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Good News (2024): Ein Hauch von Relotius in Thailand

In Good News jagt ein freier Journalist aus Deutschland einer Rebellentruppe hinter. Seine Reportage wird zur Lebenslüge.                         

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In Good News jagt ein freier Journalist aus Deutschland einer Rebellentruppe hinter. Seine Reportage wird zur Lebenslüge.                                                                              

Text: Patrick Torma. Bildmaterial:

Südthailand, mitten in der Nacht: Ein Pickup schleicht durch die palmengesäumte Landschaft. Nächster Halt: ein Straßenrand. Männer steigen aus, schleifen einen schlaffen Körper von der Ladefläche und deponieren ihn im fahlen Licht der Scheinwerfer. Es folgen eine Schwarzblende und der Titel, wie von einer Schreibmaschine getippt: Good News. Wenn abgelegte Menschenkörper in der südostasiatischen Botanik eine gute Nachricht sind, na dann wirklich: gute Nacht.

Dieser zynische Ton darf sich vorerst setzen. In melancholischen Schwarz-Weiß-Bildern lernen wir Leo (Ilja Stahl) kennen, einen freiberuflichen Journalisten, der in der südthailändischen Provinz Pattani den Kontakt zu einer Rebellengruppe sucht. In dem Gebiet zur Grenze Malaysias leben mehrheitlich Muslime. Einst war es Teil eines eigenen Königreichs, wie wir aus Leos abgehörten Tonaufnahmen erfahren. Hier treiben radikale Kräfte separatistische Pläne voran, immer wieder kommt es zu Anschlägen auf thailändische Einrichtungen.

Zur weiteren Einordnung: Der Konflikt, der ab 2004 eskalierte, brachte in 20 Jahren rund 7.600 Menschen um; das Auswärtige Amt rät nach wie vor von Reisen in die Provinz ab.

In Thailand lebt Journalist Leo eine Lüge

Mit Zoom-Diktiergerät, Schreibblock und einem Fahrer, der für ihn dolmetscht, tastet sich Leo an die Zwischenmänner heran. Er stochert alsbald in eine Nebelwand aus Misstrauen und Angst. „Du bist Ausländer“, halten ihm seine Gesprächspartner vor, „du reist in einigen Tagen zurück nach Deutschland. Wir und unsere Familien bleiben hier und leben mit der Gefahr!“ Dazu der gut gemeinter Hinweis: Leo müsse damit rechnen, dass ihn die Rebellen für einen Spion halten könnten. Was das im Dickicht des Grenzdschungels bedeutet, kann man sich leicht ausmalen.

Der Journalist ignoriert diese Einwände. „Ich bin euer Sprachrohr in die Welt“, „durch mich werdet ihr gehört“, „ich möchte wirklich etwas bewirken“, entgegnet er sinngemäß. Sein Ausdruck sagt: Er selbst glaubt nichts von dem, was er da faselt. Frustriert kehrt Leo in sein Basiscamp zurück, um seine Tage am Strand zu fristen. Er spielt Fußball mit seinem Freund Mawar (Sabree Matming), der seinen Lebensunterhalt mit dem Braten von Satay-Spießen verdient, und den er just davon abhält, bloß um nicht allein zu sein.

Journalist Leo (links) ködert seinen Freund Mawar mit einem Leben in Deutschland - aufrichtig ist er dabei nicht.

Journalist Leo (links) ködert seinen Freund Mawar mit einem Leben in Deutschland – aufrichtig ist er dabei nicht.

Reporter gehen dorthin, wo es wehtut – oder?

In seinem Dreitagebart steht die Reue. Leo ist alles andere als ein kerniger Kriegsreporter, wie man ihn aus der actionreichen Legendenbildung des Krisenkinos kennt (siehe auch Under Fire, Salvador oder Ein Jahr in der Hölle). Vielmehr ein verzweifelter Sucher, ein alternder Freelancer, dessen Meriten – einige Reporterpreise aus den Anfangstagen – verblasst sind. Ein Porträt der Rebellen in Südthailand ist für ihn so etwas wie die letzte Patrone. Um als Journalist nochmal irgendetwas von tiefschürfender Qualität freizulegen, muss er dorthin, wo es wehtut. Ein ähnliches Credo hat uns unlängst auch Al Pacino in Pirates of Somalia andrehen wollen.

