auf dem Tableau will Bradley nichts überstürzen. Behutsam baut er das Vertrauen zur inzwischen ausgeschlafenen Ann auf. Der Journalist unterstützt das Ansinnen der Prinzessin, indem er sie als eine Art Reiseführer in die Freuden einführt, die La dolce vita in Rom zu bieten hat. Den Gesetzmäßigkeiten der romantischen Komödie entsprechend, geraten die beiden in allerlei Schwierigkeiten, aus denen sie sich aber genauso gesetzesgemäß herauswinden können. Begleitet werden sie vom Fotografen Irving Radovitch (Eddie Albert), den Bradley zwischenzeitlich eingeweiht und am Gesamthonorar beteiligt hat. Seine Aufgabe ist es, den wundersamen Ausflug der königlichen Touristin heimlich zu dokumentieren. Unter anderem hält er auf einem außer Kontrolle geratenen Tanzabend fest, wie Ann einen Geheimpolizisten mit einer Akustikgitarre niederstreckt.

Die Prinzessin lässt sich herab. Ann pfeift aus das Protokoll und begrüßt einige Journalisten persönlich. So kann sie ihrem Joe Bradley zum Abschied die Hand schütteln.
Die Prinzessin lässt sich herab. Ann pfeift aus das Protokoll und begrüßt einige Journalisten persönlich. So kann sie ihrem Joe Bradley zum Abschied die Hand schütteln.

Joe Bradley entscheidet sich, keinen Schaden anzurichten

Der Spaß endet in seinem schönsten Moment. Anns Pflichtbewusstsein meldet sich, sie tauscht ihre Freiheit gegen ihr Leben im goldenen Käfig zurück. Bradley und sein Komplize Radovitch halten die Fotobeweise zu einer Geschichte in ihren Händen, die ihnen sonst wohl niemand glauben würde. Die Aussicht auf 5.000 Dollar ist verlockend. Doch Bradley gibt sich geläutert: Ann zuliebe verzichtet er auf Geld, Ruhm und die Rückkehr in die Staaten. Sein Kompagnon hadert noch, folgt aber schon bald der Linie Bradleys. Als Medienprofis können sie sich ausmalen, welches Unheil über Ann hineinbräche, wenn die Welt von diesen Bilder erführe. Und das nur, weil eine junge Frau Mensch sein wollte, für einen einzigen Tag. Der Vergleich ist natürlich arg verkürzt, drängt sich aber auf: Wie eine solche Geschichte böse enden kann, lässt sich anhand des Unfalltods von Lady Diana erzählen.

Ein Herz und eine Krone endet weit weniger tragisch, hält dennoch kein Wohlfühl-Happy End bereit. Denn für die Liebe gibt es keine Zukunft. Auf dem nachgeholten Presseempfang begegnen sich – eine inzwischen deutlich selbstbewusstere – Ann und Joe Bradley ein letztes Mal. Zunächst aus der Distanz, Bradley ist ein Reporter unter vielen anderen. Ann entscheidet sich – entgegen des vorgesehenen Protokolls –, einige Pressevertreter persönlich zu begrüßen. So schütteln sich die beiden Liebenden zumindest noch einmal die Hände. Ihre traurigen Blicke treffen sich zum körperlosen Abschied, dann leert sich der Empfangssaal. Joe Bradley verharrt noch einen Moment alleine im Raum, bevor er nachdenklich von dannen schleicht. Zwar siegt aus journalistischer Sicht die Integrität. Doch das ist ausnahmsweise nur ein schwacher Trost.

Wissenswert:

  • Ein Herz und eine Krone hat Eindruck in der Filmwelt hinterlassen – und einige Nachahmer: So gelten die italienische Komödie Gib dem Affen Zucker (1981) mit Multitalent Adriano Celentano in der Hauptrolle und Notting Hill (1999) als Variationen des Wyler-Klassikers. In Deutschland zeigte sich der ProSieben-Film Prinzessin macht blau (2004) von dem Film inspiriert. In den USA flimmerte 1987 eine TV-Neuverfilmung über die Geräte. 1994 erschien in Indien unter dem Titel May Madham eine inoffizielle Adaption in tamilischer Sprache.

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