Manche Geschichten sind zu gut, um wahr zu sein. In den späten 1990er-Jahren schüttelt der junge Reporter Stephen Glass einen Scoop nach dem anderen aus dem Ärmel. Bis die Konkurrenz einmal genauer hinsieht und die glanzvolle Arbeit des Nachwuchsjournalisten als dreisten Betrug entlarvt. Stephen Glass Reputation ist dahin – und die seines Arbeitgebers gleich mit. Die Chefredaktion des Politmagazins The New Republic hatte dessen Schelmenstücke nämlich begeistert ins Blatt gewunken. Shattered Glass erzählt die Geschichte dieses US-Medienskandals und appelliert dabei an die Wichtigkeit von seriösen Faktenchecks. Ein Appell, der in Zeiten von Hoaxes, Urban Legends und Fake News nichts von seiner Dringlichkeit eingebüßt hat.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Lions Gate Film.

Traumberuf Journalist: Der junge Stephen Glass (gespielt von Hayden „Anakin Skywalker“ Christensen) arbeitet an der großen Schreiberkarriere. Für dieses Ziel nimmt er den Liebesentzug seiner Eltern in Kauf – denn die hatten für ihren Spross eine Zukunft als Anwalt oder Mediziner vorgesehen. Hauptsache ehrbar. Ob Mutter und Vater Glass den Scherbenhaufen vorausgeahnt haben, den ihr Sohnemann Stephen hinterlassen wird? Dies anzunehmen, wäre zuviel der selbsterfüllenden Prophezeiung. Schließlich scheint dieser junge Mann, der uns selig dreinblickend entgegenschlendert, eine berufliche Laufbahn eingeschlagen zu haben, die ihn persönlich erfüllt. Nicht, dass er es bereits nach ganz oben geschafft hätte. Aber er ist auf einen guten Weg dorthin. Mit Anfang zwanzig kann Stephen Glass Textarbeiten in renommierten US-Magazinen wie Harper’s oder Rolling Stone als Referenzen vorweisen. Kein schlechter Start für einen angehenden Journalisten.

In seinem Heimatort ist man deswegen gehörig stolz auf ihn. Gedankenversunken schwebt Stephen Glass durch die Gänge seiner ehemaligen Schule. An einer Wand hängt eine Collage ausgewählter Artikel aus der Feder des Vorzeigeabsolventen. In wenigen Minuten wird der in seinem alten Klassenzimmer einen inspirierenden Vortrag über den Journalismus halten. Noch ist das Plenum verwaist. Die ersten Worte richten sich exklusiv an uns. Aus dem Off doziert Überflieger Glass über sein journalistisches Selbstverständnis: „Einige Journalisten denken, es wäre der politische Inhalt, der eine Story bemerkenswert macht. Ich glaube, es sind die Menschen. Ihre Eigenarten, ihre Schwächen, was sie komisch, was sie menschlich macht. Journalismus ist die Kunst Verhaltensweisen einzufangen.“

Höher, schneller, unglaublicher - Stephen Glass (Hayden Christensen) zieht mit seinen Lügen-Extrakten die Redaktionskonferenz in den Bann.

Höher, schneller, unglaublicher – Stephen Glass (Hayden Christensen) zieht mit seinen Ammenmärchen die Redaktionskonferenz in den Bann.

Ein journalistischer Münchhausen

Bevor uns die Ergriffenheit unseres Protagonisten noch misstrauisch macht (einen derart nostalgischen Trip zurück an den Ort, an dem alles angefangen hat, tritt man normalerweise in einem gesetzteren Alter an; dann, wenn ein Lebensabschnitt zu Ende geht und eine Rückschau verdient), schaltet „Shattered Glass“ in den Rückblendenmodus. Süßholzraspelnd tingelt Stephen Glass  durch die Räume des traditionsreichen Politmagazins The New Republic. Hayden Christensen kann es einfach nicht lassen. Das geistige Auge spult bereits ein Worst-of seiner hölzernen Star Wars-Performances ab. Da geschieht das Unerwartete: Christensen streift die Last des Jedis ab und liefert eine überraschend gute Darstellung eines ehrgeizigen Jungjournalisten. Charismatisch. Etwas spleenig. Vor allem aber idealistisch gepolt. Überstunden und Unterbezahlung sind Begleitumstände, die dieser junge Reporter für seinen Traum in Kauf nimmt. Der Lohn ist das Privileg der Verantwortung, das seinem Wirken innewohnt. Mit seinen Texten – The New Republic gehört immerhin zum festen Lektüreinventar der Präsidenten-Maschine Air Force One – erreicht er Entscheider und Meinungsführer. Was will Journalist mehr?

