Glennkill: Ein Schafskrimi ist ein knuffiger Film mit einem belasteten Journalistenbild. Über Schlafschafe und einen irritierenden Twist. Text Pat
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Glennkill: Ein Schafskrimi ist ein knuffiger Film mit einem belasteten Journalistenbild. Über Schlafschafe und einen irritierenden Twist. Text Patrick Torma. Bildmaterial: Sony Pictures.
Eines Morgens liegt der Schäfer mausetot auf der Weide. Abends zuvor hatte George Hardy (Hugh Jackman, Der Spitzenkandidat, Scoop – Der Knüller) seiner Herde noch aus einem Krimi vorgelesen. Das allabendliche Leseritual endete mit einem Cliffhanger zum fröhlichen Mitraten. Nun sind Hardys Schäfchen mit einem echten Mordfall in der Menschenwelt konfrontiert. Angeführt von der cleveren Lily versucht ein Haufen putzig animierter Wollknäuel herauszufinden, wieso ihr geliebter Hirte dran glauben musste.
Schnell zeichnet sich ab: George, zu seinen Tieren stets gütig, war im Zwischenmenschlichen weniger umgänglich. Allein im sonst so verschlafenen Nest Denbrook gibt es eine Handvoll Gestalten, die nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Jetzt, wo George tot ist, taucht außerdem seine einst zur Adoption freigegebene Tochter Rebecca (Molly Gordon) auf – und obendrein ein Testament, das den Verstorbenen als Multimillionär ausweist. Dem Patent einer von ihm entwickelten Schafsmedikation sei Dank. Der Journalist Elliot Matthews (Nicholas Galitzine) ist zufällig zur rechten Zeit am richtigen Ort.
Glennkill: Ein Schafskrimi ein Journalistenfilm? Mäh oui!
Ihr ahnt es schon: Glennkill: Ein Schafskrimi ist einer dieser Filme, die sich unverhofft als Anschauungsmaterial für diesen Blog entpuppen. Eigentlich suchte ich nur Berieselung. Stattdessen zückte ich das Notizbuch, damit mir ja nicht das kleinste Spurenelement journalistischer Darstellung entgeht. Ein Impuls, dem ich – wie sich am quantitativ eher dünnen Output der vergangenen zwei, drei Jahre ablesen lässt – zuletzt immer häufiger widerstand. In diesem Fall jedoch knickte ich ein.
Denn irgendwas schien mir an dieser Reporterfigur out of place; in diesem Familienfilm, der so knuffig anläuft und in den sich bald schon eine Düsternis einschleicht. Es geht um Verlust, das Gefühl der Ausgrenzung, und ja, letztlich auch um einen Mord aus niederen Beweggründen. Und das bei einer FSK-6-Freigabe. Glennkill: Ein Schafskrimi fühlte sich fast an wie ein Familienfilm aus meiner Kindheit, als solche Filme für ein kindliches Publikum auch mal verstören durften. Filme wie Die Reise ins Labyrinth oder Die endliche Geschichte, die ich immer wieder und wieder sah, obwohl sie diese Szenen beinhalteten, die mir danach schlaflose Nächte bescherten.
An dieser Stelle der Lesetipp: Filmpodcaster Patrick Lohmeier hat über diese beinahe verdrängte Spezies von Kinderfilmen ein lesenswertes Kompendium geschrieben: Trauma-TV – Gruseln vor der Glotze.
Ist das süß! Oder nicht? Glennkill – Ein Schafskrimi lässt eine Herde Schafe ermitteln. Opfer ist ihr geliebter Hirte George (Hugh Jackman).
Ein journalistisches Drama in drei Akten
Aber es war nicht nur das. Hinzu kamen Störgefühle, die ich nur verständlich machen kann, wenn ich diesen – an sich empfehlenswerten – Sheep Shot hemmungslos spoilere. Wer sich regelmäßiger auf journalistenfilme.de tummelt, kennt das. Alle anderen sind gewarnt und grasen bei Bedarf erstmal woanders weiter. Es folgt eine Betrachtung in drei Akten.
Akt 1 verläuft ziemlich erwartbar. George ist soeben tot aufgefunden worden, da taucht Elliot in Denbrook auf. Zufälle gibt’s. Parallel findet tatsächlich das alljährliche Dorffestival statt. Die Redaktion seiner Zeitung hat ihn darauf angesetzt, sagt er. Umso enttäuschter ist er, als er feststellt, dass das „Festival“ aus drei Tischen mit örtlichen Erzeugnissen und sonstigen Denbrooker Devotionalien besteht. Elliot hatte sich diese Vor-Ort-Reportage als Sprungbrett vorgestellt – weg vom Schreibtisch, wo er die Todesanzeigen bearbeitet, hinein ins echte Reporterleben.