Sicher: Mit Artikeln über blühende Blumenwiesen und vom Karnickelzuchtclub schreibt man sich selten ins Rampenlicht, noch bekommt man seine Rechnungen davon bezahlt. In seiner Schlussfolgerung ist Leos journalistischer Husarenritt eine Verzweiflungstat – ein solches Eisen zu schmieden, aus dem Stand, ohne Kontakte, ohne Unterstützung, ist fahrlässig. Gut, wir wissen nicht, worüber Leo vorher so geschrieben hat. Doch diese Rebellen-Recherche, so viel wird rasch deutlich, ist eine Nummer zu groß für ihn.

Journalistischer Jagdtrieb: Das Interview als Trophäe

Das sieht auch die Ehefrau daheim so, sie lässt Papi nur widerwillig mit dem kleinen Töchterchen facetimen, und auch die paar Worte, die die beiden aneinander vorbei wechseln, klingen verräterisch danach, als sei jemand seinen Vaterpflichten in der Vergangenheit allenfalls sporadisch nachgekommen. „Läuft super“, meint Leo, nicht der Familie, sondern nun der Redaktion gegenüber, ob aus Realitätsverleugnung oder prekärer Not heraus, wird nicht ganz klar. Er bräuchte lediglich ein paar Tage, um die Rebellen zu knacken, und darum auch einen Vorschuss für das Hotel, das in Wahrheit eine Strandklitsche ist.

Das quotenbringende Interview mit Warlords, das auflagenträchtige Aufeinandertreffen mit dem bösen Diktator – das sind beliebte Trophäen, an denen sich Kriegsreporterstreifen immer wieder aufrichten. In Kabul Express bemühen sich zwei indische Grünschnäbel um einen Dreh bei den Taliban. In Live aus Bagdad jagen Michael Keaton und Helena Bonham Carter Saddam Hussein nach. Civil War schickt ein journalistisches Quartett auf eine Heart of Darkness-mäßige Reise durch eine vom Bürgerkrieg zerfressene USA, mit dem Ziel, das inzwischen diktatorische US-Oberhaupt ein letztees Mal vor seinem bevorstehenden Sturz zu interviewen.

Anfangs ist Fotograf Julian ziemlich angetan vom Leben unter der Sonne. Aber bald schon wird er ungemütlich. Sein Ärger ist nachvollziehbar. Sein Aggressionspotenzial nur bedingt.

Anfangs ist Fotograf Julian ziemlich angetan vom Leben unter der Sonne. Aber bald schon wird er ungemütlich. Sein Ärger ist nachvollziehbar. Sein Aggressionspotenzial nur bedingt.

Ein Fotograf droht den Journalisten zu ertappen

In Good News weht schon bald ein Hauch von Relotius über den Golf von Thailand herüber. Leo liefert. Ohne je einen Rebellen gesehen, geschweige denn gesprochen zu haben. „Artikel ist fertig, bin super happy“, telegrafiert er via WhatsApp. Auch die Redaktion ist entzückt. Kurz darauf steht Julian (Dennis Scheuermann) vor Leos Beachbude: „Ich bin der, der die Fotos macht.“ Verdammt. Konnte keiner ahnen, dass die Redaktion Belegbilder von bewaffneten Outlaws abdrucken möchte.

Leo reagiert, wie ein ertappter Lügner in postfaktischen Zeiten eben reagiert, mit dem Versuch einer Flucht nach vorne: „Euch fehlt jeglicher Respekt vor meiner Arbeit.“ Doch der Fotograf ist nun mal anwesend. Mit fadenscheinigen Begründungen hält Leo diesen hin. Er müsse die Rebellen erst im Vertrauen um Fotoerlaubnis fragen.

Julian macht das Spielchen drei, vier Tage mit. Noch findet der alles „ziemlich geil“, erst recht die Mädels in den Bars. Doch schon bald geht dem ehemaligen Knasti aus Berlin die Geduld flöten. Wie Leo ist auch er ein Getriebener. Julian braucht diese Story mindestens ebenso dringend, sowohl für die Reputation als Quereinsteiger als auch für den Selbstwert. Blöd, dass Fotos mehr noch als Worte vom Sein leben. Der Fotograf wird derart ungemütlich, dass sich die Rebellen und ihre Waffen in Leos Amygdala in eine stille Ecke verdrücken.

Wie weit darf Journalismus gehen?

Getrieben von der Furcht, alles zu verlieren, driftet Leo seinem moralischen Nullpunkt entgegen. Er ködert Urlaubsbuddy Mawar mit schöngefärbten Auswanderungsperspektiven, verspricht Beschaffungshilfe bei Visa und Krediten in Deutschland. Leos zunehmend erratisches Verhalten erweckt zwar Mawars Misstrauen. Doch 30 Jahre in einem gärenden Paradies, das nur dann eines ist, wenn man es einfach so hinter sich lassen kann, lassen ihn einknicken. Ohne den weiteren Fortgang der Geschichte zu verraten: dank der Brechstange, die Leo von nun an ansetzt, wackelt die Sicherheit aller Beteiligten bedenklich.

