HomeAllgemein

Pulitzer-Preis oder Knast: Billy Wilders Extrablatt (1974)

Extrablatt! Extrablatt! Regisseur Billy Wilder teilt gegen die Sensationspresse aus.                                                       

(K)ein Kritiker-Liebling: Theater des Grauens (1973)
Der Schlamm, auf dem Reporterträume wachsen: Slithis (1978)
Dario Argento und die blinden Journalisten: Die neunschwänzige Katze (1971)

Extrablatt! Extrablatt! Regisseur Billy Wilder teilt gegen die Sensationspresse aus.                                                                                                                                 

Nicht exklusiv. Auch US-Justiz, Politik und die Wiener Freudianer bekommen ihr Fett weg. Doch mit seiner Komödie von 1974 stürzt sich der gebürtige Österreicher und einstige Reporter auf eines seiner Lieblingsthemen: die Lasterhaftigkeit der Medien.  

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal.

„In diesem Verbrechergewerbe arbeite ich nicht mehr!“ Für einen Moment fällt Walter Burns (Walter Matthau), bärbeißiger Chefredakteur des Chicago Examiner, die Contenance aus dem Knautschgesicht. Sein bestes Pferd im Reporterstall, Hildebrand Johnson alias „Hildy“ (Jack Lemmon), hat ihm soeben den Laufpass gegeben. Eine Ehe habe er schon zerschlissen, rechtfertigt sich Hildy. Mit Konzertorganistin und Bald-Gattin Peggy (Susan Sarandon) soll alles anders laufen. Deshalb haue er jetzt in den Sack.

Ab in die Werbung? “Du bist doch keine Pissnelke …”

Walter versucht den Abtrünnigen noch zu beknien, schließlich mit Moneten zu ködern. Zu spät. Der Verlobungsring ist gekauft, die Tickets nach Philadelphia ebenso. Dort warten Peggys Familie und ein gut bezahlter Job in einer Werbeagentur. „Du bist ein Zeitungsmann, und keine dieser Pissnelken, die für Büstenhalter und Abführmittel Gedichte absondern“, appelliert der Blattmacher an die Reporterehre.

Doch Hildy bleibt auf dem Sprung. Nachher wird er noch im Presseraum des örtlichen Gerichts vorbeischauen, um seinen Ausstand mit den Kollegen von der Konkurrenz zu begießen. Die warten kartenspielend darauf, die Hinrichtung des vermeintlichen Polizistenmörders Earl Williams (Austin Pendleton) auflagenträchtig auszuschlachten. Der leere Stuhl am Pokertisch war eigentlich Hildy zugedacht.

Reporter-Ass Hildy (Jack Lemmon) möchte endlich sesshaft werden. Seine Angetraute Peggy (Susan Sarandon) freut sich schon. Allerdings etwas zu früh ...
Reporter-Ass Hildy (Jack Lemmon) möchte endlich sesshaft werden. Seine Angetraute Peggy (Susan Sarandon) freut sich schon. Allerdings etwas zu früh …

Extrablatt: eine journalistische Beziehungskomödie

Stattdessen schickt Walter einen jungen Ersatzmann, frisch von der Uni. Nicht etwa, um dem Nachwuchs eine Chance zu geben, sondern um Hildy bei der Ehre zu packen. Als der erfahrene Reporter mit dem Schnaps um die Ecke biegt, durchschaut er das durchtriebene Spiel seines Arbeitsgebers.

Doch dann überschlagen sich die Ereignisse. Während einer psychologischen Untersuchung fallen Schüsse, Earl Williams verdünnisiert sich, und auch der Grünschnabel, der die Redaktion des Chicago Examiner auf dem Laufenden halten sollte, nässt sich unter dem Poker- … pardon … Pressetisch ein. Also nimmt Hildy doch noch einmal seinen Dienst auf – Chef Walter reibt sich die Hände …

Extrablatt ist eine Beziehungskomödie. Das Traumpaar Matthau/Lemmon tut, was es so wunderbar konnte – nicht mit-, aber auch nicht ohneeinander sein. Das Dreieck komplettiert eine junge Susan Sarandon am Anfang ihrer Karriere. Sie hat wenig zu melden. Nicht nur, weil die Frauen in dem Film voller männlicher Egos kaum Screentime haben.

Wenn der Chef nicht loslassen möchte …

Walter – der Burns – weiß nämlich nur zu gut, dass Vollblutreporter Hildy mit seinem Job verheiratet ist. Hinzu kommt: Männer wie er sehen sich ungern in der Rolle des Gehörnten. Er probiert es mit beruflichem Lovebombing, versucht seine „Nebenbuhlerin“ zu vergraulen, indem er „seinen“ Hildy als Exhibitionisten verkauft, und greift zu manipulativen Machtspielchen. Höchst unangenehm, das alles. Aber im Kontext eines Matthau-Lemmon-Vehikels auch wahnsinnig unterhaltsam.

