Journalistic Relief #3: Karla Kolumna, die rasend machende Reporterin

Karla Kolumna ist die rasende Reporterin in Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg.

April O’Neil war mein erster großer Zeichentrick-Schwarm. Karla Kolumna aus Benjamin Blümchen hingegen törnte mich richtig ab. Was natürlich daran liegen könnte, dass ich der gesamten Serie nie viel abgewinnen konnte – Elefanten mit Ballonmützen sind schließlich nur semi-cool. Vieles aber beruhte auf persönlicher Antipathie: Mit ihrer Art, ungefragt in die Szenerie zu platzen und debil-jauchzend mit wild fabulierten Schlagzeilen um sich zu werfen, machte mich die rasende Reporterin…nun ja…rasend. Mittlerweile weiß ich: Karla Kolumna ist gar nicht so doof, wie ich sie immer fand. Tatsächlich ist sie eine interessante Figur, die Potenzial und Probleme des Lokaljournalismus auslotet.

Von Patrick Torma. Bildmaterial: Kiddinx/Jugendfilm-Verleih (heute Kinowelt)

Macht mal die Stichprobe: Wie viele Journalistinnen verweisen wohl auf Karla Kolumna, wenn sie auf ihre fiktiven Vorbilder aus Kindheitstagen zu sprechen kommen? Die rasende Reporterin aus Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg gilt hierzulande als Sinnbild aufopferungsvoller und ehrlicher Berichterstattung. Bestens vernetzt und jederzeit zur Stelle, deckt sie die kleinen und großen Schweinereien des feisten Bürgermeisters von Neustadt auf. Wo immer Unrecht geschieht, ist sie die Erste, die Einspruch erhebt. Schließlich versteht sie sich als Anwältin des Gemeinwohls. Eine ehrenwerte, wenn auch nicht ganz unproblematische Berufsauffassung.

Indem sie sich für die Menschen in ihrer Nachbarschaft einsetzt, macht Karla Kolumna Werbung für einen engagierten Lokaljournalismus. Obwohl es mittlerweile genügend Positivbeispiele gibt, steht der Lokaljournalismus noch immer in dem Verdacht, nicht mehr als biedere, unkritische Bratwurstberichterstattung zu servieren. Ihm haftet noch immer der Ruf des Minderwertigen an – der in Abgrenzung gebrauchte Begriff des so genannten „Qualitätsjournalismus“ ist ein allzu deutlicher Hinweis. Dabei ist Lokaljournalismus der Oberboden, auf dem unsere Presselandschaft fußt. Nur die wenigsten Journalisten arbeiten für den Spiegel oder für das Auslandsbüro der Öffentlich-Rechtlichen. Die meisten bleiben lokal verwurzelt, in Städten und Gemeinden, wo sie wichtige soziale Funktionen erfüllen: Sie bieten den Menschen vor Ort Orientierung und tragen zum Aufbau einer lokalen Identität bei.

Der Bürgermeister von Neustadt kneift Benjamin Blümchen in den Rüssel - Karla Kolumna hät mit der Kamera drauf.

„Einfach sensationell. Bürgermeister zerrt an Elefantenrüssel!“ Egal, wo das Stadtoberhaupt von Neustadt seine Finger im Spiel hat – Karla Kolumna ist garantiert vor Ort!

Die Omnipräsenz der Karla Kolumna

Momentan erleben wir einen zarten Imagewandel: Der Mantelteil vieler regionaler Zeitungen wird inzwischen von den immer gleichen Meldungen der Nachrichtenagenturen dominiert, da wird das Lokale zunehmend als Alleinstellungsmerkmal wahrgenommen – sowohl von Leser- als auch von Verlegerseite. Im krassen Kontrast hierzu steht die vielerorts desaströse Ausstattung der Lokalredaktionen mit Technik und Personal. Mit jedem neuen Spardiktat werden die Redaktionen weiter ausgedünnt – und die Bekenntnisse zum Lokaljournalismus konterkariert.

