Wie weit darf ein Journalist gehen? Gute Frage: In Stieg Larssons Millennium-Trilogie fackelt Mikael Blomkvist nicht lange. Um Hackerin Lisbeth Salander aus den Fängen einer staatlichen Verschwörung zu befreien, überschreitet er Grenzen. Seine eigenen, aber auch die seines beruflichen Kodexes. Doch gemessen am Hype rund um den wohl bekanntesten Schwedenkrimi ist Mikael Blomkvist der Millennium-Bug unter den Filmjournalisten. Soll heißen: Viel Lärm um wenig Substanz.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Warner Bros.

Mikael Blomkvist (Mikael Nykvist) ist Schwedens investigativer Stern am trüben Reporterhimmel. Landesweit bekannt, gilt der Herausgeber des Wirtschaftsmagazins Millennium als „der letzte idealistische Journalist“. Nun stehen dem smarten Spürhund jedoch Imageprobleme ins Haus. Weil er den Industriellen Hans Erik Wennerstrom mit Waffengeschäften in Verbindung gebracht hat, sieht er sich mit einer Verleumdungsklage konfrontiert.

Blomkvist ist von der Hieb- und Stichfestigkeit seiner Recherchen überzeugt, doch was fehlt, ist der letzte entscheidende Beweis. Dumm gelaufen. Das Gericht befindet den Enthüllungsjournalisten in sechs von acht Fällen für schuldig. Um Schaden von Millennium abzuwenden, tritt er von seiner offiziellen Redaktionstätigkeit zurück. Bevor der Verurteilte seine mehrmonatige Haftstrafe antreten muss, bleibt ihm jedoch noch die Zeit, die Offerte des Unternehmers Henrik Vanger anzunehmen.  Es geht um einen nie aufgeklärten Mordfall im unmittelbaren Umfeld. Der Kreis der Verdächtigen schließt auch einige Mitglieder des Vanger’schen Familienimperiums ein.

Mikael Blomkvist (links) investigiert. Irgendwann spricht jeder mit dem Enthüllungsjournalisten vom Wirtschaftsmagazin Millennium.

Mikael Blomkvist (links) investigiert. Irgendwann spricht jeder mit dem Enthüllungsjournalisten vom Wirtschaftsmagazin Millennium.

Klassische Ermittlerfunktion

Statt der Polizei konsultiert Henrik Vanger also lieber einen Journalisten. Dazu noch einen gefallenen. Aber Blomkvist ist eben so etwas wie die letzte Patrone. Vanger geht auf die 80 Jahre zu, die Chance, den Fall aufzuklären, schwindet. Die Arbeit der Polizei hat in 40 Jahren zu keinem Ergebnis geführt – trotz aller Bemühungen des leitenden Ermittlers, der sich immerhin an Ungereimtheiten erinnert. Das riecht doch nach einer Verschwörung. Und nach einem Filmjournalisten in seiner klassischsten Funktion – in der Funktion des Ermittlers.

Die Skepsis gegenüber den Behörden zieht sich wie ein roter Faden durch die drei Krimiverfilmungen Verblendung, Verdammnis und Vergebung (alle von 2009). Der Journalist hingegen gilt noch als Inbegriff der Integrität. Davon träumen Journalisten hierzulande. Dass der Journalist innerhalb der Millennium-Trilogie hoch im Kurs steht, darf angesichts des Backgrounds ihres Schöpfers nicht verwundern. Larsson gehörte selbst diesem Berufsstand an. Unter anderem gründete der 2004 verstorbene Autor die linksorientierte Zeitung Expo – in ihr sehen alte Weggefährte und Kritiker das Vorbild für das Millennium-Magazin in Buch und Film.

Warum lässt Du dir nicht helfen? - Ich will Dich nicht belasten möchte. - Späer ändert Blomkvist seine Meinung, was die Hilfe seines Schwesterchens betrifft.

Warum lässt Du dir nicht helfen? – Ich will Dich nicht belasten möchte. – Späer ändert Blomkvist seine Meinung, was die Hilfe seines Schwesterchens betrifft.

Mikael Blomkvist: Erst langweilig…

Blomkvist ist der Journalist, wie ihn Larsson sah: Souverän, unbestechlich, unbeugsam. In Verblendung ist Mikael Blomkvist geradezu frei von Fehlern. Ohne den emotionalen Ballast der Romanvorlage – die gescheiterte Ehe, die Vater-Sorgen, die unbefriedigende Beziehung zur Kollegin werden im Film weitgehend ausgeblendet – kann er sich darauf konzentrieren, immer das moralisch Richtige zu tun. Höflich, aber bestimmt. Und dabei immer – auf eine vernarbte Art und Weise – gut aussehend. Getoppt wird der Schweden-Blomkvist in seiner geleckten Prinzipientreue nur von dessen Widergänger in David Finchers US-Remake – dort wird Blomkvist von James Blond Daniel Craig gespielt.

Besser können Krimijournalisten nicht funktioneren. Dafür könnten sie mehr Ecken und Kanten vertragen. Mikael Blomkvist ist eine langweilige Figur, einfach vorhanden und von den Charakterzügen her so wie sie ist. Zugegeben, das Drehbuch interessiert sich mehr für Blomkvists Partnerin Lisbeth Salander. Die ausführliche Backstory ist der unnahbaren Hackerin vorbehalten. Blomkvist ist in Verblendung wie ein Flummi. Wenig greifbar.

Die versammelte Presseschar kann einpacken. Mikael Blomkvist ist der "letzte idealistische Journalist" Schwedens (O-Ton Schweden-Nachrichtensprecherin in Verblendung).

