Die vierte Gewalt wankt. Auflagenschwund und versiegende Anzeigenerlöse, prekäre Arbeitsverhältnisse und Gratismentalität in Netz nagen am Selbstwertgefühl der Branche. Sicher, Nachrichten müssen sich rechnen. Doch wo die Rendite über dem Nachrichtenwert rangiert, geht das Ethos häufig baden. Dann braucht es Wachrüttler wie Jan Schulte (Benno Führmann). Der Reporter kommt einem hochrangigen Komplott in Politik und Presse auf die Schliche.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: NDR.

Jan Schulte ist ein Geplagter der Printkrise. Als ehemaliger Auslandskorrespondent der Financial Times (in Deutschland 2012 eingestellt) schlägt sich der alleinerziehende Vater als Freiberufler durchs Leben. Immerhin: Zu seinen Auftraggebern gehört das renommierte wie fiktive Nachrichtenmagazin Die Republik (das eine gewisse Nähe zum Spiegel erkennen lässt). Doch Tropf bleibt Tropf: Jetzt, wo er einer heißen Story auf der Spur ist, bleibt der Chefredakteur (Oliver Masucci) knausrig wie eh und je. Auf Schultes Bitten nach einem Vorschuss entgegnet der Blattdirektor bloß: „Vorschuss? Das ist eine Hammerstory – und Du denkst doch nur ans Geld! Das ist doch scheiße!“

Aber zurück auf Anfang: Der TV-Film Die vierte Gewalt beginnt mit einem – natürlich – nächtlichen Treffen. Eine Tiefgarage war wohl nicht aufzutreiben. Eine Parklücke muss reichen. Jan Schulte empfängt von einer Informantin, offensichtlich Krankenschwester, ein brisantes Dossier. Der Inhalt: „Eine Riesen-Schweinerei“, wie die Whistleblowerin verrät. Ihren Namen hingegen gibt sie nur zögerlich preis. Doch Schulte betont seine Integrität als Investigativjournalist: „Ich verrate keinen.“

Sehen relativ gelackmeiert aus: Jan Schulte (Benno Führmann), Freundin Britta (Jördis Triebel) und Chefredakteur Tobias Weishaupt (Oliver Masucci).
Sehen relativ gelackmeiert Jan Schulte (Benno Führmann), Freundin Britta (Jördis Triebel) und Chefredakteur Tobias Weishaupt (Oliver Masucci).

Journalistenpreise? Lieber eine Festanstellung…

Auf dem Autositz deutet sich schließlich die wahre Sprengkraft der Dokumente an: Sie legen den Verdacht nahe, dass die Bundesgesundheitsministerin Elisabeth Stade (Victoria Trauttmansdorff) ihren Einfluss spielen ließ, damit ihr Bruder auf der Empfängerliste für ein Spenderherz nach ganz oben rückt. Jans Freundin Britta, feste Redakteurin bei der Republik, sieht schon die Journalistenpreise purzeln. „Mir würde schon eine Festanstellung reichen“, hält Schulte lakonisch fest.

Zu Glanz und Gloria ist es ein steiniger Weg. Der Scoop will Schulte nicht einfach in den Schoß fallen. Erst wird die Echtheit der Dokumente widerlegt, schließlich das Material aus dem Redaktionstresor gemopst. Wer könnte ein Interesse haben, derartige Gerüchte zu lancieren? Wer profitiert von dieser Staatsaffäre? Der Reporter stiefelt tiefer und tiefer in den Politsumpf hinein – von wo aus er auch Spuren zurück ins eigene Lager verfolgt…

Kungel zwischen Politik und Presse: Gesundheitsministerin Stade (Victoria Trauttmansdorff) und Verleger Winter (Ulrich Mattes).
Kungel zwischen Politik und Presse: Gesundheitsministerin Stade (Victoria Trauttmansdorff) und Verleger Winter (Ulrich Mattes).

Die vierte Gewalt: Abgesang…

Ohne die recht komplexe Verschwörung bis ins Detail aufzudröseln: Die vierte Gewalt ist Abgesang und Hoffnungsschimmer. Der Film führt vor Augen, welche seltsamen Blüten das Profit-Diktat in den Medienhäusern treiben kann. Wenn Moneten wichtiger sind als Renommee, schnelle Klicks und kurzfristige Quote bedeutsamer als journalistische Sorgfalt. Wenn Redakteure lieber die Welt brennen sehen, anstatt sie zu erklären. „Lasst uns ein bisschen zusammenarbeiten, dann jazzen wir das zu einer Regierungskrise hoch. Das bringt uns alle in die schwarzen Zahlen“, konspiriert ein Chefreporter am Rande der Bundespressekonferenz. Das ist der Stoff aus dem die „Lügenpresse“-Parolen gemacht sind. Auch Jan Schulte muss sich zwischenzeitlich fragen: Steht seine Arbeit noch im Dienste des Gemeinwohls? Oder dient sie nicht schon den politischen und ökonomischen Interessen Dritter?

Freilich löst Jan Schulte das moralische Dilemma zur rechten Zeit. Im Grunde ist er einer von den Guten, die dazu bestimmt sind, die Fackel der Verantwortung weiterzureichen. Auch wenn dies nicht immer diesen Anschein hat: Schultes Auftrag und Auftreten widersprechen sich gerne. Rein optisch ist der von Benno Führmann (der nach Der blinde Fleck – Das Oktoberfest-Attentat zum zweiten Mal in die Rolle eines Journalisten schlüpft) gespielte Reporter von der zerzausten, leicht ungepflegten Sorte. Seine Methoden sind die eines Revolverblatt-Tricksters, der sich wie eine offene Hose benimmt. Das Drehbuch ist um keinen Dialogfetzen verlegen, wenn es darum geht, Schulte eine pseudo-verwegene Attitüde zu verpassen. „Ich spiele meinen Part, sie spielen Ihren“, stellt Schulte gegenüber der ambitionierten Staatssekretärin Katharina Pflügler klar, wobei er schon beinahe wie ein Mafioso klingt. Nur um in der nächsten Szene brav um eine Autorisierung seines angefertigten Portraits zu bitten.

Auch wenn es nicht so aus sieht: Am Ende siegt die Moral. Im Bild Franziska Weisz, die die Staatssekreträin Katharina Pflügler spielt.
Auch wenn es nicht so aus sieht: Am Ende siegt die Moral. Im Bild Franziska Weisz, die die Staatssekreträin Katharina Pflügler spielt.

…und Hoffnungsschimmer

Die Darstellung der Journaille in Die vierte Gewalt kommt reichlich stereotyp daher, was allerdings auch für den Politikbetrieb und vieles andere in diesem Film gilt. Sieht man darüber sowie über die konstruierte Handlung hinweg, zeichnet Die vierte Gewalt reale Probleme in der heutigen Medienlandschaft nach. Wir sehen einen Journalismus, der sich auf Finanzierungsmöglichkeiten und Deutungshoheiten fokussiert und seine Kernkompetenzen vernachlässigt. Einen Journalismus, der empfänglich ist für unmoralische Angebote und Einflussnahmen. Die vierte Gewalt ist ein Film über Abhängigkeiten.

Letztlich ist es ausgerechnet der Freiberufler, der sich vom Tropf seines Auftraggebers losreißt und ihn als „Edelhure der Pharmalobby“ beschimpft. In Jan Schultes Gewissen liegt der Schlüssel zum eingangs versprochenen Hoffnungsschimmer. Nicht die vierte Gewalt wankt. Ins Schlingern geraten sind Medienunternehmen, die zu lange an bestehenden Strukturen festgehalten und dem Wandel nichts entgegenzusetzen haben. Guter Journalismus ist nicht an Marken und Renommee gebunden. Sondern angewiesen auf das Pflichtgefühl jener, die für die Institution „vierte Gewalt“ brennen.


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