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Fake News zum Einschlafen: Special Correspondents (2016)

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Neues von der Lügenpresse: Frank Bonneville (Eric Bana) ist ein Rockstar unter den Radioreportern. Zumindest hält er sich für einen solchen. Dabei haben er und sein Sender schon bessere Tage erlebt. Plötzlich tut sich die Gelegenheit auf, das abgewrackte Image aufzupolieren. Frank soll, gemeinsam mit Tontechniker Ian Finch (Ricky Gervais), nach Ecuador aufbrechen – das lateinamerikanische Land steht vor einem Umsturz. Blöd nur, dass die Pressereise durch ein Missgeschick bereits am New Yorker Flughafen endet. Frank und Ian erstatten kurzerhand aus einer kleinen Etagenwohnung über einem spanischen Imbisslokal Bericht…

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Netflix.

Fake News regen auf. Wer lässt sich schon gerne manipulieren? Dafür schauen wir umso lieber zu, wenn andere in die Irre geführt werden. Man denke nur an Filme wie Wag The Dog, The Truman Show oder  Thank You For Smoking, die unserer Mediengesellschaft den Spiegel vorhalten. Special Correspondents will in dieser Liga mitspielen.

Man müsste meinen, Ricky Gervais hat es drauf. Mit The Office, einer Serie über den ganz normalen Bürowahnsinn, schuf der Comedian einen Welterfolg. Als Filmregisseur will der Brite allerdings nicht so richtig zünden. The Invention of Lying (2009) und Cemetery Junction (2010) gingen als nette, aber wenig erinnerungswürdige Komödien an den Kinokassen unter. Dieses Schicksal bleibt  Special Correspondents erspart – der Film startete gar nicht erst in den Lichtspielhäusern. Die Rechte liegen exklusiv bei Streaminganbieter Netflix.

Journalistenduo Infernale aus dem Original: Envoyés très spéciaux ist die Vorlage für Ricky Gervais' Special Correspondents. Hier ein Ausschnitt vom Filmplakat.

Journalistenduo Infernale aus dem Original: Envoyés très spéciaux ist die Vorlage für Ricky Gervais‘ Special Correspondents. Hier ein Ausschnitt des Filmplakats.

Das Original stammt aus Frankreich

The Office wurde in vielen Ländern adaptiert (in Deutschland als Stromberg), für seinen dritten Regiestreich wilderte Ricky Gervais diesmal selbst im Ausland. Special Correspondents ist nämlich ein Remake. Das Original stammt aus Frankreich, heißt Envoyés très spéciaux und lockte 2009 etwas mehr als eine halbe Million Franzosen in die Kinos. In einem Land, das seine einheimischen Komödien gerne zelebriert, ist das kein wahnsinnig großer Erfolg. Verglichen mit Millionenhits wie Willkommen bei den Sch’tis (über 20 Millionen Kinogänger!), Ziemlich beste Freude, Taxi Taxi oder auch Die Besucher (mit Jean Reno als verirrter Zeitreiseritter) ist Envoyés très spéciaux ist nicht mehr als eine Randnotiz des französischen Kinos.

Was an dieser Stelle nichts heißen soll, schließlich entzieht sich das Original meiner Kenntnis. Die Idee liest sich jedenfalls wie die Steilvorlage für  eine bitterböse Mediensatire: Ganz Frankreich nimmt Anteil an der Entführung zweier Journalisten im Irak. Was die Öffentlichkeit nicht ahnt: Das Verbrechen ist nur fingiert – für ein bisschen Ruhm und Quote. Als den Journalisten bewusst wird, dass sie den Bogen überspannt haben, wollen sie die Geschichte auflösen – indem sie unerkannt in den Irak reisen und ihre Freilassung inszenieren…

In den Fängen der Ecuadorianische Befreiuungsfront. Oder war es doch die Befreiuungsfront von Ecuador? Egal, die Entführung der Special Correspondents ist eh nur fingiert.

In den Fängen der Ecuadorianischen Befreiuungsfront. Oder war es doch die Befreiuungsfront von Ecuador? Egal, die Entführung der Special Correspondents ist eh nur fingiert.

Der Weg des geringsten Widerstandes

Was macht Ricky Gervais aus dieser Steilvorlage? Er verschleppt erstmal das Tempo, indem er die Geschichte aus dem Irak nach Ecuador verlagert. Anstatt in ein außenpolitisches Wespennest zu pieksen, entscheidet er sich für ein exotisches Land, das niemanden interessiert (Ecuador ist gefühlt der einzige lateinamerikanische Staat, in dem die USA nicht offen oder verdeckt operierten) bzw. dessen Wahl möglichst wenigen Menschen auf die Füße tritt (da haben sie die Rechnung nicht mit Imdb-Nutzer bax-83682 gemacht: „As an ecuadorian i hated every minute of that sh***“). Das kann nur nett werden.