Doch die Fassade bekommt schnell erste Risse. Unter diesem zur Schau getragenen Berufsethos schimmert jener Stephen Glass durch, der es nicht so genau mit dem Pressekodex hält. Dass besondere Recherchen besondere Maßnahmen erfordern, gibt Glass vor mittlerweile versammelter Klasse mit einem verschmitzten Lächeln noch zu. Um etwa die exzessive Abendgestaltung der Jungen Republikaner während eines Kongresses an die Öffentlichkeit zu zerren, mischt sich Glass getarnt als konservativer Jungpolitiker unter die Leute. Eine verdeckte Recherche, die zumindest abwägungswürdig ist. Doch mit Spitzfindigkeiten wollen wir uns hier und heute nicht aufhalten. Nach einem Drittel der Spielzeit stehen nämlich nicht einzelne Recherchemethoden in Frage. Sondern Stephen Glass gesamte Glaubwürdigkeit und Integrität als Journalist.

Vom Hack Heaven in die Hölle - die Fake-Geschichte über einen 15-jährigen Hack ist Stephen Glass' Anfang vom Ende.

Vom Hack Heaven in die Hölle – die Fake-Geschichte über einen 15-jährigen Hack ist Stephen Glass‘ Anfang vom Ende.

Vom Hack Heaven in die Hölle

Zum Verhängnis wird ihm ein Artikel über einen jugendlichen Hacker. Ein 15-Jähriger knackt das Netzwerk eines Tech-Konzerns und wird zur „Belohnung“ von dem geschädigten  Unternehmen zum digitalen Sicherheitsexperten ernannt. Eine Story, die verdächtig nach Internet-Legende müffelt. Doch weil Glass in seinem mit aberwitzigen Details gespickten Bericht unter der Überschrift Hack Heaven Ross und Reiter nennt und sogar auf offizielle Quellen und Internetseiten verweisen kann, gibt die Redaktion grünes Licht für eine Veröffentlichung. Nicht zu vergessen, wir schreiben das Jahr 1998: der Umgang mit Computer steckt in den Kinderschuhen, die virtuelle Welt ist eine mit ungeahnten Möglichkeiten – warum also sollte es einem jugendlichen Crack nicht gelingen, die antiquierte Netzsicherheit eines Unternehmens zu löchern? Und schließlich ist da die Quintessenz des Artikels: Ein Außenseiter, der die Etablierten narrt – so etwas lieben die Leser. Die Ironie der Geschichte ist, dass Stephen Glass selbst einer ist, der seine Umwelt an der Nase herumführt.

Der Schwindel fliegt auf, als Online-Journalist Adam Penenberg die Fakten für einen Folgeartikel im Forbes Magazine mit Hilfe einer Netzrecherche überprüft. Die Homepage besagter Firma ist mittels Suchmaschinen nicht auffindbar und sieht selbst für 1998 äußerst dilettantisch aufbereitet aus. In Hack Heaven erwähnte Personen, ja selbst ganze Behörden, die Glass zitiert haben will, sind nicht greifbar. Penenberg (im Film gespielt von Steve Zahn) greift zum Hörer und konfrontiert Charles Lane, Chef-Redakteur von The New Republic, mit seinen (Nicht-)Erkenntnissen. Der wiederum befragt seinen Schützling Stephen Glass. Mit dem Konflikt zwischen Lane (Peter Sarsgaard, Garden State, Jarhead) und Glass geht Shattered Glass in seine stärkste Phase.

Passender Titel, schönes Menü: Die DVD von Shattered Glass. Musste ich einfach mal zeigen.

Passender Titel, schönes Menü: Die DVD von Shattered Glass. Musste ich einfach mal zeigen.

Portrait eines notorischen Lügners

Lane hat die redaktionelle Leitung des Magazins gerade erst geerbt, wobei er an der Absetzung seines äußerst beliebten Vorgängers Michael Kelly nicht ganz unbeteiligt war. Mit dieser Vorgeschichte steht er in dem Verdacht, nun auch Stephen Glass absägen zu wollen. Redaktionsliebling Glass wiederum fürchtet unbequeme Nachfragen zu seiner Arbeit und macht gezielt Stimmung gegen Lane. Hin- und hergerissen zwischen seiner Verantwortung für das Blatt, den Implikationen für das eigene Standing, aber auch der Fürsorge seinem Mitarbeiter gegenüber, driftet Lane der Wahrheit entgegen. Glass hingegen versucht unter allen größten Anstrengungen, den Schein des journalistischen Saubermannes zu wahren. Wir als Zuschauer wissen längst: die gesamte Story ist erstunken und erlogen. Und doch möchten wir Stephen Glass Glauben schenken. Dass der Hochstapler einem Hochstapler aufgesessen ist. Dass diesem jungen Mann lediglich ein böser Ausrutscher unterlaufen ist.

