Schlagzeilen ist eines dieser Sandwichkinder. 1994, im Erscheinungsjahr des Films, ist die Hochphase des Journalistenkinos längst passé, seine Renaissance lässt noch ein gutes Jahrzehnt auf sich warten. Dabei ist Ron Howards Komödie ist ein charmantes, übersehenes Juwel, in dem man die Lebenswirklichkeit von Journalisten funkeln sieht. Mehr als in manchem Klassiker des Genres. 

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universal Pictures.

Die Unbestechlichen, Insider, Spotlight – große Journalistenfilme erzählen große Geschichten. Geschichten, die geeignet sind, die Verdienste und die Bedeutung des Journalismus für unsere aufgeklärte Gesellschaft zu zelebrieren. Nur wenige journalistische Epen entspringen der Fiktion. Selbst ein Citizen Kane basiert lose auf der Biographie eines echten Zeitungsmagnaten. Fiktive Set-ups werden  bevorzugt, wenn es darum geht, den Journalismus und die Mechanismen dahinter zu dekonstruieren. Mediensatiren wie Wag The Dog, Thank You For Smoking oder Mad City halten der Branche den Spiegel vor, ohne den Finger auf Einzelne zu zeigen.

Schlagzeilen (im Original: The Paper) ist ein Wandler zwischen diesen beiden Archetypen des Journalistenfilms. Ron Howards Streifen nimmt sich keine realen Ereignisse vor. Keinen echten Politskandal. Keine historisch verbürgte Staatsaffäre. Keinen sonst wie gelagerten Scoop, der Geschichte schrieb. Stattdessen interessiert er sich für den Wahnsinn in einer Nachrichtenredaktion. Und doch geht es ihm nicht um die reine Satire. Im Gegenteil: Zwischen den überzogenen, zum Teil screwball-artigen, Episoden charakterisiert Howard den Journalismus als einen Schmelztiegel von Interessen: Journalistische Ideale, publizistische wie wirtschaftliche Überlegungen und persönliche Befindlichkeiten prallen in einer Redaktion aufeinander. Womit Schlagzeilen recht nahe an die Lebenswelt echter Journalisten rückt, und das näher als die zu Beginn genannten Klassiker. Und doch fristet der Film aus rezeptionstechnischer Sicht ein Schattendasein. Wieso, dafür gibt es gleich mehrere Gründe.

Der ganze normale Wahnsinn: Schlagzeilen zeigt die Ereignisse eines Tages in der Redaktion der New York Sun.

Der ganze normale Wahnsinn: Schlagzeilen zeigt die Ereignisse eines Tages in der Redaktion der New York Sun.

(K)ein Film über den Qualitätsjournalismus

Der erste liegt nach dieser Einleitung auf der Hand: Schlagzeilen besitzt keinen realen Aufhänger. Gerade der Erfolg von Spotlight (2016) hat gezeigt, wie wir uns nach journalistischen Best Practices verzehren. Spotlight (der hier stellvertretend genannt sei, weil er noch recht frisch in den Köpfen ist) zeigt uns, dass Journalismus funktioniert hat und auch in Zukunft funktionieren kann – wenn wir uns nur auf die guten, alten Tugenden zurückbesinnen. Dass das Rechercheteam in Spotlight mit Freiheiten gesegnet ist, wie sie nur in den wenigsten Redaktionen vorzufinden sind, geht in der Ehrfurcht unter. Ein Film wie Schlagzeilen wirkt da vergleichsweise klein.

Schlagzeilen ist ganz bewusst kein Film über den glorreichen Qualitätsjournalismus. Im Mittelpunkt steht kein traditionsreiches Zeitungshaus, sondern eine lokale Boulevardzeitung. Auch wenn es schwerfällt, das Adjektiv „lokal“ in einer Metropole wie New York als Maßstabsbeschreibung zu akzeptieren: Die New York Sun ist ein Lokalblatt, das sich nicht um das große Weltgeschehen schert. Hier schaffen es die Parkvergehen des Bezirksbürgermeisters aufs Titelblatt. Die Außenpolitik wird im Innenteil versteckt. Die hierfür zuständige Redakteurin ist eine bärbeißige, ältere Dame, die lakonisch ihre Chronistenpflicht erfüllt: „Anschlag in Paris. Sechs Tote. Keine aus Manhattan.“

Legendär: Glenn Close und Michael Keaton prügelns sich vor der Kulisse der Druckerpresse...

