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Wohin die Welt sieht: The Pirates of Somalia (2017)

The Pirates of Somalia macht aus den Recherchen des Journalisten Jay Bahadur eine drogengetränkte Heldenreise und ein ambivalentes Abenteuer

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The Pirates of Somalia macht aus den Recherchen des Journalisten Jay Bahadur eine drogengetränkte Heldenreise und ein ambivalentes Abenteuer.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: PLAION PICTURES.

Unlängst sorgte US-Präsident Donald Trump für Aufregung, indem er Menschen aus Somalia als „Müll“ bezeichnete. Eine Entgleisung, die selbstredend weniger über Somalia aussagt als über das Weltbild eines Staatsoberhauptes, für das Entmenschlichung und Fremdenhass zum politischen Werkzeug gehören. Doch auch jenseits solch offener Verachtung ist das kollektive Wissen der westlichen Öffentlichkeit über Somalia überschaubar.

In der Wahrnehmung vieler verdichtet es sich auf zwei Ereignisse: die verlustreiche Schlacht von Mogadischu 1993 und den Piratenangriff auf die Maersk Alabama im Jahr 2009. Beides Momente, in denen Somalia kurz ins Blickfeld rückte, weil westliche Leben unter Beschuss gerieten – und beides Ereignisse, die Hollywood einer filmischen „Aufarbeitung“ unterzog.

Mehr als nur Black Hawk Down & Captain Phillips

Gerade die Bilder von toten Soldaten, die durch die staubigen Straßen der somalischen Hauptstadt geschleift wurden, haben sich tief in die Volksseele eingebrannt. Denn dem eigenen Verständnis nach waren die US-Truppen in den 1990er-Jahren als Friedensbringer nach Somalia gekommen. Ganz so einfach war die Sache allerdings nicht. Das hielt den britischen Filmemacher Ridley Scott (Alien, Blade Runner) nicht davon ab, den gefallenen Streitkräften mit Black Hawk Down ein martialisches „Denkmal“ zu setzen. Der Film von 2001 wird (nicht erst seit heute) für die unterkomplexe Darstellung der gewaltsamen Eskalation kritisiert.  

Paul Greengrass‘ „Captain Phillips“ aus dem Jahr 2013 inszenierte den Piratenvorfall von 2009 als intensives Entführungsdrama, in dem die Rollen nicht mehr strikt schwarz-weiß angelegt sind, aber doch klar verteilt bleiben – mit Publikumsliebling Tom Hanks als moralischem Zentrum, gerettet von Navy SEALs. Zwar gab der Film den somalischen Geiselnehmern ein – notleidendes – Gesicht, dennoch blieb Somalia auch hier ein Synonym für Bedrohung und Chaos.

The Pirates of Somalia versucht, ein Gegenstück zu sein

The Pirates of Somalia von 2017 versucht, ein Gegengewicht zu den genannten Streifen zu liefern. In zwei Szenen rechnet der Film explizit mit Scotts plumper Schlachtplatte ab. „In Black Hawk Down spielen ja nicht mal Somalier mit“, gibt eine nicht ganz unwichtige Figur zu Protokoll. Vollends gelingt der Perspektivwechsel zwar nicht, da die Deutungshoheit zu sehr beim westlichen Protagonisten verbleibt. Dennoch gehört der Film, der ebenfalls auf wahren Begebenheiten beruht (siehe Infokasten unten), zu den interessanteren Versuchen des Krisenkinos, eingefahrene Bilder aufzubrechen.

Freilich hat Somalia mehr als nur Imageprobleme. Der Staat am Horn von Afrika gilt laut Fragile States Index 2024 als fragilster der Welt. Seit dem Sturz des Diktators Mohamed Siad Barre im Jahr 1991 kämpfen Clans erbittert um Macht und Autonomie. In den 2000er-Jahren destabilisierten islamistische Bewegungen das Land zusätzlich. Radikale Gruppen nutzen Somalia als Rückzugsort und blutige Bühne für ihren Dschihad. 