Verstärkt wird dieses Empfinden durch die wenig konkreten Erklärungen, die der Film für Stephen Glass‘ Handeln anbietet. Shattered Glass ist das Portrait eines pathologischen Lügners. Selbst als auffliegt, dass das in seinem Artikel beschriebene, zentrale Treffen nicht stattgefunden haben kann, weil besagtes Hotel an jenem Sonntag nicht für die Öffentlichkeit zugänglich war, pocht Glass noch auf die Wahrhaftigkeit seiner Ausführungen. Ein Lügner, der am Ende nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden kann. Dazu passt, dass sich die eingangs aufgebaute Erzählsituation in Glass‘ alter Schule in Luft auflöst. Krankhaftes Verhalten (in Stephen Glass‘ anfangs zitierter Eingangsrede ist die Rede von „Schwächen“, davon was die Menschen „komisch“ und „menschlich“ macht!) ist eine einfache, wahrscheinlich zutreffende Erklärung. In den Augen des Zuschauers allerdings auch eine unbefriedigende.

Zwei Egos prallen aufeinander. Münchhausen Stephen Glass und der frisch gebackene Chefredakteur Charles Lane.

Zwei Egos prallen aufeinander. Münchhausen Stephen Glass und der frisch gebackene Chefredakteur Charles Lane (Peter Sarsgaard).

Last des Drucks und intrinsische Motivation

Dass Glass ein journalistischer Münchhausen ist, das ist auch ohne Studium des Klappentextes offensichtlich. Der Erkenntnisgewinn liegt nicht in Frage, ob Stephen Glass seine Geschichte erfunden hat oder nicht. Sondern in der Frage nach dem Warum. Was mögliche Trigger betrifft, deutet Shattered Glass nur an. Die Psychologie geht davon aus, dass sich zwanghaftes Lügen aus einer Abwehrreaktion auf belastende Situationen heraus entwickelt; Situationen, die mit Gefühlen wie Angst oder Scham verbunden sind. Der Film thematisiert das problembehaftete Verhältnis zu den Eltern, die für ihren Sohn eine andere berufliche Laufbahn vorgesehen haben – weswegen Glass immer wieder ankündigt, er werde ein juristisches Studium aufnehmen (der echte Glass nimmt später tatsächlich ein Jurastudium auf und schließt es mit magna cum laude ab, wird aufgrund seiner Vorgeschichte aber nie beruflich richtig Fuß fassen). An anderer Stelle spricht der junge Reporter von dem Druck, der mit der Suche nach immer neuen und vor allem zündenden Geschichten in seiner Branche einhergeht.

Das sind, wie gesagt, nur zwei Erklärungsansätze, die Shattered Glass aufwirft, aber nicht zu Ende spielt. Wobei auch diese beiden Ansätze zu kurz greifen, um den Menschen Stephen Glass zu erklären. Neben den äußeren Faktoren spielt ganz sicher auch die intrinsische Motivation eine Rolle. Interessant ist in dieser Hinsicht ein Interview, das Stephen Glass 2007 mit dem CBS-Nachrichtenformat 60 Minutes führte: „I loved the electricity of people liking my stories. I loved going to story conference meetings and telling people what my story was going to be, and seeing the room excited. I wanted every story to be a home run.“ Auch sollten wir die profitable Seite seines Schaffens nicht außer Acht lassen – wenngleich der Film den Eindruck vermittelt, Glass arbeite mehr in einer jungen Lehrredaktion, weniger in der Redaktion einer traditionsreichen Politgazette: Im Jahr 1998 verdient Stephen Glass respektable 100.000 Dollar, er genießt zunehmend mediale Aufmerksamkeit. Mit 27 Jahren. Erfolg kann zu Kopf steigen, zur Sucht werden.

Drückt kein Auge zu: Steven Zahn alias Adam Penenberg. Der Forbes-Journalist entlarvt Stephen Glass Lügenmärchen.

Drückt kein Auge zu: Steven Zahn alias Adam Penenberg. Der Forbes-Journalist entlarvt Stephen Glass Lügenmärchen.

