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Liebe, Tanz und Terror: Dil Se – Von ganzem Herzen (1998)

Liebe überwindet alles? Nicht in Dil Se: Ein Radioreporter lernt auf seiner Reise in die Randregionen Indiens eine mysteriöse Schönheit kennen.

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Liebe überwindet alles? Nicht in Dil Se: Ein Radioreporter lernt auf seiner Reise in die Randregionen Indiens eine mysteriöse Schönheit kennen.

Doch Amors Pfeil hinterlässt nichts als Schmerz. Happy End ausgeschlossen. Damit bricht Dil Se – Von ganzem Herzen mit einigen Gepflogenheiten des indischen Blockbusterkinos.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Alive.

Dil Se – Von ganzem Herzen hat sich über die Jahre zu einem modernen Klassiker des indischen Kinos gemausert. Bekannt ist der Streifen für zweierlei: Zum einen für eine kraftvolle Tanzszene auf dem Dach einer schnuckeligen Eisenbahn, die sich zu den Klängen des Pop-Hits Chaiyya, Chaiyya durch eine atemberaubende Gebirgslandschaft schlängelt. Zum anderen für seine ungewöhnlich politische Rahmenhandlung mit tragischem Ausgang. Ungewöhnlich nicht nur deswegen, weil die für den indischen Unterhaltungsfilm typischen Gesangs- und Tanzeinlagen auf den ersten Blick nur schwer mit brisanten Themen vereinbar scheinen.

Dil Se crasht den indischen Blockbuster-Reigen

Indische Mainstream-Produktionen richten sich häufig an Familien, politische Stoffe gelten in dem Vielvölkerstaat als Kassengift und laufen obendrein Gefahr als anti-nationalistisch gebrandmarkt zu werden. Gerade in Regierungszeiten der rechtskonservativen Bharatiya Janata Party (BJP), die seit 2014 den aktuellen Premier Narendra Modi stellt. Erstmals an die Macht kam die Partei 1998. Es ist das Jahr, in dem Dil Se die Lichtspielhäuser erblickt. Der Film thematisiert die Unabhängigkeitsbestrebungen im Nordosten Indiens (ohne sie konkret zu benennen) und den Umgang der Zentralregierung mit den Separatisten – und das im Kontext der 50-jährigen Unabhängigkeit Indiens von den Briten. Regisseur Mani Ratnams gibt mit Dil Se ganz bewusst den Partycrasher.

Sein Beitrag ging an den heimischen Kinokassen unter, trotz eines Shah Rukh Khans in der männlichen Hauptrolle. Anerkennung fuhr er dafür auf dem internationalen Markt ein. Beispielsweise ist Dil Se der erste indische Film, der die Top 10 der britischen Kinocharts enterte. Nach und nach erarbeitete sich der Film eine Fangemeinde.

Radioreporter Amar (Shah Rukh Khan) trifft an einem entlegenen Bahnhof auf die mysteriöse Meghna (Manisha Koirala). Die gibt sich auffällig abweisend. Und das nicht nur, weil sich Amar ziemlich aufdringlich gebärdet.
Radioreporter Amar (Shah Rukh Khan) trifft an einem entlegenen Bahnsteig auf die mysteriöse Meghna (Manisha Koirala). Die gibt sich auffällig abweisend. Und das nicht nur, weil sich Amar ziemlich aufdringlich gebärdet.

Ein Reporter auf dem Weg in die nordindischen Provinzen

Die Handlung: Amar Varma (Khan) erreicht einen entlegenen Bahnhof, in der Hoffnung, einen Zug zu erwischen, der ihn in die nördlichen Provinzen bringen soll. Er hat Glück, sein Anschluss ist noch nicht entwischt. Die schlechte Nachricht: Der Zug hat acht Stunden Verspätung. Es plästert und stürmt. Amar stellt sich auf eine ungemütliche Wartezeit ein, als er plötzlich er die junge Meghna (Manisha Koirala) erblickt. Von Amors Pfeil getroffen, schwatzt der plappernde Reporter im Dienste von All India Radio der wortkargen Schönheit einen Tee auf. Doch den eilig beschafften Chai muss er allein verköstigen: Meghna sitzt bereits in einem Zug, der ebenfalls nicht nach Plan fährt. „Das war die kürzeste Liebesgeschichte aller Zeiten“, trauert Amar der verpassten Gelegenheit hinterher.