Legendär ist der Schlussakkord: Nach einem journalistischen, mehr oder weniger, Happy End gibt Walter Hildy frei. Er lässt ihn mit seiner Verlobten und dem Zug von dannen ziehen. Als Abschiedsgeschenk überreicht der Boss seinem scheidenden Mitarbeiter seine goldene Taschenuhr, die er selbst einst als Anerkennung für seine Verdienste erhalten hat – nur um sich nach der Abfahrt an den Bahnhofsversteher zu wenden: Die Polizei im Nachbarort möge doch beim nächsten Halt den Zug nach einem gewissen Hildebrand Johnson durchsuchen. Der habe ihm doch glatt seine goldene Taschenuhr gestohlen.

Laut, grob, hemdsärmlig: Extrablatt atmet seine Theaterherkunft, die Kamera fördert aber toll arrangierte Bilder zu Tage. Klasse eingefangen ist das Treiben in den Redaktionsräumen.
Laut, grob, hemdsärmlig: Extrablatt atmet seine Theaterherkunft, die Kamera fördert aber toll arrangierte Bilder zu Tage. Klasse eingefangen ist das Treiben in den Redaktionsräumen.

The Front Page wurde mehrfach verfilmt

Dagegen ist die eigentliche Geschichte wenig erinnerungswürdig. Es ist aber auch nicht nötig, sie im Gedächtnis zu behalten: Der Film basiert auf dem Broadway-Stück The Front Page von Ben Hecht und Charles MacArthur, das insgesamt viermal verfilmt wurde. Das erste Mal unter dem gleichnamigen Titel im Jahr 1931. Die zweite Adaption folgte bereits 1940: In Sein Mädchen für besondere Fälle (OT: His Girl Friday) wurde die Rolle der Hildy zur Frau, der Film zu einem Klassiker des Screwball-Genres. Diese Rollen- und Geschlechterverteilung wiederholte Eine Frau steht ihren Mann (OT: Switching Channels) von 1988, um die Geschichte in ein moderneres TV-Studio-Setting zu verlegen.

Auch darüber hinaus sind Motive und Wendungen nur allzu vertraut. Die vermeintliche Bestie von Seite 1 entpuppt sich als kleiner Mann von nebenan, der zum Spielball des Systems wurde. Walter Burns und Hildy Johnson kommen in Extrablatt dahinter, dass Earl Williams’ Verurteilung nicht nur auf einem wackeligen Fundament fußt. Seine Hinrichtung soll vielmehr konservative Stimmen sichern. Der Bürgermeister und sein Sheriff erhoffen sich von ihrer harten Linie bessere Chancen für ihre Wiederwahl bei den Urnengängen in wenigen Tagen.

Ähnliche Unschuldsszenarien finden sich auch in anderen Journalismusfilmen, zum Beispiel im Noir-Klassiker Kennwort 777 (1948) oder aber in Ron Howards Schlagzeilen, wobei die Komödie von 1994 ganz klar in der screwballartigen Tradition steht, in die sich auch Billy Wilders Extrablatt einreiht.

Extrablatt trotzt den journalistischen Sternstunden

Dessen Handlung bleibt in der Entstehungszeit des Theaterstücks verhaftet: Extrablatt spielt im Jahr 1929. Williams ist den Behörden ein willkommener Sündenbock, weil er als radikaler Linker durchgeht – wodurch der Film durchaus eine neue Aktualität gewinnt, wenn man in die heutigen Vereinigten Staaten blickt. Auch zum Zeitpunkt der Entstehung waberte der Reaktionismus durch die USA, als Gegenbewegung zur 1968er-Revolution.

Auf der anderen Seite sind die späten 1960er- und die frühen 1970er-Jahre von Protesten geprägt; die (Teil-)Veröffentlichung der Pentagon Papers 1971 durch Journalisten und natürlich die Enthüllung der Watergate-Affäre 1972 gelten als journalistische Sternstunden, die eine neue Ära des investigativen Journalismus begründeten. Keine zwei Jahre nach der Veröffentlichung von Extrablatt erscheint 1976 der Film zu Bob Woodwards und Carl Bernsteins Lehrstück: Die Unbestechlichen.

Hoch die Tassen. Der Journalismus in Extrablatt ist ein waschechter, versoffener Boys' Club.
Hoch die Tassen. Der Journalismus in Extrablatt ist ein waschechter, versoffener Boys’ Club.

