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Der Bösewicht, der die Presse rügt: Fantomas (1964)

Auch Superschurken haben das Recht auf eine Gegendarstellung, oder? In Fantomas muss sich ein Journalist für seine Berichte rechtfertigen.

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Auch Superschurken haben das Recht auf eine Gegendarstellung, oder? In Fantomas muss sich ein Journalist für seine Berichte rechtfertigen.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: LEONINE.

Kommen zwei Strunzer in ein Juweliergeschäft und tüten mal eben drei diamantene Colliers ein. Der Verkäufer ist ganz entzückt. Bis auf einmal die trockene Tinte auf dem Scheck verschwindet, mit ihr lösen sich 5,5 Millionen Francs in Luft auf. Komik-Kommissar Louis de Funès ermittelt. Als Täter kommt für ihn nur ein Kopf infrage: Fantomas, Superschurke und Mann der 100 Gesichter. Wie Ethan Hunt von der Impossible Mission Force hat auch er stets die passende Maske in der Hosentasche.

An den genial ausgeführten Verbrechen berauscht sich ganz Frankreich. Nur Journalist Jerome Fandor (Jean Marais), ein alternder Dandy, mag den Hype nicht so recht pflegen, wohlwissend, dass seine Zeitung, „Le Point du Jour“ zu seinen auflagenstärksten Anfütterern in der Pariser Hauptstadt gehört. Fantomas sei eine Erfindung der Polizei, schreibt er, ein Phantom, das von den Unzulänglichkeiten der Ermittlungsbehörden ablenken soll. Was Kommissar de Funès (der freilich anders heißt, hier aber dermaßen grimassierend seinen Durchbruch als Star-Ulknudel feiert, dass ich nicht anders kann, als Louis de Funès zu sehen) prompt als Lügengewebe der Presse abtut.

Fantomas (Jean Marais) ist über die Presse, die er erhält, nicht gerade erfreut.
Fantomas (Jean Marais) ist über die Presse, die er erhält, nicht gerade erfreut.

Fantomas is not amused

Fandors Artikel hat noch weitreichendere Folgen. Nach einer Explosion im Büro seines Chefredakteurs erwacht der Reporter in Fantomas‘ Phantom der Oper-artiger Schurkenbasis. Deren diabolische Ausstattung ließe so manchen Bondbösewicht vor Neid erblassen. „Nun spottest du wohl nicht mehr über mich“, setzt der gekränkte Blue Man Group-Anwärter zur Presserüge an. Fantomas, ein Gespinst der Polizei? Wie Fandor dazu käme, sich so etwas aus den Fingern zu saugen? Außerdem werde sein schurkischer Eifer in ein zu grobes Licht gerückt. „Ich morde zwar ein bisschen“, räumt Fantomas ein, „aber immer mit einem Lächeln im Gesicht.“

Man sieht bereits Fandors Testikel gedanklich durch einen Laserstrahl perforiert, da lässt Fantomas den Journalisten mit salbungsvollen Worten noch einmal vom Haken: „Du hast mich lächerlich gemacht. Aber auch zur Erkenntnis gebracht. Ein großer Mann ist nichts ohne die Presse.“ Was er meint: Fandor soll binnen 48 Stunden eine fantotastische Gegendarstellung lancieren. Würden die folgenden Artikel nicht auf Linie gebracht, gäbe es beim nächsten Mal „tote Reporter“. Dabei huscht dem Schuft kein Lächeln übers Gesicht.  

Keine Gegendarstellung? Rufmord!

Ob Fandor daraufhin bereit ist, das ihm Aufgetragene in die unjournalistische Tat umzusetzen, können wir nicht so recht einschätzen; womöglich schon, schließlich hängt nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Fotografin und Geliebten Hélène (Mylène Demongeot) am seidenen Faden. Aufgrund kurioser Umstände stellt sich dieser Gewissenskonflikt allerdings nicht. Bevor der derangierte Reporter – die Super-Drogen seines Gastgebers wirken nach – überhaupt in der Redaktion aufschlagen kann, führen dessen Arbeitskollegen die „Schmutzkampagne“ gegen Fantomas fort. Inspektor de Funès war mit seiner Gegendarstellung eine Ausgabe schneller.

Dass Fandor gar nicht der Urheber dieser Zeilen ist, diese an sich berechtigte Ausflucht lässt Fantomas nicht gelten, als ihm der erneut verschleppte Reporter ein weiteres Mal gegenübersitzt. Auge um Auge, Ruf um Ruf: „Ich werde ein Monstrum aus Ihnen machen.“ Jetzt zahlt sich der Kniff aus, dass sowohl Fantomas als auch Fandor von Darsteller Jean Marais gespielt werden. Die nächsten aufsehenerregenden Raubzüge werden vermeintlich auf das Konto des Journalisten gehen …

Seine Berichte schlagen durch: Journalist Fandor (ebenfalls Jean Marais) gerät ins Fadenkreuz des Superschurken.
Seine Berichte schlagen durch: Journalist Fandor (ebenfalls Jean Marais) gerät ins Fadenkreuz des Superschurken.

