Hooligans beschäftigt sich nicht primär, aber auch mit der Rolle der Medien. Hier nutzt ein Hooligan eine Presse-West, um sich an den gegnerischen Fanblock herunzumachen.

Schon Trainerlegende Billy Shankly wusste, dass Fußball keine Frage von Leben und Tod ist. Es ist sehr viel ernster. Ob das mit West Ham United und FC Millwall so ist wie mit den Boston Red Sox und New York Yankees, will der fußballunkundige Besuch aus Übersee wissen. Für diesen Vergleich hat der Fremdenführer aus dem Mutterland des runden Leders nur ein müdes Lächeln übrig: „Eigentlich eher wie mit den Israelis und den Palästinensern…“ So viel zum Pathos, aus dem Hooligans geschnitzt ist. Nichtsdestotrotz gilt das Debüt von Regisseurin Lexi Alexander als einer der besseren Filme zum Thema. Nebenbei erzählt der Film die Geschichte eines angehenden Journalisten. Aber wirklich nur ganz nebenbei.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Universal Studios.

Matt Buckner (Elijah Wood) studiert an der Elite-Universität Hanvard Journalistik und steht kurz vor seinem Diplom, als er der Drogen-Dealerei bezichtigt wird. Dass der Stoff seinem schnöseligen Zimmergenossen gehört – geschenkt. Matt sieht sich ob der hochrangigen Beziehungen seines Mitbewohners nicht in der Lage, für eine gerechte Auflösung des Vorfalls zu kämpfen, akzeptiert seinen Verweis von der Hochschule und flüchtet über den großen Teich zu seiner Schwester (Claire Forlani, Rendezvous mit Joe Black) nach London. Das erste Wiedersehen fällt flüchtig aus: Weil Vorzeige-Gatte Steven Dunham (Marc Warren, spielte den ängstlichen Private Albert Blithe in Band of Brothers) einen romantischen Abend mit Matts Schwesterchen plant, wird dieser in die Obhut seines kleinen Schwagers Pete (Charlie Hunnam, Sons of Anarchy, Pacific Rim) abgeschoben. Der nimmt den Yankee nur widerwillig unter seine Fittiche, führt ihn aber schließlich in die Gepflogenheiten seiner „Firma“ ein: Die Green Street Elite (GSE) verfügt als schlagkräftiger Anhang des Londoner Fußballklubs West Ham United über einen vorauseilenden Ruf. Im Strudel ausufernder Gewaltexzesse und bedingungsloser Kameradschaft findet Matt Buckner zu einem neuen Selbst.

Lexi Alexander porträtiert in Hooligans die Alltagsflucht junger britischer Männer, wobei sie einen kulturell völlig Fremden als teilnehmenden Beobachter in die Szene einschleust. Bei der Ausarbeitung des Drehbuchs griff sie auf die Erfahrungen des früheren Fußballschlägers und Hooliganismus-Experten Dougie Brimson zurück, als Inspiration dienten persönliche Erlebnisse, die sie als junges Mädchen im Umfeld des SV Waldhof Mannheim machte. Damals, in den Bundesligazeiten der 1980er Jahre, erfuhr der heute viertklassige Club einen enormen Zulauf. Alexanders Bruder war zu dieser Zeit in der gewaltbereiten Szene der Mannheimer organisiert. Die Vorkenntnisse versprechen demnach einen differenzierten Blick aufs Thema. Und tatsächlich geht die Darstellung über das allgemeine Klischee vom hirnlosen Schläger hinaus. So sind Mitglieder der firm keine tumben Althauer, sondern junge, durchaus gescheite und sympathische Männer – Büroangestellte, Lehrer und Piloten – mit einem elaborierten Wertegefüge.

Reingelegt: Mit einer Finte überfällt die Green Street Elite die Manchester-Hooligans.

Reingelegt: Mit einer Finte überfällt die Green Street Elite die Manchester-Hools. Das macht Laune. Aber eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Thema ist das nicht.