Die Qualitätskontrolle versagt

Ohnehin eignet sich das Medium Spielfilm nur bedingt, um einen Menschen zu ergründen. Also verlassen wir das Feld der Küchenpsychologie und richten das Schlaglicht auf die eigentliche Punchline von Shattered Glass: Der Journalist Stephen Glass hat auch gelogen, weil man ihn lügen ließ. Nach Bekanntwerden des Skandals kommt eine Untersuchung zu dem Ergebnis, dass mindestens 27 von 41 Artikeln, die Glass für The New Republic verfasste, mit erfundenen Informationen angereichert wurden. Dabei handelt es sich keineswegs nur um unverfängliche Schelmenstücke wie Hack Heaven, die niemandem ernsthaft Schaden zufügen (sieht man von der Reputation des Blattes ab), weil die erwähnten Personen der Fiktion entspringen. Die in Shattered Glass gezeigte Episode über Glass‘ wackeligen „Scoop“ rund um den republikanischen Jugendkongress wirft auch in der Realität viele Fragen  zur Echtheit der dargelegten Fakten auf – der damalige Editor Michael Kelly verteidigt seinen Schützling vehement. Er lehnt sich bereits zu diesem Zeitpunkt sehr weit aus dem Fenster, wie sich herausstellt. In anderen Fällen erfindet Stephen Glass Aktennotizen und Zitate zu realen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Beispielsweise lässt er in einem Artikel verlauten, Bill Clintons Berater Vernon Jordan habe sich lüstern gegenüber Frauen verhalten. Eine gefährliche, geradezu unverantwortliche Aussage, die einem Menschen selbst unter Umständen ein Leben lang nachhängen kann, wenn sie unwahr ist.

Das Ausmaß der Fiktion in diesen Berichten ist erschütternd. Insbesondere wenn man bedenkt, dass der junge Reporter seine journalistisch angepinselten Ammenmärchen veröffentlichen kann, weil die hauseigene Qualitätskontrolle versagt. Das ist der eigentliche Skandal hinter dem Skandal. Denn dieses Versagen  kommt nicht nur im Hause New Republic vor. Frühere Abnehmer wie der Rolling Stone zweifeln ebenfalls nachträglich den Wahrheitsgehalt von Glass‘ Beiträgen an. Vieles bleibt im Dunkeln, der Hergang vieler Recherchen lässt sich Monate und Jahre nach Veröffentlichung nicht mehr rekonstruieren. Auch weil sich Stephen Glass allzu häufig auf anonyme Quellen beruft. „Wie aus Regierungskreisen zu vernehmen ist“, „wie ein enger Bekannter verlautbaren lässt“, „hinter vorgehaltener Hand“ – über solche und ähnliche Formulierungen stolpern wir in den unterschiedlichsten journalistischen Gattungen. Dabei ist der richtige Umgang mit anonymen Quellen eine ewige Streitfrage im Journalismus. Einerseits sind viele potenzielle Informanten erst zu Auskünften bereit, wenn sie nicht fürchten müssen, ihren Namen in der Zeitung zu lesen. Andererseits muss ein Journalist darauf vertrauen, dass sein Gesprächspartner seriös ist. Eine anonyme Quelle lässt sich nur schlecht festnageln. Noch schlechter lässt sie sich durch Dritte überprüfen.

Stephen Glass ist verdammt erfinderisch: er fertigt nicht nur falsche Notizen an, er erfindet Newsletter, Visitenkarten und soagar Websites...

Stephen Glass ist verdammt erfinderisch: er fertigt nicht nur falsche Notizen an, er erfindet Newsletter, Visitenkarten und sogar Websites…

Mit erfundener Firma durch den Faktencheck

Auf die Frage, ob ihm die vielen Verweise auf anonyme Quellen nicht verdächtig vorgekommen seien, wird Chuck Lane später antworten, dass er nie damit gerechnet hätte, das ein Kollege, mit dem man über Jahre hinweg vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, zu solch einem Betrug fähig sei. Menschlich gesehen  verständlich. Von der journalistischen Warte her allerdings fahrlässig. Natürlich muss sich ein Chefredakteur auf seine Reporterschar verlassen. Auch kann im Redaktionsalltag nicht jeder Fakt dreimal abgeklopft werden. Dafür fehlen häufig Zeit und Leute. Oft kann man froh sein, wenn dem Zweitleser Ungereimtheiten auffallen, weil der zufällig im Thema steckt.

Wer sich jedoch – wie im Fall von The New Republic – den „Luxus“ eines Faktenchecks erlaubt, dem sollten gewisse Dinge wie erfundene Firmen und Behörden nicht durchgehen. In dem besagten CBS-Interview klingt Stephen Glass‘ Erstaunen darüber durch, dass seine Mogeleien unentdeckt blieben: “I remember thinking, ‘If I just had the exact quote that I wanted to make it work, it would be perfect.’ And I wrote something on my computer, and then I looked at it, and I let it stand. And then it ran in the magazine and I saw it. And I said to myself what I said every time these stories ran, ‘You must stop. You must stop.’ But I didn’t.”