Ein Abbild bürgerlicher Ängste

Damit hat sich der journalistische Plot erledigt. Der Gaga-Faktor hingegen bleibt im ersten Teil der in Frankreich äußerst beliebten Fantomas-Reihe hoch. Das Veröffentlichungsjahr ist 1964, bereits 1965 und 1967 erscheinen die Fortsetzungen Fantomas gegen Interpol und Fantomas bedroht die Welt.

Diese Verfilmungen schmiegen sich an die Romanvorlage der Autoren Pierre Souvestre und Marcel Allain an. Der erste von vielen Krimis über den rücksichtslosen wie einfallsreichen Verbrecher erscheint 1911. Darin lässt sich Fantomas als Abbild bürgerlicher Ängste lesen, in dem sich die sozialen Spannungen Frankreichs zu Beginn des 20. Jahrhunderts spiegeln. In den 1920er- und 1930er-Jahren sehen Teile der Leserschaft in Fantomas die Personifizierung eines erstarkenden Faschismus, noch vor dem Zweiten Weltkrieg flaut die Begeisterung für den Stoff ab.

Ein Anti-Held, der die Autoritäten narrt

In den 1980er-Jahren erscheint ein vom ZDF mitproduzierter Vierteiler, in dem Helmut Berger in die Rolle des Superschurken schlüpft und die düstere Seite der Figur betont. Die Filme mit Jean Marais und Louis de Funès zelebrieren vorrangig den (Anti-)Helden. Fantomas ist ein Anarchist, der sich über Institutionen lustig macht – über eine unfähige Polizei, über eine oberflächliche, sensationslüsterne Presse und über eine Öffentlichkeit, die mit ihrer Empfänglichkeit für Skandalstoffe selbst zur Entstehung von Hypes beiträgt.

Eine Szene führt das besonders deutlich vor Augen: Vor einem Kino wartet eine lange Schlange darauf, Karten für den neuesten Fantomas-Film zu lösen. Rund 40 Jahre später greift David Fincher in Zodiac – Die Spur des Killers ein ähnliches Motiv auf: „Jetzt drehen sie schon Filme über ihn“, winkt der ermittelnde Inspektor Dave Toschi (Mark Ruffalo) entnervt ab, als er beim abendlichen Gang ins Lichtspielhaus feststellen muss, dass Hollywood den Fall, an dem er sich aufreibt, in die Kinosäle zerrt. Gemeint ist der Scorpio-Killer aus Dirty Harry, der die öffentliche Aufmerksamkeit für die realen Zodiac-Morde gezielt zu nutzen wusste.

Hörtipp: Mit Thomas Laufersweiler von SchönerDenken habe ich vor einiger Zeit ausführlich über David Finchers Zodiac geplauscht: in journalistenfilme.de – der Podcast.

 

Mit Louis de Funès an Bord kann’s ja nur gut werden.

Launig, actionreich, sexistisch

Unterschwellig schwingt in Fantomas Kritik an den Autoritäten der Fünften Republik mit (die unter anderem damit beschäftigt war, den Algerienkrieg unter den Teppich zu kehren), vordergründig inszeniert der Film die Schurkereien als schelmischen Spaß, mit spektakulären Verfolgungsjagden über die malerischen Dächer von Paris, rasanten Autostunts und steifen Nippeln, die sich ständig unter der Garderobe von Darstellerin Mylène Demongeot abzeichnen.

Dass es zu Fantomas’ Masterplan gehört, die Frau seines Widersachers wegzunehmen und mithilfe von Drogen gefügig zu machen, ist aus heutiger Sicht mit Blick auf die Geschlechterrollen nur eine von mehreren Befremdlichkeiten am Wegesrand. Immerhin, diese ultimative Rachefantasie wird vereitelt – durch die Eifersucht einer anderen Frau. In solchen Momenten ist dieser ansonsten sehenswerte Krimi-Klamauk schlecht gealtert.

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Lust, diesen Film zu erwerben? Zumindest der erste Fantomas lässt sich locker wegschauen, auch wenn so mancher Umgang mit Frauen sauer aufstößt. Aber was an Stunts anno 1964 im französischen/ europäischen Kino aufgefahren wurde, ist aller Ehren wert. Ich habe durchaus Lust, die Fortsetzungen anzutesten. Alle drei Filme der Reihe gibt es in einer recht erschwinglichen Box, die ich hier per Affiliate-Link verlinke. Wenn du hierüber zuschlägst, kostet dich die Box keinen Franc mehr. Aber du unterstützt journalistenfilme.de, da ich eine kleine Provision erhalte. Die fließt in den Betrieb der Seite, die es immerhin seit über zehn Jahren gibt! Vielen Dank für deinen Support!

Fantomas auf BluRay

3.0
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