Szenen einer Schein-Ehe: Für Außenstehende sind Nick und Amy Dunne ein Traumpaar. Der smarte Journalist und die fleischgewordene Kinderbuchheldin. Doch mit dem beruflichem Misserfolg und den Umzug in die Provinz blättert der Liebeslack ab. Aus Rache an ihrem inzwischen untreu gewordenen Märchenprinzen „peppt“ Amy die Beziehung wieder auf, indem sie ihr eigenes Verschwinden inszeniert. Öffentlichkeitswirksam, versteht sich. Als versierter Medienprofi weiß sie, worauf die Meute anspringt. Gone Girl – Das perfekte Verbrechen ist nicht nur Krimi, sondern auch ein Film über die Reflexe der Sensationsberichterstattung.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: 20th Century Fox.

David Fincher, die Medien und ich: Über mein Verhältnis zum Regisseur und dessen Faible für Journalistenfiguren habe ich mich bereits in meinem Beitrag zum Thriller Zodiac – Die Spur des Killers ausgelassen. Es ist wohl das Werk im Schaffen Finchers, das dem Prädikat Journalistenfilm am nächsten kommt.

Auch die Protagonisten in Gone Girl sind Journalisten. Nick Dunne (Ben Affleck) ist ein überdurchschnittlich erfolgreicher Life-Style-Schreiberling, als er das Herz von Amy (Rosemunde Pike) erobert. Sie ist – nicht näher beschrieben – ebenfalls journalistisch tätig, vor allem aber durch die Kinderbücher ihrer Therapeuten-Eltern bekannt, die ihre Tochter in der Fiktion zu einem Wunderkind hochjazzen. Während der Vorstellung eines weiteren Bandes – die Romanfigur Amazing Amy lebt den Wunschtraum der Eltern und ist ihrem realen Vorbild hinsichtlich der Familienplanung vorausgeeilt – macht Nick seiner Amy einen Antrag. Einbettet in eine kleine, inoffizielle Pressekonferenz. Ein Akt mit vorausdeutendem Charakter: Als Paar funktionieren die beiden nur im Rampenlicht, alles andere ist zunächst blinde Liebestollheit, später blanker Hass und schließlich bloßes Kalkül.

Ein Heiratsantrag während einer inoffiziellen Pressekonferenz. Wie romantisch? Von wegen. Eher ein Foreshadowing: Nick und Amy funktionieren nur im Rampenlicht als Paar.

Ein Heiratsantrag während einer inoffiziellen Pressekonferenz, wie romantisch? Von wegen. Eher ein Foreshadowing: Nick und Amy funktionieren nur im Rampenlicht als Paar.

Szenen einer (Schein-)Ehe

Gone Girl ist das Psychogramm einer dysfunktionalen Ehe zweier Menschen, die unfähig sind, ihre Idealvorstellungen über Bord zu werfen, um echte, lebenslange Bande zu knüpfen. Dafür sind beide zu narzisstisch verlangt: Bestätigung beziehen Nick und Amy vor allem aus der Anerkennung durch Außenstehende. Dazu gehören die Erfolge im Job – die eigenen, aber auch die des Partners. Schließlich werten sie die eigene Aktie gleich mit auf, der Partner wird zum Statussymbol. Deshalb schlittert das vermeintliche Traumpaar zeitgleich mit der Print- auch in die Ehekrise. Durch den doppelten Jobverlust stürzt ihr gemeinsamer Kurs ins Bodenlose, auf einmal sind die Dunnes nur noch Durchschnitt.

Ohne den Glamour-Faktor im Leben ist das Paar versucht, die Normalität anzunehmen. Plötzlich sind Bewusstsein und Zeit für die Pflege der schwer kranken Mutter da. So verschlägt es die beiden in Nicks alte Heimat: North Carthage, Missouri. Ein verschlafenes Nest im buchstäblichen Hinterland. Widerwillig, aber pflichtbewusst tritt Amy die Reise mit an – das Ehegelübde will es so. In guten wie in schlechten Zeiten. Dass die schlechten Zeiten Nicks Mutter überdauern könnten, damit rechnet sie nicht.

Sieht so ein Ehemann aus, der sich um das Wohl seiner Frau sorgt? Nicks aufgesetztes Lächeln geht als Momentaufnahme durch die Medien. Die Zuschauer fällen daraufhin ihr Urteil.

Sieht so ein Ehemann aus, der sich um das Wohl seiner Frau sorgt? Nicks (Ben Affleck) aufgesetztes Lächeln geht als Momentaufnahme durch die Medien. Die Zuschauer fällen daraufhin ihr Urteil.