An seinem Zielort angekommen – wie gesagt, der Film verschleiert die genaue Destination, wir dürfen aber annehmen, dass wir uns irgendwo in den „Sieben Schwesterstaaten“ Nordostindiens befinden, östlich von Bangladesch gelegen und nur durch einen schmalen Korridor mit dem restlichen Indien verbunden – soll er O-Töne für einen Radiobericht zum Thema „50 Jahre Unabhängigkeit“ einfangen. Eine undankbare Aufgabe, denn kaum jemand lässt ein gutes Haar an der Zentralregierung. Was es heißt, so weit draußen zu leben, erfährt er unter anderem aus Gesprächen mit einem Separatistenführer. Wenig später trifft er auf der Straße Meghna wieder. Amar macht ihr Avancen, doch die Umschwärmte gibt sich seltsam abweisend…

Indien und der Terrorismus: Dil Se hört beide Seiten an

Es lässt sich kaum vermeiden: Für eine nährere Betrachtung der journalistischen Komponente müssen wir an dieser Stelle knallhart spoilern. Also bitte: Meghna entpuppt sich nach einer kleinen, gemeinsamen Odyssee und einem späteren Wiedersehen in der indischen Hauptstadt Delhi als Mitglied einer Terrorgruppe, gewaltsam wollen sich die Extremisten für die grausamen Verbrechen der Regierungssoldaten an ihrer Dorfgemeinschaft rächen. Als Anschlagsziel auserkoren sind die Feierlichkeiten zum 50. Unabhängigkeitstag. Amar, der kurz davorsteht, eine arrangierte Ehe einzugehen, nimmt Meghna und eine Mitstreiterin nichts ahnend bei sich auf. Nicht nur das: Auf Meghnas Bitten hin verschafft er seiner nicht erwiderten Liebe einen Job bei All india Radio, wodurch die Terroristen überhaupt erst einen Zugang zum Festgelände erhalten. So gerät Amar selbst ins Fadenkreuz der Geheimdienstbehörden.

Allein diese Gemengelage ist starker Tobak für einen indischen Blockbuster dieser Größenordnung. Hinzu kommt, dass Dil Se die Gewalt der Rebellen zwar als fehlgeleitet kennzeichnet, dieser aber mit Empathie begegnet. Der Film hört beide Seiten an. „Du sitzt hier in Delhi und spielst deine Lieder“, wirft Meghna ihrem Verehrer an den Kopf, als der die Gräuel der Regierungstruppen als „Fehltaten einiger Leute“ abtut. Dil Se lässt durchblicken, dass sie mehr als das sind. Dass auch jene Menschen, die das Unrecht in den Randregionen zwar erkennen, aber stillschweigend dulden, eine gewisse Mitverantwortung am Ausfransen der Nation tragen.

Dil Se bricht mit der unpolitischen Haltung der indischen Blockbuster seiner Zeit. Gleichzeitig glänzt der Film mit opulenten Tanz- und Gesangseinlagen. Die musikalische Fahrt auf dem Dach gehört zu den absoluten Klassiker des
Dil Se bricht mit der unpolitischen Haltung der indischen Blockbuster seiner Zeit. Gleichzeitig glänzt der Film mit opulenten Tanz- und Gesangseinlagen. Die musikalische Fahrt auf dem Dach einer Eisenbahn gehört zu den absoluten Klassikern des indischen Films.