Nicholas Galitzine, im Kinojahr 2026 ebenfalls als unsicherer He-Man in Masters of The Universe zu erleben, legt die Figur äußerst grün an. Tapsig, hornbebrillt, im biederen Karree-Jackett, das ein junger Mann nur trägt, um seriös rüberzukommen und ihm stattdessen wie eine schlechte Verkleidung anhaftet. Angetrieben von dem inneren wie äußeren Druck, endlich mal einen Schritt nach vorne zu machen. Entzaubert von der unglamourösen Arbeit, die der Journalismus bereithalten kann.Gerade wenn man ihn von der lokaljournalistischen Pieke auf erlernt.
Jungreporter Elliot Matthews landet in der Provinz
Nur die wenigsten Berichtsanlässe entsprechen dem Ideal auflagenträchtiger Seite-1-Geschichten. Elliot sucht dennoch die Chance. Gleichzeitig fährt er mit den üblichen Vorbehalten gegenüber der Provinz nach Denbrook, die sich zunächst zu bestätigen scheinen. Bis er plötzlich mitbekommt, dass dort gerade der größte Skandal in der Geschichte des Örtchens brodelt.
Bis hierhin dachte ich: Elliot ist der Typus Journalist, der noch lernen muss, mit wachen Augen, aufgeschlossenem Mindset und auch Herz auf die Geschichten des echten Lebens zu schauen und darüber den Wert seines Berufs zu erkennen. Der bemisst sich nicht am Prestige einer Veröffentlichung. Weite Teile des Journalismus bestehen aus Basisarbeit: hingehen, zuhören, nachfragen. Journalismus nimmt auch das vermeintlich Triviale ernst. Oder er sollte es tun. Aber das ist ein anderes Thema.
Der Journalist nimmt die Arbeit auf …
In Filmen zumindest ist das eine gern erzählte Lektion, die sich nicht nur an Berufsneulinge richtet. Kennwort 777 oder Philomena sind nur zwei Beispiele, in denen honorige Reporter sich gewissermaßen „herablassen“, die Probleme gewöhnlicher Menschen ernstzunehmen und dadurch einen echten Impact bewirken. Glennkill: Ein Schafskrimi scheint auch diese Richtung einzuschlagen. Dazu passt die Wendung, die Akt 2 unserer Betrachtung einleitet. Plötzlich ist Elliot Feuer und Flamme, wittert „absolutes Gold“. Eine weitere, äußerst beliebte Trope kündigt sich an: der Reporter übernimmt die Ermittlungen anstelle der Polizei. Die ist in solchen Filmen nämlich meist unfähig oder nicht willens, den Fall zu lösen. In Denbrook ist Tim Derry (Nicholas Braun) als trotteliger, gesetzeshütender Solist vorerst heillos überfordert.
Elliot zeigt Initiative – und das auf eine übergriffige Weise, die für erste Irritationen sorgt. Beispielsweise hält er voll auf Georges Leiche drauf, knipst Fotos wie wild. Gleichzeitig ermuntert er den Polizisten Tim, den Trailer des Schäfers genauer zu untersuchen. Dazu muss man wissen: George weist keine offensichtlichen Spuren von Gewalteinwirkung auf, schließlich wurde er vergiftet. Weshalb anfangs nicht jeder, Tim eingeschlossen, von der Mordtheorie überzeugt ist.
Keine flasche Scheu vor abgestandenen Leichen: Reporter Elliot (Nicholas Galitzine) hölt voll drauf. Dabei stellte er sich gerade noch als absolutes Greenhorn vor …
… und macht gemeinsame Sache mit der Polizei
Elliot macht Tim auf kriminalistische Basics aufmerksam, etwa darauf, keine eigenen Fingerabdrücke zu hinterlassen oder Spuren zu verwischen. Auch legt er ihm einige Fragen in den Mund, die sich hinsichtlich der Motive und Alibis der Verdächtigen aufdrängen. Später sitzt er wie selbstverständlich bei der Verlesung von Georges Testament, was schließlich auch Anwältin Lydia Harbottle (Emma Thompson, Late Night, Radio Rock Revolution) auffällt. „Wer sind Sie eigentlich? Raus hier!“
Elliot, das unbeholfene Greenhorn, weiß plötzlich, wo es langgeht. Weil er den nicht minder unbeholfenen Officer Tim scheinbar aus seiner Lethargie befreit und mit ihm zusammenarbeitet, wirkt Elliot zunächst unverdächtig. Nebenbei widerlegt er damit den häufig kolportierten wie falschen Eindruck, investigative Reporter arbeiteten der Geheimhaltung wegen stets auf eigene Faust. Wäre da nicht eine Sache: So richtig bringt er die Ermittlungen nicht voran.