Legendär: Glenn Close und Michael Keaton prügeln sich vor der Kulisse der Druckerpresse…

„Stop the presses!“

Ins Gesamtbild passt die für sich genommen einfallslose Rahmenhandlung: Zwei Geschäftsmänner werden ermordet in Williamsburg aufgefunden. Die finanzverantwortliche Blattmacherin Alicia Clark (herrlich frustriert: Glenn Close, Der Teufel trägt Prada) plant, die Tatverdächtigen – zwei junge Afroamerikaner – auf dem Titelblatt der Sun zu verurteilen. Chefredakteur Henry Hackett (gespielt von Mr. Journalistenfilm Michael Keaton, Live aus Bagdad, Spotlight) und Kolumnist Michael McDougal (angeranzt wie eh und je: Randy Quaid) spüren jedoch, dass die Lösung des Falles nicht so klar ist, wie sie im ersten Moment erscheint.

In seiner Punchline zum Schluss unterscheidet sich der Film gar nicht mal so sehr von den üblichen Verdächtigen des Genres. Die Botschaft ist unmissverständlich: Idealismus ist eine wichtige Grundzutat für das Funktionieren der vierten Gewalt. Die Auflage ist es nicht wert, die Wahrheit zu verraten. Ausgetragen wird der publizistische Konflikt in einer der klamaukigsten Szenen des Journalistenkinos: Gleen Close und Michael Keaton liefern sich zwischen den unerbittlich rotierenden Druckerpressen eine Slapstick-Rangelei. Das Zitat, das den Kampf wie einen Gong beendet, ist legendär: „Stop the presses!“, ruft Keaton und drückt auf den roten Knopf.

...Keaton alias Henry Heckett behält im Namen der Wahrheit die Oberhand. Stoppt die Pressen!

…Keaton alias Henry Heckett behält im Namen der Wahrheit die Oberhand. Stoppt die Pressen!

Journalisten zum Anfassen

Diese Szene ist das, was von diesem Film im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben ist. Schlagzeilen gilt als wenig subtil, darüber hinaus als Beiwerk, das in vielen einschlägigen Listen zum Thema auftaucht, aber eher auf den hinteren Plätzen zu finden ist.  Dabei wird der Film notorisch unterschätzt: Was die Komödie auszeichnet, ist nicht das Laute, das Offensichtliche. Schlagzeilen sind dazu da, ihrem Leser ins Gesicht zu springen. Der Erkenntnisgewinn ist oft zwischen den Zeilen versteckt. So ist es auch hier: Der Film hat versteckte Qualitäten.

Schlagzeilen ist ein sehr menschlicher Film. Nochmal: Große Journalistenfilme erzählen von großen Enthüllungen. Über die Menschen hinter diesen Enthüllungen erfährt man allerdings wenig. Außer, dass sie verdammt gute Journalisten sind. Robert Redford und Dustin Hoffman in Die Unbestechlichen, Al Pacino in Insider, das gesamte Team in Spotlight – allesamt integre und aufopferungsvolle Reporter. Welche Gedanken sie umgeben, warum sie so sind wie sie sind – Antworten auf diese Fragen gibt es nur in Form von Randnotizen. Sie sind primär Idealbilder ihrer Zunft.

Es menschelt gewaltig in Schlagzeilen. Der Nachrichtenchef (gespielt von Robert Duvall) etwa sieht sich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert.

Es menschelt gewaltig in Schlagzeilen. Der Nachrichtenchef (gespielt von Robert Duvall) etwa sieht sich mit einer Krebsdiagnose konfrontiert.

Mutterschutz, Krebs & Mobbing

In Schlagzeilen sind die Stories nicht größer als die Menschen, die sie schreiben. Auch wenn die Nachrichten gerne aufgeplustert werden, um einen Platz an der Sonne in den Auslagen der New Yorker newsstands zu ergattern. Das Drehbuch flirrt zwischen den persönlichen Problemen seiner Figuren umher. Die schwangere Redakteurin fürchtet sich vor einem Leben als Hausmütterchen. Der an Prostatakrebs erkrankte Chefverleger sucht nach einem Weg, sich mit seiner Tochter auszusöhnen. Und einer der Kollegen wittert Mobbing, weil er nicht zügig genug seinen ergonomischen Schreibtischstuhl bewilligt bekommt. Das sind die Schlagzeilen des Lebens.

Die Reporter in Schlagzeilen zählen zum journalistischen Fußvolk. Der Film gibt sich – sieht man vom kitschigen Happy End zugunsten der Wahrheit ab – nur wenig Verklärungen hin. Die New York Sun ist nicht der Ort, an dem die Fackel des Journalismus aufbewahrt wird, das haben wir bereits geklärt. Fakt ist aber auch: Die Sun erhebt gar nicht den Anspruch, Hort eines unverbesserlichen Journalismus zu sein. Die Redakteure sind sich dessen bewusst, dass sie mit ihrer Zeitung nicht die publizistische Elite repräsentieren. Die arbeitet nämlich beim New York Sentinel, jener Zeitung, die ihre Deutungs- und Meinungshoheit im Namen (Sentinel bedeutet im Englischen Wächter) spazieren trägt. Der Sentinel als Inbegriff des Qualitätsjournalismus (und als persiflierende Entsprechung echter Traditionszeitungen wie der Washington Post oder der New York Times) macht Nachrichten für die oberen Hunderttausend. Die Sun scheint für alle.