Rückbezug auf die gute, alte Zeitungsproduktion

Vor dem Hintergrund dieser zeitlichen Nähe zum ultimativen, filmischen Loblied auf den Journalismus mag Billy Wilders zynisches Kammerspiel über die Verflechtungen der Presse anachronistisch erscheinen. Doch selbst wenn Wilders Interesse an dem Stoff vor allem persönlicher Natur gewesen sein dürfte (mehr dazu gleich), spiegelt der Film deutlich das in den 1970er-Jahren zugenommene Misstrauen gegenüber den Institutionen wider. Selbst Alan J. Pakula, Regisseur von Die Unbestechlichen, hatte 1974 noch einen filmischen Journalisten scheitern lassen. Der Zeuge einer Verschwörung ist reinstes Paranoia-Kino.   

Extrablatt beginnt ehrwürdig, fast ehrfürchtig, mit einem Vorspann, der die Zeitungsproduktion vor hundert Jahren zelebriert. Bemerkenswert ist das vor allem deshalb, weil es bereits 1974 kaum noch Druckhäuser gab, die auf diese Weise arbeiteten. Setzmaschinen werden mit gegossenen Lettern und Zeilen bestückt, Stück für Stück wächst eine Titelseite zusammen. Männer schleppen riesige Papierrollen heran, ebenso gewaltige Walzen pressen schließlich die Tinte ins Papier.

Ein Prozess mit Gewicht, leichtfertig aufs Spiel gesetzt

Hinter diesem technikgeschichtlichen Spektakel steht eine klare Botschaft: Eine Zeitung ist Präzisionshandwerk und Schwerstarbeit zugleich, ein Prozess von Gravität. Im Kontrast dazu steht die leichtfüßige, fast zirkushafte Intromusik. Auch die Schlagzeile, die sich spiegelverkehrt abzeichnet – COP KILLER SANE, MUST DIE –, kündet davon, dass hier besonders viel Tinte für Triviales vergossen werden wird. Der Journalismus in Extrablatt ist, auch wenn die Protagonisten ihn zum Vorwand nehmen, lange Zeit nicht der Wahrheit verpflichtet, sondern in erster Linie dem Skandal.

Dabei ist Extrablatt laut, geschwätzig und ebenso plakativ wie die erdachten Schlagzeilen, die die Reporter brühwarm in den Hörer diktieren. Nach der Produktionssequenz schwenkt der Film in den Innenhof einer Justizanstalt. Dort werden ein Galgen und – wichtig – provisorische Tribünen für eine Hinrichtung errichtet. Es klappert und lärmt, oben öffnet sich ein Fenster „Ruhe, hier wird hart gearbeitet!“, poltert einer der Reporter hinaus. Unten weist der Vorarbeiter seine Kollegen an, die Arbeit für eine Antwort kurz einzustellen. „LECK MICH AM ARSCH!“, schreit er zurück.

Da ist das Kind bzw. die Frau im wahrsten Sinne aus dem Fenster gefallen. "Konnte doch keiner ahnen, dass sie springt ..."
Da ist das Kind bzw. die Frau im wahrsten Sinne aus dem Fenster gefallen. “Konnte doch keiner ahnen, dass sie springt …”

Aufschnappen, abschreiben, aufblasen – alles für die Auflage

„Keinen Respekt vor der Presse“, wendet sich der Beschwerdeführer besagter Kartenrunde wieder zu. Am Tisch versammelt ist ein journalistischer Boys’ Club: lauter ruppige, unflätige Kerle. Ein distinguierter Kollege, der sich für eine Edelfeder hält, wird von ihnen verlacht (und später zur Zielscheibe von Schwulenwitzen). Und doch hängen sie ihm an den Lippen, als der seiner Redaktion das Henkersmenü des Todgeweihten durchgibt. Berichten bedeutet an diesem Tisch: aufschnappen, was andere fallen lassen, und aufblasen, in der Hoffnung, die Auflagen der Konkurrenz zu übertreffen.

Das weiß auch Walter Burns, der sich etwas Besonderes hat einfallen lassen. Über am Galgen baumelnde Menschen zu schreiben, kickt nicht mehr. Stattdessen plant er, sie abzulichten. Da er ebenfalls weiß, dass die Behörden keine Kameras zulassen, hat er schon die passende Erfindung parat: eine Hosenbeinkamera. Wobei die Konstruktion bewusst mehr nach Scherzartikel aussieht als nach technisch bedeutsamer Errungenschaft. „Das bringt uns den Pulitzer-Preis“, wirft Hildy anerkennend ein, „oder aber in den Knast.“

