Es gibt sicher einfachere Jobs als den von Ed Hutcheson. Der Chefredakteur der renommierten Day kämpft an mehreren Fronten. Die Zukunft der Zeitung und die seiner 1.500 Mitarbeiter steht durch einen Verkauf auf unsicheren Füßen, ein stadtbekannter Mobster torpediert mit allen Mitteln die Recherchen zu seinen Machenschaften und obendrein beabsichtigt Hutchesons Ex-Frau, Nora, den Geschäftsführer einer Werbefirma zu ehelichen. Nicht wenige würden an diesem Druck zerbrechen. Nicht aber Humphrey Bogart, der als grimmig-impulsiver Redaktionskäpt’n mit seinen markigen Sprüchen das sinkende Schiff über Wasser hält. Die Maske runter (OT: Deadline U.S.A.) von 1952 gehört zu den zitierwürdigsten Journalistenfilmen und ist – trotz seines Alters – erstaunlich modern.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Pidax Film.

Kann man eine Zeitung verschwinden lassen? Heute, im Zeitalter des multimedialen Überangebots, ganz bestimmt. Aber zu Beginn der 1950er-Jahre, mit einem Humphrey Bogart in der ersten Reihe, geht eine Zeitung wie die Day nicht einfach so vom Markt. Nicht, dass das Printwesen unerschütterlich wäre. Neben den neuen Massenmedien Radio und Fernsehen ist die Monopolstellung der Zeitung dahin, Veränderungsdruck und schwindende Erlöse setzen den Verlagen schon zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts ordentlich zu. In Die Maske runter steht die renommierte Day zum Verkauf, die Erben des verstorbenen Herausgebers Garrisson, insbesondere dessen Töchter, wissen nichts mit der Zeitung anzufangen. Den Zuschlag erhält die Konkurrenz, die aber – so viel steht fest – die Day nicht übernehmen, sondern einstampfen lassen will. Für Chefredakteur Ed Hutcheson (Bogart) steht allerdings ebenso fest: einen leisen Tod wird die Day nicht sterben.

Gemeinsam mit seiner Redaktion bläst er zum letzten Hurra. Ein Scoop zum Abschied soll, wenn er schon nicht das wirtschaftliche Aus verhindert, den institutionellen Wert der Day unterstreichen. Dafür rückt Hutcheson von seinem Credo „Wir sind keine Detektive und wir halten keine Moralpredigten“ ab. Dazu muss man wissen: Die Day steht für seriösen Journalismus, Spekulationen und Sensationshascherei haben in dem Blatt keinen Platz. Beim vorgezogenen, ziemlich flüssigen Leichenschmaus für die Day sieht Hutcheson zähneknirschend ein, dass sich das Leserinteresse gewandelt hat: „Die Leute wollen Witze und Preisrätsel, Rezepte und Horoskope, sie wollen Fußballtoto [zumindest in der deutschen Synchronisation] und Tipps für die Rennbahn.“

Leichenschmaus für eine Zeitung. Die Redakteure der "Day" stoßen auf das Ende ihres Blattes an.

Leichenschmaus für eine Zeitung. Die Redakteure der „Day“ stoßen auf das Ende ihres Blattes an.

Zwischen Loblied und Abgesang

Einen grundlegenden Richtungswechsel hin zum Trivalen leitet Hutcheson auf den letzten Metern zwar nicht mehr ein, zumal er eine solche Ausrichtung mit seinem journalistischen Anspruch kaum vereinbaren könnte. Mit ihrer voraussichtlich allerletzten Intensivrecherche lehnt sich die Day-Redaktion für ihre Verhältnisse jedoch relativ weit aus dem Fenster. Sie zieht Querverbindungen zwischen der Ermordung eines It-Girls und den Machenschaften des dubiosen Bauunternehmers Tomas Rienzi (Martin Gabel, wird später in der Extrablatt-Verfilmung mit Walter Matthau und Jack Lemmon von 1974 zu sehen sein). Rienzi gilt als Strippenzieher, der mit seinem mafiösen Einfluss in Politik und Verwaltung dieser Stadt offen kokettiert, dem die Behörden allerdings bislang nichts nachweisen konnten bzw. wollten. Einen Angriff auf einen seiner Journalisten, der krankenhausreif aufgefunden wird, versteht Hutcheson als Anschlag auf die freie Presse – woraufhin er Rienzi endgültig die Stirn bietet.

Der Klappentext von Die Maske runter liest sich wie ein weiteres, frühes Journalisten-Epos, das an die Notwendigkeit eines funktionierenden und fokussierten (Print-)Journalismus appelliert. Tatsächlich erzählt der Film – klassisch für das Kriminal-Genre dieser Zeit – eine Anti-Heldengeschichte. Die Maske runter ist ein Journalistenfilm-Noir, der stimmungstechnisch zwischen Loblied und Abgesang pendelt.

Markige Type: Humphrey Bogart schlüpft in die Rolle des Chefredakteurs Ed Hutcheson.

