Sue Charlton staunt über Crocodile Dundees imposantes Messer.

Aus dem australischen Busch in die Gazetten dieser Welt: Einmal im Jahr karrt RTL vergessene „Granden“ und geltungssüchtige D- bis F-Promis nach Down Under, wo sie formschön vorgeführt werden. Was mancher unter dem Eindruck von elf Staffeln Dschungelkönig verdrängt haben mag: Costa I. war nicht der erste Dschungelkönig. Der war Crocodile Dundee. Dessen Inthronisierung fand jedoch unter umgekehrten Vorzeichen statt. Anders als der Privatsender aus Köln gabelte die fiktive New Yorker Zeitung Newsday einen No-Name im Outback auf, um ihn anschließend der zivilisierten Welt als waschechten Hinterwäldler zu präsentieren. Doch die designierte Lachnummer entpuppte sich als einflussreicher Werbebotschafter für die australische Touristikbranche. Australien wurde zum Traum aller Auswanderer. Ein Kerl von einem Kerl, dem man gehörigen Respekt zollte. Zumindest die paar Jahre auf dem Schulhof. Weil er uns lehrte wie ein richtiges Messer aussieht. Danke, Sue Charlton.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: 20th Century Fox.

„Mann prügelt Krokodil bewusstlos“, solche und ähnliche Headlines füllen die Meldungsspalten einschlägiger Boulevardzeitungen. Die meisten Revolverblätter belassen es beim Abdruck der (vielmals ungeprüften) Nachricht. Nicht so die Newsday. Sie schickt ihre beste Reporterin, Sue Charlton (gespielt von Linda Kozlowski), quer um den halben Globus, um diesen Teufelskerl ausfindig zu machen. Heute würde man ein hochkant wie verwackelt aufgenommenes Handyfilmchen aus dem Internet nesteln, das einen Typen zeigt, wie er einem Känguru eine gepfefferte Maulschelle kredenzt, dieses durch die eigenen Social Media Kanäle jagen und auf den viralen Buzz hoffen. Fertig ist der ADHS-Journalismus anno 2017. Früher undenkbar. In den 1980ern sind die Jahre noch fett und die Spesenkonten prall gefüllt.

Für diese Sensationsstory (in New York passiert ja auch rein gar nichts, über das es sich zu berichten lohnt) übernimmt die Redaktion nicht nur mehrwöchige Kost und Logis ihrer Rechecheurin. Nein, sie autorisiert sie obendrein zu einer Zahlung von 2.500 Dollar, damit Michael J. „Crocodile“ Dundee die Zunge lockert. Richtig gelesen. Zweitausendfünfhundert Dollar. Dafür, dass hier jemand einfach „nur“ überlebt hat. Sicher, einem hungrigen Krokodil muss man erstmal entkommen. Nachdem man halbnackt in dieses fremde Badeloch gehüpft ist, das da so erfrischend in der Wildnis vor sich hinsumpft, die feist und träge am Ufer fläzenden Reptilien übersehend. Aber Kroko-Attacken lebend zu überstehen, das schaffen auch andere. Nicht nur im Dschungel gestählte Burschen (siehe hier und hier). Zugegeben, heute lassen sich im Internet ausführliche „Wie überlebe ich die Begegnung mit einem Krokodil oder Alligator“-How-tos auftreiben. Wer da noch ohne umfassende Survival-Kenntnisse durch das Real Life stakst, dem ist nicht mehr zu helfen. Aber ich schweife ab. Wo war ich? Ach, ja. 2.500 Dollar. Was die Newsday wohl hätte springen lassen, wenn jemand völlig überraschend mit den Hitlertagebüchern um die Ecke gekommen wäre?

Sue Charlton und ihr Öko-Sugar Daddy

Aber was rege ich mich auf? Irgendeine faule Ausrede muss das Drehbuch ja auftischen, weshalb eine taffe Kosmopolitin durch den australischen Urwald kraucht, wo sie binnen weniger Szenen zum Buschpüppchen mutiert und ihrem sonnengegerbten Beschützer erliegt. Gekauft. Würde es die fish out of water-Situation nicht unter einem noch hanebücheneren Vorwand umkehren. Sue Charlton gibt sich nicht zufrieden, ihren Öko-Sugar Daddy in seinem angestammten Habitat zu interviewen. Sie schlägt ihm vor nötigt ihn, sie nach New York City zu begleiten – von den Dschungel Australiens in den Dschungel einer Metropole. Warum? Weil’s dem Amüsement zuträglich ist. Für den Zuschauer (heute nur noch leidlich, es hat seine Gründe, warum von Crocodile Dundee nur der Buschmesser-Gag in Erinnerung geblieben ist), vor allem aber für die Newsday. Chefredakteur Richard Mason willigt ein, weil er in dem sonderbaren Aussie eine Zirkusnummer sieht. Keinen Mehrwert. Nur billige Lacher. Dafür wird Crocodile Dundee in ein sündhaft teures Restaurants oder zu einer Arzi Farzi-Vernissage verschleppt. Dorthin, wo das richtige Leben eben so spielt. Man muss kein spleeniger Naturbursche sein, um sich an solchen Orten deplatziert zu fühlen.

Ihr seht schon – ich komme mit diesem Film auf keinen grünen Zweig mehr. Nicht nur, weil ich den Film für die Art und Weise verabscheue, mit welcher Selbstverständlichkeit er sein Storygerüst an den schmierigen Motiven seiner Journalistenfiguren ausrichtet. (Nicht, dass der Journalismus und dessen Spielarten frei von fragwürdigen Beweggründen wäre – wer schon des öfteren auf journalistenfilme.de kleben geblieben ist, der weiß, das ich kritische Auseinandersetzungen mit diesem Berufsbild sehr schätze – aber das, was der Film hinsichtlich der Darstellung journalistischer Arbeit aufs Tableau klatscht, ist ärgerlich, weil besonders hirnrissig.) Manchmal ist es mit Filmen seiner Kindheit wie mit Alkohol, der lange Zeit im Keller lagerte. Er wird nicht unbedingt besser. Unter den Komödien der 1980er Jahre gibt es zweifellos viele edle Streifen. Crocodile Dundee schmeckt wie Krimsekt von vor dem Zusammenbruch der UdSSR. Auf Dich, Sue Charlton!


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