Und das sind die Special Correspondents auch – einfach nur nett. Wenn man es gut mit ihnen meint. Man könnte auch sagen: Die Special Correspondents haben keine cojones. Bloß nicht anecken. Das Höchste der zynischen Gefühle sind Dialoge wie der zwischen Frank und Ian, als sie gerade feststellen, dass die Kampfhandlungen in Ecuador für beendet erklärt wurden: „Der Krieg ist vorbei!“ – „Das ist doch gut!“ – „Aber nicht für uns!“ Nichts, was aus der Bahn des Erwartbaren ausschert. Schlimmer noch: Dass der Film das derart Offensichtliche auch noch ausspricht, macht ihn geradezu banal.

Lahme Action zum Ende eines lahmen FIlms: Frank (Eric Bana) und Ian (Ricky Gervais) verschlägt es tatsächlich nach Ecuador, weil sie irgendwie ihre inszenierte Entführung auflösen müssen.

Lahme Action zum Ende eines lahmen FIlms: Frank (Eric Bana) und Ian (Ricky Gervais) verschlägt es tatsächlich nach Ecuador, weil sie die inszenierte Entführung irgendwie auflösen müssen.

Banal Correspondents

Oberflächlich ist auch die Charakterisierung der beiden Protagonisten. Journalistenfigur Frank Bonneville ist arrogant, egozentrisch und im höchsten Maße von seiner eigenen Genialität überzeugt. Dabei hat er es „nur“ zu einer New Yorker Lokalgröße gebracht, die für einen strampelnden Radiosender arbeitet. Und selbst dort ist er nicht unantastbar – der Sendechef droht mit der Suspendierung, sollte sich Frank einen weiteren Fehltritt erlauben: Sein „Starreporter“ wurde dabei erwischt, wie er sich als Detective ausgab, um Insiderinformationen zu erschleichen. Ian Finch verkörpert natürlich das komplette Gegenteil: Optisch ein Kevin James-Verschnitt, ist er ein Radiotechniker aus Hingabe. Keiner sieht oder hört ihn, doch das macht dem idealistischen Eigenbrötler nichts aus. Was dessen Frau (Vera Famiga) wiederum auf die Palme bringt. Als Möchtegern-Starlet hatte sie gehofft, dass ihr Mann die Karriereleiter emporsteigt. Jetzt stellt sie entnervt fest, dass „Radio nicht so der Reißer“ ist. Dafür springt sie mit Frank in die Kiste. Der arbeitet zwar auch beim Radio – sieht aber zumindest erfolgreich aus.

Natürlich ist klar, worauf diese Figurenkonstellation hinausläuft: Der Coole ist am Ende gar nicht mehr so cool, gibt sich aber immerhin geläutert. Der Verlierer ist in Wirklichkeit ein Gewinner, der seine karrieregeile Ehefrau in die Wüste schicken und stattdessen mit dem unscheinbaren, aber herzensguten Redaktionsmäuschen gen Sonnenuntergang schlendern darf. Das perfekte Happy End für Freunde seichter, (b)romantischer Komödien. Wer jedoch einen zotigen Medien- bzw. Journalistenfilm oder gar bleibende Eindrücke erwartet, der wird enttäuscht. Was hätte man aus dieser Vorlage nicht alles machen können? Special geht jedenfalls anders.

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2 Comments

  1. Zu „Ecuador ist gefühlt der einzige lateinamerikanische Staat, in dem die USA nicht offen oder verdeckt operierten“:
    Von 1999 bis 2009 betand ein Abkommen zwischen Ecuador und den USA, aufgrund dessen US-amerikanische Militärflugzeuge einen Stützpunkt in Ecuador unterhielten.
    Das Abkommen wurde dann von ecuadorianischer Seite nicht verlängert. 2011 wurden die jeweiligen Botschafter ausgewiesen.

    Ganz so unbedeutend ist Ecuador also nicht in der US-Außenpolitik. Immerhin ist es auch ein Drogentransitland. Du hast aber natürlich Recht, dass das von den Netflix-Zuschauern kaum jemand weiß.

    Grüße aus Südamerika.

    • Patrick

      Hallo Andreas,

      Danke für die Anmerkung. Ist natürlich salopper geschrieben, als es gemeint ist. Dachte an erster Linie an die „großen“ CIA- & Militäroperationen in Mittel- und Südamerika.

      Grüße zurück aus dem usseligen Deutschland!

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