Die versammelte Presseschar kann einpacken. Mikael Blomkvist ist der „letzte idealistische Journalist“ Schwedens (O-Ton Schweden-Nachrichtensprecherin in Verblendung).

…dann journalistisch von der Rolle

An diesem Grundproblem ändert sich in den Nachfolgern Verdammnis und Vergebung wenig. Immerhin: Die Figur wird interessanter, weil sie aus ihrem normativen Rahmen ausbricht. Nicht, dass der Journalist plötzlich zum Outlaw wird. Ohne allzu viele Worte zur weiteren Handlung des Dreiteilers zu verlieren  (die ist nämlich austauschbare Krimikost) – je mehr es ihm um die Rehabilitierung Lisbeths geht, je mehr er sich von seinen Gefühlen leiten lässt, desto fragwürdiger werden seine Entscheidungen. Aus journalistischer Sicht, versteht sich. Aus der Perspektive des Freundes und Liebhabers mögen Mikael Blomkvists Aktionen verständlich erscheinen – er unternimmt alles, was in seiner Macht steht, um Lisbeth zu retten.

Diskutabel ist Blomkvist Lotterie-Trick in Verdammnis. Der Journalist stellt sich als Mitarbeiter eines Marktforschungsunternehmens vor, der einen Insider eines Mädchenschlepperings mit Hilfe eines fingierten Gewinnes ködert. Diese Masche kennt man ja von dubiosen Telefonhalunken, die Oma und Opa vorgaukeln, sie hätten sich bei einem Gewinnspieldienst eingetragen. Der deutsche Pressekodex hält zum Thema verdeckte Recherche fest: „Journalisten geben sich grundsätzlich zu erkennen. Unwahre Angaben des recherchierenden Journalisten über seine Identität und darüber, welches Organ er vertritt, sind grundsätzlich mit demAnsehen und der Funktion der Presse nicht vereinbar.  Verdeckte Recherche ist im Einzelfall gerechtfertigt, wenn damit Informationen von besonderem öffentlichem Interesse beschafft werden, die auf andere Weise nicht zugänglich sind.“ Da es sich um bei den Zeugen um einen Vergewaltiger handelt, der Ross und Reiter in Sachen Frauenhandel benennen kann, kann man von einem öffentlichen Interesse ausgehen. Und außerdem scheint der Informant wider Willen Blomkvist beim ersten Zusammentreffen ohnehin zu kennen. Schließlich ist der in Schweden ja eine Größe – „Ich wusste gar nicht, dass Journalisten auch in der Marktforschung arbeiten.“

Mikael Blomkvist kämpft für ihre Rehabilitation. Lisbeth Salander, halb Hackerin, halb Punkerin - also eine Packerin - ist das Opfer einer verschwörerischen Männerclique.

Mikael Blomkvist kämpft für ihre Rehabilitation. Lisbeth Salander, halb Hackerin, halb Punkerin – also eine Packerin – ist das Opfer einer verschwörerischen Männerclique.

Recherchen mutieren zum Kreuzzug

In Vergebung schlägt die Nadel in Blomkvists journalistisch-ethischem Kompass endgültig unkontrolliert aus. Er ordnet Lisbeths Rehabilitation alles unter, zieht ohne Rücksicht auf Verluste Mitstreiter und sogar seine Familie in die Geschichte hinein. Ganz zu Beginn von Verblendung lehnt er es ab, von seiner Schwester, einer erfolgreichen Anwältin, verteidigt zu werden: „Ich möchte Dich nicht damit belasten“, wiegelt er ihren Beistand  ab. In Vergebung drängt er die Schwester, Lisbeth zur Seite zu stehen – jetzt, wo klar ist, dass eine Verschwörung auf allerhöchster Regierungsebene wirkt und Menschen zu Tode kommen. Er ignoriert Morddrohungen gegen seine Journalistenkollegen. Sich nicht einschüchtern zu lassen, ist eine Sache. Sehenden Auges in die Gefahr zu laufen, eine andere. Blomkvist weiß, dass die Regierungsmobster keine leeren Drohungen aussprechen. Doch er weigert sich, die Polizei zu alarmieren (davon ab: man hätte sich vieles ersparen können, hätte man auch nur einmal die Polizei gerufen. Aber in Schweden wendet sich bekanntlich niemand an die Polizei. Die ist schließlich Part der Verschwörung). Mit Recherchen haben Mikael Blomkvists Handlungen nichts mehr zu tun. Vielmehr mit einem Kreuzzug. Der Journalist ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als eine heldenhafte Hülle, es spielt für die Handlung keine Rolle, ob Blomkvist berichtet. Die wahren Informationsbeschaffer sind die Hacker. Sie treiben die Handlung im Finale entscheidend voran.

Obwohl von einem echten Journalisten erdacht, wirkt die filmische Umsetzung des Michael Blomkvist wie eine Karikatur. Vom zun Unrecht verknackten Super-Journalisten zum fanatischen Frauenretter in drei Episoden – das ist zumindest eine Entwicklung. Jedoch eine Entwicklung ohne Nuancen und Schattierungen, die man von einer gut geschriebenen Figur eigentlich erwartet. Will man es positiv betrachten, kann man immerhin konstatieren, dass Mikael Blomkvist als Werbeträger für den Printjournalimus fungiert – und das in einer Zeit, in der das gedruckte Wort schon zu den totgesagten Aggregatzuständen des Journalismus gehört. Andererseits: Mit den Testimonials ist es oft so eine Sache. Im fiktiven Schwedenhimmel mag Blomkvist eine strahlende Größe sein. Im Kanon der Filmjournalisten ist er nicht mehr als ein kleines Licht.

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