Die geopolitische und humanitäre Lage in Somalia

Im anhaltenden Bürgerkrieg im südlichen Teil des Landes bestimmen Gewalt, Hunger und Flucht den Alltag vieler Menschen. Der nördliche Teil, Somaliland, agiert hingegen als De-facto-Staat (jüngst von Israel unanerkannt) und gilt als weitgehend befriedet. Dennoch verschärfen auch dort Dürren, Umweltzerstörung sowie exzessive und illegale Fischerei vor der Küste die Notlage der Bevölkerung, indem sie traditionellen Lebensweisen die Grundlagen entziehen.

Aus dieser Gemengelage speist sich das gängige Erklärungsnarrativ, wonach einfache Fischer zur Freibeuterei umsattelten. Ob als Ursache oder als bequeme Rechtfertigung, bleibt eine Frage der Perspektive, die auch der Film aufwirft.

Jay Bahadur hasst Filme mit Erzählerstimmen

Damit genug des kontextuellen Vorlaufs. Auch The Pirates of Somalia eröffnet mit einem längeren Erzählerkommentar, wobei der Film diese inszenatorische Bequemlichkeit auf selbstironische Weise adressiert: „Lassen Sie mich zunächst sagen, dass ich Filme hasse, in denen die Hauptrolle den Erzähler gibt“, heißt es zu Beginn. Immer mehr Filmemacher, klagt die Stimme an, wollten sich die Mühe ersparen, Geschichten durch Bilder zu erzählen. In diesem Fall sei ein gewisser Wortschwall jedoch unumgänglich.

Die Begründung für diese Ausnahme schiebt die Stimme gleich nach: „Dies ist ein autobiografischer Film über mich, und ich glaube voll und ganz, dass ich ein begabter Autor bin, der irgendwann Anerkennung finden wird.“ Diese Erzählung sei schließlich die Chance, „meinen Witz und meine unglaubliche Sprachbeherrschung zu demonstrieren“.

Vom Off-Erzähler zum Protagonisten

Diese Stimme voller Sendungsbewusstsein gehört Jay Bahadur, gespielt von Evan Peters (bekannt aus der Netflix-Serie Dahmer). Seine Sätze markieren den Auftakt einer Heldenreise, die aus der arroganten Möchtegern-Edelfeder einen empathischen Menschenversteher machen wird. Und als ob sich die Regie dessen Worte zu Herzen nimmt, gibt sich der Film anschließend sichtbar Mühe, seine Hauptfigur über Bilder einzuführen.

Wir sehen Bahadur, wie er durch die verschneite Einöde Kanadas fährt, die Selbstdrehte im Mundwinkel, Energiehaushalt sponsored by Red Bull und Beef Jerky. Für mehr reichen Zeit und Geld nicht. Es ist das Jahr 2007 – so viel Off-Text muss weiterhin erlaubt sein –, und damit ein denkbar ungünstiger Moment, um ein grundständiges Studium abzuschließen. Die anbahnende Finanzkrise hat den Arbeitsmarkt bereits in den Schwitzkasten genommen und die Jobs stehen selbst bei gut ausgebildeten Absolventen nicht gerade Schlange.

Große Ambitionen bei kleiner Wirklichkeit

Dabei sind die Träume, denen er aus dem Keller seiner Eltern heraus nachjagt, durchaus ambitioniert. An der Wand hängt ein Filmplakat von Die Unbestechlichen mit Robert Redford und Dustin Hoffman als Bob Woodward und Carl Bernstein – jene Lehrmeister des investigativen Journalismus, die einst den Watergate-Skandal publik machten.

Das Olympus-Diktiergerät, Statussymbol eines Reporters mit Enthüllungsabsichten, ist bereits am Start, macht aber beim Aufnehmen Probleme. Noch ist Jay Bahadur kein Journalist, sondern ein „Marktforscher“, der im Auftrag eines Serviettenherstellers die Supermärkte abklappert, um zu überprüfen, ob die Premiummarke auch wirklich auf Sichthöhe im Regal platziert wird.

Zurückweisungen und ein kaputter Rücken

Das Wertekorsett seiner Wunschzunft sitzt, zumindest verbal. „Das geht gegen meine journalistische Integrität“, entgegnet er auf den Vorschlag seiner Freunde, die Lücken in seinem Marktdatenbericht mit etwas Fantasie anzureichern. Wobei es in dem Fall keiner berufsethisch aufgeladenen Begrifflichkeit bedarf, um der Aufforderung zum Bescheißen eine Abfuhr zu erteilen.