Kurzfilmregisseur Hannes Schilling verwebt in seinem 70-minütigen Spielfilmdebüt eigene Erfahrungen aus der Studienzeit. Damals brachte ihn eine Dokumentation in einen persönlichen Zwiespalt: Wie weit darf man seine Kontakte „dehnen“? Gibt es ein Recht darauf, ein Werk zu erschaffen, um Veränderungen anzustoßen? Oder redet man sich diesen Impact nur ein? Wo fängt Missbrauch an und wo hört Verantwortung auf? Schilling überträgt diese Fragen stimmig aufs journalistische Sujet: der ständige Druck, abliefern zu müssen, die Freiheit als Freiberufler, die in Einsamkeit umschlagen kann, sind wunde Punkte im freien Journalismus.

Ein Echolot journalistischer Befindlichkeiten?

Als jemand, der selbst frei unterwegs ist, fühle ich – bis zu einem gewissen Grad – mit Leo. Aufwand, Zeit, Nerven: Jede:r freie Journalist:in kennt das Gefühl, zu viel in eine Geschichte gebuttert zu haben, als dass man sie einfach aufgeben möchte. Niemand gesteht sich gerne ein, dass die Ursprungsidee nicht trägt, schon gar nicht gegenüber der Redaktion, die einen beauftragt hat. Im Idealfall entwickelt man frühzeitig einen Plan B. Manchmal sucht man händeringend nach einem solchen, um Einsatz und Honorar zu retten; um den Kontakt zur Redaktion nicht mit einer journalistischen No-Show zu verprellen.

An manchen Stellen hingegen wird das Thema notdürftig über den Journalismusplot geworfen: Leos Verwunderung über die Tatsache, dass ein Beitrag dieser Größenordnung – immerhin geht es nicht um eine Meldung, sondern um eine Reportage – bebildert werden soll, ist nicht glaubwürdig. Auch sonst wirkt er beruflich nicht gefestigt. Zugegeben, das soll so sein. Schließlich steht er mit dem Rücken zur Wand. Doch stellenweise legt Ilja Stahl den Reporter kindlich an, trotzig, unfähig, Gefühle im Zaum zu halten. Und ja: Tausend Zeilen, der die Causa Relotius satirisch aufbebreitet, verfährt ähnlich – beruhend auf wahren Ereignissen. Dass auch renommierte Redaktionen mehrere Augen zudrücken, wenn die Geschichte zu gut ist, kommt nachweislich immer wieder mal vor.

Grob gepinselt, aber dennoch sehenswert

Dennoch: Ohne weitere Hintergründe zur Redaktion, die Leo beauftragt (und in diesem Fall ihren Job macht), zu kennen, ist die Drucksituation in Good News auch eine selbstgemachte. In der echten Welt wäre eine Redaktion womöglich gesprächsbereit, sollten es die Rebellen nicht sein. Die Option, reinen Tisch zu machen, sieht Leo nicht. Klar, kaum ein Medienhaus finanziert Fernreisen von Freien, weder vorbehaltslos noch vollumfänglich. Selbst im Krisenjournalismus hat sich eine Mitnahmementalität eingeschlichen: Wer ohnehin vor Ort ist, kann der Redaktion ja noch eine Geschichte mitbringen – wie etwa Krisenreporterin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal im journalistenfilme.de-Podcast berichtet.

Leos Ausweglosigkeit muss man also ein Stück weit schlucken, was bei so mancher Schwarzweiß-Färberei im Drehbuch schon mal schwerfällt. Auf Bilderebene sind die Kontraste stimmiger: Entsättigt wirkt das eigentlich so bunte Thailand umso deprimierender, die Freiheit eines beruflichen Nomadentums fühlt sich wie eine Bürde an. Tristesse und dunkle Gedanken verflüchtigen sich nicht, bloß weil Leo auf die Sonnenseite des Globus flieht. Ebenso wenig wie die Verantwortung, die der Journalist fahren lässt. Einigen groben Pinselstrichen zum Trotz ist „Good News“ ein ruhig erzähltes, sehenswertes Unsittengemälde.

Normalerweise folgt an dieser Stelle der obligatorische Bezugslink. Meines Wissens gibt es derzeit kein physisches Medium. Good News lässt sich aber bei dem einen oder anderen Streamer finden.

3.0
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