Wenig überraschender Enthüllungsjournalismus
Denn einerseits obliegt die eigentliche Ermittlungsarbeit den wahren Helden der Geschichte: Es sind Lily, Mopple & Co., die Hintergründe des Mordes lüften und letztlich auch Tim im wahrsten Sinne auf die richtige Fährte stoßen. Ihnen dabei zuzusehen (und auch zuzuhören – im Original sprechen unter anderem Julia Louis-Dreyfus, Bryan Cranston und Patrick Stewart, in der deutschen Synchronfassung Anke Engelke und Bastian Pastewka) ist eine Freude. Wer nah am Wasser gebaut ist oder gerade einen Verlust betrauert, sollte die Taschentücher griffbereit halten.
Andererseits, und da kommt eine Schwäche des Films zum Tragen, ist die Geschichte für Krimifans vorhersehbar. Weswegen der Spoiler – jetzt kommt er wirklich – alles andere als eine schockierende Enthüllung ist: Schon früh, bei der Verlesung des Testaments, wird nämlich verkündet, dass Georges Tochter Rebecca einen Zwillingsbruder namens Peter hat. Der lebt zwar in Südafrika. Doch weil alle anderen Figuren des Films aufgrund von Alter, Ethnie oder Geschlecht als Peter ausscheiden und sich unser Reporter ab der Mitte des Films auffällig aus allem heraushält, bleibt eigentlich nur ein Kandidat übrig. Wenn der verschollene Sohn in diesem Whodunnit noch eine Rolle spielen soll, muss er längst da sein.
Achtung, andeutungsvolle Bildunterschrift: Reporter Elliot bei der Verlesung von Georges Testament. Bedient der Mann ein öffentliches Interesse? Oder verfolgt er eine persönliche Agenda …?
Weshalb der Journalist für Störgefühle sorgt
Er ist es: Elliott Matthews ist Peter van Buren, der Lokaljournalist nur Fassade, das Festival ein Vorwand, um sich in Denbrook aufzuhalten und den Verdacht auf seine Schwester zu lenken. Für ihn fällt der Vorhang in Akt 3. Handschellen klicken, der Gerechtigkeit wird Genüge getan.
Mich allerdings beschleicht ein komisches Gefühl – nicht, weil ich per se etwas dagegen hätte, wenn sich Journalist*innen als Böse entpuppen. Man denke etwa an Nightcrawler, Natural Born Killers oder Mann beißt Hund, in denen Reporter, Stringer und Kameramänner Minimum zu Mittätern werden. Gerade in diesen Filmen schwingen interessante Gedanken zur Rolle der Medien mit. Als ich darüber sinnierte, ob in Glenkill – Ein Schafskrimi eine solche Ebene steckt, überkam mich plötzlich das erwähnte Störgefühl.
Aufwachende Schafe, manipulierende Reporter …
Glennkill: Ein Schafskrimi erzählt davon, wie eine konforme Herde das Nachblöken einstellt und eigenständig zu denken beginnt. Die verschiedenen Schafstypen – vom ungestümen Rammbock-Duo bis zum ausgestoßenen Winterlamm – bringen ihre Stärken und Fähigkeiten ein. Individualität schlägt Konformität. Daran kann doch nichts Verwerfliches sein, oder?
So löblich die Botschaft ist, so süß die Schafe animiert sind, das Bild der unwissenden Herde, die endlich aufwacht, hat 2026 einen Beigeschmack. „Schlafschafe“, das sind in Verschwörungsideologien und rechten Milieus jene, die angeblich nicht durchschauen, wie die Welt wirklich funktioniert. Der Appell: Erkenne die Wahrheit, glaube nicht der verblödeten Mehrheit. Ganz ähnlich wurde auch das Motiv der „roten Pille“ aus Matrix aus seinem filmischen Zusammenhang gelöst und zum politischen Meme umgedeutet.
… Glenkill trifft 2026 auf einen belasteten Zeichenvorrat
Die literarische Vorlage von Glennkill: Ein Schafskrimistammt von 2005. Sehr wahrscheinlich rührt mein Unbehagen vom postfaktischen Hall unserer Gegenwart her. Umso auffälliger ist allerdings, dass in der Verfilmung, abweichend vom Buch, ausgerechnet der Journalist zum Strippenzieher wird. Es ist der Reporter, der nicht nur mordet, sondern die „Massen“ manipuliert und die Dorfgemeinschaft zu spalten versucht.
Sicher macht das aus Glennkill noch lange keinen rechten Film, geschweige denn zu einer gezielten Medienkritik. Allein, weil der Mann kein wirklicher Reporter ist. Wie Journalismus funktioniert und welche gesellschaftliche Rolle er spielt, interessiert den Film nicht. Glenkill – Ein Schafskrimi ist und bleibt ein Cozy-Krimi. Dennoch treffen seine Bilder anno 2026 auf einen anderen kulturellen Zeichenvorrat. Dadurch entsteht eine Konstellation – die aufwachende Herde auf der einen, der lügende Reporter auf der anderen Seite , die sich schwerer naiv betrachten lässt als vor 20 Jahren.
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