New York, zu Beginn der 1940er-Jahre: Für die einen ist er der „große Bernzini“, für andere eine von Manhattans „Blitzlichtratten“. Leon Bernstein (Joe Pesci, Good Fellas, Wie ein wilder Stier) verdient seine Dollars mit sensationslüsternen Bildern, träumt aber gleichzeitig von einer Ausstellung im Museum of Modern Art. In Howard Franklins Neo Noir-Krimi wird Der Reporter Zeuge einer mafiösen Verschwörung. Vorbild für „Bernzy“ ist der legendäre Straßenfotograf Weegee.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal Pictures.

Schon die erste Einstellung macht deutlich, mit wem wir es zu tun haben. Leon Bernstein ist Fotograf für die richtig fiesen Fälle. Noch bevor die Polizei eintrifft, ist er als Erster am Tatort. Diese Gelegenheit nutzt er, das Mordopfer fotogen zu arrangieren. Als die Ermittler endlich den Schauplatz betreten, fragen sie Bernstein: „Du hast doch wohl nichts angefasst?“ Eine rhetorische Frage, schließlich kennen die Polizisten ihren Pappenheimer. „Hältst Du mich für blöd?“, lautet Bernsteins rhetorische Gegenfrage. Solange die Beamten nicht in der Lage sind, vor ihm einzutreffen, ist es eben sein Tatort. Und die Konkurrenz? Die winkt ab, sobald sie „Bernzy“ von dannen ziehen sieht – die Bilder der Nacht sind bereits „im Kasten“.

Weil Bernstein immer als Erster vor Ort ist und so an Aufnahmen kommt, die anderen Presseknipsern nicht vergönnt sind, spricht die Branche ehrfürchtig vom „großen Bernzini“. Die Arbeitsweise des Fotografen ist, wie man sich denken kann, weniger magisch, sondern viel mehr von Taschenspielertricks, Küchenpsychologie und einer gehörigen Portion Dreistigkeit geprägt. Um Bilder von einem Opfer mit Hackebeil im Schädel zu schießen, verkleidet er sich als Priester, der vorgibt, dem Sterbenden im Krankenwagen die letzte Salbung zu erteilen.

Joe Pesci lauert auf den nächsten gooldenen Schuss: Als Leon Bernstein, auch bekannt als der große Bernzini, verdient er sein Geld mit sensationslüsternden Fotos.

Joe Pesci lauert auf den nächsten gooldenen Schuss: Als Leon Bernstein, auch bekannt als der große Bernzini, verdient er sein Geld mit sensationslüsternden Fotos.

Der Reporter, das öffentliche Auge

Auf den Straßen eilt ihm sein Ruf voraus. Der goldene Schuss, der am nächsten Morgen die Titelseiten der Gazzetten ziert, gerät beinahe zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Einen abgeführten Mörder etwa, der sich vor dem Blitzlichtgewitter abschottet, raunt Bernstein zu, dass ihm seine Vermummung nichts nütze. Die anderen würden ihn schon erwischen, und das ganz sicher in unvorteilhafter Pose. Und wenn sie bis nach der Hinrichtung warten müssten. Er aber, der „große Bernzini“, könne ihn unsterblich machen, woraufhin der Delinquent für einen kurzen Moment den Mantel lüftet.

Leon Bernstein, so scheint es, schert sich nicht um Kategorien wie Anstand und Moral. Worauf es ihm ankommt, sind seine Fotos, die ihm Einkommen und Ansehen sichern. „Ich lasse die Leute tun, was sie tun wollen, damit ich meine Arbeit machen kann“, erklärt er. Er weiß, sein Handeln wird durch das öffentliche Interesse legitimiert, er befriedigt den Voyeurismus der Anderen, der im Film vor allem durch die vielen Schaulustigen präsent ist, die sich nach dem Eintreffen der Polizisten am Tatort knubbeln. Nicht umsonst trägt Der Reporter im Original den Titel The Public Eye – das öffentliche Auge.

Der Fotograf und die Femme fatale: Leon Bernstein macht Bekanntschaft mit der Nachtclubbesitzerin und Witze Kay Levitz (Barbara Herschey).

