Kommt ein Manta-Fahrer ins Radio. Er entert das Sendestudio, schlägt den Jockey nieder und grölt ins Mikro: „Was ist der Unterschied zwischen einem Radiomoderator und einem Arschloch – es gibt keinen!“ Ein Spitzen-Gag. Aber nicht nur das: Es ist der Sieg eines kleinen Mannes über die vierte Gewalt, die ihre staatliche Sendelizenz missbraucht, um die eigene Hörerschaft zu verunglimpfen. Der Lerneffekt – gleich null. Der Sende-Jockey von Radio 88 kommentiert die gepfefferte Hörerreaktion noch frech. Dass er den Medienverdruss an der Basis fördert, kapiert er nicht. Dabei haben auch Manta-Fahrer Gefühle. Heute bei journalistenfilme.de im Programm: eine Perle des deutschen Kinos. Garagentor auf für Manta, Manta

Text: Patrick Torma. Bildermaterial: Constantin Film.

Fuchsschwanz statt Unterbodenbeleuchtung, Til Schweiger und Michael Kessler statt Paul Walker und Vin Diesel. Manta, Manta ist The Fast and the Furious auf Ruhrpott-Art. Sieht man vom Umstand ab, dass große Teile des Films im Bergischen gedreht wurden. Mit gehöriger Kodderschnauze, vielen Klischees und noch mehr Nostalgie. Poppige Proletenkarren, die sich heute nur noch betuchte Sammler erlauben können, heulen vor der Kulisse längst zurückgebauter Industriekultur* auf. Manta, Manta zeigt den Pott, wie man ihn sich in den 1990er-Jahren in der restlichen Republik vorstellte: trist, zurückgeblieben, aber irgendwie liebenswert. Dass die Region im Begriff ist, sich zu wandeln, wird zugunsten des Settings unterschlagen. Die Folgen dieses Wandels aber spricht der Film in seinem Figurengeflecht ganz offen an: nämlich die Notwendigkeit der Menschen im Ruhrgebiet, sich neu zu erfinden.

[* So sind die Holztürme und Teile des Zechen-Ensembles Gneisenau in Dortmund, Kulisse für den Manta-Treff im Film, zurückgebaut worden. Eine Liste mit Drehorten – inklusive Adressen – findet sich hier.]

Obwohl Journalistin Florentine die Lebensart von Gerd und dessen Freundeskreis belächelt, zieht sie den Schrauber mit dem nachgemachten Abitur magisch an.

Obwohl Journalistin Florentine die Lebensart von Gerd und dessen Freundeskreis belächelt, zieht sie den Schrauber mit dem nachgemachten Abitur magisch an.

Die Journalistin als Gegenentwurf

Im Zentrum von Manta, Manta steht eine Jugendclique. Kinder einer Malochergeneration, die nun vor der Perspektive stehen, von der Gesellschaft abgehängt zu werden. Bertie (Til Schweiger), von dem man nicht erfährt, was er eigentlich macht, wohnt noch bei Muttern. Sehr zum Missfallen seiner Freundin, der Friseuse Uschi (Tina Ruhland). Schließlich träumt sie vom ersten gemeinsamen Nest, das die beiden schon längst hätten beziehen können. Würde Bertie sein Geld nicht ins Tuning seines Boliden buttern, sondern pflichtschuldig auf die dringend benötigte Einbauküche sparen. Daneben gibt es noch den Einwanderersohn Hakan, der im familieneigenen Gemüsehandel aushilft, Sprechstundenhilfe Sabine und Klausi, der … nun ja, einfach Klausi ist. Konfrontiert werden sie mit dem Gehabe neureicher Kids (in Person des Yuppies Axel (Martin Armknecht)), die verächtlich auf die Lebensart der Manta-Crew herabschauen. Umso wichtiger erscheint da der Zusammenhalt untereinander, der auf dem deterministischen Glauben fußt, dass man es ja sowieso zu nichts bringt. Dieser Zusammenhalt gerät ins Wanken, als Bertie erfährt, dass sein bester Kumpel Gerd das Abi nachgeholt hat und plötzlich droht, der Clique zu entwachsen.

Auf dem Gelände eins Autohandels kommt es zum Zwist zwischen den beiden. Noch verdient Gerd dort seine Brötchen als KFZ-Schrauber. Sie ziehen die Aufmerksamkeit von Florentine auf sich – die Nachwuchsjournalistin ist zufällig vor Ort, um dem steifen Geschäftsführer einen flotten O-Ton für den nächsten Werbespot zu entlocken. Dazu muss man wissen: Ihr Arbeitgeber, der Lokalsender Radio 88, füllt den Redeanteil seines Programms bevorzugt mit Kalauern über die  als IQ-befreit geltende Spezies der Manta-Fahrer. In Bertie, der den zweiten Bildungsweg seines besten Freundes scharf verurteilt, sieht sie alle Vorteile bestätigt. Sie wiederum ist der Gegenentwurf zu Manta-Macho Bertie: Eine emanzipierte Studentin aus dem Bildungsbürgertum, die einen Namen trägt, der eher nach Waldorf als nach Waltrop klingt, eine spöttische Ablehnung gegenüber den Schmuddelkindern aus der Arbeitersiedlung pflegt und mit einer grünen Ente inklusive obligatorischem „Atomkraft? Nein, Danke“-Sticker auf dem Heck als Sinnbild für ihre ökologische Einstellung durch das Ruhrgebiet kurvt (mit der sie heute ironischerweise durch keine Umweltzone knattern dürfte…). Und dazwischen Gerd, der ganz offensichtlich in Florentine verschossen ist, als Hin- und Hergerissener zwischen den Welten. Bertie ist not amused: „Jetzt weiß ich auch warum du so hinter dieser Studententante her bist. Jetzt wirst du wohl auch studieren. Was kommt als nächstes? Müsli fressen? Fahrrad fahrn?“

