Was haben Batman und Superman gemeinsam? Beide Figuren sind Helden mit einem Cape. Sie gehören zum DC-Universum. Und sie haben eine Journalistin zur Freundin. Historisch betrachtet ist Vicki Vale aus Batman tatsächlich die Antwort auf Lois Lane. Doch während Lane als unerschrockene Komplizin Supermans wahrgenommen wird (die ihren Begleiter später zu ihrem sprichwörtlichen Göttergatten macht!), ist Vale vielen als kreischende Verflossene des Dunklen Ritters in Erinnerung geblieben. Das liegt an Basingers Darstellung in Tim Burton Batman (1989). Aber nicht nur.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Bros.

So gehen ist schon das Casting unglücklich. Ursprünglich soll die Rolle der Journalistin Vicky Vale von Sean Young gespielt werden, doch die Schauspielerin, die Filmfans vor allem als Androidin Rachel aus Blade Runner kennen, bricht sich im Vorfeld der Dreharbeiten zu Batman einen Arm. Der Kelch geht an Kim Basinger, die ihren Durchbruch als Bond-Girl in Sag niemals nie feiert und im Erotikthriller 9 ½ Wochen neben Mickey Rourke auf sich aufmerksam macht. Vale wird zum Blondchen. Zum ersten Mal in 40 Jahren Produktionsgeschichte. Seit ihrem ersten Auftritt 1948 in Batman #49: The Scoop of the century ging sie stets als recherchierende Rothaarige durch.

Erwischt. Natürlich sagt die Haarfarbe nichts über die journalistische Eignung aus. Zumal die rote Mähne in den Comics auf einen Colorierungsfehler zurückzuführen ist – in der Vorstellung ihres Zeichners war Vale von Anfang an blond. Aber lassen wir die Haarfarbe außen vor – worauf ich hinaus will: dass die Wahl zugunsten einer Schauspielerin fällt, die zu dem damaligen Zeitpunkt als absolute Sexbombe gilt, spielt der Reputation der Figur nicht gerade in die Karten. Ein Schicksal, das meinem allerersten Kindheitsschwarm April O’Neil inzwischen ebenfalls ereilt ist, wird die Fernsehjournalistin in den von Michael Bay produzierten Turtles-Filmen (2014 & 2016)  schließlich von einer taffen, Videokamera schwingenden Großstadt-Amazone zum bloßen Eye-Candy degradiert. Wobei man(n) den Damen Kim Basinger und Megan Fox zur Seite springen muss: Damals wie heute spielen sie gegen die dramaturgischen Stöcke an, die ihnen das Drehbuch zwischen die Darstellerinnen-Beine drischt.

Alexander Knox und Vicki Vale entern das Wayne-Anwesen. Im Hintergrund: der Hausherr.

Alexander Knox und Vicki Vale entern das Wayne-Anwesen. Im Hintergrund: der Hausherr.

Vicki Vale und Alexander Knox

Schon die Ankunft Vales in Gotham City wirft Fragen auf: Wieso begibt sich eine preisgekrönte Fotoreporterin – ihre mutigen Momentaufnahmen von den Krisenregionen dieser Welt zieren die prestigeträchtigsten Titelblätter – plötzlich auf eine sensationsheischende Jagd nach einer übergroßen Fledermaus? Völlig unmotiviert schließt sich die auswärtige Vorzeigereporterin einem einheimischen Journalisten mit halbseidenem Ruf an. Alexander Knox erinnert optisch wie arbeitstechnisch an einem Private Eye der 1930er Jahre. Wie eine lästige Fliege umschwirrt er seine potenziellen Informanten, die ihn wiederum angewidert abwimmeln.