Style over substance

Allerdings: Obwohl um Authentizität bemüht, taugt Hooligans nicht wirklich als ernsthafte Beschäftigung mit dem Phänomen. Dies liegt mitunter an den unschlüssigen Haltung, die der Film einnimmt. Zwar gelingt es ihm, eine gewisse Faszination für die Prügelclique zu erzeugen – diese Faszination erschließt jedoch weniger aus einer unkommentierten Perspektive heraus, sondern aus dem Einsatz klassischer Unterhaltungskniffe. Stylish gefilmte Keilereien, untermalt von einem treibenden Soundtrack (Machine Head, Disturbed), coole Sprüche und gewitzte Manöver sorgen dafür, dass man(n) mit den Protagonisten mitfiebert, sie als Brüder im Geiste identifiziert und gedanklich auf das nächste Pint einlädt. Ein Panoptikum der Männerfreuden. Dazwischen schimmert das Primat des Zusammenhalts: In Havard entzieht sich Matt Buckners Mitbewohner seiner Verantwortung, er lässt seinen unschuldigen Kommilitonen über die Klinge springen. In den Londoner Straßenschlachten dagegen bleibt kein Mitstreiter zurück, und sei der Gegner zahlenmäßig noch so überlegen.

„Ich war noch nie so nah an der Gefahr dran, aber ich habe mich auch noch nie so sicher gefühlt. Ich hatte ein Selbstvertrauen und andere Menschen spürten das aus weiter Entfernung. […] Wenn man erst einmal ein paar Schläge eingesteckt hat und einem klar wird, dass man nicht aus Glas ist, fühlt man sich nur lebendig“, hält Matt Buckner aus dem Off fest. Hinter der Fäuste schwingenden Fassade verbirgt sich die oft erzählte Geschichte vom Ausgestoßenen, der in der gesellschaftlichen Ausgrenzung eine Ersatzfamilie findet. Diese Sehnsucht nach Gemeinschaft und Anerkennung ist vielen Subkulturen inhärent.

Hooligans machen sich zum großen Kampf bereit.

Plötzlich Hool? Die Hooligans in Lexi Alexander Film sind keine tumben Althauer, sondern junge, gescheite Männer. Ein paar Schattierungen mehr wären aber wünschenswert gewesen.

Woher kommen eigentlich diese Hooligans?

Die GSE könnte in ihrer Grundstruktur demnach auch eine beliebige Skinhead- oder Punkerclique sein, in ihrer Motivation, in dem, was sie als Hooligans auszeichnet, bleibt sie reichlich eindimensional. Über die Beweggründe und die Biographien einzelner Mitglieder lässt uns der Film weitestgehend im Unklaren. Matts neue Freunde sind die Schablonen eines Sauf- und Prügelkumpanen, ohne jegliche Schattierung. Und bei aller Sympathie für Elijah Wood – der Schauspieler kämpft sprichwörtlich gegen seinen Ruf als ewiger Ringträger an – die naive Mannwerdung des milchgesichtigen Amerikaners kann niemals die Antwort auf die zentrale Frage sein: Was treibt diese Menschen zur Gewalt? Ist es wirklich nur der Kick? Die Kombination aus Alkohol und Fußball? Oder steckt vielleicht nicht mehr hinter? Dem eigentlichen Sport kommt bei der Beantwortung dieser Fragen nur eine Nebenrolle zu. Das Heimspiel der Hammers gegen Birmingham wird in einer inszenatorisch unbefriedigenden Sequenz abgespeist. Vereinsfarben und Clubhymen sind lediglich der Kitt, der die Menschen eint – oder eben nicht. Die simple „Wir-gegen-Die“-Logik ist der Spannung zweifelsohne zuträglich, sie ist aber mitverantwortlich dafür, dass Hooligans nicht mehr als Kratzer an der Oberfläche eines hochinteressanten Themas hinterlässt.

Schlimmer noch: Irgendwann gerät der Film in die Bredouille, seine glorifizierenden Bilder relativeren zu müssen. Die Prügelszenen sind schonungslos, stehen jedoch zu jeder Zeit in dem Verdacht, dass sie bewusst schnittig inszeniert sind. Das Drehbuch versucht sich aus dieser Klemme zu befreien, indem es zum Ende hin auf eine persönliche Katastrophe zusteuert. Spätestens jetzt ist klar: Hooligans ist klassisches Erzählkino, keine Milieustudie. Das ist insofern schade, weil sowohl das Thema als auch der Ansatz, einen Außenstehenden in den Mittelpunkt der Erzählung zu stellen, so viel Potenzial bieten.