Skepsis auf der einen Seite, Fürsorge auf der anderen. Und dazwischen die Sorge um das eigene Standing als Chefredakteur: Charles Lane hat es nicht leicht.

Skepsis auf der einen Seite, Fürsorge auf der anderen. Und dazwischen die Sorge um das eigene Standing als Chefredakteur: Charles Lane hat es nicht leicht.

Stephen Glass nutzt das System aus

Zugegeben: Stephen Glass kommt „zu Gute“, dass er das System durchschaut. Weil er selbst Beiträge seiner Kollegen im Auftrag der New Republic gegen liest, weiß er, worauf es ankommt, um die Glaubwürdigkeit einer Story zu attestieren. Er fertigt falsche Notizen an, erfindet Visitenkarten, Newsletter und Websites, richtet Anrufbeantworter für nicht existente Personen ein: “For every lie I told in the magazine, there was a series of lies behind that lie that I told– in order to get it to be published.” Das alles wäscht die Faktenchecker von The New Republic keineswegs rein. Sie bleiben mitverantwortlich. Sie verlassen sich auf den Glauben, dass die Geschichten von Stephen Glass so faszinierend sind, so gut, dass sie einfach wahr sein müssen. In Shattered Glass gibt es eine schöne Montage, in der Hayden Christensen alias Stephen Glass Extrakte seiner Geschichten zum Besten gibt – die Kamera hält fest, wie die Kollegen an Glass‘ Lippen kleben, wie verliebte Teenies an den Lippen eines unerreichbaren Schwarms.

Dass eine Redaktion in der Aussicht auf einen  bahnbrechenden Scoop alle journalistische Vernunft fahren lässt, kommt immer wieder vor. Bekanntestes Negativbeispiel aus der deutschen Presselandschaft ist die Veröffentlichung der falschen Hitler-Tagebücher durch den Stern im Jahre 1983. Obwohl es erhebliche Zweifel an der Echtheit der Dokumente gibt, lassen sich die Verantwortlichen zu einem publizistischen Schnellschuss hinreißen (wunderbar satirisch aufbereitet von Regisseur Helmut Dietl in dem Film Schtonk!), der als der größte Medienskandal in der Geschichte der Bundesrepublik eingeht.

Am Ende ist das Glass zerdeppert: Stephen Glass verfängt sich in seinen eigenen Lügen. Die schwungvoll gestartete Karriere ist dahin.

Am Ende ist das Glass zerdeppert: Stephen Glass verfängt sich in seinen eigenen Lügen. Die schwungvoll gestartete Karriere ist dahin.

Shattered Glass: Ein Stör-, kein Einzelfall

Diese Dimension erreicht der Fall Stephen Glass in den Vereinigten Staaten nicht, dafür ist er leider nicht einzigartig genug. 2003, im Jahr in dem Shattered Glass in die Kinos kommt, wird bekannt, dass die New York Times mehrere Reportagen abdruckte, die der Imagination des Jungjournalisten Jayson Blair entsprangen. Im selben Jahr entlässt die Los Angeles Times den Fotoreporter Brian Walski, weil Zweifel an der Echtheit eines im Irak aufgenommenen Titelbildes aufkommen. Es stellt sich heraus: Walski hatte zwei Aufnahmen miteinander kombiniert, um seinem Foto eine zusätzliche Dramatik zu verleihen – ein No-Go bei Nachrichtenbildern. Bereits 1980 verfasst die Washington Post-Autorin Janet Cooke ein erfundenes Portrait eines achtjährigen Heroinabhängigen, für das sie sogar den Pulitzer Preis erhält.

Die Post, die Times in Los Angeles und New York – selbst die Speerspitze der amerikanischen Zeitungslandschaft ist vor Fake-Journalismus nicht gefeit. Alle drei Zeitungen haben diese Skandale verkraftet (ganz im Gegensatz zum Politmagazin The New Republic, dessen Auflage innerhalb kürzester Zeit von 95.000 auf 65.000 Exemplare zusammensackt und heute nur noch ein zehnmal im Jahr erscheinendes Periodikum ist – von einst 44 Ausgaben im Jahr!). Doch mit jedem weiteren Skandal bröckelt die Glaubwürdigkeit des Journalismus. Es sind eben die Störfälle, die in Erinnerung bleiben. Das System Journalismus unterliegt eben jenen Mechanismen, die er selbst mit etabliert hat – mögen die nächsten guten Geschichten noch so wahr sein.


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