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Journalistenthriller aus Ecuador: Ein Kindermörder wütet im Andenstaat. Manolo Bonilla, Sensationsreporter aus Miami, wittert die  großen Gräuel- und Tränendrücker-Geschichten. Offiziell reist er an, um dem „Monster von Babahoya“ das Handwerk zu legen. In Wahrheit hat er sich vorgenommen, der unausstehlichste Journalist zu sein, den die Filmewelt je gesehen hat. Sollte es auf journalistenfilme.de mal eine Hall of Shame geben, dann ist Manolo Bonilla aus Cronicas ein Ehrenplatz sicher.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: (Face)Palm Pictures.

Der hier ist ein Flohmarktfund – und was für einer! Wenn der erste Satz eines Films „Extrablatt, Extrablatt – ein neues grausiges Monster ist gefunden!“ lautet, dann schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Das eine für Journalistenfilme und das andere für Trash. Tatsächlich ist Cronicas – Das Monster von Babahoya aus dem Jahre 2004 so etwas wie der gewaltsame Versuch, den Oscar für den besten ausländischen Film nach Ecuador zu entführen.

Cronicas - Die Beerdigungs-Crasher: Monolo Banilla und sein Team gehen extrem behutsam mit trauernden Angehörigen um.

Cronicas – Die Beerdigungs-Crasher: Manolo Bonilla und sein Team gehen extrem behutsam mit trauernden Angehörigen um.

Ecuadors Angriff auf die Oscars

Die Liste der Zutaten weckt zumindest Erwartungen: Ein internationaler Cast mit John Leguizama (Carlito’s Way, Super Mario Bros.) in der Haupt- und Alfred Molina (war im selben Erscheinungsjahr als Doctor Octopus in Spider-Man 2 zu sehen) in einer Minirolle, mit Guillermo del Toro (Helboy, Pan’s Labyrinth) und Alfonso Cuarón (Harry Potter und der Gefangene von Askaban, Gravity) zwei mexikanische Ausnahmeregisseure als ausführende Produzenten und eine Geschichte, die sich an wahren Begebenheiten orientiert: Vorbild für den Serienmörder in Cronicas ist Pedro Alfonso López, auch bekannt als das „Monster der Anden. Über 300 Menschen, vornehmlich Kinder und Jugendliche, soll der Kolumbianer, der nach seiner Haftentlassung 1999 auf freiem Fuß lebt(e), in den nördlichen Staaten Südamerikas ermordet haben. Der Film wurde auf zahlreichen Filmfestivals vorgestellt, unter anderem in Cannes und auf dem Sundance. Allein, der Aufwand brachte nicht den gewünschten Ertrag. Cronicas blieb auf der Vorschlagliste kleben. Bis heute wartet Ecuador auf eine Nominierung. Der Thriller Such is Life in the Tropics sollte es 2017 im fünften Anlauf richten. Wieder nix.

Woran lag’s? Wer Cronicas einwirft, sieht schon nach wenigen Minuten: Das hier ist ganz bestimmt kein Oscar-Material. Dabei geben sich alle Beteiligten größte Mühe: Die Schauspieler gehen an ihre Grenzen, bis an die Schwelle des Overactings, die Jagd nach dem Mörder und die psychologischen Spielchen sind anregend inszeniert und der finale Twist behält einen, wenn auch keinen  unvorhergesehen, diabolischen Schlussakkord bereit. Das Problem ist nur: Was Cronicas inhaltlich auftischt, kann keiner ernst nehmen. Wahre Begebenheiten hin oder her. Der Film fußt ohnehin sehr lose auf den Ereignissen rund um das „echte“ Monster. Soll heißen, der Film handelt von einem Kindermörder, der viele Kinder ermordet hat. Weitere Parallelen braucht es nicht.

Sie wollen ebenfalls so beliebt sein wie Babo Bonilla? Nichts leichter als das! Befolgen Sie einfach Manolo Bonillas Tipps für garantiert unsauberen Journalismus!

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Babo Bonilla: Outlaw unter den Aasgeiern

Im Mittelpunkt stehen die Ermittlungen von Manolo Bonilla. Bonilla arbeitet für einen spanischen Lokalsender in Miami, Abteilung Crime und Gefühlsduselei. Ein arroganter, selbstverliebter und in seinem Ego manipulierbarer Maulheld, der gerne auf eigene Faust agiert und sich für seinen Krawalljournalismus feiern lässt. Wer soll es ihm auch verübeln? Die Leute lieben ihn. Selbst in der ecuadorianischen Pampa kennen sie ihn. Wenn ich in der hinterletzten Ecke Lateinamerikas jedes Mal erkannt würde, käme ich der Sonne wahrscheinlich auch zu Nahe. Aber das allein ist es nicht. Was die Figurenzeichnung betrifft, geht die Chose noch in Ordnung. Schmierige und eitle Journalisten gibt es in der Filmwelt zu hauf.