Ein liebestoller Verehrer mit journalistischem Hintergrund

Eigentlich ist das der Stoff, aus dem Journalistenfilme gemacht sind. Dil Se ist vor allem ein romantischer Film mit Terroristen-Thriller-Einschlag. Abgesehen davon, dass es völlig unromantisch ist, Frauen ständig ins Gesicht zu fassen oder sonst wie festzuhalten: Shah Rukh Khan spielt einen liebestollen Verehrer – der journalistische Hintergrund der Figur erfüllt primär Funktionen eines plot device. Amars Reporterdasein ist ein motivischer Trigger, der erklärt, wieso sich ein Hauptstädter in die entlegenen Randgebiete Indiens verirrt. Ein weiterer Vorteil seiner Profession: Als Journalist besitzt Amar eine natürliche Lizenz zum Fragenstellen, von der er – zumindest zu Beginn des Films – regen Gebrauch macht.

Seine Fragen dienen dem Set-up. Durch eine kurze Montage, in denen Amar kurze O-Töne sammelt, erfahren wir beispielsweise sehr viel über das Stimmungsbild einer abgehängten Region. Dass seine Fragen simpel gestrickt erscheinen, mag befremdlich wirken, schließlich würde man von einem echten Journalisten erwarten, dass er einigermaßen vorbereitet in die Recherchen geht. Amar nimmt hier jedoch eine Stellvertreterposition ein, er bringt in Erfahrung, was das breite Publikum noch nicht weiß. Zudem sagt seine Ausgangsfrage – Was haben Ihnen 50 Jahre Unabhängigkeit gebracht? – viel über die Verhältnisse im zentralistisch regierten Indien aus, über die Ignoranz der Politik und Medien für die Belange der Menschen in der Peripherie. Dass Amar die kritischen Stimmen als Journalist provozieren wollte, können wir ausschließen. Dafür fällt seine Reaktion auf die Antworten zu überrascht aus.

Der Reifungsprozess des Journalisten endet abrupt

Im Gegenteil: In dem Interview mit einem Separatistenführer wird deutlich, dass er mit der Haltung eines Hauptstädters angereist ist. Einige kritische Nachfragen drängen sich, gerade was den Einsatz von Gewalt betrifft. Das gehört zu seinem Job. Darüber hinaus konfrontiert Amar sein Gegenüber mit Allgemeinplätzen, die er regierungsseitig aufgeschnappt hat. Das wiederum gehört zum Reifeprozess, die Journalistenfiguren im Film häufig durchlaufen. Der sorg- wie ahnungslose Amar erfährt früh, dass jede Medaille eine Kehrseite hat. Für sein naiv-forsches Nachhaken erntet er sogar den Respekt des Rebellenhäuptlings. „Derselbe Mut. Dieselbe Hingabe. Du könntest bei uns mitmachen.“

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Allerdings: Nach dieser Episode gerät Amars Entwicklung als Reporter ins Stocken. Er wird noch weitere Fragen stellen, jedoch kaum von Berufswegen. Der Rest der Story spielt sich auf der Beziehungsebene eines verhinderten Liebespaars ab. Amar stellt das Journalist-Sein de facto ein. Obwohl ihm Meghnas ständiges Ausweichen verdächtig vorkommt, vermittelt er ihr eine kleine Stelle im Sender. Liebe macht blind, heißt es. Womöglich lässt sich Amars Unfähigkeit, die Lage journalistisch einzuordnen, als weitere Kritik an der indischen Presse deuten. Der Journalistenfilm, der Dil Se nie wirklich war, hat sich nach der Exposition erledigt. Was bleibt, ist ein ungewöhnlich mutiger Streifen, der die Schauwerte des indischen Kinos mit einem kritisch-politischen Fingerzeig garniert.

Dil Se ist ein Indien-Blockbuster der ungewöhnlichen Art – einerseits erfüllt er die Erwartungen, andererseits unterläuft er sie ganz bewusst. Auf jeden Fall ist er einen Blick wert. Wenn Du den Film käuflich erwerben möchtest, dann wäre ich sehr dankbar, wenn Du dies über die folgenden Links tun würdest – mit jedem verifizierten Kauf (keine Bange, Dich kostet es nicht mehr als sonst) erhlate ich eine kleine Provision.

Dil Se – Von ganzem Herzen (DVD)

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