Polizistin Karin Wegemann beim konspirativen Austausch mit Journalist Mark Fellner.

Von seinen Lesern nicht ernst genommen, von den Mächtigen mundtot gemacht: Schlimmer kann es einen Journalisten nicht treffen. Mark Fellner (André Szymanski) verkörpert in Operation Zucker. Jagdgesellschaft den Idealtypus eines investigativen Reporters. Und dennoch findet er kein Gehör – angesichts des brisanten Themas, das der Kinderschänder-Krimi verhandelt, ist das fatal.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: ARD.

Mutig, schonungslos, eines öffentlich-rechtlichen Senders mehr als würdig – das war der Twitter-Tenor am vergangenen Mittwoch zur Primetime. Das Erste zeigte den zweiten Teil der Operation Zucker – Reihe. Schon der erste Fernsehfilm aus dem Jahre 2012 wühlte auf, die Jagdgesellschaft setzte – gemessen an den Reaktionen in den Social Media – noch einen drauf. Wohl wissend, dass die Realität noch grausamer ist: Das skrupellose Gebaren der Vergewaltiger und das entsetzliche Leid der Kinder waren für viele Zuschauer nur schwer zu verdauen. Ein Film, wie ein harter Schlag in die Magengrube.

So hart, dass es sich beinahe unanständig anfühlt, das Schlaglicht auf einen Nebenaspekt der Erzählung zu werfen. Aber gerade weil Operation Zucker. Jagdgesellschaft ein derart heikles wie wichtiges Thema behandelt, lohnt es sich, das Journalistenbild in diesem Film genauer zu betrachten. Schließlich legt dieses Bild einen besonders pessimistischen Rückschluss nahe: Wenn es dem Journalismus nicht mal mehr gelingt, mit Enthüllungen zur Kinderprostitution für einen Aufschrei zu sorgen – was ist ihm dann überhaupt noch zuzutrauen?

Szene aus dem Film Operation Zucker. Jagdgesellschaft: Die ehemalige LKA-Beamte kann vom Kampf gegen den systematischen Kindesmissbrauch nicht aufgeben. Hier nähert sie sich einer kleinen Zeugin.

Die ehemalige LKA-Beamte Wegemann: kann vom Kampf gegen den systematischen Kindesmissbrauch nicht aufgeben. Hier nähert sie sich einer kleinen Zeugin.

Gut recherchiert, aber niemand glaubt’s

Dabei beginnt die Geschichte – durch die Journalistenbrille betrachtet – recht vielversprechend. Die ehemalige LKA-Beamtin Karin Wegemann (Nadja Uhl) ist von ihrem Kampf gegen den sexuellen wie systematischen Missbrauch von Kindern gezeichnet: Sie hat sich aus dem aktiven Dienst an die Polizeischule versetzen lassen, um Abstand zu gewinnen. Doch der Tapetenwechsel verschafft ihr keine Ruhe. Im Gegenteil: Nervlich angeschlagen, ringt sie in einer Gaststätte einen vermeintlichen Pädophilen nieder – einen Mann, der lediglich seinen blinden Sohn auf die Toilette begleitet.

In dieser Situation tritt der Journalist Mark Fellner an sie heran. Dank seiner Recherchen verfügt dieser über brisante Informationen, die zur Enttarnung eines Kinderschänderrings beitragen können. Doch Fellner hat ein Problem, wie er schnell eröffnet: „Meine Leser lesen meine Artikel. Sie glauben ihnen aber nicht.“ Der hat gesessen. Dass der Journalismus ein Glaubwürdigkeitsproblem besitzt, das ist an sich noch nichts Neues. Dass es allerdings schon so weit gekommen ist, dass er nicht mal als Alarmsignal funktioniert, wenn die Unversehrtheit von Kindern gefährdet ist, stimmt nachdenklich.

Mark Fellner in kohlhaas’scher Tradition

Gerade bei einem Aufreger-Thema wie Kinderprostitution erwartet man, dass selbst der hinterletzte Lügenpresse-Krakeeler betroffen aufheult. Stattdessen: Journalismusverdrossenheit im Endstadium. Ein Zustand, für den Mark Fellner herzlich wenig kann. Er gehört zu den gewissenhaften Vertretern seiner Zunft. Bestens informiert ist Fellner niemand, der bloß seine Chronistenpflicht erfüllt – sein Journalismus ist von aufopferungsvollem Idealismus geprägt.

Die Geschichte ist ihm wichtig, noch wichtiger ist ihm jedoch, was diese Geschichte bewirkt. Dafür tritt alles andere in den Hintergrund. Während seiner Recherchen nimmt nicht er auf nichts und niemanden Rücksicht. Nicht mal auf sich selbst: Fellner raucht Kette und fährt ein klappriges Auto, hart am Rande der Verkehrstauglichkeit. Das Magazin, für das er schreibt, ist nach dem größten Überzeugungsquerulanten benannt, den die deutsche Literatur je gekannt hat: Michael Kohlhaas.