Jay Bahadur scheint jedoch zu glauben, dass eine gewisse Großspurigkeit zum Habitus eines erfolgreichen Autors gehört; zugleich trägt er sie wie einen Schutzpanzer gegen ständige Zurückweisungen. Das klappt nur bedingt: Als er eine Absage der Vanity Fair aus dem Briefkasten fischt, schwört er sich, Redaktionen, die ihn „bedauerlicherweise“ ablehnen, künftig mit Nichtbeachtung zu strafen. Dennoch trifft ihn der Fehlschlag sichtlich – so wie der Hexenschuss, der ihn beim Schneeschüppen in der heimischen Einfahrt ereilt.

Al Pacino kann’s nicht lassen …

Deshalb sitzt Jay Bahadur nun mehr schlecht als recht im Wartezimmer seines Hausarztes, wo ihn ausgerechnet sein Lieblingslokaljournalist Seymour Tolbin von der Seite anlabert. Tolbin ist ein emeritierter Reporter der alten Schule, ein Haudegen mit Hang zum Vulgären, passender- wie abgeschmackter Weise gespielt von Al Pacino, der schon in Michael Manns paranoidem Medienthriller The Insider einen Alphajournalisten verkörperte und auch im fortgeschrittenen Alter nicht von seinen Machorollen lassen kann. In Würde altern lassen sie ihn gewiss nicht.

In The Pirates of Somalia gräbt Pacino alias Tolbin zunächst die junge Sprechstundendame an, die dessen Alterssexismus (zu) souverän weglächelt, bevor er gegen den institutionellen Journalismus vom Leder zieht. „Scheiß auf Harvard“, wischt Tolbin Bahadurs vermeintlichen Makel im Lebenslauf beiseite: Schließlich hat der junge Mann keine Journalistenschule besucht – der ultimative Nachweis für eine berufliche Eignung.

Keine Journalistenschule – (k)ein Makel

Auch hierzulande gelten Journalistenschulen der großen Medienhäuser als Königsweg in den Beruf, weil sie eine professionelle Ausbildung, praktische Erfahrungen in renommierten Redaktionen und ein weitreichendes Netzwerk bieten. Wer an einer solchen angenommen wird, hat es geschafft oder zumindest deutlich bessere Voraussetzungen. Diese Fixierung auf Journalistenschulen lässt sich aber auch kritisch betrachten. Weil Plätze knapp und die Aufnahmeverfahren hochselektiv sind, fungieren sie als Filter in einem ohnehin als elitär wahrgenommenen Berufsfeld. Dabei können auch Journalist*innen ohne Ausbildung an einer einschlägigen Einrichtung einen hervorragenden Job verrichten.    

Seymour Tolbin hat dazu eine eigene Meinung: „Journalismus wird nicht gelehrt, er ist angeboren“, blafft er. Das ist in dieser Absolutheit natürlich deterministischer Unsinn. Journalismus ist ein Handwerk mit ethischer Verantwortung, das jede*r erlernen kann (weshalb Journalistenschulen ja durchaus ihre Daseinsberechtigung haben). Und doch trifft Tolbin einen wunden Punkt: Journalist*in ist kein geschützter Beruf, und bestimmte Talente und Tugenden wie Hartnäckigkeit, die im Journalismus von Vorteil sind, lassen sich nur bedingt zertifizieren. Wie in jeder anderen Branche auch spielt die Erfahrung eine wichtige Rolle.

Wo es wehtut: Somalia als journalistische Feuertaufe

Die Schlussfolgerung, die Tolbin hieraus ableitet: Wer es abseits der Journalistenschule zu etwas bringen möchte, müsse dorthin gehen, wo es richtig wehtut. Das Extremste, woran Jay Bahadur denken kann, ist Somalia. Darüber hat er einmal eine Arbeit geschrieben. Ein, zwei E-Mails genügen, und plötzlich steht er mit dem Büro des somalischen Präsidenten in telefonischem Kontakt. „So weit wie Sie wollte bisher kein Journalist gehen“, klingt es am anderen Ende der Leitung erwartungsvoll.