Sie träumt vom gemachten Nest, er sieht sich von der Gesellschaft abgehängt. Ein typischer Nachmittag mit Uschi und Bert .

Sie träumt vom gemachten Nest, er sieht sich von der Gesellschaft abgehängt. Ein typischer Nachmittag mit Uschi und Bert .

Asoziale Tendenzen aus dem Radio

Diese erste Begegnung ist, abgesehen von einigen Frotzeleien („Mein Freund hier, der mit der schönen Jacke, der steht total auf dich – jetzt schau doch wenigstens mal rüber, so scheiße sieht er gar nicht aus!“) und Bertis Bremsmanöver auf einem Autotransporter, noch folgenlos. Als sich das Trio erneut trifft, schneidet Florentine heimlich mit, wie Bertie vom Fahrspaß seines Mantas schwärmt. Im Sender (der übrigens in den echten Räumen des Radiosenders Radio Neandertal beheimatet ist – Grüße an meinen Freund David!) spielt sie dem Witzbold vom Dienst Berties Monolog vor . Der ist hellauf begeistert und wittert reinstes Trash-Gold. Deshalb baut er den O-Ton in seine  nächste Abendshow ein… Blöd nur, dass Bertie einen schlechten Tag und ein paar Jägermeister zu viel hatte…

In erster Linie fungieren die Manta-Witze via Ultrakurzwelle als Gag- und Plot-Device. Ein Radiosender, der den lieben, langen Tag fast ausschließlich ein bestehendes Stereotyp bedient – das ist so billig, dass es sich nicht lohnt, handgreiflich zu werden. Soll sich der Bertie nicht so anstellen. Zumal Radio 88 ist Kind seiner Zeit ist. Ende der 1980er-Jahre beginnen die Medien, ihre Inhalte verstärkt auf die Unterhaltung ihres Publikums auszurichten. Privatsender mit ihren schrillen Formaten treten zunehmend in Konkurrenz zur miefigen Präsentation der Öffentlich-Rechtlichen. Die „Boulevardisierung der Medien“ wird in den 1990er-Jahren zum feststehenden Begriff.

Wie sich die Zeiten ändern: den Manta können sich heute nur noch betuchte Sammler erlauben, die Öko-Ente kommt heute in keine Umweltzone mehr rein.

Wie sich die Zeiten ändern: den Manta können sich heute nur noch betuchte Sammler erlauben, die Öko-Ente kommt heute in keine Umweltzone mehr rein.

Radio 88 als Antagonist der sozialen Utopie

Doch bei der Attacke im Sendestudio geht es mehr um eine persönliche Vendetta. Manta, Manta zeichnet auch ein Bild eines Mediums, das seine gesellschaftlichen Funktionen (für deren Erfüllung es mal eine Sendelizenz erhalten hat) veruntreut und stattdessen asoziale Tendenzen fördert. Und das nicht etwa, weil der Moderator permanent auf eine bestimmte Klientel einhackt. Sondern weil er vergisst, wer seine Hörer sind: der einfache Mann und die einfache Frau, mit den kleinen Freuden und mittelschweren Sorgen, die ihnen das Leben bieten.

Hang the blessed DJ. Because the music that they constantly play, it says nothing to me about my life“, sang Morrissey einst. Auf den Radiomoderator in Manta, Manta übertragen: Er weiß nicht das Geringste von der Lebenswelt derer, die er beschallt. Doch über das aufgedrehte Radio dringt er mit seiner überheblichen Impertinenz bis in ihr Allerheiligste vor – und sei es bis ins Chassis ihres geliebten Autos. Er schürt damit eine „Wir gegen die da oben“-Mentalität. Dabei will Manta, Manta die Standesgesellschaft überwinden. Radio 88 ist der Antagonist auf dem Weg zur sozialen Utopie. Wer jetzt meint, ich spinne, der schaue sich die Schlussszene an: Am Ende einer ereignisreichen Nacht liegen sich alle in den Armen. Autonarr Bertie entscheidet sich Uschi zuliebe für die gemeinsame Zukunft, die deutsche Sprechstundenhilfe Susi legt für Türke Hakan ein Kopftuch an (was dieser als säkularer Moslem weglächelt) und Gerd aus den einfachen Verhältnissen hat das Herz von Journalistin Florentine erobert. Selbst Yuppie Axel mit seinem Kapital(istischem)Schaden wird wieder auf die Beine geholfen. Egal ist Radio 88.


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Manta Manta

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