HomeAllgemein

Nixen interviewt man(n) nicht: Die kleine Meerjungfrau (2018)

Zwei Sätze mit X: Ein junger Reporter rettet eine Nixe. Journalistisch gesehen hat „Die kleine Meerjungfrau“ allerdings nix zu bieten.

Journalistenfilme.de – der Podcast #11: Vaterland
Im Namen der Einschaltquote: Citizen Verdict (2003)
Sündenfall und Mahnmal: Gladbeck (ARD-Zweiteiler, 2018)

Zwei Sätze mit X: Ein junger Reporter rettet eine Nixe. Journalistisch gesehen hat „Die kleine Meerjungfrau“ allerdings nix zu bieten.

Text: Patrick Torma – Bildmaterial: Eurovideo

Frei nach Hans Christian Andersen und durch den narrativen Fleischwolf von Oma Eloise gedreht: Es war mal eine Meerjungfrau, die von einem fiesen Zauberer unter windigen Vorzeichen an Land gelockt und auf ewig festgehalten wurde.

Die Moral von der Geschicht‘: Traue fremden Männern nicht. Vor allem dann nicht, wenn sie dir die Erfüllung deiner Wünsche versprechen und als Gegenleistung „nur“ deine Seele haben wollen. Mit diesem Learning könnten sich die kleinen Enkelinnen nun ins Bett verabschieden. Hätte Oma Eloise (gespielt von Grande Dame und Oscar-Gewinnerin Shirley MacLaine) nicht noch einen Extended Cut im Gute-Nacht-Geschichten-Ärmel.

„Eigentlich war es ja ganz anders“, wirft Großmutter Clickbait-mäßig ein. Die Kids hängen am Haken. Woher sie diese Insiderinformationen hat? Wer bei Peter Pan aufgepasst hat, weiß sofort Bescheid. Aber wahrscheinlich können sich das die allermeisten auch so denken, und selbst das jüngere Publikum wird diesen ‚Twist‘ seemeilenweit gegen den Wind riechen.

Beliebtes Märchen, fragwürdig adaptiert

Immerhin: Die kleine Meerjungfrau von 2018 versucht ihr eigenes Süppchen aus dem bekannten Märchen zu brauen, das in seinen Adaptionen dazu tendiert, die Selbstaufgabe der Protagonistin als romantische Erfüllung zu framen. Auch diese Version aus der Feder von Regisseur Blake Harris umschifft diese Klippe nur leidlich.

Am Ende – ich spoilere gewohnt ungeniert – schmieden die weiblichen Figuren zwar eine Art Allianz, um sich aus dem dunklen Bann des fragil-sinistren Zylinderträgers Mr. Locke zu befreien. Freilich braucht es auch in dieser Fassung einen Prince Charming (William Moseley, Die Chroniken von Narnia), dem die schöne Nixe (Poppy Drayton, The Shannara Chronicles) aus dem Nichts erliegen darf.

Sanfter Skeptiker im Reportergewand

Warum wir eigentlich hier sind: Die Geschichte in der Geschichte handelt von der jungen Ellen (Loreto Peralta), deren Eltern unter nicht näher ausgeführten Umständen ums Leben kamen. Seit diesem Schicksalsschlag leidet sie unter einer „seltsamen Krankheit“, die sich in schlecht gespielten Hustenanfällen äußert. „Das Einzige, was ihr Kraft gibt, ist ihr Glaube daran, dass sie eine Meerjungfrau ist“, erklärt uns ihr Onkel Cameron „Cam“ Harrison (Moseley) mit Schatten um sich schmeißend aus dem Off.

Dieser Cam verdingt sich – Trommelwirbel – als Reporter, dabei ist er gewiss nicht der Typ, den man(n) in der Rolle eines Zeitungsmenschen erwartet. Die sind im Kino tendenziell raubeinig unterwegs. Cam hingegen ist ein sehr sanfter Charakter. Wahrscheinlich muss er deshalb ständig betonen, wie skeptisch er doch ist.