Was ja nur allzu verständlich ist, bestehen Knox‘ Recherchemethoden ausschließlich darin, ahnungslose Gesprächspartner in öffentlichen Situationen mit provokanten Fragen zu konfrontieren. Was für sich genommen eine schwachsinnige Eigenart in der Darstellung journalistischer Arbeit im Film ist: Journalisten posaunen ihre Verdachtsmomente nicht bei der erstbesten Gelegenheit heraus. Die Konkurrenz könnte ja eine Story abstauben. Die interessantesten Fragen werden daher selten auf Pressekonferenzen gestellt. Und wenn, dann eher von Kollegen, die ihr Profil mit Hilfe kluger Fragen schärfen wollen. Journalisten sorgen sich um die Exklusivität ihrer Story.

Beherrscht das Spiel mit den Medien: die Möwe auf Jokers Schulter.

Beherrscht das Spiel mit den Medien: die Möwe auf Jokers Schulter.

Wayne interessiert schon Wayne?

Aber wir schweifen ab: Potenziellen Mitwissern im Verdacht auf die Füße zu treten, das ist es, was Knox und Vale im Sinn haben, als sie eine Charity-Gala im Wayne-Anwesen entern. Sie besuchen die Party nicht, weil sie etwa eine Spur verfolgen. Nein, sie sind dort, weil dort die Stadtprominenz herumlungert. Vicky Vale trifft erstmals auf Bruce Wayne. Sie ahnt nicht, dass Bruce Wayne (gespielt von Mr. Journalistenfilm Michael Keaton, siehe auch Spotlight, Schlagzeilen und Live aus Bagdad) – Achtung Spoiler! – Batman ist. Sie hat auch keinen Schimmer, dass Bruce Wayne Bruce Wayne ist. Was für eine Star-Reporterin ist Vicki Vale, wenn sie sich auf die Feier des bekanntesten Playboys Gothams schmuggelt, ohne sich vorher über den Gastgeber zu informieren? Getoppt wird diese Bildungslücke lediglich von Superman höchstpersönlich, der sich (nicht nur) in Zack Synders Batman v. Superman als Journalist Clark Kent tarnt. Vicki Vale darf man zu ihrer Ehrenrettung attestieren, dass sie sich eher selten in Gotham herumtreibt. Außerdem gibt es in Burtons expressionistischer Comicwelt noch kein Google. In einem modernen DC-Universum allerdings sollte man doch annehmen können, dass ein Daily Planet-Reporter aus Metropolis den reichsten Industriellen der benachbarten Comic-Stadt erkennt. Aber Wayne interessiert schon Wayne?

Vale interessiert Wayne. Und wie. Allerdings nicht aus journalistischen Motiven heraus. Sie fühlt sich zum eigenbrötlerischen Junggesellen hingezogen und geht eine Liebesaffäre mit ihm ein. Womit Vicki Vales Profession zu einer bloßen Hülle wird. Sie betritt zwar noch die eine oder andere Szenerie, weil sie aus Gründen der Berichterstattung vor Ort sein sollte (etwa bei Joker Giftgasattacke während einer Parade), de facto schickt sie das Drehbuch in Gefahrensituationen, aus denen sie schließlich von Batman errettet werden kann. Sie schlüpft in die Rolle der Damsel in Distress. Das ist keine Schande, das passiert selbst den profiliertesten Frauenfiguren. Doch Vicki Vales kommt über diese Rolle nicht mehr hinaus. Basinger stößt während der gesamten Laufzeit 23 Angstschreie aus, wie aufmerksame Gucker gezählt haben wollen. Nachgeprüft habe ich das nicht. Aber wenn dem so ist, dann macht Basinger den lautesten Scream Queens echte Konkurrenz.

Schnüffelt Bruce Wayne hinterher: Kim Basingers Vicki Vale darf hinter das Geheimnis des Playboys kommen. Das hat sie der Comic-Vale lange voraus.

Schnüffelt Bruce Wayne hinterher: Kim Basingers Vicki Vale darf hinter das Geheimnis des Playboys kommen. Das hat sie der Comic-Vale lange voraus.