Ein Mann am medialen Pranger

Mit dem Tod der Mutter kommt die endgültige Leere. Nick schmeißt eine Bar, wo er sich lieber aufhält als bei seiner Frau. Amy fühlt sich um jenen Traum betrogen, den ihr die Bücher ihrer Eltern vorzeichneten. Erst recht, als sie von Nicks Affäre mit einer wesentlichen Jüngeren erfährt. Sie entscheidet sich, dem Gatten zur hölzernen Hochzeit ein besonderes Geschenk zu bereiten: Sie macht sich aus dem Staub. Aber nicht einfach so. Sondern akribisch geplant. Sie täuscht ihr gewaltsames Verschwinden vor und hinterlässt Indizien, die auf Nicks Schuld schließen lassen. Wohl wissend, dass der Fall aufgrund ihrer Popularität als Kinderbuch-Star hohe Wellen schlägt.

Der Medienrummel erreicht tatsächlich innerhalb kürzester Zeit beachtliche Dimensionen. Die reichen Eltern lassen die Nation an der Suche nach ihrer Tochter teilhaben: mit TV-Auftritten sowie einer eigens eingerichteten Homepage samt passendem Hashtag. Am Rande einer Pressekonferenz fangen die Kameras ein, wie Nicks Gesicht entgleist – in einem kurzen Moment entfährt ihm flüchtiges, gequältes Lächeln. Nur wenig später drängt ein geschäftstüchtiger Groupie den unsicheren Nick zu einem Selfie. Und Amerika fragt sich: Sieht so ein Ehemann aus, der sich um das Wohl seiner Frau sorgt? Es sind Momentaufnahmen wie diese, die fortan die öffentliche Meinung bestimmen. Die Rollen sind klar verteilt: Auf der einen Seite steht das anmutige, bildhübsche Opfer, auf der anderen Seite der berechnende, gefühlskalte Ehemann, der zu allem fähig ist. Das örtliche Fernsehen verurteilt Nick, noch bevor das Verfahren gegen ihn eröffnet ist (der leitenden Ermittlerin kommt das Verbrechen nämlich zu perfekt vor) – und das pikanterweise in einem Bundesstaat, in dem die Todesstrafe praktiziert wird. Es fordert de facto seinen Kopf.

In der Mangel: Nick Dunne (links) hat es nicht leicht. Die Presse fordert seinen Kopf, die Amys Eltern und die Polizei stellen unangenehme Fragen.

In der Mangel: Nick Dunne (links) hat es nicht leicht. Die Presse fordert seinen Kopf, die Amys Eltern und die Polizei stellen unangenehme Fragen.

Momentaufnahmen beeinflussen die öffentliche Meinung

Die Ironie durch die Journalisten-Brille betrachtet: Jetzt, wo die Dunnes ihre Profession abgelegt haben, wird Gone Girl als Journalistenfilm richtig interessant. Davor waren die beiden nicht mehr als Schablonen ihres Berufsstandes. Nun sind sie Outsider mit Branchenwissen. Das gilt für Amy wie auch für Nick, denn als der den Plan seiner Frau durchschaut, holt er mithilfe seines Star-Anwaltes Tanner Bolt (der in seinem extravaganten Auftreten nicht zufällig an den mittlerweile verstorbenen Promi-Anwalt Johnnie Cochran erinnert) zum PR-Gegenschlag aus. Im Vormittagsfernsehen gibt er den reumütigen Ehemann, der sich nichts sehnlicher wünscht, als seine Amazing Amy in die Arme zu schließen – ganz Amerika entfährt ein schmachtendes Seufzen. Wieder ist es eine Momentaufnahme, die die Stimmung kippen lässt – wodurch die Untergetauchte ihrerseits unter Zugzwang gerät.

Gone Girl skizziert eine Form der Berichterstattung, die keinerlei Interesse an Wahrheitsfindung besitzt. Es geht einzig darum, Bilder und Stimmungen zu evozieren, die die Nation in Atem halten, darum, den Zuschauern das zu geben, wovon sie glauben, dass sie es sehen und hören wollen. Die Medien machen die öffentliche Meinung und die öffentliche Meinung beeinflusst die Medien. Ein unheilvoller Regelkreis, der – umso schneller er sich dreht – eine irrationale Hysterie entfacht. Nick wird bedauert und unterstützt, vorverurteilt und gejagt, schließlich wieder rehabilitiert und das innerhalb weniger Tage. Der obersten TV-Tratscherin Ellen Abbott (Missi Pyle) ist durchaus bewusst, welchen Affenzirkus sie mit ihrer moralinhaltigen Berichterstattung anzettelt. „Ich gehe dorthin, wo die Geschichte hingeht“, sagt sie, zuckt ganz demonstrativ mit den Achseln und tut dabei noch so, als müsste man Verständnis für ihren Opportunismus aufbringen. Nach dem Motto: Weiß doch jeder, wie Medien ticken .

Zeit für den Gegenschlag: Mit Hilfe seines Star-Anwalts Tanner Bolt (Tyler Perry) geht Nick medial in die Offensive.

Zeit für den Gegenschlag: Mithilfe seines Star-Anwalts Tanner Bolt (Tyler Perry) geht Nick medial in die Offensive.

O.J., Kachelmann und Team Gina Lisa

Zumindest in der Theorie wissen wir das. In Deutschland untersagt der Presserat die Vorverurteilung,  Medien sind bei Vorwürfen durch Dritte angehalten, größte Sorgfalt walten zu lassen. Wobei der Begriff Dritte auch die Polizei und die Staatsanwaltschaft mit einbezieht. Gerade auf Letztere berufen sich Redaktionen gerne allzu sorglos, indem sie ganze Pressemitteilungen abdrucken. Es kommt jedenfalls immer wieder vor, dass Teile der Medien in ihrem Selbstverständnis als moralische Instanz dazu übergehen, Richter zu spielen.  Nicht selten sind wir geneigt, ihrem Richterspruch zu folgen.

Beispiele gibt es zur Genüge. Wie in Gone Girl sind auch im echten Leben Sex und Gewalt ein gefundenes Fressen für den Sensationsjournalismus. Vor allem wenn Prominente zu den Hauptdarstellern gehörendenn erst dann lässt sich häufig ein öffentliches Interesse überhaupt herleiten. Das Verfahren um den ehemaligen Football-Star O.J. Simpson*, der im Verdacht stand, seine Ex-Frau und deren Liebhaber ermordet zu haben, und die Affäre des Ex-US-Präsidenten Bill Clinton  mit der damaligen Praktikantin Monica Lewinsky gehören ganz sicher zu den international bekanntesten Fällen medialer Vorverurteilung. In Deutschland stempelten Medien Jörg Kachelmann vorschnell als Vergewaltiger ab –  obwohl die Gerichte inzwischen zu der Entscheidung gekommen sind, dass das vermeintliche Opfer die Tat erfand,  trägt der einstige Wetterexperte der ARD dieses Stigma bis heute.

[* Streaming-Tipp zum Thema, derzeit zu sehen auf Netflix (Stand 15.04.): Die erste Staffel der Anthologie-Serie American Crime Story zeichnet die Ereignisse rund um die Verhaftung und den Prozess von O.J. Simpson nach. Der Fokus liegt dabei nicht so sehr auf dem Verdächtigen, sondern auf den Figuren, die den Fall verhandeln. Sowohl Ankläger als auch die Verteidiger verändert der Prozess, nicht zuletzt, weil sie unter dem Dauerfeuer der Medien stehen.]

Schreiberling ohne Job: In dem Moment, in dem Nick und Amy (Rosemund Pike) ihre Profession ablegen, wird Gone Girl richtig interessant.

Schreiberling ohne Job: In dem Moment, in dem Nick und Amy (Rosemunde Pike) ihre Profession ablegen, wird Gone Girl richtig interessant.

Gone Girl: Hysterie als Ausnahmezustand

Anderer Fall, ähnlicher Ausgang: 2016 solidarisierten sich Teile der Presse und der Netzöffentlichkeit (darunter Politikerinnen und Aktivistinnen) reflexartig mit dem Model Gina-Lisa Lohfink (#TeamGinaLisa), das nach dem Leak eines Sex-Videos zwei Männer der Vergewaltigung und sexuellen Nötigung bezichtigte. Ein juristischer Bumerang: Vor Gericht konnte der Vorwurf nicht belegt werden, in einem späteren Verfahren wurde Lohfink wegen falscher Verdächtigungen verurteilt. Der zuständige Richter sprach in seiner Urteilsverkündung von einem „Bärendienst“ für Vergewaltigungsopfer, der Richterbund forderte anschließend „mehr Sachkenntnis, dafür weniger Emotionen“ in öffentlichen Debatten.

Bislang ist das nicht mehr als ein frommer Wunsch. David Fincher inszeniert das Medienspektakel in Gone Girl als einen Ausnahmezustand. In der Realität gehört dieses Spektakel dank Social Media – ein Aspekt, den Gone Girl nur am Rande streift – beinahe zum alltäglichen Grundrauschen. Die Beißreflexe kommen schneller und heftiger, und es braucht nicht viel, um sie auszulösen. Ein Zitat, ein Foto oder ein kurzes Video, aus dem Zusammenhang gerissen oder nicht, reichen aus – und die nächste Sau wird durchs digitale Dorf getrieben. Man blicke nur in die Kommentarspalten der einschlägigen Medien und lasse sich vom Umgangston bezirzen. Alles schwarz-weiß, keine Schattierungen. Wir leben in einer On/Off-Beziehung mit der Hysterie. Mit ihr ist’s unerträglich, ohne sie allerdings entginge uns womöglich etwas. In dieser Hinsicht sind wir nicht besser als die wahnsinnigen Dunnes.

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