Die kleine Ella und ihr Onkel, Reporter "Cam" Harrison, mit der Lizenz zum Schmachten.
Die kleine Ella und ihr Onkel, Reporter “Cam” Harrison, mit der Lizenz zum Schmachten.

Ein Wundermittel als Recherche-Aufhänger

Dafür lässt er sich doch widerstandslos von seinem Chefredakteur auf die Spur eines angeblichen Wundermittels setzen – wir befinden uns irgendwo in den 1940ern, wobei das Set-Design nur mäßig konsistent ist. Hinter der Kur steckt ein gewisser Mr. Locke (ja, der mit dem Zylinder): ein Jahrmarktbetreiber, der ein wundersames Meerjungfrauen-Elixier anpreist, das sich als Badewasser aus dem Präsentationsbottich seiner Hauptattraktion entpuppt. 

Vielleicht ist es der vorauseilende Gehorsam eines Nachwuchsreporters, der es sich in der Hierarchie der Redaktion nicht verscherzen möchte, zumal der Blattchef anfangs ziemlich brummig daherkommt. Rasch outet sich der scheinbar strenge Boss als feinfühliger Teddy, der sowohl Publikum als auch Belegschaft versteht. „Vielleicht stimmt’s, vielleicht stimmt’s nicht – aber es ist eine Story. Und vielleicht auch eine Lösung für Sie“, flötet der Chefredakteur und spendiert Cam und seiner Nichte (!) die Anreise und eine mehrwöchige (!!) Unterkunft in Mississippi.

P.T. Barnum-Verschnitt mag keine Presse

Wer sagt dazu schon nein? Cam jedenfalls nicht. Hinter der journalistischen Fassade verbirgt sich ein Believer, der an ein Heilmittel für Ellen glauben möchte. „Wenn das Leben doch so einfach wäre wie im Märchen“, seufzt er. Tatsächlich gibt es Spurenelemente handfester journalistischer Arbeit zu entdecken: Wir sehen Cam vor Ort recherchieren, der Reporter führt Interviews und trifft sich auch mit Mr. Locke zum Gespräch.

Der findet die Aufmerksamkeit der Presse reichlich unliebsam. „Das reicht, Mr. Harrison“, komplimentiert der P.T. Barnum-Verschnitt den Journalisten nach gerade mal zwei Frageanläufen heraus. Welpenschnute Harrison zieht ein Gesicht, als täte es ihm zum wiederholten Mal leid, dass er seinen Job für voll nimmt.

Alles beginnt mit einer Zeitungsanzeige

Mr. Locke reicht die Publicity, die ihm die „Influencer“ besorgen. Sie künden von der Wirkung seines Mittelchens. Weiß doch jeder Marketingprofi, dass echte Menschen vor allem den Empfehlungen anderer echter Menschen Glauben schenken. Worin Mr. Locke offensichtlich weniger gut beraten war: Wenn er doch so medienskeptisch ist – weshalb schaltet er überhaupt Annoncen in der Zeitung?“

Von den Streuverlusten abgesehen (kleiner Gruß an die Medienberater*innen dieser Welt): Meiner Erfahrung nach lesen Redakteur*innen sehr wohl, wer in ihrer Publikation inseriert. Dass Anzeigen unbequeme Fragen nach sich ziehen könnten, wäre zu erahnen gewesen. Dazu braucht es noch nicht mal hellseherische Fähigkeiten, die in seinem Kirmes-Treck sogar vorhanden sind.

Kinderunterhaltung, die selbst Kinder beleidigt

Aber ich stoße schon wieder in Kategorien der Logik vor, die von einem Low-Budget-Film wie diesem schlichtweg zu viel verlangt sind. Die kleine Meerjungfrau ist Unterhaltung für Kinder (die man ebenso wenig in ihrer Intelligenz beleidigen sollte). Der Film findet in seinem Kaugummi-TV-Look sogar ein paar schöne Bilder. Doch dafür, dass ständig von „Magie“ und „Märchen“ gefaselt wird, passiert herzlich wenig Fantasievolles.