Mit dem geballten College-Wissen, 500 geliehenen Dollar und der festen Absicht, es allen zu beweisen, macht sich Bahadur auf den beschwerlichen Weg. Für uns gibt es, ganz bequem, eine kurze Montage zur Geschichte Somalias. Ein wenig schulaufsatzmäßig, aber immerhin. Aus dem Munde des Erzählers Bahadur ist das zu diesem Zeitpunkt ohnehin alles graue Theorie.

Innerer Antrieb und äußere Hoffnungen im Missverhältnis

Wichtig sind, das stellt der Ankömmling schnell fest, Land und Leute vor Ort. Über seinen Mittelsmann, der gleichzeitig der Spross des Präsidenten ist, lernt Jay Bahadur diesen bald kennen. Das Staatsoberhaupt freut sich tatsächlich über den Besuch, denn in dem Bestreben, das Land auf eine demokratische Bahn zu lenken und zugleich das Piratenproblem einzudämmen, erhoffen er und seine Anhänger sich zunächst die Aufmerksamkeit und mittelfristig die Unterstützung aus dem Westen. Allein der Gedanke, dass Jay Bahadurs Aufenthalt einen Bestseller zutage fördern könnte, wird zum Silberstreif für ein ganzes Land. Nur blöd, dass es weder einen Titel noch einen Buchvertrag gibt.

Selbst das jugendliche Antlitz des Reporters und die zickende Technik – natürlich ist das halbfunktionierende Diktiergerät mit auf Reisen – sorgen im präsidialen Tross allenfalls für hochgezogene Brauen. Ein wenig erfahrener, etwas professionellerausgestattet,t haben sie Jay Bahadur schon erwartet. Doch: Hauptsache, es kommt überhaupt wer, um über Somalia zu berichten. Dafür gibt es sogar militärisches Geleit.

Echte Probleme und Narrative der Piraterie

Wir jedoch wissen: Dieser Ausflug ist eine Nummer zu groß für den jungen Mann. Gleichzeitig ist er unbekümmert genug, um sich mithilfe seines Dolmetschers (Barkhad Abdi, Captain Phillips) mit echten Piraten zu treffen. Von denen gibt es so einige – vom selbst ernannten Robin Hood über den übereifrigen Trittbrettfahrer bis hin zum professionellen Warlord. Wer hier wie mitmischt? Bahadur schreibt sich auf die Fahne, das unaufgeschriebene Organigramm der somalischen Piraterie zu entwirren.

Bald zeigen sich zwei wiederkehrende Muster. Zum einen lehnen sämtliche Rädelsführer (und auch Teile der einfachen Bevölkerung) die Berufszeichnung „Pirat“ ab. Stattdessen nennen sie sich „badaadinta badah“ – was sinngemäß „Retter des Meeres“ bedeutet. Ganz klar ein PR-Titel, der verschleiert, von welcher Seite die Waffengewalt ausgeht, zugleich auf ein anderes Unrecht aufmerksam macht: die illegale Fischerei. Es sind die Trawler anderer Nationen, die den einheimischen Fischern die Lebensgrundlage entreißen.

Jay Bahadur (Evan Peters) geht in Pirates of Somalia auf Tuchfühlung mit Land und Leuten.
Jay Bahadur (Evan Peters) geht in Pirates of Somalia auf Tuchfühlung mit Land und Leuten.

Drogen überall: Jay Bahadur folgt dem Kath

Zum anderen regiert auch am Horn von Afrika der schnöde Mammon. In Anlehnung an Die Unbestechlichen formuliert Bahadur die investigative Catchphrase „Follow the money“ in „Folge dem Kath“ um. Kath ist eine pflanzliche Droge, die aus den Zweigspitzen und Blättern des Kathstrauchs gewonnen wird und deren Konsum in der Region weitverbreitet ist – so weit, dass Bahadur stets ein paar Büschel bei sich trägt, um die Zungen seiner Interviewpartner zu lockern. Tatsächlich muss der Reporter von seinen eigenen Mitbringseln naschen, damit er von den Männern um sich herum akzeptiert wird.