Markige Type: Humphrey Bogart (rechts) schlüpft in die Rolle des Chefredakteurs Ed Hutcheson.

Die Zeitungsproduktion als Kosmos

Einerseits zelebriert der Film die Zeitungsproduktion als einen pulsierenden Kosmos, in dem viele Hände und Räder ineinander greifen. Druckmaschine und Mensch rotieren unermüdlich, jeder trägt auf seine Art und Weise Verantwortung. Die Redaktion ist ein Hort, in dem die Egos für das höhere Wohl zurückstehen. Gerade unter produktionsgeschichtlichen Gesichtspunkten ist Die Maske runter ein Genuss: Schreibmaschinen klackern, Texte werden per Rohrpost an den Satz versendet, Lettern werden in Blei gegossen, die Presse setzt sich behäbig in Gang und ist von einem Moment auf den nächsten nicht mehr aufzuhalten. Legendär ist das finale Telefonat zwischen Hutcheson und Rienzi, der seine Vorsicht aufgibt und dem Blattmacher ganz unverholen droht: „Wenn Sie diese Story drucken, dann sind Sie ein toter Mann.“ Auf die Frage, was das für ein Lärm im Hintergrund sei, hält Bogart alias Hutcheson lässig den Hörer in Richtung Druckmaschine: „Das ist die Presse. Und da nichts, was Sie dagegen tun können.“

Andererseits ist der Film von Bitterkeit beseelt, denn das Leben als Journalist ist in Die Maske runter ein entbehrungsreiches. Mrs. Willebrandt, eine der wenigen Frauen im Redaktionskosmos, Typ ältere Jungfer, zieht während des Abschiedsbesäufnisses eine ernüchternde Bilanz. Das Leben (zwei „Männer, beide tot“, „91 Dollar auf der Bank“) sei an ihr vorbeigerauscht: „Meine besten Jahre habe ich der Zeitung gegeben.“ So wie ihr ergeht es die meisten ihrer Kollegen, langjährige und verdiente Mitarbeiter, die ihre Existenz in den Dienst der Profession stellten, stehen nun vor dem Nichts.

Die besten Jahren haben sie ihrer Zeitung gegeben. Die Redaktion schwelgt in bitter-süßen Erinnerungen.

Die besten Jahren haben sie ihrer Zeitung gegeben. Die Redaktion schwelgt in bitter-süßen Erinnerungen.

Paraderolle für den gestressten Bogart

Chefredakteur Ed Hutcheson droht zwar weich zu fallen – laut Vertrag steht ihm ein Prozent des Verkaufserlöses zu –, findet außerhalb der Arbeit aber keinen Halt mehr. Seine Frau Nora (Kim Hunter, Oscar-Gewinnerin für die beste Nebenrolle in Endstation Sehnsucht (1947), später erfolgreich als Schimpansin Dr. Zira in der Originalsaga von Planet der Affen) fühlte sich in acht Ehejahren so einsam, dass sie die Scheidung einreichte. Nun steht sie kurz davor, ihren Lebensgefährten, den Inhaber einer Werbegesellschaft, zu ehelichen. Ausgerechnet Werbung. Dabei lernten sich die beiden einst bei der Zeitung kennen. „Da hast Du alles richtig gemacht“, lautet Ed Hutchesons zynischer Kommentar, nachdem er sich Hoffnungen auf ein Liebes-Comeback gemacht hat.

Bogart gibt einen herrlich gestressten, knurrigen Zeitungsmacher, an dem alle Widrigkeiten abperlen. Seine leicht arrogante Attitüde ist, zum Leidwesen seiner Kollegen am Set, nicht gespielt. Der Film-Star musste während des vorherigen Drehs zu John Hustons African Queen Schwerstarbeit verrichten und wirkt nun müde und unbeherrscht. Das erklärt vielleicht auch die kleinen Verwirrtheiten, die Ed Hutcheson offenbart. Zweifelsohne ist er ein Bollwerk journalistischer Integrität, das sich von keiner Seele vereinnahmen lässt; wenn es ihm nicht passt, dann wimmelt er sogar den Bürgermeister ab („Ich habe keine Zeit!“). Allerdings ist er nicht ganz linientreu, was die journalistische Methodik betrifft. Mal verabscheut er Sensationsfotos, mal winkt er sie ins Blatt, mal gibt er nichts auf Gerüchte, mal verlässt er sich aufs Hörensagen. Dieser prinzipielle Wankelmut lässt sich nur bedingt mit der Notwendigkeit erklären, sich neu zu erfinden. Stellenweise trägt die deutsche Synchro zur Schwammigkeit der Aussagen bei, letztendlich aber liegt die Hauptverantwortung  beim Drehbuch, das darauf gepolt ist, Humphrey Bogart möglichst viele denkwürdige Momente in den Mund zu legen. Keine Frage, Die Maske runter ist eben auch ein Star-Vehikel.

Gewinner des Al Capone-Look-a-like-Contest: Tomas Rienzi (Martin Gabel, rechts) ist der dubiose Gegenspieler von Ed Hutcheson.