Billy Wilder teilt gegen alles und jeden aus

In diesem spöttischen Tonfall setzt sich Wilders Pressebeschau fort. Gleichzeitig teilt der Regisseur in seinem Alterswerk gegen alles und jeden aus. Korrupte Politik, fehlbare Justiz, unfähige Polizei – sie alle erscheinen als Teile eines kaputten Systems. Selbst die Psychoanalyse, ein Exportschlager aus Wilders österreichischer Heimat, kommt nicht gut weg. Personifiziert wird sie durch einen sexualfixierten Freud-Jünger, der auf verzweifelte Weise versucht, die Seele des Verurteilten zu ergründen: „Nicht einmal onaniert hat er!“

Zwar ließe sich Wilders Kritik auch auf die Abnehmer:innen des medialen Regelkreises beziehen, nach dem Motto: jede Gesellschaft bekommt eine Politik sowie eine Berichterstattung, die sie verdient. Doch das bleibt eine Randnotiz. Im Mittelpunkt stehen in diesem Stück – inszenatorisch bleibt die Theaterherkunft stets greifbar – die Institutionen und ganz besonders der boulevardeske Journalismus. Ein Interesse, das sich aus Billy Wilders eigener Biografie erklärt.

Niemand kommt in Extrablatt ungeschoren davon. Auch nicht die Psychoanalyse, ein geistiger Exportschlager aus Billy Wilders österreichischem Heimat.
Niemand kommt in Extrablatt ungeschoren davon. Auch nicht die Psychoanalyse, ein geistiger Exportschlager aus Billy Wilders österreichischem Heimat, vermenschlicht in der Rolle des Dr. Max J. Eggelhofer (links, Martin Gabel).

Billy Wilder und der (echte) Journalismus

Als junger Mann war Billy Wilder nämlich selbst ein Rädchen in jener Aufmerksamkeitsmaschinerie, die Schlagzeilen in bare Münze verwandelt. Nach seiner Matura zog er als „rasender Reporter“ für die Zeitung Die Stunde durch Wien. 1926 geriet das Boulevardblatt selbst in die Schlagzeilen: Es drohte Prominenten mit Enthüllungen, sollten sie sich nicht gefügig zeigen.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Wilder mit dem Jazzmusiker Paul Whiteman in Berlin, der den jungen Journalisten nach einem Interview zu seinem Tourneebegleiter machte. Der Medienskandal um Die Stunde veranlasste Wilder, seinen Lebensmittelpunkt in die deutsche Hauptstadt zu verlegen. Bald kam er mit der Filmbranche in Kontakt und begann, neben seiner journalistischen Arbeit Drehbücher zu verfassen.

Früh ließ er seine Kenntnis kleiner und großer Schweinereien im Zeitungsgeschäft in seine Filme einfließen. Zur Widersprüchlichkeit seines Schaffens gehört, dass Wilder die Übertreibung als Stilmittel in Perfektion beherrschte. Schon seine journalistischen Texte waren dick aufgetragen. Seine später mit dreifachem Nachdruck formulierte Maxime „Du sollst nicht langweilen“ könnte ebenso gut einem Redaktionshandbuch für Skandalreporter entnommen sein.

Mehr Filme über teufelsbesessene Reporter

Noch in Berlin verfasste Wilder das Drehbuch zu dem Stummfilm Der Teufelsreporter, der 1929 in die Kinos kam. Die Story um einen Journalisten, der eine Gruppe von Millionärstöchtern begleitet, die von einer Räuberbande entführt wird, geht noch vergleichsweise wohlwollend aus: Der Berichterstatter, der von den Sensationen zehrt, rettet schließlich den Tag.

Zynischer wird der Blick auf den Journalismus nach Wilders Immigration in die Vereinigten Staaten.  1951 hallt der Teufelsreporter in einem deutschen Verleihtitel wider. Ace in the Hole erschien hierzulande als Reporter des Satans. Darin grätscht ein Journalist, gespielt von Kirk Douglas, in eine Höhlenrettung hinein, um sie in die Länge zu ziehen und publizistisch auszuschlachten. Zwar gibt es am Ende eine Einsicht, eine Erlösung bleibt jedoch aus.

Und in Extrablatt? Walter Burns und Hildy Johnson sorgen tatsächlich doch noch dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Doch Wilder lässt keinen Zweifel daran, aus welchem Antrieb heraus: Die Vierte Gewalt handelt nicht aus Altruismus.

_____

Lust, diesen Film käuflich zu erwerben? Extrablatt gilt nicht gerade als Billy Wilders stärkster Film, hat aber gute Momente. Allein das Traumpaar Matthau/Lemmon ist das Eintrittsgeld wert. Mit einem Kauf über den folgenden Affiliate-Link unterstützt Du übrigens diesen ganzen Medienzirkus auf journalistenfilme.de hier. Hereinspaziert und vielen Dank!

Extrablatt auf BluRay & DVD

25000onon

 

 

3.0
OVERALL SCORE
journalistenfilme.de-Wertung
Have no any user vote

COMMENTS

WORDPRESS: 0
DISQUS: