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Eine überdimensionale Motte tritt als Vorbotin eines großen Unglücks in Erscheinung. Und diesen Schmu sollen wir glauben? Mysteryfilme sind eine Gratwanderung: Das mit dem Unbehagen klappt nur, wenn wir bereit sind, das Unerklärliche als Erklärung zuzulassen. The Mothman Prophecies gibt sich größte Mühe, uns Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Der Journalist John Klein wird zum Erfüllungsgehilfen.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Screen Gems.

+++Achtung, Spoiler!+++

Pünktlich um 18 Uhr Feierabend. Ein üppiges Salär, das für ein herrschaftliches Appartement ausreicht. Leidenschaftlicher Sex im Kleiderschrank. John Klein (Richard Gere) von der Washington Post lebt den Traum eines jeden Verlagsmitarbeiters. Bis zu jenem Abend, an dem seine Frau Mary einen Autounfall verursacht. Das CT im Krankenhaus zeigt einen Tumor in Marys Gehirn – nach Monaten des Hoffens und Bangens verliert sie den Kampf gegen den Krebs. Als John schließlich das Krankenzimmer räumt, stellt er fest, dass seine Liebste in ihren letzten Tagen immer wieder Skizzen einer mysteriösen Gestalt mit leuchtend-roten Augen anfertigte.

Zwei Jahre später verirrt sich der von einer inneren Unruhe geplagte Journalist während einer beruflichen Reise in das Grenzörtchen Point Pleseant, West Virginia. Dort angekommen, trifft John Klein auf verstörte Anwohner. Sie berichten von nächtlichen Begegnungen mit einem Wesen, das dem Zeichenblock seiner verschiedenen Frau entsprungen zu sein scheint. Die Jagd nach dem Mottenmann beginnt.

Der smarte und gut aussehenden Richard Gere spielt in Die Mothman Prophezeihungen den Journalisten John Klein. Einen solchen Schwiegermuttertraum kann man nur lieben.

Der smarte und gut aussehenden Richard Gere spielt in Die Mothman Prophezeihungen den Journalisten John Klein. Einen solchen Schwiegermuttertraum kann man nur lieben.

Ein Journalist im Zeugenstand

UFOs, Geister und andere unerklärliche Phänomene finden wir zumeist in Revolverblättern und esoterisch angehauchten Weblogs. Unsereins weiß, wie diese Geschichten zustande gekommen sind: Irgendjemand kennt irgendjemanden, der wieder irgendjemanden getroffen hat, der irgendetwas gesehen haben will.  Nun ist der Protagonist in Mothman Prophecies weder ein spinnerter Verschwörungstheoretiker noch ein Auflagenhengst, der mit der Naivität seiner Leser Kasse zu machen versucht. John Klein ist Starjournalist bei einem der renommiertesten Blätter der Vereinigten Staaten – als Politreporter bei der Washington Post tritt John Klein in die Fußstapfen der Watergate-Enthüller Bob Woodward und Carl Bernstein (siehe auch: Die Unbestechlichen). Verkörpert von einem smarten, gut aussehenden Richard Gere, der seine Filmfrau auf Händen trägt. Eine Figurenzeichnung an der Schwelle zur Zwangsverheiratung. Diesen John Klein kann man nur mögen.

Die Prämisse des Films ist auf die Glaubwürdigkeit seiner Hauptfigur angewiesen. The Mothman Prophecies will mehr sein als ein Ammenmärchen, er will die Grenzen zwischen Fakten und Fiktion verschwimmen lassen.  Eine typische Eigenschaft vieler Mysteryfilme, die sich in ihrer Ambivalenz zwischen Realität und Einbildung vom klassischen Horror abgrenzen. Man denke nur an die Ur-Mutter aller Mystery-Serie Akte X, die sowohl in ihren Mythologie- als auch Monster of the Week-Folgen eine Vielzahl moderner Sagen und Verschwörungstheorien aufgreift.  In ihrer Struktur und Erzählweise – Skeptiker zieht nach und nach in Betracht, dass das Unerklärliche ein Bestandteil unserer aufgeklärten Welt ist  –  sind die Mothman-Prophezeihungen einer Akte X-Episode tatsächlich nicht unähnlich: Der Film erschien auf dem Höhepunkt der Mysterywelle, die zur Jahrtausendwende aus dem Fernsehen ins Kino schwappte.

John Klein und der Schriftsteller Alexander Leek - zwei Figuren, die zusammen den "geistigen Vater" (?) des Mottenmannes vertreten: John Keel, Autor von The Mothman Prophecies.

John Klein und der Schriftsteller Alexander Leek – zwei Figuren, die zusammen den „geistigen Vater“ (?) des Mottenmannes vertreten: John Keel, Autor von The Mothman Prophecies.

Aus John Keel wird John Klein

Vermeintlich reale Begebenheiten sind das Salz in der Mystery-Suppe.  Auch The Mothman Prophecies bezieht seinen angenehmen Grusel aus der Tatsache heraus, dass er sich an der Realität orientiert. In diesem Fall muss man zweierlei wissen. Erstens: Die finale Katastrophe, der Brückeneinsturz über dem Ohio-River, die der Film in die Gegenwart verlegt, fand 1967 tatsächlich statt. Und zweitens: Der Film basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch des Ufologen John A. Keel, in dem er den Einsturz der Silver Bridge in Point Pleaseant mit den vermeintlichen Sichtungen des Mottenmanns in Verbindung bringt. Hierzulande eher unbekannt, ist die Kreatur in den Staaten fester Bestandteil einer paranormalen Folklore. Der Film spielt mit dieser Folklore. Zu diesem Spiel gehört, dass er einen Washington Post-Journalisten als Hauptfigur etabliert. Er könnte die Geschichte auch aus der Perspektive des echten John Keel erzählen. Tatsächlich tritt John Klein im Film mit einem Autor namens Alexander Leek (ein Palindrom für Keel) in Kontakt. Einem bekannten Parapsychologen jedoch, der von vorneherein die Existenz unerklärlicher Phänomene bejaht, würde man eine allzu große Befangenheit unterstellen.

Der Journalist hingegen gilt als neutraler Beobachter, als jemand, der in der Lage ist, Sachverhalt zu objektivieren. Gerade deshalb eignen sich Journalisten als Protagonisten in Mystery- und Horrorfilmen. Dass man John Klein diese Eigenschaften eigentlich absprechen müsste, weil er durch den Krebstod seiner Frau für übernatürliche Sinnfragen allzu empfänglich wird – geschenkt. Er ist zu diesem Zeitpunkt bereits als zuverlässiger Erzähler angenommen. The Mothman Prophecies funktioniert. We want to believe.


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