Die andere Seite der vierten Macht: Paul Bladden (Spalding Gray) repräsentiert als Chefredakteur des New York Sentinel den gehobenen Qualitätsjournalismus.

Die andere Seite der vierten Macht: Paul Bladden (Spalding Gray) repräsentiert als Chefredakteur des New York Sentinel den gehobenen Qualitätsjournalismus.

Wahrheit per Kaiserschnitt

Das jeweilige Selbstverständnis spiegelt sich in der Darstellung der Redaktionsräume wider. Während die Räumlichkeiten des Sentinels septisch anmuten, ist die Redaktion der Sun ein pulsierender Kosmos. Es ist laut, es ist hektisch, Redakteure rennen sich über den Haufen, Telefone klingeln ununterbrochen. Journalisten machen sich schmutzig. Beim Sentinel wird die Wahrheit fein säuberlich seziert. Bei der Sun wird die Wahrheit mit dem Kaiserschnitt zur Welt gebracht. Eine Analogie, die Ron Howard dem Zuschauer geradezu aufzwingt, schneidet er doch wild zwischen der Druckerpresse und dem Kreißsaal, in dem Hacketts Frau Martha unter großen Schmerzen ihren gemeinsamen Sohn zur Welt bringt, hin und her. Eine schwierige Geburt.

Der Journalismus in Schlagzeilen ist demnach kein heroischer Akt. Die Unschuld der jungen Männer darzustellen, ist noch nicht mal eine journalistische Leistung. Es gibt keine Beweise dafür, sie die den Doppelmord begangen haben, die Polizei hat schon bei der Verhaftung arge Zweifel. Das Verdienst von Henry Heckett ist es, dass er seine Zeitung vor einer Blamage bewahrt, indem er sich gegen die Vorverurteilung der vermeintlichen Täter stellt. Schon am nächsten Tag werden die beiden Männer aus der Haft entlassen. Die Konkurrenz steht in Eintracht gelackmeiert da. Womit ein Grundproblem des Mediums deutlich wird: Was in der Zeitung steht, ist zum Zeitpunkt seiner Veröffentlichung schon wieder veraltet. Schlagzeilen ist ein Plädoyer für eine entschleunigte, sorgfältigere Berichterstattung – dass der Nachrichtendruck in den folgenden Jahren (1994 steckt die kommerzielle Erschließung des Internets noch in den Kinderschuhen) exponentiell zunimmt, kann sich zu seiner Premiere noch kaum jemand ausmalen. Heute erleben wir einen Liveticker-Journalismus, der Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Gerüchte frühzeitig und ungefiltert in den Äther ejakuliert. Aber das ist ein Thema für sich.

Darf nicht fehlen: Die obligatorische "Wir-verfolgen-Dich-bis-aufs-Klo"-Szene.

Darf nicht fehlen: Die obligatorische „Wir-verfolgen-Dich-bis-aufs-Klo“-Szene.

Schlagzeilen: Blaupause für The Newsroom

Filme wie Die Unbestechlichen oder Spotlight sind zu einem Maßstab geworden. Sowohl für den Journalistenfilm als für das Bild des Journalismus an sich. Diese Filme geben uns eine Vorstellung davon, wie der investigative Journalismus funktioniert bzw. funktionieren sollte. Sie sind Loblieb und Lehrstück zugleich. Schlagzeilen ist keines von beidem. Ron Howard skizziert den ganz normalen Wahnsinn in einer Redaktion, in welcher der Kampf zwischen idealistischen und wirtschaftlichen Interessen von jedem Tag aufs Neue ausgefochten wird. Anders als die großen Klassiker, die die Entstehungsgeschichte eines bedeutsamen Scoops erzählen, fängt Schlagzeilen die Lebenswirklichkeit vieler Journalisten ein – etwas, wofür der Film von vielen „Leidensgenossen“ gelobt wird.

Umgekehrt mag der Film auf Nicht-Betroffene banal wirken. Tatsächlich ebnet er den Weg für Formate wie The Newsroom: Anhand echter Weltereignisse (die Niederstreckung Osama Bin Ladens, die Explosion der Ölbohrplattform Deepwater Horizon) betrachtet die Serie in jeder Episode unterschiedliche Facetten der Berichterstattung. Doch diese journalistische Anekdotensammlung ist nur der Kitt für die Binnenhandlung, die von den Gefühlen und Befindlichkeiten der Figuren erzählt. Journalismus wird zur Soap. Geschichte wird permanent geschrieben. Die wirklich einschneidenden Ereignisse sind eben die Schlagzeilen des Lebens.


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