Die allgegenwärtigen Rauschmittel, die nicht erst mit der Ankunft in Somalia konsumiert werden, sorgen für allerhand skurrile Situationen. Passend dazu spendiert Regisseur Bryan Buckley einige inszenatorische Einfälle: Gleich zu Beginn kippt ein Nachrichtenbericht über einen Piratenangriff in ein imaginiertes Zwiegespräch, das Jay Bahadur in seinem Vorhaben bestärkt. „Ich werde den Teufel tun, nach Somalia zu reisen“, sagt der TV-Korrespondent, der aus der sicheren Entfernung Kenias berichtet. „Solange es keinen Teufelskerl gibt, der für uns nach Somalia geht, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns die wildesten Theorien auszumalen“, resigniert die Nachrichtensprecherin.

Unterhaltsamer als es das ernste Thema erlaubt?

In einer weiteren Sequenz alpträumt Jay Bahadur von einem Flugzeug voller toter Journalisten, die in Ausübung ihres Jobs mit Kopfschüssen hingerichtet wurden; Pilot ist ein grinsender Pacino, der sich über einen Blowjob von Jays eben erst verflossener Freundin freut. Auch in Somalia löst sich die filmische Realität immer wieder auf und findet mitunter in Comic-Bildern Zuflucht.

Dadurch wird The Pirates of Somalia zu einer Mischung aus Lord of War und Fear and Loathing in Las Vegas, die unterhaltsamer ist, als es dem ernsten Thema vielleicht guttut. Als Anleitung für Krisenjournalismus taugt der Film trotz realer Vorlage jedenfalls nicht. Dafür erzählt er zu sehr eine Simplicissimus-Reise: die Geschichte eines jungen Mannes, der auszog, um die Welt kennenzulernen, um sich selbst zu finden. Die Gefahren sind greifbar, werden aber weggewitzelt; redaktionelle Rückendeckung gibt es keine, dafür eine fast schon märchenhafte Liebesgeschichte.

Strukturelle Probleme des Krisenjournalismus

Bahadur ist auf die Gastfreundschaft und Gesprächsbereitschaft der Menschen angewiesen. Der Erwartungsdruck gegenüber einem „westlichen“ Reporter, fehlender professioneller Rückhalt und wirtschaftliche Zwänge – strukturelle Probleme des Krisenjournalismus – sind in The Pirates of Somalia unterschwellig wahrnehmbar. Im Sog der Ereignisse verdichten sie sich zu einem leichtfüßigen Abenteuer. Wer sich ernsthaft mit den realen Bedingungen des Krisenjournalismus befassen will, greift besser zu einer Dokumentation wie Jim Foley – Realität des Terrors.

Eins zu eins zur Nachmachung empfohlen ist Jay Bahadurs journalistischer Husarenritt ohnehin nicht. Derart blauäugig wie im Film dargestellt hätte er so oder so ähnlich enden können wie eben Foley (der erfahrener war, aber ebenfalls sehr autark agierte) – von Kidnappern ermordet und verscharrt. Mit 50 getöteten Medienschaffenden seit 2010 ist Somalia laut Reporter ohne Grenzen „weiterhin das gefährlichste Land für Journalist*innen in Afrika“. Die Crux liegt darin, dass es Menschen braucht, die dennoch dorthin gehen und diese Risiken in Kauf nehmen, damit die Welt überhaupt hinsieht.

Die „Erste Welt“ braucht die Betroffenheit

Hier legt der satirische Teil des Films den Finger in die richtige Wunde: Ob berichtet wird, ist weniger eine Frage der Mittel als der Prioritäten. Al Pacinos Wutrede zu Beginn richtet sich mitunter gegen den Clickbait- und Listicle-Journalismus, der vom Schreibtisch aus ersonnen wird und allenfalls Erste-Welt-Probleme betrachtet. Das Treatment zu Jay Bahadurs Buch über Somalia lehnen die Redaktionen mangels Interesses ab.

Nur eine idealistisch gepolte Produzentin hält als potenzielle Abnehmerin seiner Berichte losen Kontakt, bis auch sie kleinlaut zugeben muss, dass die Probleme der somalischen Bevölkerung auf der anderen Seite des großen Teiches keine Quote bringen. Aber soeben ist ja wieder ein Boot von Somaliern gekapert worden. Wenn Bahadur an Videoaufnahmen westlicher Geiseln käme, könne sie 1.000 Dollar locker machen.