Elijah Wood am Boden: Der Journalistikstudent erliegt in Hooligans dem Reiz der Gewalt.

Diggin‘ deep? Leider nein. Journalismus-Student Matt Buckner legt seine journalistischen Ambitionen vor seiner Abreise nach England einfach ab.

Jorunalist ohne journalistische Ambition

Matt Buckner ist schließlich nicht nur der lästige Familienbesuch „aus den Kolonien“, wo sie den Fußball als Soccer verunglimpfen. Er ist ein angehender Journalist. Wenn es etwas schlimmeres als Yankees gibt, dann sind es Polizisten und Journalisten, klärt Ziehschwager Pete – der freilich nichts von Matts früheren Ambitionen weiß – auf. Darin liegt die Crux: Matts journalistische Vergangenheit dient einzig und allein einem Zweck: dessen Loyalität zur Firma zu unterstreichen. Er besitzt keine investigativen Absichten, er blendet seine Profession völlig aus, was seiner unweigerlichen Entlarvung jedwede Brisanz nimmt. Seine unkritische Haltung erlaubt es ihm, in der finalen Schlacht mitzuwirken, heroisch seinen Mann zu stehen und schließlich mit der Hammers-Hymne auf den Lippen durch die Gassen seiner Heimat zu ziehen. Womit der ohnehin in seiner Haltung unstimmige Film mit einer glorifizierenden Pointe endet.

Matt Buckner als echten Undercover-Journalisten einzuführen, der es nach seinem unehrenhaften Abgang in Havard nochmal wissen will, wäre eine Möglichkeit gewesen, eine ausgewogenere Sichtweise zu etablieren und die verherrlichenden Tendenzen zu entschärfen. So hätte man ihn zwar zeitweise der Faszination der Gruppendynamik erliegen lassen – reale Vorbilder wie Antonio Salas oder Donald MacIntyre wissen von derartigen Distanzproblemen zu berichten – ihn aber schließlich an seinen Rechercheauftrag erinnern können. Die Paranoia, die stete Angst, enttarnt zu werden – sie hätten zur innerlichen Zerrissenheit des Protagonisten und allgemeinen Spannung beitragen können.

Die Medienkritik in Hooligans ist nicht unangebracht, aber ziemlich einseitig. Hier sehen wir den Titel seiner Studienarbeit: Death in a Paris tunnel - The new role of journalism in the paparazzi era.

Die Medienkritik in Hooligans ist nicht unangebracht, aber ziemlich einseitig. Wie Matt Buckner bekommt der Journalismus nur eines – nämlich aufs Maul.

Journalismus als Stempel

Der Journalismus in Hooligans ist nichts weiter als ein Stempel. Journalisten sind Nestbeschmutzer, die Unwahrheiten verbreiten und Prinzessinnen in den Tod hetzen. So lautet der Titel von Matts Studienarbeit Death in the tunnel. The role of the press in the paparazzi era. Nicht missverstehen: Medienkritik ist an dieser Stelle durchaus angebracht – sie hätte aber ruhig mehr Substanz vertragen können. Dass sich Medien bei (vermeintlichen) Verfehlungen rund um die Stadien oftmals auf offizielle Verlautbarungen der Polizei verlassen, ist eine gängige Praxis. Beispiele für undifferenzierte und unrühmliche Berichterstattung zur Fankultur sind zu Genüge überliefert. Man denke etwa an die Verleumdungen der Yellow Press im Nachgang der Hillsborough-Katastrophe 1987.

Sicherlich kann ein Film wie Hooligans diese Probleme nicht umfassend verhandeln. Er will es auch gar nicht. Hooligans ist in erster Linie testosterongeladenes Unterhaltungskino. Als solches funktioniert es blendend. Die Eskapaden der GSE-Clique sind fesselnd inszeniert, der hervorragend eingefangene Proletarier-Charme des Londoner East Ends verleiht dem Film eine kernige Erdung, und damit ein gewisses Identifikationspotenzial. Inhaltlich wäre jedoch eine Verlängerung angebracht. Schließlich lässt Hooligans in der regulären Spielzeit einige hochkarätige Chancen ungenutzt.

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