Die Dokumentation The Death of Kevin Carter gewährt Einblicke in das fragile Seelenleben eines Fotografen, der an seinem goldenen Schuss zerbricht. Kevin Carter ist der Urheber eines Fotos, das zum Sinnbild eines ausgemergelten Kontinents schlechthin gerät: Für „The vulture and the little girl“ („Der Geier und das kleine Mädchen“)  wird das Mitglied des berühmten Bang Bang Clubs 1994 mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet. Wenige Wochen später ist Carter tot.

Text: Patrick Torma. Screenshots aus The Death of Kevin Carter & The Bang Bang Club (Universum Film).

The Bang Bang Club – die Platzpatrone unter den Kriegsreporterfilmen. Knallt ordentlich. Geht nicht unter die Haut. Mit diesem wenig schmeichel- wie bildhaften Vergleich kanzelte ich das filmische Portrait jener waghalsigen Fotoreporter-Clique ab, die in letzten gewaltsamen Jahren der südafrikanischen Apartheid weltweite Berühmtheit erlangte. Heute gestehe ich: Völlig kalt lässt mich The Bang Bang Club nicht. Was allerdings weniger an der Qualität des Films liegt. Sondern vielmehr an den motivischen Auslassungen, die eine Identifikation mit den Protagonisten erschweren – mich jedoch dazu verleiten, mich eingehender mit der Geschichte des Bang Bang Clubs auseinanderzusetzen.

Ziel erfüllt, könnte man mir vorhalten. Ja, aber auf fragwürdigen Umwegen. Ich bleibe dabei: The Bang Bang Club ist ein ärgerliches Werk. Weil es die vielen Stöckchen am Rande seiner gehetzten Erzählung nur kurz aufhebt, um sie kurz darauf im Nirgendwo wieder fallen zulassen. (Wer wissen will, welche Stöckchen ich meine, den lade ich herzlich, meine Kritik von damals nachzuholen). Kurz: The Bang Bang Club ist voller verpasster Chancen.

Szene aus The Bang Bang Club: Taylor Kitsch (Zweiter von rechts) spielt Kevin Carter.

Szene aus The Bang Bang Club: Taylor Kitsch (Zweiter von rechts) spielt Kevin Carter.

Der Big Bang im Bang Bang Club

Wenn allerdings etwas in diesem Spielfilm Eindruck hinterlässt, dann ist es das Schicksal von Kevin Carter. Nicht zuletzt, weil er „sich an jener Stelle traut, in das Innenleben seiner Figuren vorzudringen“, wie ich es damals formulierte. Letztlich ist es aber auch das tragischste Kapitel, das die Geschichte des hungrigen Foto-Quartetts zu bieten hat. Der Big Bang im Bang Bang Club. Man stelle sich vor: Ein Fotograf fängt den Moment ein, der das Leid eines gesamten Kontinents greifbar macht. Er erfährt hierfür höchste journalistische Würdigung – und doch ist er ein gebrochener Mann. Die für den Oscar nominierte Kurz-Doku The Death of Kevin Carter: Casulty of the Bang Bang Club versucht zu erklären, was nur schwer zu erklären ist.

Die berühmte Fotografie mit dem Titel The vulture and the little girl hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Ein kleines, ausgehungertes Mädchen kauert am Boden der sudanesischen Steppe, belauert von einem Geier, der nur darauf zu warten scheint, dass es sich nicht mehr regt. Kevin Carter hält diese Szene im März 1993 am Rande einer Essensausgabe fest. Er und sein Bang Bang Buddy João Silva haben sich eine „Auszeit“ von den Unruhen in Südafrika genommen, um auf Einladung hin die Operation Lifeline Sudan zu dokumentieren.

Ein Bild brennt sich ins kollektive Gedächtnis ein: The vulture and the little girl.

Ein Bild brennt sich ins kollektive Gedächtnis ein: The vulture and the little girl.