Gewinner des Al Capone-Look-a-like-Contest: Tomas Rienzi (Martin Gabel, rechts) ist der dubiose Gegenspieler von Ed Hutcheson.

In den USA ein Lieblings-Journalistenfilm

Eines, das Bogart, der im Vorfeld der Dreharbeiten übrigens bei der New Yorker Daily News hospitierte, um ein Gefühl für seine Rolle zu bekommen, insgesamt sehr gut zu nutzen weiß. Während es der Titel hierzulande nur selten auf entsprechenden Hit-Listen zum Thema schafft (wohl auch, weil er in Deutschland kaum gezeigt wurde), gilt Die Maske runter in den USA als Klassiker des Genres, trotz oder gerade wegen der  vielen, plakativen Dialogzeilen. Sie machen Die Maske runter, neben Michael Manns Insider (in dem Al Pacino alias Lowell Bergmann einen ähnlich kohlhaas’schen Journalisten-Typus porträtiert), zu einem der zitierwürdigsten Journalistenfilme. Ganz weit oben im Ranking der einprägsamsten Zeilen steht Ed Hutchesons Ratschlag an einen jungen Uni-Absolventen (im folgenden als Originalzitat): “So you want to be a reporter? Here’s some advice about this racket. Don’t ever change your mind. It may not be the oldest profession, but it’s the best.” Mitreißend geschrieben ist auch Hutchesons finales Plädoyer für den Fortbestand der Day – die Gerichtsverhandlung zum Ende ist der eigentliche dramaturgische Höhepunkt von Die Maske runter.

Dass Rienzi das Handwerk gelegt wird, dürfte jedem klar sein. Das Schicksal der Day ist im Verlauf des Films schon ungewisser. Denn während die Töchter des verstorbenen Zeitungsgründers Garrison weiterhin nur die Dollars im Blick haben, bekommt es die Witwe (Ethel Barrymore) mit ihrem Gewissen zu tun: Darf sie das Erbe ihres Mannes einfach so verhökern? Das Engagement der Redaktion im Fall Rienzi imponiert ihr – nein, eine Zeitung wie die Day ist zu wertvoll, um sie einfach vor die Hunde gehen zu lassen. Daher lässt sie vor Gericht die Bombe platzen: Da sie sich gegenüber ihren Töchtern in der Minderheit befindet, könne sie den Verkauf zwar nicht stoppen. Wohl aber von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen. Das Plenum ist baff, der vorsitzende Richter verdattert, weshalb dieser die Entscheidung vertagt.

Die Verlegerin von 1952: "Die Maske runter" erinnert formal wie inhaltlich an Steven Spielbergs Journalistenfilm von 2017.

Die Verlegerin von 1952: „Die Maske runter“ erinnert formal wie inhaltlich an Steven Spielbergs Journalistenfilm von 2017.

Die Maske runter – moderner als mancher moderner Klassiker

Natürlich ist die Gerichts-Plotte überzogen pathetisch – spätestens, wenn sich der Richter als treuer Abonnent der Zeitung outet, wirkt die Veranstaltung sogar unfreiwillig komisch. Umso überraschender (na gut, wir haben es mit einem Film Noir zu tun), dass Ed Hutcheson nicht alles retten kann: Trotz seiner Sympathie für die Day muss der Richter die Rechtmäßigkeit des ersten Kaufvertrages anerkennen. Am Ende gehen die Lichter aus – verglichen mit aktuellen „Journalisten-Pornos“ wie Spotlight und vor allem Steven Spielbergs Die Verlegerin*, die zwar in ihrer Botschaft nach wie vor löblich und wichtig sind, aber letztendlich die Notwendigkeit einer integren Presse über Best Practices aus einer nostalgisch-analogen Vergangenheit herleiten, wirkt Die Maske runter nicht nur authentischer, sondern geradezu modern.

*Auf die zum Teil frappierenden inhaltlichen und formalen Parallelen zu Die Maske runter gehe in meinem Beitrag zum Kinostart von Die Verlegerin ein.

Freilich wird dieses Urteil von zwei zeitlichen Faktoren begünstigt: Erstens stellt der Film eine zeitgenössische Medienproduktion zur Schau. Zweitens profitiert er aus heutiger Sicht von der Duplizität der Ereignisse: Die Maske runter handelt vom Sterben der Zeitung, von veränderter Mediennutzung und vom Ringen nach Antworten auf diese Veränderungen – Aspekte, die wir aus Debatten zur heutigen Medienlandschaft nur allzu gut kennen. Man könnte meinen, der Film betreibe ein Foreshadowing**. Tatsächlich führt Die Maske runter vor Augen, dass die Probleme des Printjournalismus seit über 60 Jahren zwar nicht dieselben, aber zumindest ähnliche geblieben sind.

** Dabei beruft sich der Film auf wahre Begebenheiten. Als reales Vorbild dient der im Film etablierten Day die New York Sun – sie galt als eine der renommiertesten Zeitung der Vereinigten Staaten. 1950 erfolgte, nach 117 traditionsreichen Jahren, die Schließung.


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