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Mobbing als Ethos? Miranda Priestly in Der Teufel trägt Prada (2006)

In „Der Teufel trägt Prada“ landet eine junge Reporterin bei einem Modeblatt – dessen Chefin, Miranda Priestly, führt ein strenges Regiment.

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In „Der Teufel trägt Prada“ landet eine junge Reporterin bei einem Modeblatt – dessen Chefin, Miranda Priestly, führt ein strenges Regiment.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Twentieth Century Fox.

Andy Sachs (Anne Hathaway, Das Letzte, was er wollte) träumt davon, als Journalistin in New York Fuß zu fassen. Zwar verfügt die ambitionierte Nachwuchsreporterin aus dem Mittleren Westen über lokaljournalistische Erfahrungen – doch jetzt, wo sie in dieser Wahnsinns-Metropole angekommen ist, schrumpfen die Headlines in ihrem Ordner veröffentlichter Meriten regelrecht auf Provinz-Niveau zusammen. Ohne Kontakte und Selbstbewusstsein scheinen ihr die Türen zu den angesehenen Zeitungshäusern verschlossen zu sein.

In dieser Situation wird sie auf ein Stellenangebot aufmerksam: Miranda Priestly (Meryl Streep, Die Verlegerin), Chefredakteurin des führenden Modemagazins Runway, fahndet nach einer zweiten Assistentin. Es heißt, ein Jahr in ihrer Redaktion eröffne den Weg zur journalistischen Welt. „Millionen Frauen“ würden daher für diesen Job „sterben“.

Miranda Priestly führt das Heft wie tyrannisches Regime

Obwohl Andy augenscheinlich fehl am Platze ist – sie interessiert sich weder für Mode, geschweige denn für Modejournalismus –, bewirbt sie sich um den Posten. Das Vorstellungsgespräch mit der hartherzigen Miranda Priestly verläuft katastrophal. Umso erstaunter ist sie, als sie den Zuschlag erhält. Doch hinter der ohnehin schon zweifelhaften Job Description tut sich schon bald das Tor zur Arbeitshölle auf: Von Tag eins an scheint es so, als sei Andy bloß angestellt worden, um den Launen ihrer Chefin ausgeliefert zu sein.

Doch es stellt sich heraus: Sie erfährt die Schikanen bei weitem nicht exklusiv. Priestly kommandiert das Magazin wie ein tyrannisches Regime. Ihre Ansagen sind stramm, ihre Ansprüche überzogen. Ihre ungeschriebenen Redaktionsgesetze erzeugen ein Klima der Angst. Schon ein falsch angerührter Kaffee kann zum Kündigungsgrund ausarten.

Miranda Priestly (Meryl Streep) kommandiert ihre Mitarbeiterinnen ziemlich rigoros herum.
Miranda Priestly (Meryl Streep) kommandiert ihre Mitarbeiterinnen ziemlich rigoros herum.

Erst gefeiert, inzwischen gefallen: Das Phänomen Girlboss

Andy ist sich sicher: Diesen Job wird sie keinen Monat lang ertragen. Doch nach einigen Demütigungen sowie dem gut gemeinten Rat von Priestlys Vertrautem Nigel (Stanley Tucci, u.a. Der Reporter, Spotlight), sie möge ihre allzu offensichtliche Verachtung für die Modewelt ablegen, nimmt Andy den Kampf gegen die Erwartungen ihrer Chefin auf …

Der Teufel trägt Prada zählt zu den prägenden Hollywood-Komödien der 2000er-Jahre. Meryl Streeps herausragende Performance als gefühlskalte, berechnende Blattmacherin hat nicht nur in der Popkultur Spuren hinterlassen: Miranda Priestly gilt als fiktives Musterbeispiel einer Erscheinung, die zu Beginn des neuen Jahrtausends als weibliche Antwort auf das männliche Gebaren in der Geschäftswelt gefeiert wurde. Die Figur des „Girlboss“ zeigte es den „Herren der Schöpfung“, indem sie ohne Rücksicht auf maskuline Befindlichkeiten in die Führungsebenen vordrang.

Was wäre, wenn die Priestly ein Mann wäre … ?

Inzwischen wird dieses Bild als Ausdruck eines falsch verstandenen, unsolidarischen Feminismus abgelehnt. Das Streben nach Gleichberechtigung dürfe nicht dazu führen, dass Frauen die ausbeutenden Machtstrategien des Patriarchats abkupferten. Nun ist Der Teufel trägt Prada ein Kind seiner Zeit – und selbiger doch etwas voraus.