Selbst den schlimmsten Aasgeiern wird in der Regel Einhalt geboten. Sie landen im Knast, verlieren ihre Akkreditierung oder werden sonst wie geschnitten und mundtot gemacht. Freddy Lounds, der schmierigste Schmierfink von allen, endet sogar als menschliche Fackel. Nicht so Manolo Bonilla. Er läuft journalistisch Amok – und steht dennoch am Ende als Held da. Wenn auch nur als bitterer, „beschissener Held“, der mit seiner Schuld leben muss. Aber lassen wir die gelungene Schlusspointe beiseite. Hier sind Manolo Bonillas Tipps für garantiert journalistisch unsauberes Arbeiten:

  1. Eine Beerdigung ist eine öffentliche Veranstaltung – benimm Dich entsprechend!
    So eine Beerdigung hat den Vorteil, dass sich die trauernden Hinterbliebenen alle auf einmal abgreifen lassen. Kein lästiges Hausieren, keine Suche nach Fernsehexhibitionisten, die sich für ein Taschengeld als Angehörige ausgeben. Nur echte Betroffenheit. Für gute Bilder die Kamera ganz nahe an den Sarg bringen. Dort fließen erfahrungsgemäß die meisten Tränen. Wenn nötig, störende Trauergäste beiseite schieben, um den besten Aufnahmewinkel freizuhalten. Gleichzeitig lassen sich die Gesprächspartner für das Interview unmittelbar nach der Beerdigung identifizieren. Dann sind die Augen noch frisch gerötet. Lass‘ Dein Handy eingeschaltet, damit Du ja mitbekommst, falls dein Senderchef anruft. Gib in diesem Fall deutlich vernehmbare Anweisungen an Deine Crewmitglieder. Kommt besonders gut, weil es Deine Entschlossenheit unterstreicht: „Besorg uns ein Interview mit der Mutter!“
  2. Nutze in Interviews die Kraft der Psychologie!
    Ihr kennt das: Gerade im Falle von Schicksalsschlägen zieren sich die allermeisten Menschen, vor die Kamera gezerrt werden. Dann ist Psychologie gefragt. Schaffe Vertrauen mit Sätzen wie „Du musst mir glauben, dass ich dein Freund bin.“ Aber Achtung auf die Inhalts- und Beziehungsebene! Wenn Du nicht nur ein Freund, sondern ein cooler Freund sein willst, vergiss nicht, Dir eine Kippe anzustecken. Besonders vor Kindern. Mach Versprechungen, die Du nicht halten kannst, zum Beispiel: „Ich werde den Mörder für Dich fangen – versprochen!“ Ein guter Eisbrecher nach dem schmerzhaften Verlust eines Kindes ist übrigens: „Wie fühlen Sie sich?“
  3. Mittendrin ist auch nur dabei. Nur wer eingreift, ist ein wahrer Journalist!
    Die Kamera draufzuhalten, wenn ein Mann zu Tode geprügelt, mit Benzin übergossen und angezündet wird, gehört zum kleinen 1×1 der Sensationsberichterstattung. Die Königsdisziplin ist der Faustkampf mit einem wütenden Mob. Aber nicht aus reiner Zivilcourage. Dafür gibt es andere. Wenn Du die Frage „Kannst Du Dein Eingreifen für die Abendnachrichten ausschlachten“ mit „Ja“ beantworten kannst, dann pack‘ den Schwinger aus und schreibe Dein eigenes Heldenepos!
  4. Polizisten sind Stümper – mach die Ermittlungsarbeit zur Chefsache!
    Journalisten hingegen sind Superdetektive. Wenn die Ermittler mal wieder nur Däumchen drehen, wieso nicht selbst tätig werden? Irgendwas wurde bestimmt übersehen. Manchmal auch eine Leiche. Also hin zum Tatort, Schaufel in die Hand nehmen und selbst im Massengrab buddeln. Keine Angst, nachts und im strömenden Regen guckt eh‘ keiner. Solltest Du tatsächlich auf menschliche Überreste stoßen, bloß nicht vorschnell die Polizei informieren. Aus ermittlungstaktischen Gründen, versteht sich. Außerdem bist Du der Einzige, der von diesem Fund weiß. Möchtest Du wirklich Dein Pulver verschießen? Während der saure Gurken-Zeit kommt eine aus dem Zylinder gezauberte Kinderleiche immer gut.

Disclaimer: Nachmachen auf eigene Gefahr.

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Auszeichnung für besonders herausragende Negativleistungen: journalistenfilme.de verleiht ab sofort den Goldenen Bonilla. Der erste Preis ist ein Ehrenpreis für den Namensgeber dieser herrlich beschissenen Trophäe: Manolo Bonilla aus Cronicas.

Der Goldene Bonilla geht an: Cronicas!

Um das Ganze hier zu einem vernünftigen Fazit zu bringen: Als ernsthafter Journalistenfilm überhaupt nicht zu gebrauchen,  als Mediensatire viel zu bierernst vorgetragen, ist Cronicas dennoch eine Sichtung Wert. Abseits der hanebüchenen Darstellung journalistischer Arbeit – hiermit rufe ich den Goldenen Bonilla ins Leben, für Recherchemethoden, die besonders dreist und daneben sind (und damit der ecuadorianische Film endlich mal einen anständigen Preis gewinnt) – unterhält der Streifen auf seine ganz eigene merkwürdige Weise. Unter dem Flickenteppich aus Facepalm-Momenten liegt schließlich ein atmosphärischer und düsterer Thriller, der durch den Verzicht auf ein Happy End zusätzlich nachwirkt. Wie gesagt, kein Oscar-Material. Aber ein echtes Unikat.

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Cronicas – Das Monster von Babahoyo

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