Auch die Neustädter Medienlandschaft scheint von der Einsparwelle erfasst. Wie sonst ist die Omnipräsenz der Karla Kolumna zu erklären? Sie schreibt nicht nur für die Neustädter Zeitung, sondern auch für Neustädter Abendblatt, darüber hinaus tritt sie gelegentlich im Radio und als Fußballkommentatorin auf. Von Burnout keine Spur. Im Gegenteil. Karla Kolumna kann von diesem Pensum wunderbar leben. Wer in einem überschaubaren Örtchen wie Neustadt mit einem Helikopter herumschwirren kann, dem geht es offensichtlich zu gut.

Die Journalistin Karla Kolumna ist mit Benjamin Blümchen befreundet. Daraus ergibt sich ein Distanzproblem.

Kalkulierte Anbiederung? Oder echte Freundschaft? So oder so: Karla Kolumnas betreibt Hofberichterstattung für einen sprechenden Elefanten.

Reporterin mit Distanzproblemen

Spaß beiseite: Natürlich ist die Umtriebigkeit Karla Kolumnas der Dramaturgie der Serie geschuldet. Sie passt aus heutiger Sicht jedoch voll ins Bild: Lokale Medien werden häufig von Einzelkämpfern betreut. Mit Folgen für den Pluralismus – denn wo bleibt die Vielfalt der Presse? Karla Kolumna kann medial schalten und walten, wie sie will. Es gibt keinen Herausgeber, der ihr Einhalt gebietet, wenn sie ihre objektive Haltung mal wieder über Bord wirft. Für besonders unterstützenswerte Anliegen bricht Karla Kolumna mit dem Pressekodex, Partei ergreifend setzt sie alle Hebel in Bewegung, um ihre Sicht der Dinge durchzudrücken. Dann wird schon mal der benachbarte Radiosender geentert. Die gelegentlichen Schichten vor dem Mikrofon müssen sich ja irgendwann bezahlt machen.

Dieses Karla Kolumna’sche Medien-Monopol führt schließlich zu drei Problemen, die den Lokaljournalismus nicht exklusiv, aber in einem besonderen Maße betreffen:

  1. Wie viel persönliche Meinung ist vertretbar? Und wann wird der journalistische Kommentar zur Bevormundung? Als Journalistin, die sich dem räumlichen Gegenstand ihrer Berichterstattung verbunden fühlt, hat Karla Kolumna eine genaue Vorstellung davon, wie ein lebens- und liebenswertes Neustadt auszusehen hat. Sie nutzt ihre Macht gezielt aus.
  2. Ein Anwalt vertritt seinen Mandanten. Er ist nicht an der absoluten Wahrheit interessiert, sondern an jener Wahrheit, die das günstigste Urteil für seinen Klienten bedeutet. Indem sie sich bedingungslos auf die Seite des Gemeinwohls stellt, berichtet Karla Kolumna einseitig. So gesehen ist sie keine Anwältin, sondern eine Komplizin.
  3. Einseitigkeit führt wiederum zu Befangenheit. Wer (zu) enge Kontakte pflegt, der gelangt irgendwann an den Punkt, an dem Persönliches und journalistische Pflicht miteinander kollidieren. Karla Kolumna fällt durch ihre Nibelungentreue zu Benjamin Blümchen auf. Als dieser zwei Kinder aus einem brennenden Haus rettet, erhöht Karla Kolumna die Zahl der Geretteten auf 50. Was der Schlagzeile ganz sicher zuträglich ist, ist in Wahrheit Hofberichterstattung für einen sprechenden Elefanten. Und damit wenig seriös.

Diese drei Probleme lassen sich zu einem Kernproblem verdichten – auf das Problem der Distanz. Lokaljournalisten tragen eine besondere Verantwortung, weil sie über die direkte Lebenswelt ihrer Leserschaft berichten, die zu gewissen Teilen kongruent zum eigenen Umfeld ist. In diesem Spannungsfeld zu agieren, verlangt ein gehöriges Maß an Reflexion. Karla Kolumna bringt diese Fähigkeit nicht mit – oder aber sie setzt sich wider besseres Wissen über journalistische Werte hinweg. Da sie es grundsätzlich gut meint, wollen wir ihrem Handeln nicht zu viel Skrupellosigkeit attestieren.

Karla Kolumna, die rasende Reporterin, beobachtet Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg.

Karla Kolumna ist verzückt, schließlich gilt sie als Sinnbild ehrlicher Berichterstattung. Ihre Arbeitsmethoden sind allerdings alles andere als astrein!

Vorbild mit Einschränkungen

Was uns abschließend zur Frage führt: Ist Karla Kolumna als journalistisches Vorbild ungeeignet? In ihrer Grundstruktur ganz sicher nicht: Die Branche kann froh sein, dass es eine Journalistenfigur wie Karla Kolumna gibt. Indem sie den Journalismus als ein ehrenwertes Berufsfeld darstellt, betreibt sie beste Werbung für ihren Berufsstand. Imagepflege, die nicht unwichtig für die weitere Zukunft des Journalismus ist: „Fiktive Journalistinnen und Journalisten, etwa aus Romanen, Hörspielen oder TV-Filmen, beeinflussen die Berufswahl: So haben 30 Prozent der befragten Frauen fiktive Journalistinnen und Journalisten als positiv bzw. bestärkend für ihre Berufswahl angegeben“, hält Katalin Irén Vales in ihrer Monografie „Traumberuf Journalistin?! Berufswahlmotive im Journalismus“ fest. Was ich mit meiner Aufforderung zur Stichprobe zu Beginn des Textes andeuten wollte: Wer sich durch die Blog-Biographien von gestandenen wie angehenden Journalistinnen klickt, der bekommt schnell den Eindruck, dass Karla Kolumna einen ganz entscheidenden Beitrag zur Berufswahl junger Frauen leistet.

Was man den Donnelly-Serien allerdings vorhalten muss: Sie zeichnen ein verzerrtes Bild des Journalismus. Ein Schicksal, dass er sich mit der Politik teilt. Machtgier und Korruption bei gleichzeitiger Inkompetenz: Über das in Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg vermittelte Politikverständnis sind ganze Studien angefertigt worden. Unter anderem von Gerd Strohmeier, der in einem bereits zehn Jahre alten Interview mit dem Spiegel das ideelle Ungleichgewicht der Serie anprangerte: „Die Politiker kommen zu schlecht, die Medien dagegen zu gut weg.“ Journalismus sieht die Welt eben nicht schwarz und weiß, er fördert ihre Schattierungen zu Tage.

Was das für Karla Kolumna heißt? Die rasende Reporterin aus Neustadt darf gerne weiter junge Journalisten anwerben – die Ausbildung übernehmen besser echte Vorbilder.

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6 Comments

  1. Cheval

    Also ich habe mit Benjamin Blümchen fiel über das Verhalten von Politik, Polizei und Journalismus gelernt. Zu Karla ist die Folge „Benjamin als Feuerwehrmann“ äußert aufschlussreich: BB rettet 2 Kinder, Karla möchte „100 Kinder“ schreiben, darf nicht und schreibt deshalb von „50 geretteten Kindern“.

    Und da kann man noch so viele Studien über angeblich verzerrte Bilder schreiben, teils ist das Verhalten in den Folgen nur etwas überspitzt, teils aber auch noch sehr zurückhaltend gegenüber der Realität.

    Anders gesagt, ja, die Berufsbilder udn Erwachsenen verhalten sich in der Realität genauso wie in den Folgen. Aber vielleiht ist das der Grund, warum es kritisiert wird? Kinder sollen bitte in einer Traumwelt verbleiben, damit sie leichter zu kontrollieren sind.

    • Patrick

      Hallo Cheval,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Du hast Recht: Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg spiegeln Realität wider – mehr als andere Serien. Mir fällt zumindest kaum eine politischere Zeichentrickreihe ein. So spontan, jedenfalls.

      Was die Rollenbilder betrifft, sind Benjamin Blümchen und Bibi Blocksberg sehr einseitig. Der Bürgermeister ist immer der Böse. Karla Kolumna immer die Gute. In der Realität ist die Politik eben nicht immer böse. Und der Journalismus nicht immer gut. Das sollten Kinder wissen, damit sie nicht in einer Traumwelt verbleiben. Beste Grüße, Patrick

      • Cheval

        Tut mir leid, aber da musst Du mich aufklären.

        So wie ich die Medien in den letzten Jahren verstanden habe, helfen sie immer gerne ihren Freunden, sind also für die Freunde „die Guten“. Und die Politik ist irgendwo und wenn man von denen was gutes will muss man demonstrieren und sich beleidigen lassen, bevor man überhaupt wahrgenommen wird.

        Natürlich sind die Serien einseitig, ist ja auch für Kinder (obwohl viele Erwachsenenserien auch nicht viel komplexer sind). Ich finde nur, man sollte betonen, dass es einfach ein Witz ist, dass da Studien durchgeführt werden und Journalisten sich echauffieren, während man nur die Zeitung aufschlagen muss, um festzustellen: „Hey, Karla ist ja noch harmlos gegen die Seite 1 der SZ“.

        • Patrick

          Ich will gar nicht den großen Aufklärer spielen, ich kann nur meine eigenen Erfahrungen und Sichtweisen darlegen:

          Ich habe Politiker kennengelernt, die sich sehr wohl für die Interessen ihrer Mitmenschen einsetzen und nicht fett und feist wie der Bürgermeister von Neustadt ihre Macht verwalten.

          Genauso wie ich Journalisten kennengelernt habe, die sich weniger Gedanken über die Folgen ihrer Berichterstattung machen, sondern lediglich auf Quote und Clickbait aus sind. Ich will gar nicht erst mit der unsäglichen Lügenpresse-Diskussion anfangen, aber es hat seinen Grund, dass Journalisten in der öffentlichen Meinung in Sachen Glaubwürdigkeit weit hinten rangieren – im aktuellen GFK-Ranking zwar noch vor den Politikern, immerhin.

          Zugegeben, dieser Beitrag ist mit spitzer Feder geschrieben, weshalb Karla Kolumna schlechter wegkommt, als es eigentlich gemeint ist. Mir geht es gar nicht darum , Karla Kolumna zu entzaubern und als per se unrealistische Figur darzustellen. Wie gesagt: Die Branche kann froh sein, dass es solch ein positiv aufgeladenes, fiktives Journalisten-Beispiel gibt.

          Mir geht es um die Frage, was für ein Journalistenbild Karla Kolumna transportiert. Und das möglichst differenziert. Das Ergebnis: Im meinen Augen verkörpert Karla Kolumna viele positive Eigenschaften, die man von einem Journalisten erwarten darf (Du schreibst selbst davon, das Journalisten helfen sollten): Sie ist idealistisch, setzt sich für das Allgemeinwohl ein und lässt nicht locker.

          Gleichwohl bedient sie sich Methoden, die journalistisch unethisch sind: Nur weil sie davon absieht, von „100 Kindern“ zu schreiben und stattdessen die Zahl auf 50 reduziert, obwohl es nur zwei waren, – macht es die Sache nicht besser. Das ist unlauterer Journalismus. Und nicht zur Nachahmung empfohlen. Diese Nuancen herauszuarbeiten, das ist mein Ziel. Wie ich schon schrieb: Es geht mir um Schattierungen. Nicht um schwarz oder weiß. Dazu stehe ich. Auch ohne Studien. 😉

  2. kdm

    Ich hab‘ den oben beschreibenen Namen in meinem langen Leben noch nie bewusst gehört.

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