Mehr als nur Publicity

Dahinter verbirgt sich eine gemeinsame Initiative von UN-Einrichtungen wie UNICEF sowie Nichtregierungsorganisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Hungersnot in dem ostafrikanischen Staat einzudämmen. Schnell wird den Fotografen klar: Diese Hilfe ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, und die Helfer haben größte Mühe, auch nur einen weiteren Tropfen herauszuwringen. Es fehlt an Mitteln,  die Verantwortlichen erhoffen sich spendenfördernde Publicity.

Was nach der Veröffentlichung von Kevin Carters Foto in der New York Times am 26. März geschieht, übertrifft diese Hoffnungen bei weitem. Es wird zum Symbolbild eines abhängten Kontinents, kaum ein humanitärer Spendenaufruf kommt in den Folgejahren ohne dieses Motiv aus. Bereits kurz nach Erscheinen des Bildes erreichen die Zeitung zahlreiche Fragen nach dem weiteren Schicksal des Mädchens. Die Times schiebt eine Editor’s Note, die sich wie folgt auf den Punkt bringen lässt: Nichts Genaueres weiß man nicht. Kevin Carter selbst berichtet, die Kleine habe sich regeneriert und wenige Minuten nach der Aufnahme ihren Weg zurück ins Dorf gefunden.

Kevin Carter Antrieb war es, auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Er selbst konnte diese offensichtlich nicht verarbeiten.

Kevin Carter Antrieb war es, auf Ungerechtigkeiten hinzuweisen. Er selbst konnte diese offensichtlich nicht verarbeiten.

Ein Foto entfacht eine weltweite Diskussion

Überzeugend klingt anders. Die Ungewissheit entfacht eine öffentliche Diskussion über die Verantwortung von Krisenreportern, darüber ob neutrale Berichterstatter eingreifen dürfen, um Leid zu verhindern. Kritiker unterstellen Kevin Carter unterlassene Hilfeleistung. Andere gehen ein Stück weiter: Der wahre Geier habe auf der anderen Seite des Suchers gelauert. Befeuert wird dieser Vorwurf durch die widersprüchlichen Angaben zu den Umständen des Fotos: So berichtet Carter zwischenzeitlich, er habe zwanzig (!) Minuten abgewartet,  ob der Geier seine Flügel ausbreitet, was dem Motiv noch mehr Dramatik verliehen hätte. Als das nicht geschah, habe er den Vogel schlussendlich verjagt. Später revidiert er diese Darstellung. Durch die vielen Soldaten um sie herum hätten Silva und er gar keine Möglichkeit gehabt, eingreifend tätig zu werden. Silva selbst schildert in einem Interview, Carter habe sich nach der Landung des Geiers vorsichtig genähert und mehrfach den Auslöser bestätigt. Kurz darauf sei der Geier schon wieder abgehoben.

Im Jahr darauf, im April 1994, erhält Kevin Carter den Pulitzer Preis. Mit der Auszeichnung verstummt die Kritik nicht, im Gegenteil: Carter wird vorgeworfen, er habe das Leid des Mädchens für seinen Ruhm als Fotograf ausgenutzt. Im selben Monat wird sein Freund und Arbeitskollege Ken Oosterbroek bei einem Einsatz in Südafrika tödlich verwundet. Wenige Wochen später, am 27. Juli 1994, ist auch Kevin Carter tot. Verstorben an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Er hinterlässt Lebensgefährtin und eine Tochter. In seinem Abschiedsbrief erklärt er: „I am haunted by the vivid memories of killings & corpses & anger & pain.“

Kevin Carter als Sargträger bei der Beerdigung seines Freundes Ken Oosterbroek. Wenige Wochen nach dieser Aufnahme ist auch Carter tot.

Kevin Carter als Sargträger bei der Beerdigung seines Freundes Ken Oosterbroek. Wenige Wochen nach dieser Aufnahme ist auch Carter tot.