Das Timing stimmt, und sonst?

Der Versuch, an Bord eines entführten Schiffes zu kommen, schlägt fehl. Bahadur lässt seine mühevoll über Monate hinweg gewonnene Feinfühligkeit fahren und verschreckt mit seinem erratischen Verhalten seine Kontakte. Damit fällt bei ihm der Groschen. Bis dahin hatte er stets als Getriebener reportiert; getrieben von der Aussicht auf Ruhm und Geld bzw. von der Angst vor dem Versagen.

Seine letzte Patrone, bevor er das Land endgültig aufgrund der immer unübersichtlicheren Lage verlassen muss, sitzt. Am Ende steht ein journalistisches Happy End, das sich auch als Fingerzeig in unsere Richtung lesen lässt. Das Interesse an seinen Berichten ist groß, weil das „Timing“ stimmt: Kurz nach seiner Rückkehr kommt es zur aufsehenerregenden Entführung der Maersk Alabama. Den Rest besorgt Hollywood.

Abschließende Bemerkung ohne Spitze: Zwischenzeitlich galt das „Piratenproblem“ als eingedämmt, durch eine stärkere internationale Präsenz in den Gewässern Somalias. Dazu schienen sich die politischen Verhältnisse nach der Wahl von Hassan Scheikh Mahamoud im Mai 2022 zu stabilisieren. Diese Hoffnungen haben sich zerschlagen. 2024/25 war wieder ein Anstieg der Überfälle zu sehen.

Hintergrund: Der echte Jay Bahadur

Ursprünglich wollte Jay Bahadur nach Somalia reisen, um über die Wahlen im Nordwesten des Landes zu berichten. Die internationale Aufmerksamkeit für die Entführung des Frachters MV Faina durch somalische Piraten im September 2008 brachte ihn jedoch dazu, den Fokus zu wechseln. Bahadur kündigte seinen Job, nahm Kontakt zu Journalist*innen vor Ort auf, arrangierte Interviews über den Radiosender Radio Garowe und setzte seine Reise nach Somalia um.

Im Januar 2009 erreichte er nach fast zweitägiger Anreise die halbautonome Region Puntland. Dort traf er erstmals auf Piraten und begann, deren Strukturen, Motive und Selbstverständnis zu recherchieren. Seine Erkenntnisse widersprachen gängigen Annahmen: Die Zahl der Piraten war geringer als oft behauptet, sie waren weder Teil internationaler Verbrechersyndikate noch mit jihadistischen Gruppen verflochten.

So entstand die Grundlage für den Film

Insgesamt verbrachte Bahadur mehrere Monate in Regionen, die von westlichen Journalist*innen kaum besucht werden. Von seiner ersten Reise kehrte er im März 2009 zurück – nur wenige Wochen vor der Entführung der Maersk Alabama. Dies steigerte das Interesse an seinem Projekt erheblich; wenig später fand sein Buch einen Verlag. The Pirates of Somalia: Inside Their Hidden World erschien 2011 und bildet die Grundlage für die spätere Verfilmung.

Wie im Film gezeigt, lehnten die von Bahadur interviewten Piraten die Bezeichnung „Piraten“ ab und nannten sich selbst badaadinta badah („Retter des Meeres“) – ein Selbstbild, das laut Bahadur zwar als PR-Strategie dient, jedoch einen realen Kern besitzt. Zugleich betont er, dass Piraterie längst weit über den Schutz lokaler Fischgründe hinausgegangen sei: Nur ein Bruchteil der angegriffenen Schiffe habe tatsächlich mit Fischerei zu tun gehabt.

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Du hast Lust, diesen Film zu sehen? Ich fand The Pirates of Somalia überraschend gut. Brüche in der Tonalität, gerade im Kontrast zum harten Thema, solltest Du zwar in Kauf nehmen, aber der Film bemüht sich um ein nuanciertes Bild vom (Piraten-)Leben in Somalia. Wenn Du den Film auf DVD oder BluRay über diesen Affiliate-Link erwirbst, erhalte ich eine kleine Provision. Das hilft mir, den Betrieb dieser Seite zu sichern. Vielen Dank!

The Pirates of Somalia auf BluRay

3.0
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