In einer Szene spricht Nigel die Crux offen aus: Wäre Miranda Priestly ein Mann, würde er für seinen „konsequenten“ Führungsstil wahrscheinlich gefeiert werden. Was aus moralischer Perspektive freilich keine Mobbing-Methoden rechtfertigt – das ist es, was Der Teufel trägt Parda vordergründig zu tun scheint: Priestly steht genau dort, wo sie stehen sollte. Daran lässt das filmische Auge keinen Zweifel.

Was tun, gegen die ständigen Mobbereien durch die Cheffin? Nigel (Stanley Tucci) empfiehlt Andrea (Anne Hathaway) erstmal - natürlich - ein Umstyling.
Was tun, gegen die ständigen Mobbereien durch die Cheffin? Nigel (Stanley Tucci) empfiehlt Andrea (Anne Hathaway) erstmal – natürlich – ein Umstyling.

Mobbing, getrieben von einem hohen Arbeitsethos

Die Arbeitsweise der Magazinchefin zeichnet sich durch ein hohes Ethos aus, sie ist unbestritten eine Koryphäe auf dem Gebiet. Diejenigen, die nach ihrer Stellung trachten, können weder fachlich noch charakterlich mit der Priestly mithalten. Daher sehen wir ihr im letzten Drittel des Films dabei zu, wie sie ihr System mit knallharten, ja überkompensatorischen Mitteln zu verteidigen weiß. Dass wir ihr dabei die Daumen drücken, ist ein kleines, dramaturgisches Kunststück.

Miranda Priestly ist ein Amalgam aus Gegenspielerin und Sympathieträgerin. Letztere, obwohl sie ein brutaler Machtmensch ist, der sich etlicher arbeitsrechtlicher Vergehen schuldig macht. Dass wir ihr diese Vergehen nachsehen, liegt auch am satirischen Ton des Films (und natürlich an der großartigen Meryl Streep!): Die kleinen und größeren Bosheiten der Priestly sind derart überzeichnet, dass wir über sie lachen müssen. Wenn sie Andy Morgen für Morgen ihre extravagantesten Mäntel auf den Schreibtisch knallt, erinnert das an den trockenen Witz von Und täglich grüßt das Murmeltier.

Miranda Priestly als Spiegelbild mieser Vorgesetzter

Gleichzeitig überschreiten die Launen der unnahbaren Chefredakteurin nie die Grenze zur Groteske. Die Figur der Miranda Priestly ist ein Zerrspiegel, in dem die Konturen jenes Vorgesetzten oder jener Abteilungsleiterin erkennbar sind, den oder die jeder von uns schon mal in irgendeiner Weise erlebt hat – sei es in Form absurder Arbeitsanweisungen, unangebrachter Kommentare oder gar verletzender Verhaltensmuster.

Der Film tut gut daran, diese Doppelbödigkeit nie ganz aufzugeben. In seinen schwächeren Momenten droht er, in Kitsch und einer moralisch fragwürdigen „Du musst nur wollen“-Botschaft zu versinken. In seinen hellen Momenten legt er die Druckpunkte der amerikanischen Arbeitswelt und einer in ihr verankerten „Hire and Fire“-Mentalität offen. So gesehen könnte die Geschichte von Der Teufel trägt Prada in ihren Grundzügen in jedem anderen Arbeitsumfeld spielen.

Miranda Priestly ist nicht nur Chefredakteurin des wichtigsten US-Modemagazins, sondern eine Marke. Entsprechend ist das mediale Interesse.
Miranda Priestly ist nicht nur Chefredakteurin des wichtigsten US-Modemagazins, sondern eine Marke. Entsprechend ist das mediale Interesse.

Anna Wintour und die Vorlage zu Der Teufel trägt Prada

Dass sie den Modejournalismus als Setting wählt, liegt in der Vorlage begründet: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von Lauren Weisburger, die nach ihrem Abschluss Mitte der 90er-Jahre zeitweise als Assistentin von Anna Wintour, langjährige Chefredakteurin der US-Vogue, arbeitete. In dieser Funktion zählt Wintour zu den einflussreichsten Frauen im Mode-Business, die Karrieren von Designern wie John Galliano geebnet hat. Sie gilt nicht erst seit der Veröffentlichung von Der Teufel trägt Prada als streitbare Geschäftsfrau. Obwohl Weisberger nie klarstellte, inwiefern sich Miranda Priestly und Anna Wintour in ihrem Wesen überschneiden, trugen sowohl der Roman als auch der Film dazu bei, den Wintour-Mythos zu entzaubern – gewissermaßen nimmt ihre Rezeption die des „Girlboss“-Phänomens vorweg.