Vicki Vale und Batmans wahre Identität

Doch lustigerweise erfährt die Burton-Vale das, was die Comic-Vale über ganze Story-Arcs hinweg nicht erfährt – nämlich die Gewissheit, dass Bruce Wayne und Batman dieselbe Person sind. Auch im Verlauf der Comichandlung führen die Journalistin und der maskierte Vigilant eine Liebesbeziehung. Allerdings gelingt es Vicki Vale nicht, ihren latenten Verdacht zu erhärten. Wodurch sie anderen Comic-Journalistinnen gegenüber das Nachsehen hat. Lois Lane und April O’Neil dürfen nicht nur hinter das Geheimnis ihrer Beschützer kommen. Weil sie sich entscheiden, dieses Geheimnis zu wahren, avancieren beide zu Komplizinnen. Und werden damit selbst zu Helden. Vicki Vale wird diese Diskretion anscheinend nicht zugetraut. Weshalb sie eine – zugegeben bedeutsame, weil immer wiederkehrende – Nebenfigur bleibt.

In den früheren Ausgaben wird Vicki Vale als ernsthafte, aber leichtgläubige Frau dargestellt, die sich im letzten Moment von Batman bzw. Bruce Wayne narren lässt. Später entwickelt sich die Figur zu einer karriereorientierte Journalistin, die sich von ihrem Flattermann zunehmend emanzipiert und als öffentliches Auge Gothams fungiert. 2010 steht sie in Bruce Wayne: The Road Home sogar kurz davor, die Identität der Fledermaus enthüllen.

Abhängen mit Batman - aber bitte nur einmal. Journalistin spielt nach Tim Burtons erstem Superhelden-Strich keine Rolle mehr in Batmans Filmuniversum.

Abhängen mit Batman – aber bitte nur einmal. Journalistin spielt nach Tim Burtons erstem Superhelden-Streich keine Rolle mehr in Batmans Filmuniversum.

Sequels und Reboot: Kein Platz für Vale

Im entscheidenden Moment verzichtet sie jedoch, wie ihre Kolleginnen Lane und O’Neil zuvor, auf einen Scoop. Sie behält das Geheimnis für sich, zugunsten der guten Sache. Wäre es anders gekommen: es hätte sich bei genauerer Betrachtung (und unter dem Eindruck der Filmadaptionen) aber auch nicht mehr richtig angefühlt. Dass Batman unfähig ist, sich denen, die er liebt, zu offenbaren, diese Tatsache zeichnet die faszinierende Tragik des Dunklen Ritters aus. Denn nur in der Anonymität kann Batman das unerschrockene Symbol sein, das Gothams Verbrecherwelt das Fürchten lehrt.

Am Mainstream-Publikum jedoch gehen diese Parallelerzählungen ohnehin vorbei. Im Batman-Kino besitzt Vicki Vale keinerlei Relevanz mehr, in keinem weiteren Film nach Burtons Batman-Debüt taucht die Figur wieder auf – sieht man von ihrer Erwähnung in der Fortsetzung Batman Returns ab, wo die Abwesenheit der Journalistin lapidar mit dem Scheitern der Beziehung erklärt wird. Vale, so heißt es, sei mit dem Doppelleben ihres Freundes nicht zurechtgekommen. Nach Joel Schumachers doppeltem Kindergeburtstag (Batman Forever, Batman & Robin) im Anschluss an die Burton-Filme drückt Regisseur Christopher Nolan mit seiner Dark Knight-Trilogie den Reset-Knopf. Alles wird auf Null gesetzt. Selbst Robin, Harvey Dent und Bane, in den Schumacher-Streifen zu absoluten Lachnummern verkommen, erfahren einen versöhnlichen Reboot. Nur Vicky Vale nicht. Sie wird durch Rachel Dawes ersetzt. Durch eine Figur, die keine Entsprechung in den Comics findet – und die obendrein keine Journalistin, sondern eine Anwältin ist. Gotham City ist kein gutes Pflaster für die berichtende Zunft.


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