Retro-Journalist zum Gernhaben

Der Rückbezug auf eine Figur der deutschen Romantik symbolisiert nicht nur die Nonkonformität des Journalisten, er entlarvt ihn auch als einen Vertreter der alten Schule. Die Gegenstände, die ihn umgeben, unterstreichen diesen Status. Fellner weiß zwar mit Datensticks und PrePaid-Handys umzugehen, sein Lebensstil ist allerdings durch und durch „retro“. Das Kassettendeck in seinem Wagen ist ein Wink an die gute, alte – analoge – Zeit. In seinem Tweed-Sakko wirkt er wie ein Relikt aus den 1970er Jahren – das goldene Jahrzehnt des investigativen Journalismus. Fehlt nur, dass Mark Fellner Schlaghosen trägt und seine Artikel auf der Olympia-Schreibmaschine verfasst.

Der Mensch schwelgt gerne in Nostalgie, Nostalgie schafft eine gemeinsame Basis und damit Vertrauen. Diese Vertrautheit und Fellners moralisch einwandfrei justierter Wertekompass machen ihn zu einer integren, sympathischen Journalistenfigur. Lediglich ein scheinbar unauslöschliches Filmjournalisten-Klischee trübt diesen Gesamteindruck: Wieder einmal geht der Journalist zuerst ins Bett, bevor er zum Geschäftlichen kommt – die sexuelle Vereinigung als Vertrauensgrundlage scheint als Motiv fest in den Köpfen der Drehbuchautoren verankert zu sein, wenn es an die Einführung einer Journalistenfigur geht.

Die Glaubwürdigkeitsfalle schnappt zu

Der Gedanke hinter diesem ausgelutschten Kniff ist klar: Die Bettgeschichte soll eine emotionale Verbindung zwischen den Figuren schaffen. Oft genug jedoch werden die Körpersäfte ansatz- und motivationslos ausgetauscht – auch in Operation Zucker springt Mark Fellner ohne Vorwarnung in die Kiste von Karin Wegemann – so dass sich dieses Motiv häufig auf den Tauschhandel Sex gegen Informationen reduzieren lässt. Zur Ehrenrettung Fellners sei gesagt: Im weiteren Verlauf des Filmes entwickelt sich eine Bindung, die sowohl über das reine Körperliche als auch über das Arbeitsverhältnis hinaus geht – der schale Beigeschmack des anfänglichen One Night Stands wird neutralisiert.

Obwohl Mark Fellner in Operation Zucker alle positiven Eigenschaften mitbringt, um die Welt mit seinem Journalismus besser zu machen, bleibt ihm der entscheidende Scoop verwehrt. Das liegt einerseits an der Tatsache, dass hochrangige Amt- und Würdenträger in den Skandal verwickelt sind, die selbstredend alle Hebel in Bewegung setzen, um Fellner zum Schweigen zu bringen. Bleibt das Problem der Glaubwürdigkeit. Natürlich lässt sich dieses Problem zu Gunsten des Journalisten umdeuten, indem man den Fehler bei den Lesern sucht: Kinderhandel und -prostitution werden in diesem Land nicht wahrgenommen oder – schlimmer – stillschweigend hingenommen, die Reportagen des Investigativreporters geben nur das wieder, was ohnehin jeder ahnt, aber niemand lesen will.

Operation Zucker ist auch eine Warnung

Allerdings: Genau dieser Irrglaube – die Gründe für Krise des Printjournalismus ausschließlich beim Leser suchen zu wollen  – ist einer der Gründe für die Krise des Printjournalismus. Also rücken wir von dieser Deutung ab. Mark Fellner ist geerdet genug, um seine missliche Lage objektiv einzuschätzen. Der Journalismus hat an Glaubwürdigkeit eingebüßt. Warum das so ist, das muss der Film nicht erklären, die Branche liefert selbst genügend Anhaltspunkte – wie etwa jüngst im Zuge der Berichterstattung rund um die Silvesterübergriffe in Köln und anderen Städten.

Umso bemerkenswerter, dass ein Film, der zu diesem Urteil kommt, selbst journalistische Funktionen erfüllt: Operation Zucker. Jagdgesellschaft stellt ein Milieu vor, weist auf bestehendes Unrecht hin, klagt Täter und Mitwisser an, appelliert an die Gesellschaft. Genau dies sind die Anliegen des Mark Fellner. Doch der (Print-)Journalist bleibt ungehört (vielleicht sollte er aufhören, in den Siebzigern zu leben und sich endlich einen Twitteraccount anlegen?). Der Film hingegen erreicht die Leute. Ein Fingerzeig für Journalisten? Natürlich kann ein Spielfilm Journalismus nicht ersetzen. Allerdings ist der Spielfilm als Medium in der Lage, ein kollektives Bewusstsein für Themen zu erzeugen. Eine Eigenschaft, die der Journalismus in der Vergangenheit gerne exklusiv für sich beanspruchte (Stichwort: Gatekeeper). Fellners stummes Wirken ist zumindest eine publizistische Dystopie, eine Warnung: Wenn die Lügenpresse erstmal Konsens ist, wird das Entkommen aus der Glaubwürdigkeitsfalle ungleich schwerer. Selbst für den tugendhaftesten Reporter.