Der Fotograf und die Femme fatale: Leon Bernstein macht Bekanntschaft mit der Nachtclubbesitzerin und Witwe Kay Levitz (Barbara Herschey).

Die Kamera als Schutzmechanismus

Doch selbst ein hartgesottener Straßenfotograf wie Bernstein, der Leichen wie Stillleben drappiert, ist nicht in der Lage, sich von den moralischen Implikationen seines Broterwerbs zu lösen. Sein Bekannter, der alternde Journalist Arthur Nabler (Jerry Adler, Die Sopranos), weist darauf hin, dass es die absolute Neutralität in seinem Beruf nicht geben könne. Irgendwann komme jeder an den Punkt, an dem er sich entscheiden müsse. Was Bernstein natürlich (noch) nicht einsehen will, weil er sich mithilfe seiner Kamera vor dieser Erkenntnis drückt. Er, der die Welt durch ein mechanisches Auge betrachtet und sie in kleine, faktische Momentaufnahmen portioniert. Dabei ist er zu diesem Zeitpunkt des Film tief in eine Verschwörung verstrickt.

Für Leon Bernstein ist die Kamera Bestandteil seiner Identität, mehr noch: ein Schutzmechanismus, der ihn vor allzu großer Befangenheit bewahrt. Hat er sie mal nicht zur Hand – sei es, weil er sie an der Garderobe eines High Society Clubs ablegen musste oder sie ihm von bösen Buben abgenommen wurde – schimmert die Unsicherheit des von Joe Pesci großartig gespielten Charakters durch. In diesen Momenten ist er unfähig, sein Umfeld festzunageln, muss er sich auf Hörensagen verlassen.

Ein Mann sieht rot: In der Dunkelkammer macht Leon Bernstein eine Entdeckung, die ihn näher auf die Spur einer Verschwörung bringt.

Ein Mann sieht rot: In der Dunkelkammer macht Leon Bernstein eine Entdeckung, die ihn näher auf die Spur einer Verschwörung bringt.

Gewandelt ja, geläutert eher nein

In einer solchen Situation lernt er die Nachtclubbesitzerin Kay Levitz (Barbara Hershey) kennen, die ihn aufgrund seiner Kontakte zur Unterwelt um einen Gefallen bittet. Bernstein soll mehr über einen Mann herausfinden, der sich als Geschäftspartner ihres verstorbenen Gatten ausgibt und Ansprüche auf das Erbe anmeldet. Eigentlich nimmt Bernstein keine Auftragsarbeiten an. Da er sich zu der Witwe hingezogen fühlt, lässt er sich auf die Sache ein. Als er den Mann kurze Zeit später tot in dessen Appartement auffindet, kommen die Ereignisse ins Rollen.

Von da an erzählt der Film eine vertrackte, atmosphärisch stimmig inszenierte Kriminalgeschichte, in dessen Verlauf Leon Bernstein eine latente Wandlung vom Tatortpaparazzo zum titelgebenden Reporter durchmacht, der die Wahrheit aufzudecken versucht. Wobei der Journalist, in Anlehnung des Zeitungsfilms der 1930er- und 1940er-Jahre, weniger die Rolle des Berichterstatters, sondern vielmehr die des (Privat-)Ermittlers einnimmt. Er besitzt keinen Rechercheauftrag, sein Feldzug ist persönlich motiviert. Die Bilder, die sich entlang der Spur ergeben, die nimmt er nur allzu gern mit. Im New York der 1940er-Jahre liegt das Geld schließlich auf den gewaltsamen Straßen. Noir-typisch mutiert die Hauptfigur nie zum weißen Ritter, der für die Wahrheit ins Felde zieht. Zwar wird Bernstein am Ende für seinen Einsatz ausgezeichnet. Er bleibt allerdings ein dubioser Charakter, der obendrein feststellen muss, dass er sich im Sumpf des Verbrechens instrumentalisieren ließ.

Vorbild und filmische Ehrerbietung. Der berühmte Arthur "Weegee" Fellig (rechts) ist das Vorbild für Leon Bernstein in Der Reporter. Links das Filmplakat, Foto rechts aus Wikipedia.

