Ob Bob Woodward und Carl Berstein ohne ihn ebenfalls zu Legenden des investigativen Journalismus aufgestiegen wären? Über 30 Jahre blieb der wohl berühmteste Whistleblower im Verborgenen. Heute weiß man: Deep Throat war niemand Geringeres als FBI-Vize-Direktor Mark Felt. So wie Regisseur Peter Landesman den 2008 verstorbenen Geheimdienstler darstellt, ist die Enthüllung des Watergate-Skandals vor allem das Verdienst eines grauen Ritters, der seine Behörde verriet, um die freiheitlich-demokratischen Werte seiner Nation zu schützen. The Secret Man schaut sich wie ein Spin-off zu Alan J. Pakulas Die Unbestechlichen – ergänzend und widersprüchlich zugleich.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universum Film.

Nach einem halben Jahrhundert am Ruder der zentralen Sicherheitsbehörde der Vereinigten Staaten verstirbt J. Edgar Hoover an einem Schlaganfall. Nicht wenige hoffen, der berüchtigte FBI-Direktor würde einen Großteil seines Wissens mit ins Grab nehmen. Tut er aber nicht: Die Ergebnisse zahlloser Observierungen und Bespitzelungen hat er fein säuberlich in Dossiers festgehalten. Niemand weiß, welche kleinen und großen Pikanterien in J. Edgar Hoovers Giftschrank schlummern, und das macht die Mächtigen und Reichen nervös.

Im weißen Haus wachsen die Begehrlichkeiten nach mehr Einfluss im Federal Bureau of Investigation. Weshalb der logische Nachfolger Hoovers übergangen wird: Mark Felt ( Liam Neeson) war 1971 zur Assistenz von Hoovers Vertreter Clyde A. Tolson ernannt worden, hatte das FBI aber seitdem insgeheim geführt. Anstatt ihn zum obersten Direktor zu befördern, setzt ihm Präsident Richard Nixon den ehemaligen Navy-Captain und Justizbeamten Louis Patrick Gray vor die Nase. Der Stachel bei Felt sitzt tief, hatte er doch auf diesen Posten hingearbeitet und dafür familiäre Entbehrungen in Kauf genommen. Doch dieser Affront geht über das Persönliche hinaus: Hatte Hoover die Behörde unter seiner Führung abgeschottet,  fürchtet Felt nun die Vereinnahmung des FBIs durch außenstehende Kräfte.

Zwischen Loyalität und Verrat: FBI-Vize Mark Felt (Liam Neeson) steht vor einer schwierigen Entscheidung.

Zwischen Loyalität und Verrat: FBI-Vize Mark Felt (Liam Neeson) steht vor einer schwierigen Entscheidung.

Die Geschichte eines getriebenen Patrioten

Schnell stellt sich heraus, die Ahnungen des neuen Vize-Direktors sind nicht aus der Luft gegriffen. Nur wenige Stunden nachdem fünf Männer in der Nacht zum 17. Juni 1972 in das Hauptquartier der Demokratischen Partei eingestiegen sind, reimen sich Mark Felt und sein Team die wahren Hintergründe des Watergate-Einbruchs zusammen. Die Ermittlungen offenbaren, dass die Drahtzieher im Stab des Präsidenten zu suchen sind – kurz vor der Präsidentschafts(wieder-)wahl im November spioniert eine republikanisch geführte Regierung also die politische Konkurrenz aus. Felt, selbst Anhänger der Demokratischen Partei, sieht darin nicht nur einen illegalen Akt, sondern einen Angriff auf die amerikanischen Grundfeste. Die heiße Frage, die sich stellt: Bis wohin reichen die Verstrickungen? Genießt der Lauschangriff gar den präsidialen Segen? Inmitten dieser Überlegungen pfeift Direktor Gray seinen Vize zurück und erklärt die Ermittlungen offiziell für beendet – für Felt ein untrügliches Zeichen dafür, dass er der Wahrheit zu nahe gekommen ist…

Peter Landesman erzählt die Geschichte eines getriebenen Patrioten zwischen Loyalität und Verrat, der seine Wahl zugunsten eines höheren Wohls fällt. Er gibt Deep Throat, einer Quelle, die nach einem Pornofilm benannt wurde, nicht nur ein Gesicht, sondern eine Agenda. The Secret Man holt den Informanten aus der Passivität der Geschichte. Bevor Mark Felt 2005 enttarnt wurde, wusste man – in erster Linie aus den Schilderungen von Bob Woodward und Carl Bernstein – dass die Journalisten einen Mitwisser ausfindig gemacht hatten, der ihnen in nächtlichen Treffen bereits recherchierte Fakten und Thesen bestätigte.  Mittlerweile weiß man, dass sich Bob Woodward und Mark Felt schon länger kannten. Vor seiner journalistischen Karriere hatte Woodward im Weißen Haus hospitiert, wo sich die beiden irgendwann zwischen 1969 und 1970 begegneten. Als Woodward seinen Kontakt erstmals in Sachen Watergate anzapfte, musste der Journalist – so schreibt es die Geschichte – echte Überzeugungsarbeit verrichten, um Felt als Informanten zu gewinnen.

Aus dem Schatten: The Secret Man gibt Mark "Deep Throat" Felt nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Agenda.

Aus dem Schatten: The Secret Man gibt Mark „Deep Throat“ Felt nicht nur ein Gesicht, sondern auch eine Agenda.

The Secret Man tritt aus dem Schatten hervor

The Secret Man bricht mit dem Narrativ des „beackerten“ Whitleblowers. Peter Landesmans Felt hat ein Motiv, ein begründetes Interesse. Freilich muss dieses erst keimen. Als es jedoch soweit ist, ist Felt derjenige, der den Kontakt sucht, Das Treffen in der Tiefgarage ist der szenische Schnittpunkt,  an dem sich die Erzählungen von The Secret Man und Die Unbestechlichen kreuzen: In The Secret Man geht Mark Felt weitaus forscher auf Bob Woodward zu. Er tritt aus jenem Schatten hervor, den Deep Throat in Alan Pakulas filmischer Journalisten-Fibel aus nahe liegenden Gründen nicht verlässt: Die Journalisten der Washington Post hatten Felt absolute Anonymität zugesichert, und der Film führt diesen Informantenschutz fort, indem er keinen Nährboden für Spekulationen bietet.

Auch im Umgang mit Woodward ist Felt wesentlich bestimmter. Er belässt es nicht bei Bestätigungen und vagen Andeutungen – das berühmte Die Unbestechlichen-Zitat „Follow the Money“ kommt in The Secret Man nicht vor –, er nötigt sein Gegenüber beinahe, den Notizblock zu zücken. Zu wichtig ist ihm sein Anliegen, als dass er Zeit verlieren möchte. Der Reporter tut wie ihm geheißen. Fast unnötig zu erwähnen, dass Schauspieler Julian Morris „seinen“ Woodward deutlich grünschnäbeliger anlegt als Robert Redford vor über 40 Jahren.

Mit einem Motiv tritt der Whistleblower Felt wesentlich forscher auf - er sucht aktiv das Gespräch mit der Presse.

Mit einem Motiv tritt der Whistleblower Felt wesentlich forscher auf – er sucht aktiv das Gespräch mit der Presse.

Kein Journalistenfilm, sondern ein Film über einen Whistleblower

Natürlich: The Secret Man basiert auf den späten Memoiren des ehemaligen Nazi-Jägers und FBI-Oberen, Die Unbestechlichen auf All The Presidents Men, auf einem Buch, das Woodward und Bernstein wenige Jahre nach der Enthüllung des Skandals geschrieben haben. Bedenkt man die unterschiedlichen Blickwinkel, den zeitlichen Abstand und die eine oder andere Eitelkeit zugunsten der Dramaturgie, dann erscheint diese Diskrepanz wenig verwunderlich. Einen verbrecherischen US-amerikanischen Präsidenten gestürzt zu haben, das ist eben etwas, wofür man sich gerne auf die Schulter klopfen lässt. Sowohl im Fall von Felt, der ja nur eine Quelle unter vielen war und Bestehendes bestätigt hat, als auch in dem von Woodward und Bernstein lässt sich trefflich darüber debattieren, wie hoch der Anteil am Sturz Richard Nixons tatsächlich war. Oder ob „Tricky Dick“ letztlich nicht doch einfach über seine eigenen präsidialen Schweinereien gestolpert ist.

Darüber hinaus gehört das konspirative Tiefgaragentreffen nicht zu den Schlüsselszenen in The Secret Man. Felts Entscheidung ist zu diesem Zeitpunkt längst gefallen, er hat bereits vorher mit dem, ihm offensichtlich vertrauteren, TIME-Reporter Sandy Smith (Bruce Greenwood) über seine Absichten gesprochen. Die Screen Time der Journalisten ist überschaubar, im Grunde ist The Secret Man kein Journalistenfilm, sondern ein Film über einen Whistleblower. Für Peter Landesman ist Mark Felt schließlich die entscheidende Figur („the one”) in dieser Geschichte: „He wasn’t just doing his job, he was sacrificing his own life.”

Miese Miene zum miesen Spiel: Mark Felt muss akzeptieren, dass sein Vorgesetzter, Louis Patrick Gray (Marton Csokas, rechts), die Watergate-Ermittlungen offiziell für beendet erklärt.

Miese Miene zum miesen Spiel: Mark Felt muss akzeptieren, dass sein Vorgesetzter, Louis Patrick Gray (Marton Csokas, rechts), die Watergate-Ermittlungen offiziell für beendet erklärt.

Experte für verschwörerische Stoffe

Welcher Darstellung man nun folgt, liegt bei einem selbst. Was bleibt, ist ein spannungsgeladenes Vergnügen. Als Spin-off zu Die Unbestechlichen atmet The Secret Man den stimmungsvollen wie dialoglastigen Geist eines 1970er-Jahre-Verschwörungsthrillers. Der ehemalige New York Times-Journalist Landesman stellt erneut unter Beweis, dass er ein Experte für derartige Stoffe ist. Nicht zuletzt schrieb er das Buch zu Kill The Messenger (2014): Der Journalistenthriller erzählt die Geschichte des investigativen Reporters Gary Webb, der in den 1990er-Jahren den Kokainschmuggel von Kolumbien über Nicaragua in die USA nach verfolgte und auf die fragwürdige Rolle amerikanischer Behörden hinwies, von seinem eigenen Berufsstand in die Mangel genommen und einige Jahre später tot aufgefunden wurde.

In einer kurzen, aber zentralen Szene trifft Gary Webb einen undurchsichtigen Informanten in den Washingtoner Constitution Gardens – The Secret Man spielt fast ausschließlich in der US-Hauptstadt. Der Regierungssitz gehört eindeutig zu den Hauptdarstellern des Films. Peter Landesman inszeniert die Stadt in vielen dunklen, nächtlichen Aufnahmen als einen unantastbaren Gegenspieler, als Moloch, in dem Politik und Paranoia miteinander verschmelzen. Alan Pakula hätte seine helle Freude gehabt.


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