Die meisten Informationen kauen uns die Figuren vor – in bedeutungsschwangerem Gelaber und mit bemüht-erstaunten Blicken. Selbst Cam muss letztlich gar nicht so schwer schuften, um hinter das Mysterium zu kommen. Des Rätsels Lösung fliegt ihm beim Lauschen zu. So eine Zeltstadt ist aber auch schlecht vor den Ohren anderer geschützt.

Finale – oh je!

Ungelenk stolpert der Streifen auf eine hektische Flucht sowie einen Boss Fight zu, in dem Raum und Zeit aufgehoben werden. Wer hier was, wieso und weshalb tut, ist in diesem Schnittchaos nicht ersichtlich. Figuren sind mal vor Ort und dann wieder verschwunden, um erneut aus dem Nichts zu erscheinen, Mr. Locke macht den Hans Gruber, und wenn sie nicht gestorben sind, erzählt Oma Eloise noch heute Ammenmärchen.

Dann hoffentlich ohne journalistische Beteiligung, denn die ist hier ohnehin nur Staffage: Reporterfiguren auf ein übernatürliches Phänomen loszulassen, ist ein beliebter Kniff – wenn selbst ein rationaler, betont skeptischer Geist irgendwann anerkennen muss, dass es auf dieser Welt Dinge gibt, die sich nicht erklären lassen, verleiht das der Erkenntnis umso mehr Gewicht.

Beliebte Kniffe, besser umgesetzt

Gerade im Horror-Sektor sieht man diesen journalistischen Beistand immer wieder – prominente Beispiele sind etwa The Ring, Die Fliege oder der im Mystery-Gewässer schippernde The Mothman Prophecies (und es lassen tonnenweise weitere mehr oder wenige ernstzunehmende Epigonen finden, wie unser wiederkehrendes Format ‚Gruselpresse‘ beweist).

Weniger übernatürlich ist die Auflösung in Wim Wenders Alice in den Städten. Dort lernt der desillusionierte Journalist Philip Winter, die Welt wieder durch kindliche Augen zu betrachten. Diese Rückbesinnung auf eine unverkrampfte Weltsicht – dieses Motiv haftet auch Die kleine Meerjungfrau an. Womit wir wieder bei Peter Pan angelangt wären. Und Neugier ist im Journalismus ohnehin gut aufgehoben. 

Ein Anti-Prinzip als Rausschmeißer

Nur ist die Wandlung von Cam nicht sonderlich wirkungsvoll, da er von Anfang an für Wunder empfänglich ist – aller Beteuerungen zum Trotz. Problematisch wird’s außerdem, wenn das Plädoyer für mehr Unbekümmertheit in bloße Naivität umschwenkt.

Cam Harrison bindet seine wundersamen Erlebnisse in einem Artikel ab, in dem er die Existenz von Meerjungfrauen bezeugt. Sicher scheint er sich weiterhin nicht. „Denkst du, jemand glaubt es?“, fragt er seine Freundin, die fürsorgliche Herbergsmutter Lorene (Jo Marie Payton, Alle unter einem Dach). Ihre Antwort: „Es zählt nur, dass du es glaubst.“ Dieser Umgang mag für den Weihnachtsmann, Nixen und andere Wunder gelten. Aber als journalistisches Leitprinzip ist das nun wirklich Quatsch mit Soße.

 

Du hast Lust, diesen Film zu sehen? Die kleine Meerjungfrau ist jetzt wahrlich nicht der Gipfel der guten Unterhaltung. Wenn dich der Film jetzt doch wie eine Sirene magisch anzieht (oder du anderweitig Filme einkaufen möchtest), nutze doch den folgenden Affiliate-Link. Kostet dich nix(e) mehr als sonst, hilft aber, den Betrieb dieser Seite zu sichern!

Die kleine Meerjungfrau auf DVD

 

2.0
OVERALL SCORE
journalistenfilme.de-Wertung
Have no any user vote

COMMENTS

WORDPRESS: 0
DISQUS: