Landei-Reporter Jiminy Glick steigt beim Toronto Film Fest zum Star-Flüsterer auf - und lässt David Lynch nebenbei einen Mord aufklären.

Landei-Reporter Jiminy Glick steigt beim Toronto Film Fest zum Star-Flüsterer auf – und lässt David Lynch nebenbei einen Mord aufklären.
Text: Patrick Torma. Bildmaterial: MGM.
Humor ist bekanntlich, wenn man trotzdem lacht. Anscheinend habe ich einfach meinen Einsatz verpasst. Es fiel mir aber auch schwer, die „Komödie“ Jiminy Glick in Gagawood bis zum bitteren Ende nach 87 langen Minuten durchzustehen. Denn Filme wie diese sind dazu in der Lage, die Lust am Medium regelrecht zu killen.
(Bemerkung am Rande: Da hat der Verleih den La-La-Kosenamen für Hollywoods Traumfabrik mit der Brechstange eingedeutscht, aber gut, bis zu La-La-Land von Damien Chazelle ist es ja noch ein paar Jahre hin)
Daher machen wir es so kurz und schmerzlos wie möglich (damn you, elende Chronistenpflicht!). Die titelgebende Figur Jiminy Glick ist eine Schöpfung des Comedian Martin Short, der Ende der 1990er-Jahre erstmals in den Fatsuit schlüpfte, um als egozentrischer Interviewer seine Schauspielkolleg*innen aufs Glatteis zu führen.
Jiminy Glick: der US-amerikanische Horst Schlämmer
Ein bisschen so wie es Borat-Darsteller Sacha Baron Cohen in seiner Da Ali G Show tat. Der legte es jedoch stärker darauf an, seinen Gästen zu nahe zu treten, um die Absurditäten ihrer Sichtweisen offenzulegen. Auch Jiminy Glick liebt die Grenzüberschreitung; er ist ein Spiegel einer voyeuristischen Promiberichterstattung, geht aber nur so weit, dass man ihm nie wirklich böse sein kann.
Tatsächlich kann man in Jiminy Glick den US-amerikanischen Horst Schlämmer sehen: ein Provinz-Medienhengst, dick bebrillt und cremefarben camoufliert, der seine Gesprächspartner*innen mit ignoranten Fragen eindeckt und dabei lieber mit ihnen als über sie lacht.
Dabei leben die Interviews – ich spreche hier bewusst in der Gegenwartsform, wie Schlämmer hierzulande kehrt die Figur immer wieder mal zurück – von der Improvisation. Das funktionierte Anfang der 2000er-Jahre so gut, dass Jiminy Glick eine dreistaffelige Spoof-Late-Night-Show auf Comedy Central hosten durfte.
Was ist dein Problem mit Nazis, Mel Brooks?
Die Liste der Prominenten, die sich in der Sendung grillen ließen, ist beeindruckend. Unter anderem kamen Steven Spielberg, Tom Hanks, Sharon Stone und der seinerzeit amtierende US-Vize-Präsident Dick Cheney vorbei. Schaut man sich Best-of-Reels auf YouTube an (eines verlinke ich gleich), sieht man, dass die allermeisten Interviewten ihren Spaß an der Nummer haben.
Zugegeben, in diesen Clips ist durchaus schwarzhumoriges Comedy-Gold zu finden. Etwa wenn Jiminy Glick Mel Brooks, einen Komiker, der jüdischen Glaubens ist und berühmte Komödien wie Space Balls oder Frühling für Hitler gedreht hat, allen Ernstes fragt, was denn sein Beef mit den Nazis sei. Vieles wirkt rückblickend aber auch altbacken und bemüht.
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2003 war nach 30 Folgen Schluss. Zum Abschied gab es zwei Primetime Emmy-Nominierungen, von denen eine – fürs Prothesen-Make-up (!) – vergoldet wurde. Es kam noch, was kommen musste: ein Kinoausritt des Reporters. 2004 erschien Jiminy Glick in Gagawood (respektive Lalawood im englischen Originaltitel).
Fürs Kino geht Jiminy Glick nach Gagawood
Jetzt habe ich mich doch mit langer Vorgeschichte um Worte zu diesem Murks herumgedrückt.
Ich fange mal mit den offensichtlichen Schwierigkeiten an, die das Projekt allein schon konzeptionell ins Wanken bringen: In kurzen Interviewsegmenten mag Improvisation funktionieren. Ein abendfüllender Spielfilm benötigt einen roten Faden. Selbst ein Borat, der in seinen beiden Filmen eine skurrile Situation nach der anderen provoziert, kommt nicht ohne aus – lebt aber vom Chaos seines „Undercover“-Stils (wenngleich es Kontroversen darüber gibt, wer in welche Sketche eingeweiht war).
Bei Jiminy Glick ist jedoch allen Beteiligten klar: Am Rande des roten Teppichs wartet Martin Short im Kostüm. So flirtet eine makellose Sharon Stone offen mit einem völlig verschwitzten Glick. Ohne doppelten Boden. Nichts wird entlarvt. Später wird es wiederum absurd, wenn Steve Martin und Kurt Russell so tun müssen, als wäre Short wahrhaftig eine Laune eines sich selbst überschätzenden Medienbetriebs.
