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Smolensk (2016): Journalismus im Dienste der Verschwörungsmythen

In Smolensk geht eine polnische Journalistin dem Absturz der Präsidentenmaschine im April 2010 nach – und einer Verschwörungsthese auf den Leim.

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In Smolensk geht eine polnische Journalistin dem Absturz der Präsidentenmaschine im April 2010 nach – und einer Verschwörungsthese auf den Leim.

Text: Patrick Torma. Bild: YSSYGuy/Creative Commons. (Zu sehen ist eine polnische Regierungsmaschine vom Typ Tu 154-M)

Unterhalten sich zwei polnische Delegierte auf einem Militärflugplatz nahe der russischen Stadt Smolensk. „Hier ist es scheiße“, raunt der eine. Er ahnt noch nicht, dass der 10. April 2010 einen richtig beschissenen Verlauf nehmen wird. Plötzlich rauscht eine verdächtig tief fliegende Maschine erst über ihre Köpfe, schließlich über die Landebahn hinweg. Kurz darauf wird der Absturz des Flugzeugs vermeldet – und damit der Tod aller 96 Insassen.

An Bord befanden sich der polnische Staatspräsident Lech Kaczynski, dessen Ehefrau Maria sowie zahlreiche Mitglieder aus Politik und Verwaltung. Der hochrangige Tross befand sich auf dem Weg zu einer Gedenkfeier, die anlässlich des 70. Jahrestags an das Massaker von Katyn erinnern sollte. Damals, im Frühjahr 1940, während des Zweiten Weltkrieges, ermordeten Sowjets rund 4.400 Polen, vorwiegend hochrangige Soldaten. Dabei handelte es sich bei diesem Andenken um einen Zweittermin. Zu einer ersten, offiziellen Gedenkstunde einige Tage zuvor, an der der polnische Ministerpräsident Donald Tusk und Russlands Präsident Wladimir Putin teilgenommen hatten, waren Kaczynski und seine Entourage nicht geladen. Ein Umstand, auf den der Spielfilm Smolensk allzu bereitwillig hinweist.

Eine Theorie, die aktuell sehr verführerisch mundet

Der Beitrag aus dem Jahre 2016 widerspricht den amtlichen Untersuchungen zur Absturzursache und stützt die – insbesondere von der nationalkonservativen Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (kurz: PiS, seit 2021 aus einer Minderheit heraus regierend) kultivierte und im polnischen Bewusstsein durchaus verhaftete – Verschwörungstheorie, die Maschine sei auf Geheiß des russischen Geheimdienstes vom Himmel geholt worden.

Eine Theorie, die angesichts der aktuellen Schlagzeilen rund um den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine umso verführerischer mundet. Tatsächlich hat es etwas Gespenstisches, wenn Regisseur Antoni Krauze einen geschauspielerten Lech Kaczynski (Lech Łotocki) auferstehen lässt, damit der sich in einer Rückblende solidarisch mit den 2008 von Russland attackierten Georgiern erklären und die Welt vor den russischen Hegemonialansprüchen warnen kann: „Heute Georgien! Morgen die Ukraine! Dann die baltischen Staaten und vielleicht danach Polen …!“

Von der Witwenschüttlerin zur “Wahrheitssuchenden”

Freilich braucht es mehr, als von den geopolitischen Entwicklungen eingeholt zu werden, um das Narrativ vom Anschlag zu erhärten. Also schickt der Film die kühle Journalistin Nina (Beata Fido) ins Feld. Sie ist in den Stunden nach dem Absturz zunächst als Stimmungsreporterin und Witwenschüttlerin unterwegs. Wenig sensibel lauert sie den Hinterbliebenen auf, derart, dass ihr Kameramann (und Lover) Gewissensbisse bekommt: „96 Menschen sind gestorben, ist das nicht genug?“

Bevor Nina endgültig als Blutsaugerin abgestempelt wird, gerät sie ausgerechnet durch das penetrante Stalking der Angehörigen an eine heiße Spur. Sie erfährt von Trauernden, dass man ihnen die Abschiednahme verweigert habe. Autopsieberichte fehlen, Leichen bleiben unidentifiziert. Und überhaupt: Schießen sich die Offiziellen nicht zu schnell auf ein menschliches Versagen des Piloten ein, dem obendrein – ziemlich medienwirksam – ein Alkoholproblem attestiert wird?

Der ungeliebte Journalismus als Steigbügel der Demagogen

Nina investigiert, trifft sich mit Informanten in Clubs und ist selbst dem Wodka nicht abgeneigt, wenn es darum geht, das Vertrauen ihrer betont konspirativ auftretenden Gesprächspartner zu erlangen. Als ihr Chefredakteur, Typus fieser Schmierlappen, beginnt, ihre Recherchen immer unverhohlener in Abrede zu stellen, gelangt sie zur Überzeugung, dass sie bis hierhin Teil einer staatlich geschmierten Vertuschungsmaschinerie war. Völlig verzweifelt bricht Nina auf der heimischen Couch zusammen: „Hat dich jemand schon mal so schlimm angelogen?“, schluchzt sie in der „Erkenntnis“ instrumentalisiert worden zu sein. Bloß: Nun geht das mit dem Instrumentalisieren erst richtig los.

Es ist kurios: Ausgerechnet der in rechten Kreisen ungeliebte Journalismus soll herhalten, um die „Systempresse“ als solche zu entlarven. Mehr noch: Smolensk verlacht diejenigen, die nicht an die Anschlagstheorie glauben, als unmündige Schlafschafe. Bei einem Auslandsbesuch in Übersee schütteln Ninas US-Kollegen über so viel polnische Naivität nur den Kopf. Jede Regierung lüge, raunen sie. Und verweisen auf die nicht-vorhandenen Massenvernichtungswaffen, die als Legitimationsgrundlage für den Einmarsch der USA in den Irak nach den Terroranschlägen des 11. Septembers herhielten.

Smolensk: Ein Film, gemacht, um sie zu spalten

Das ist Verschwörungslogik mit der Brechstange – dazu passt, dass Smolensk bis zum Ende keinerlei Fakten präsentiert, sondern nur Fragen aufwirft; eine beliebte Rhetorik unter Anhängern konspirativer Weltbilder. Der Film entlässt sein Publikum mit einem grottig animierten wie pietätlosen „So wird’s gewesen sein“-Absturz.

In Polen kam Smolensk mit massiver Unterstützung der regierenden PiS-Partei in die Kinos, Lech Kaczynskis Zwillingsbruder, Jaroslaw Kaczynskis, empfahl allen Bürgerinnen und Bürger, ein Ticket für die Wahrheit zu lösen. Trotz einflussreicher Fürsprecherschaft hielt sich die Resonanz an den Kassen in Grenzen. Ganz sicher auch, weil die filmische Qualität derart unterirdisch geraten ist, dass man zwischenzeitlich von unfreiwilliger Komik sprechen könnte. Wäre das Thema nicht so ernst – und die Intention des Films so durchtrieben. Schließlich ist Smolensk ein Baustein einer währenden Geschichtsumdeutung, die eine Spaltung der polnischen Gesellschaft verfolgt. Mit einem gewissen Erfolg: Immerhin rund ein Viertel der Polen soll, Umfragen zufolge, die Anschlagstheorie für plausibel halten.

Lese-Tipps rund um die Rezeption von Smolensk.
Film zu Flugkatastrophe spaltet Polen – Deutsche Welle
Wenig mehr als Pornographie – Frankfurter Rundschau
Berliner Kino sagt Filmpremiere mit Polens Botschafter ab – Tagesspiegel
“Der Film entlarvt sich selbst” – taz

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