Das FBI verhaftet in Mexiko einen Mann namens Michael Finkel. Das Mysteriöse an diesem Fall: Finkel heißt in Wahrheit Christian Longo und soll seine Familie ermordet haben. Der echte Michael Finkel fristet derweil, nach seinem Rausschmiss aus dem Schreiberteam der New York Times, ein Dasein in der publizistischen Diaspora. Als dieser von dem Identitätsdiebstahl erfährt, wittert der Journalist die Chance auf ein Comeback. True Story – Spiel um Macht lautet der doppelbödige Titel von Rupert Goolds Kinodebüt. Einerseits basiert die Geschichte auf realen Begebenheiten. Andererseits nimmt es kaum jemand in diesem Film mit der Wahrheit genau.

Text: Patrick Torma. Bilder: Arthaus Filmverleih.

Michael Finkel (Jonah Hill) ist das Wunderkind der New York Times. Neun Titelgeschichten in drei Jahren bringen nur die wenigsten Rechercheure zu Papier. Mit seinem zehnten Aufmacher allerdings provoziert der Überflieger seinen eigenen Absturz. Um seiner Reportage über Sklavenarbeit auf afrikanischen Kakaoplantagen mehr Dramatik zu verleihen, verdichtet er die Erlebnisse mehrerer Betroffener in der Biographie eines Einzelnen. Einer Hilfsorganisation fallen Ungereimtheiten auf, und so stürzt Finkels bewegende, aber maßlos aufpolierte Seite 1-Geschichte in sich zusammen. „Sie haben eine lange Karriere vor sich. Aber nicht bei uns“, komplementiert die Redaktionsleitung den jungen Journalisten zur Tür hinaus. Der bittet noch darum, seine Geschichte geraderücken zu dürfen („Drucken Sie nur bloß keine Entschuldigung!“), doch die Editor’s Note der NY Times ist schon geschrieben. Finkel ist als journalistischer Märchenonkel gebrandmarkt.

Der Reporter zieht sich mit seiner Freundin in die Einöde zurück, wo er neuen Anlauf zu nehmen versucht. Sämtliche Verkaufsgespräche enden in der Nicht-Beschäftigung. Bis er von einem Lokalreporter des Oregonian erfährt, dass sich der mutmaßliche Familienmörder Christian Longo (James Franco, siehe auch: Burn Country – Fremd im eigenen Land) kurz vor seiner Verhaftung im mexikanischen Grenzland als New York Times-Reporter Finkel ausgab. Der echte Michael Finkel arrangiert gleich ein Treffen im Gefängnis, wo Longo seine Bewunderung für die Arbeit des Journalisten zum Ausdruck bringt.

MIchael Finkel (Jonah Hill, links) hofft auf ein journalistisches Comeback. Christian Longo (James Franco) weiß diese Hoffnung für sich zu nutzen.

MIchael Finkel (Jonah Hill, links) hofft auf ein journalistisches Comeback. Christian Longo (James Franco) weiß diese Hoffnung für sich zu nutzen.

Ein Pakt mit einem Mörder

Diese Streicheleinheiten fürs Ego, die Aussicht auf ein journalistisches Comeback und das diffus-makabere Gefühl, in Longo einen geistigen Verwandten gefunden haben, verleiten Finkel dazu, sich auf einen Deal mit dem Mordverdächtigen einzulassen. Der beschäftigungslose Journalist erhält die Exklusivrechte an Longos Lebensgeschichte und den wahren Gründen für die Familientragödie, erklärt sich im Gegenzug bereit, dem Gefängnisinsassen die Kunst des Schreibens zu lehren. Finkel ahnt nicht, dass er von dem Todeskandidaten instrumentalisiert wird …

True Story ist die Geschichte eines unglückseligen, journalistischen Tricksters. Süchtig nach Ruhm, von den inneren und äußeren Erwartungen an einen weiteren Scoop aus seiner Feder getrieben. Wie weit reicht die journalistische Freiheit, um einer guten Geschichte Gewicht zu verleihen? Und wann ist die Grenze zur Manipulation überschritten? Der Fall Finkels ist natürlich ein krasser – doch ist nicht jeder Journalist in irgendeiner Weise bemüht, seinen Zeilen Bedeutung zu verleihen? Sei es, weil er ein Thema für berichtenswert hält, mit seiner Arbeit etwas bewegen möchte oder aber angehalten ist, die Auflage anzukurbeln.

Schuldig oder unschuldig? Wahr oder unwahr? Der Journalistenfilm True Story beruht auf Tatsachen. Eindeutig ist in diesem Film aber noch lange nichts.

Schuldig oder unschuldig? Wahr oder unwahr? Der Journalistenfilm True Story beruht auf Tatsachen. Eindeutig ist in diesem Film aber noch lange nichts.

Zweifellos unethisch – aber auch unwahr?

Gehören eine griffige Überschrift (Stichwort Clickbait) oder das Zitat, das aus dem Zusammenhang gerissen wird, um den Leser zu ködern, nicht schon zum Repertoire der Leser(ver-)leitung? Michael Finkel ist kein pathologischer Lügner (wie etwa Stephen Glass in Shattered Glass), sondern ein hingebungsvoller Journalist, der – freilich nicht uneigennützig – auf die Missstände dieser Welt hinweisen möchte. Die Verdichtung der Schicksalsschläge der jugendlichen Plantagenarbeiter in einer Figur ist journalistisch zweifellos unethisch – aber macht sie diese Schicksalsschläge auch unwahr?

So argumentiert zumindest der echte Michael Finkel, auf dessen Buch True Story: Murder, Memoir, Mea Culpa der Film basiert: „I deluded myself into thinking I was serving a higher truth. […] I knew it was a one-time idiotic act, but I felt like it was an error of creativity rather than evilness. I didn’t think I would get caught, but that’s no excuse.“ Natürlich ist das keine Entschuldigung. Dafür ist die Sache zu kurz gedacht. Schließlich geht es hinterher um mehr als nur die Faktenuntreue im Singulären, sondern um die Glaubwürdigkeit im Allgemeinen. Wer einmal lügt, dem glaubt nicht – selbst wenn er sich beim nächsten Mal verbissen an die Fakten hält. Ein Teufelskreis, aus dem Michael Finkel mit seiner Story über Christian Longo zu entfliehen versucht – doch letztlich ist er derjenige, der in diesem Spiel um Macht am meisten zu verlieren hat.

Finkels Freundin, Jill Barker (Felicity Jones), kennt ihren Partner nur zu gut: Der Journalist verrennt sich. Die EInsicht kommt aber erst spät(er).

Michael Finkel vermarktet seine Fehltritte

Die journalistische Moral der Geschichte scheint simpel, wird aber von der Realität konterkariert. Der echte Michael Finkel hat zwar bis heute keine einzige Zeile mehr für die New York Times geschrieben – dafür hat die Zeitung Schriften von Christian Longo abgedruckt, der bis auf weiteres seine Strafe in der Todeszelle verbüßt, da der Staat Oregon Hinrichtungen seit 2011 aussetzt –, ist aber mehr als weich gefallen. Auch, weil er anschließend wieder viel beachtete Reportagen schrieb, u.a. für den National Geographic. Als besonders ertragreich erwies sich vor allem aber die Vermarktung seiner journalistischen Fehltritte.  True Story – der Titel ist nicht nur doppelbödig, sondern in gewisser Weise auch zynisch.


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