Hollywood für Sparfüchse: ab aufs Toronto Film Fest
Als Schauplatz sucht sich der Film das Toronto International Film Festival aus. Dorthin wird der Reporter aus Butte, Montana, samt Frau und den Zwillingen Matthew und Modine geschickt (wie der Schauspieler, verstehste? Der Film ist tatsächlich blöd genug, seine Witze zu erklären).
Warum nicht nach Hollywood? Ich weiß es nicht mit Gewissheit, allerdings waren Dreharbeiten in Kanada lange Zeit steuerlich günstiger als in den USA. Allzu viel Geld scheint für Jiminy Glick in Gagawood jedenfalls nicht vorhanden gewesen zu sein. Zumindest lässt sich das nicht an einer glänzenden Produktionsqualität ablesen.
Wie dem auch sei: Ein solches Klassentreffen könnte die perfekte Kulisse für eine Parodie auf einen aufgeblasenen Film- und Medienzirkus bieten. Doch abgesehen von einem Fake-Trailer zu einem Oscar-Buzz-Biopic über Gandhi, das sehr frei mit dem Lebenslauf seines Protagonisten umgeht – der junge, präpazifistische Mahatma steigt darin plötzlich in den Boxring und verteilt kräftige Schwinger –, zielt hier nichts wirklich in diese Richtung.
Was würde David Lynch eigentlich zu Jiminy Glick sagen?
Weil wohl auch den Autoren bewusst war, dass Sketche und Schmunzel-Interviews allein keinen Film machen, betteten sie die Chose in eine Murder Mystery ein. Deshalb steigt der Film auch nicht mit Jiminy Glick ein, sondern mit David Lynch (ebenfalls gespielt von Martin Short) und einer aus Mulholland Drive entlehnten Straße der Finsternis.
Das ist irgendwie weird, aber nicht ansatzweise witzig, vor allem erschreckend uninteressant. Die echten Stars des Films bleiben diesem Plot fern; alles, was sich außerhalb von Glicks „Kernkompetenz“ abspielt, versinkt in Pimmel-, Bumms- und Rülpswitzen. Ich bin wahrlich nicht päpstlicher als der Papst. Aber meine Güte: Was ist Jiminy Glick in Gagawood für ein Scheißfilm.
Weil’s viel Besseres gibt: 3 Komödientipps
Um das Ganze versöhnlich ausklingen zu lassen – hier sind drei Komödien mit journalistischem Background, zu denen ich euch viel lieber rate:
Anchorman: Die Legende von Ron Burgundy
Man, that escalated quickly: Wenn es um die Absurdität des Medien- bzw. Nachrichtenbetriebs geht, ist Anchorman die deutlich bessere Wahl. Der Humor von Will Ferrell ist zwar ebenfalls Geschmackssache, zumal es in dem Film ziemlich machohaft zugeht. Aber das ist gewollt: Als die Nachrichtenreporterin Veronica Corningstone (Christina Applegate) Ambitionen auf den Job von Star-Sprecher Ron Burgundy (Ferrell) anmeldet, stürzt das die geballte männliche Toxizität im Sender in eine Existenzkrise.
Wenn Nachrichten eskalieren: Anchorman – Die Legende von Ron Burgundy (2004)
Schtonk!
Apropos absurd. Nichts ist absurder als die Realität. Ein Reporter wittert die Sensation. Ein renommiertes Nachrichtenmagazin tönt, dass die Geschichte in weiten Teilen umgeschrieben werden müsse – und dann erweisen sich die vermeintlich echten Hitlertagebücher als dreiste Fälschung. Ist wirklich so passiert: 1983 beim Stern. Schtonk! erzählt die unglaubliche Story als Satire mit verfremdeten Figuren.
Wer sich aber näher mit den Hintergründen beschäftigt, merkt schnell – selbst die unglaublichsten Szenen fußen auf wahren Begebenheiten. Für einen Einblick empfehle ich euch mein Podcast-Gespräch mit Drehbuchautor Ulrich Limmer. Aber vorher den Film schauen. Der ist wirklich zum Lachen. Auch wenn es ein ums andere Mal im Halse stecken bleibt.
journalistenfilme.de – der Podcast #30: Schtonk! mit Drehbuchautor Ulrich Limmer
Long Shot
Als dritten Film habe ich noch etwas leichtfüßiges für euch. Auch wenn Bezüge zur Klimakrise und zum Trump-Amerika (der ersten Amtszeit) drinstecken. In Long Shot verlieben sich der linke Reporter Fred Flarsky (Seth Rogen) und Außenministerin Charlotte Field (Charlize Theron) ineinander.
Die war mal eine Jugendfreundin, jetzt Teil einer Administration, die Flarsky kritisiert. Doch dann verliert der Journalist seinen Job. Er bekommt das „unmoralische“ Angebot, als Fields PR-Berater zu fungieren.
In vielem, was sowohl vordergründig als auch implizit über den Journalismus gesagt wird, ist der Film durchaus problematisch. Für einen Gute-Laune-Watch ist diese RomCom aber genau richtig.
Liebe überwindet alles – auch den Journalismus: Long Shot (2019)

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