Einblicke in den Modejournalismus selbst gewährt Der Teufel trägt Prada nur begrenzt. Dieser wird in der Realität – unter dem Eindruck der Äußerlichkeiten, die in dieser Branche zur Schau getragen werden – häufig belächelt. Der Film spielt bewusst mit diesem Image des Oberflächlichen. „Du interessierst Dich doch nicht für Mode. Du wolltest doch Journalistin werden“, entrüstet sich Miranda Priestlys erste Assistentin Emily (Emily Blunt, Oppenheimer), als ihr Gewahr wird, dass Andy im Begriff ist, sie in der Hierarchie zu überholen. Gleichzeitig macht der Film sehr sowohl deutlich: Dieses Geschäft ist für viele Menschen ein wichtiger Berufs- und Lebensinhalt. Nicht umsonst gibt Protagonistin Andy im Verlauf der Handlung ihre anfängliche Verachtung auf.

Wenig Einblicke in den Modejournalismus an sich

Ob die Branche dadurch sympathischer erscheint, liegt im Auge des Betrachtenden. Sieht man davon ab, dass die Produktion eines Modemagazins kein Selbstläufer ist, sondern mit vielen, kleinteiligen Arbeitsschritten verbunden ist, fängt die Kamera keine genuin journalistischen Schaffensprozesse ein. Die Abläufe in der Redaktion sind ausschließlich organisatorischer Natur – vor allem gilt es, Kleidung, Designer und Models für Foto-Shootings zu koordinieren.

So, wie der Film ihn skizziert, scheint der Modejournalismus in erster Linie eine kuratierende Funktion zu haben. Das häufig geäußerte Vorurteil, diese journalistische Spielart bestünde primär aus Produktplatzierungen, wird in Der Teufel trägt Prada nicht entkräftet. Zwar nimmt Miranda Priestly keine unethischen PR-Angebote an. Gleichwohl ist sie sich ihrer Bedeutung für den Absatzmarkt bewusst und geriert sich entsprechend als Hüterin der Haute Couture. Sie ist es, die über Laufsteg oder Mottenkiste entscheidet.

Christian Thompson (Simon Baker) inszeniert sich als journalistischer Mentor. Doch seine Absichten sind maximal unangenehm.

Das männliche Gegenstück zur Reporter-Kurtisane

Immerhin: In dem, was Miranda Priestly tut, ist sie geradliniger als manch anderer Vertreter ihrer Zunft. Christian Thompson (Simon Baker, L.A. Confidental) etwa steht für einen intellektuellen Journalismus, zumindest will es uns dies der Film anfangs glauben machen. Andy Sachs sieht in ihm ein Vorbild. Sie begegnet ihm erstmals auf einer Party. Später ist ihr der Reporter dabei behilflich, den neuesten unveröffentlichten Harry Potter-Band zu beschaffen – ein besonders unmöglicher Auftrag der Priestly, die mit dem Manuskript die eigenen Kinder beglücken (respektive ruhigstellen) möchte. Hier stellt sich bereits die Frage: Was soll man von einem Journalisten halten, der urheberrechtlich geschütztes Material weitergibt und durch literarische Piraterie auffällt?

Doch es geht noch doller: Thompson lockt Andy seinem New Yorker Netzwerk, erwartet dafür jedoch amouröse Zuwendungen. Lange gelingt es der vergebenen Andy, Thompsons Übergriffe ins Leere laufen zu lassen. Als ihr fester Beziehungsstatus bröckelt, landet sie schließlich doch mit Thompson im Bett.

Der Journalismus kann in Der Teufel trägt Prada wenig glänzen

Das böse Erwachen folgt am nächsten Morgen. Thompson ging es nicht nur um die Eroberung, sondern darum, Andys Vertrauen auszunutzen, um eigene Interessen zu verfolgen. Der manipulative Aufreißer wird so zum männlichen Gegenstück eines unsäglichen Stereotyps, das leider viel zu oft weiblichen Filmfiguren zugeschrieben wird: Die Kurtisane im Reporterinnengewand, die ihre Informationen auf sexuellem Wege erschleicht. Mit dem Unterschied, dass es Thompson nicht einmal um journalistische Berichterstattung geht. Ohne zu viele Details zu verraten: Seine Motivation ist schlicht der schnöde Mammon.

Mit einer Mrianda Priestly und einem Christian Thompson als vorderste Vertreter ihrer Profession, kann ein Film wie Der Teufel trägt Prada zwangsläufig nur wenig glanzvolle Momente für den Journalismus parat halten. Dennoch bleibt er bis zum Schluss ein erstrebenswertes Ziel. Für Andy münden die Irrungen und Wirrungen in der Welt des Glamours in einem Happy End. Sie erhält die Möglichkeit, bei einer renommierten Zeitung vorzusprechen. Ihrer Bewerbung liegt ein Empfehlungsschreiben bei. Ausgerechnet unterzeichnet von der eiskalten Runway-Chefin Priestly.

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Das Cover von Der Teufel trägt Prada.

Der Teufel trägt Prada auf BluRay.

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