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Der Schlamm, auf dem Reporterträume wachsen: Slithis (1978)

Wer hat da den Giftmüllhahn zu lange offengelassen? In Slithis terrorisiert ein sumpfiges Kanalmonster einen Ortsteil von Los Angeles.

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Wer hat da den Giftmüllhahn zu lange offengelassen? In Slithis terrorisiert ein sumpfiges Kanalmonster einen Ortsteil von Los Angeles.

Journalistik-Dozent Wayne Connors lässt für diesen Umwelthorror seinen sicheren Lohn und Brot-Job fahren.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: White Pearl Movies.

Wenn zu Beginn eins Films übergewichtige Kinder in Slow Motion und zu Humpty Dumpty-Klängen über brutal verstümmelte Hunde stolpern, dann weiß man, was die Stunde geschlagen hat. Slithis (OT: Spawn of the Slithis) entführt uns in die Trash-Gefilde der 1970er-Jahre. Der Mutanten-Schinken, der das Angstthema Radioaktivität ausschlachtet und wenig einfallsreich mit dem Frankenstein-Motiv verquickt, wurde an rekordverdächtigen zwölf Tagen heruntergekurbelt. Es ist nicht zu viel versprochen, wenn ich sage: Das sieht man Slithis in jeder Minute an. Mein ganz persönliches Highlight sind die „monströsen“ Point-of-View-Shots, bei denen man offensichtlich eine Plastikschablone vor die Kamera geklebt hat.

Die Story: Besagte Brut entdeckt am Ufer eines Kanals zwei grausig entstellte Haustier-Kadaver. In der Nacht erhält ein Pärchen ungebetenen Besuch von einer Gestalt, die in ihrer Kontur frappierend an den Schrecken vom Amazonas erinnert, wenn auch mit einigen Kilos zu viel unter den Kiemen. Noch bevor sie Gastgeberqualitäten entwickeln können, liegen Mann und Frau ziemlich leblos am Boden. Die Polizei von Venice geht von einem Ritualmord aus. Wayne Connors, der an der örtlichen High School Journalistik unterrichtet, traut den offiziellen Verlautbarungen nicht. „Als Journalist hat man eben eine besondere Spürnase“, verkündet Connors und beginnt unvermittelt mit der Solo-Schnüffelei.

Was würde Luhmann dazu sagen? Journalistik-Lehrer Wayne Connors (Alan Blanchard) ist ein gefragter Gesprächspartner auf dem Campus. Dabei hat er den Paukerjob gehörig satt.
Was würde Luhmann dazu sagen? Journalistik-Lehrer Wayne Connors (Alan Blanchard) ist ein gefragter Gesprächspartner auf dem Campus. Dabei hat er den Paukerjob gehörig satt.

Journalist verlässt die Lehre, um ein Kanalmonster zu jagen

Schnell wird klar: Connors hat nur auf die erstbeste Gelegenheit gewartet, den ungeliebten Paukerjob an den Nagel zu hängen. Für die Lehre dürfte seine überstürzte Rückkehr ins „Fach“ zu verschmerzen sein, schließlich nimmt es der Brechstangen-Journalist mit dem Berufsethos nicht sonderlich genau. Sonnenbebrillt verletzt Connors mit seiner ersten Amtshandlung die kriminalistische Unversehrtheit des Tatorts. „Ich habe an die Tür geklopft und dann ist sie einfach ausgegangen“, gibt der Vollprofi bei der anschließenden Vernehmung zu Protokoll. Das ist vergleichbar mit der argumentativen Power eines Tom Gerhardt im deutschen Filmklassiker Voll normaaal, der sich in seiner Rolle als Tommie mit einem „Ich hab’ gesehen, er ist locker gewesen!“ für seinen dummdreisten Auspuff-Klau an einer Zuhälter-Kutsche herauszureden versucht.

Nach und nach jedoch groovt sich Connor auf die journalistischen Basics ein. Er bekommt hierfür aber auch eine geschlagene Stunde Zeit. So lange ergeht sich Slithis in endlosem Gequatsche über die menschengemachten Hintergründe der Mordserie. Ich kredenze Euch an dieser Stelle die Kurzform: Irgendein wahnsinniger Wissenschaftler hat im Auftrag eines raffgierigen Unternehmens atomaren Nährschleim zusammengepanscht und für die weitere Feldforschung ins örtliche Abwassersystem gepumpt. In freier Wildbahn stellt Slithis – der Markenname ist bereits geprüft und patentiert! – eindrucksvoll seine mutagenen Fähigkeiten unter Beweis.

Gefühlvoller Interviewer: Wayne Connors bei der Befragung mutmaßlicher Zeugen. Besonders eindrucksvoll: Der Kameramann hat es in dieser Szene tatsächlich geschafft, sich nicht zu spiegeln.
Gefühlvoller Interviewer: Wayne Connors bei der Befragung mutmaßlicher Zeugen. Besonders eindrucksvoll: Der Kameramann hat es in dieser Szene tatsächlich geschafft, sich nicht zu spiegeln.

Gesellschaftskritische Kommentare als Beifang

Erwähnenswert: In dem hanebüchenen Science-Talk über Schlammproben und die Möglichkeiten echter Biogenese schwingt ein gesellschaftskritischer Unterton mit. Denn das Sumpfmonster greift sich mit Vorliebe die Abgehängten und Benachteiligten: die Obdachlosen und die Aussteiger, Arbeiter aus dem Niedriglohn-Sektor und Omis mit schmaler Rente. Connors lässt sie in seinen detektivischen Befragungen zu Wort kommen.

Es gibt sogar einen „journalistischen“ Einspieler, in dem ein Hippie die Verdrängung seiner Community ans unappetitliche Kanalufer beklagt. Eine Ausnahme, die im Kontext der Erzählung herzlich wenig Sinn ergibt, da Connors keine unmittelbare Dokumentation anfertigt, sondern lediglich Hintergrundgespräche zum Zwecke der Recherche führt. Davon ab sind diese Kommentare nur Beifang in einem Film, der nach quälend langen sechzig Minuten endlich seine Hauptattraktion von der Leine lässt: Einen Mann im Gummikostüm. Für den titelgebende Slithis lohnt sich das Vorspulen sogar ein bisschen. Die vorherige Vorlesung darf man getrost schwänzen.


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