Einblick in Kevin Carters Innenleben

Über Interviews nähert sich Regisseur Dan Krauss in seiner knapp 30-minütigen Dokumention The Death of Kevin Carter der Gefühls- und Gedankenwelt des sensiblen Fotografen an. Freunde und Kollegen, seine damalige Freundin und die Eltern zeichnen das Bild eines kindlichen, ungeduldigen, gleichzeitig aufklärerisch veranlagten Charakters, der mithilfe seiner Arbeit auf das Unrecht dieser Welt aufmerksam machen will.

Dieser Antrieb wird zur Obession, auch weil Kevin Carter unfähig ist, die schrecklichen Szenen, die er für die Nachwelt einfängt, zu verarbeiten. Er sei oft verzweifelt gewesen, habe viel geweint, häufig unter dem Einfluss von Drogen gestanden und sich für die weißen Südafrikaner, die sich offen über die Gewaltexzesse unter den schwarzen Bevölkerungsgruppen freuten, geschämt. Und ja: Der Einsatz im Sudan habe den Fotoreporter merklich verändert. Aus der Erinnerung berichten die Kollegen, dass sich Kevin Carter schwindender Lebensmut durchaus angedeutet habe – doch niemand deutete diese Anzeichen richtig.

Brennpunkt Südafrika - der Bang Bang Club wurde durch Aufnahmen wie diese weltberühmt.

Brennpunkt Südafrika – der Bang Bang Club wurde durch Aufnahmen wie diese weltberühmt.

Die Abwesenheit der Club-Mitglieder

Was auffällt: Ausgerechnet die verbliebenen Mitglieder, João Silva und Greg Marinovich, kommen in The Death of Kevin Carter nicht zu Wort. Über die Gründe lässt sich an dieser Stelle nur spekulieren. Allerdings passt ihre Abstinenz in jenes Bild, welches The Bang Bang Club sechs Jahre später zeichnet. Beide waren als Co-Autoren der 2002er Buchvorlage und Berater in die Dreharbeiten involviert. Das Ergebnis ist ein Spielfilm, der eher um das Andenken an einen verwegenen Haufen bemüht ist als an wirklicher Reflexion. The Death of Kevin Carter stellt einen nachdenklichen Kontrast zur latenten Legendenbildung dar.

Zwei Fragen bleiben allerdings offen. Die erste will, die zweite kann die Dokumentation nicht beantworten. Hat Kevin Carter unmoralisch gehandelt? Davon ab, dass sich der genaue Ablauf wohl nie mehr rekonstruieren lässt: Dan Krauss geht es nicht darum, das Verhalten des Fotografen zu bewerten, über das bereits gefällte Urteil zu urteilen. „Er hat seinen Job gemacht“, hält Reedwaan Vally, Publizist und ein Freund Carters, lakonisch fest.  The Death of Kevin Carter wirft das Schlaglicht auf eine Facette, die im öffentlichen Disput viel zu wenig ausgeleuchtet wurde – die menschliche Komponente.

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Herzlos oder doch nur menschlich?

Viele mögen Kevin Carters Nicht-Eingreifen als herzlos empfinden und seine widersprüchlichen Darstellungen als Ausflüchte abstempeln. Weil dies eben ins Bild eines Aasgeiers passt. Dabei sind (Foto-)Reporter auch nur Menschen. Sie handeln irrational, agieren in Extremsituationen wie fremdgesteuert, sind unter emotionalen Stress nicht zwingend in der Lage, ihr Handeln zu objektivieren. Und sie sind in den seltensten Fällen unverwundbar. Kevin Carter, selbst Vater einer kleinen Tochter, war es offensichtlich nicht. Was ihn sicher nicht von der Frage nach der Verantwortung befreit, die Diskussion darüber aber womöglich hätte erden können.

Was aus dem Mädchen auf dem Foto wurde, konnte Filmemacher Krauss zum Zeitpunkt der Entstehung nicht wissen. Erst 2011 gelang es spanischen Journalisten, die Familie ausfindig zu machen. Es stellte sich heraus, dass das kleine Mädchen in Wahrheit ein Junge war. Kong Nyong starb 2007, gerade mal volljährig, an malarischem Fieber.