Vorbild und filmische Ehrerbietung. Der berühmte Arthur „Weegee“ Fellig (rechts) ist das Vorbild für Leon Bernstein in Der Reporter. Links das Filmplakat, Foto rechts aus Wikipedia.

Weegee The Famous als Vorbild

Angelehnt ist die Figur des Leon Bernstein an  Arthur „Weegee“ Fellig, der sich mit seiner, mit Sex and Crime gespickten, Straßenfotografie einen Namen machte und – nachdem er zwischenzeitlich in Vergessenheit geriet – heute den Ruf einer Künstler-Ikone genießt. Ursprünglich hatte Regisseur Howard Franklin sogar beabsichtigt, die Lebensgeschichte des 1899 im österreichisch-ungarischen Solotschiw (heute Ukraine) geborenen Einwanderers zu erzählen. Allerdings gelang es ihm nicht, die Rechte zu sichern. Die Parallelen im endgültigen Film bleiben dennoch offensichtlich. Angefangen beim Setting (in den Anfangsjahren des Zweiten Weltkriegs wird Fellig durch seine Fotografie berühmt), über die optischen Gemeinsamkeiten (Statur, Aussehen und – vor allem – das Markenzeichen: die Zigarre) bis hin zum Stil seiner Arbeiten (frontal, aus nächster Nähe, und stark ausgeleuchtet) – Bernstein ist ein Wiedergänger Felligs.

Tatsächlich verwendet der Film, insbesondere in der Titelsequenz, echte Aufnahmen Weegees, der sich selbst den Beinamen The Famous gab (Der Berühmte, eine weitere Parallele, siehe den großen Bernzini). Und auch den weiteren Werdegang des echten Arthur Fellig nimmt Der Reporter vorweg. Mitte der Vierziger wechselte Weegee, der in seiner Arbeit immer einen ästhetischen Aspekt sah, nämlich ins experimentelle Fach. Im Film strebt Leon Bernstein ebenfalls nach künstlerischer Anerkennung und bietet seine Bilder einem Verlag an. Dem sind seine Arbeiten jedoch „zu sensationslüstern, zu vulgär“. Der Fotograf erliegt der Femme fatale Levitz auch, weil sie vorgibt, die ästhetische Qualität in seinen Bildern zu erkennen.

Weegee Straßenfotografie war auch sexuell aufgeladen. Der Film zeigt echte Aufnahmen des realen Vorbildes - insbesondere in der Titelsequenz.

Weegee Straßenfotografie war auch sexuell aufgeladen. Der Film zeigt echte Aufnahmen des realen Vorbildes – insbesondere in der Titelsequenz.

Prototyp des Fotografen in der Popkultur

Arthur „Weegee“ Fellig blieb der ganz große Durchbruch zeitlebens verwährt. Erst nach seinem Tod im Jahre 1968 fanden seine Arbeiten den Weg in die renommierten Galerien dieser Welt. Bis heute wird er in erster Linie für seine Reportagefotografie der 1930er- und 1940er-Jahre gewürdigt. Als Prototyp des Tatortfotografen ist Weegee in die Popkultur eingegangen. Beispielsweise spielt er in der Comicverfilmung Watchmen eine kurze Rolle, eine Episode der Mystery-Serie Akte X  handelt von einem unsterblichen Fotografen, der genau zum Todeszeitpunkt seiner Fotomotive auftaucht und den Namen Alfred Fellig trägt.

Zuletzt lieferte er die Inspiration für Dan Gilroys bitterbösen Medienthriller Nightcrawler (2014): Jake Gyllenhaal spielt in diesem Film den gruseligen Quereinsteiger Louis Bloom, der als skrupelloser Blaulichtreporter Los Angeles‘ Lokalsender mit grausigen Bildern versorgt. Wobei dieser Film mehr auf das Metier als auf das Wesen Weegees einzahlt und den gesellschaftlichen Voyeurismus, den dieses Berufsbild bedient, in den Mittelpunkt rückt. Bloom ist kein Bernstein, und damit kein Abbild Felligs. Der Reporter ist und bleibt die ausführlichste Spielfilm-Annäherung an den „Zaubermeister“ von New York.


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