Einmal eine eigene Zeitung herausgeben? Mad News von 1994 macht es möglich. In dem Spiel schlüpfen wir in die Rolle eines Tabloid-Verlegers. Damals, zur Entstehungszeit, persiflierte die schräge Wirtschaftssimulation in erster Linie den Boulevard-Journalismus. Mad News lehrte uns aber auch, welche unterschiedlichen Gewerke bei der Zeitungsproduktion ineinander greifen. Deshalb gibt es in dieser Folge von Pixel-Journalisten auch eine (fast) uneingeschränkte Nachholempfehlung.

Text: Patrick Torma / Bilder: Ikarion

Das Spiel:

Mad News ist die inoffizielle Fortsetzung eines echten DOS- und Amiga-Klassikers aus dem Hause Rainbow Arts (The Great Giana Sisters, Turrican) von 1991. In Mad TV orchestrierten wir das Programm eines Fernsehsenders zur Marktführerschaft. Das Spiel lebte von seinem Humor und seinem Anspruch, das Geschäft in all seinen Facetten darzustellen, gleichermaßen. Blockbuster, Liebesschnulzen und Kultursendungen wollten jeweils zur besten Sendezeit ausgestrahlt werden – nämlich dann, wenn auch die jeweilige Zielgruppe zusah. Die Sabotage-Scharmützel mit der Konkurrenz, der Comic-Look und die zum Teil realen, zum Teil witzig-fiktiven Film- und Serientitel erfreuen bis heute eine Fangemeinde. In den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde das Konzept in Ehrerbietung an das Original mehrfach neu aufgelegt. M.U.D. TV und Empire TV Tycoon sind nur zwei der bekannteren Adaptionen.

Der inoffizielle Nachfolger von Mad TV

Ein ähnliches hohes Level an Nerd-Liebe erfuhr Mad News über die Jahre nie. Vielleicht waren Zeitungen – im Vergleich zum immer lauteren und grelleren (Privat-)Fernsehen – schon damals weniger sexy. Ehrlicherweise war Mad News aber auch kaum mehr als ein spielerischer Aufguss seines Vorgängers: Statt eines TV-Senders verantwortete man nun eine Boulevard-Zeitung. Auch stilistisch bot das Spiel „more of the same“: Comic-Zeichnungen, dieses Mal aus der seinerzeit recht umtriebigen Grafikschmiede Kandermiroglu (u.a. bekannt für die schlüpfrigen Bildchen aus der Krankenhaussimulation Biing!), und die Midi-Sounds des Heimcomputer-Maestros Chris Hülsbeck bildeten das audiovisuellen Gerüst der Simulation. „Inoffizieller Nachfolger“ schimpfte sich Mad News letztlich nur deshalb, weil Entwickler und Mad TV-Erfinder Ralph Stock das Spiel nicht mehr für Rainbow Arts, sondern für die Software-Schmiede Ikarion (Hattrick!) programmierte.

In der Sportredaktion von Mad News sitzen nur Kollegen vom Fach.
In der Sportredaktion von Mad News sitzen nur Kollegen vom Fach.

Was das Team allerdings nicht daran hinderte, sich in Sachen Handlung unmittelbar auf Mad TV zu beziehen. Protagonist Steve wird, seinen Meriten zum Trotz, beim Fernsehsender WTV entlassen. Einen Porno aus dem privaten Fundus zur Prime Time, am Heiligen Abend, das überlebt nicht mal der erfolgreichste Fernsehmanager. Auch wenn der Schmuddelfilm statt des eigentlichen Weihnachtsspecials „Das Christkind kommt“ nur aus Versehen über den Äther lief. Gottlob fällt Steve weich – er darf fortan die Geschicke eines Revolverblattes lenken.

Das Gameplay:

Spieloberfläche ist ein ausrangierter Kahn, der zu einem schwimmenden Verlagshaus umgebaut wurde. Neben unserem Produktionsbüro warten 20 weitere Anlaufstellen, verteilt auf fünf Decks, die es Tag für Tag abzuklappern gilt, um die eigene Zeitung möglichst gewinnbringend unters Volk zu bringen. Denn die Konkurrenz – namentlich Bad News und Sad News – schläft nicht. Sie behaust denselben Dampfer und greift auf dieselbe Infrastruktur zurück.

Ein ausrangierter Kahn dient in Mad News als schwimmendes Verlagshaus.
Ein ausrangierter Kahn dient in Mad News als schwimmendes Verlagshaus.

Der Nachrichtenticker liefert aufmerksamkeitsstarke Schlagzeilen, der Meteorologe den obligatorischen Wetterbericht und das Fotostudio die Schmuddelbildchen für die Seite 1. In der PR-Agentur nehmen wir Werbedeals an, die schöne Einnahmen in Aussicht stellen, aber auch eine garantierte verkaufte Auflage voraussetzen – andernfalls drohen empfindliche Konventionalstrafen. Über den Papiereinkauf können wir an der haptischen Qualität unseres Printerzeugnisses schrauben, über das Vertriebsbüro unser Verkaufsgebiet erweitern.

Manöverkritik für unsere Mad News

Haben wir alle Inhalte zusammen – was möglichst rasch passieren sollte, der Arbeitstag beginnt um 18 Uhr, ab 20 Uhr geht stündlich eine Seite in den Druck – „layouten“ wir per drag and drop unsere Ausgabe. Manche Elemente nehmen mehr Fläche in Anspruch als andere, Anzeigen werden im gebuchten Format angeliefert und um eine möglichst breite Leserschaft – vom Bauarbeiter bis zum Akademiker, vom Jungspund bis zum Rentner – anzusprechen, achten wir auf inhaltliche Ausgewogenheit.

Schmuddelbildchen auf dem Titel? Zur Entstehungszeit von Mad News waren die Seite 1-Girls noch "in Mode".
Schmuddelbildchen auf dem Titel? Zur Entstehungszeit von Mad News waren die Seite 1-Girls noch „in Mode“.

Die Manöverkritik erfolgt am nächsten Morgen. Die verkaufte Auflage spiegelt das allgemeine Leserinteresse wider, ergänzend dazu gibt es zielgruppenspezifisches Feedback. Einfachere Käuferschichten freuen sich über viele bunte Bilder im Blatt, anspruchsvollen Rezipienten kann man auch mal die eine oder andere Bleiwüste zumuten. Aber bloß nicht das Rätsel und die Kochrezepte vergessen, ansonsten publiziert man an der Kohorte der Frauen vorbei. Für das Verständnis dieser Rezeptionsmechanismen muss man wahrlich keine medienwissenschaftliche Vorbildung genossen haben: Die Systematik hinter den Leservorlieben ist reichlich stereotyp. Die Schwierigkeit besteht darin, sämtliche Vorlieben im Rahmen des anfangs knappen Budgets zu befriedigen.

Warum heute noch spielen?

Der Markt gibt nicht sonderlich viele Zeitungssimulationen her. Gerade richtig Empfehlenswertes ist rar, eigentlich ist Mad News der einzige „ernstzunehmende“ Kandidat in diesem Sektor (ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen). Insofern ist Mad News ein Titel mit Alleinstellungsmerkmal, von der spielerischen wie stilistischen Ähnlichkeit zu Mad TV abgesehen.

Ein Herz für DOS-Games sollte vorhanden sein – und das gar nicht so sehr aus der ästhetischen Perspektive heraus. Dank seines gezeichneten Grafikstils ist Mad News auch heute noch goutierbar. Wer mit den deutschen Wirtschaftsimulationen wie Der Planer, Der Patrizier oder den frühen Anstoß-Ablegern groß geworden ist, fühlt sich hier schnell heimisch. Unverzeihlicher ist vielmehr der Mangel an spielerischem Komfort. Wenn der Andruck unerbittlich näher rückt, die Spielfigur jedoch ohne Schnellreisefunktion über das Schiff schleicht, gehen Geduld und Spielspaß flöten.

Wie wird das Wetter, Chef? Mit dem Frosch im Glas ist die Vorhersage nicht so genau.
Wie wird das Wetter, Chef? Mit dem Frosch im Glas ist die Vorhersage nicht so genau.

Mad News aus journalistischer Perspektive

Aus journalistisch-publizistischer Perspektive ist eine Rückkehr nicht uninteressant. Mad News persifliert den Klatsch-Journalismus auf gelungene Art und Weise. Gerade die vielen skurrilen Schlagenzeilen à la „Dritter Toter auf dem Klo – Ganz Bielefeld in Angst“ machen den Spaß am Spiel aus. Für den kreativen Input holte sich Ikarion seinerzeit Unterstützung von der Satirezeitung „Neue Spezial“ – der deutsche Ableger der niederländischen Zeitung De Nieuwe, die ausschließlich fiktive Nachrichten abdruckte. Diesen „professionellen“ Beistand liest man definitiv heraus.

Abseits des Boulevardesken skizziert Mad News die Zeitungsproduktion als kleinteiligen Prozess, an dem viele Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben beteiligt sind. Natürlich haben technischer Fortschritt, Digitalisierung und die Verdichtung von Arbeit etliche Posten bis hin zu ganzen Berufsbildern obsolet gemacht. Einen Rezeptekoch, einen Rätselonkel, selbst einen eigenen Meteorologen muss eine Zeitung – wie in Mad News „vorgelebt“ – heute nicht mehr unterhalten. Mittlerweile gibt es für alles und jedes Thema Agenturen und Pressedienste. Daher verwundert es in Zeiten knapper Ressourcen und immer neuer Einsparwellen niemanden mehr, wie ganze Zeitungen und Magazine von Rumpfredaktionen realisiert werden können. Das Ergebnis allerdings spricht dann häufig für sich.

Wer mit schlüpfrigen Bildchen geizt, erntet in Mad News den Zorn der hart arbeitenden Gesellschaftschichten.
Wer mit schlüpfrigen Bildchen geizt, erntet in Mad News den Zorn der hart arbeitenden Gesellschaftschichten.

Wie? Investitionen ins Produkt?

Selbstverständlich lässt sich eine Zeitung mit den neuesten Nachrichten vom Ticker und Pressematerial abfüllen. Unersetzlich wird sie dadurch nicht. Aktualität ist auch in Mad News ein wichtiges Kriterium. Wer das Risiko nicht scheut und erst kurz vor Drucklegung den News Room besucht, dem gelingt es womöglich, sich von der Konkurrenz abzusetzen. Wer diesbezüglich wirklich auf Nummer sicher gehen will, kann aber auch ein Rechercheteam auf Exklusivgeschichten ansetzen. Das geht ins Geld und bringt an manchen Produktionstagen nullkommagarnichts. Wenn die Reporter allerdings ins Schwarze treffen, dann macht sich das auch auf dem Absatzmarkt bemerkbar.

Manche Abteilung im Setting von Mad News war schon damals dekadent bis hirnrissig und wurde dem Spiel nur deshalb hinzugefügt, weil die Entwickler zusätzliche Bezugsquellen für bestimmte Inhalte inszenieren wollten. Aber: Puren Luxus gibt es in Mad News nicht. Die teurere Variante (Satellit im All statt Frosch im Glas) ist immer die wertigere. Wenn es eine Lehre im Spiel gibt, dann diese: Qualität hat seinen Preis.

An dieser Stelle folgt normalerweise der obligatorische Affiliate-Bezugs-Link. Mad TV und Mad TV 2 (ja, es gab sogar einen offiziellen Nachfolger) sind zwischen Freeware. Bei Mad News kann ich das nicht mit Bestimmtheit sagen. Die Rechte mögen in irgendeiner Konkursmasse untergegangen sein. Ikarion ging in Ascaron auf, Ascaron wiederum meldete 2009 Insolvenz an. Einige Spiellizenzen erwarb Kalypso Media. Lange Rede, kurzer Sinn: Wer will, kann Mad News ohne viel Sucherei anzocken.

Link-Tipp: Die Kultboy-Seite zu Mad News (generell eine schöne Anlaufstelle für Retro-Fans).