Ein afghanischer Journalist, traumatisiert von den Kriegshandlungen in der Heimat, strandet in einem nordkalifornischen Kaff. In Sachen Integration fackelt er nicht lange: Sofort versucht er, ein vollwertiges Mitglied der Gemeinde zu werden – was sich in einem Amerika, das ganz und gar nicht dem aus Film und Fernsehen entsprechen will, etwas schwieriger gestaltet. Burn Country – Fremd im eigenen Land ist ein sanfter Kultur-Clash mit löblicher Message und etlichen Längen.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Studio Hamburg Enterprises.

Osman (Dominic Rains) hat sich seinen Frieden redlich verdient. Als sogenannter „Fixer“ hat er westliche Journalisten durch die Wirren des Afghanistan-Krieges begleitet und im Zuge dessen einige gefährliche Situationen durchgestanden. Ein „Fixer“ ist nämlich nicht nur Dolmetscher, sondern vor allem ein Kontaktanbahner, der den Reportern hilft, an die richtig „schweren Jungs“ heranzukommen. Gemeinsam mit dem US-Journalisten Gabe dringt er bis ins Feindesland der Taliban vor. Das ist Journalismus der Marke „Afghanistan Style“, wie Osman erklärt: „Wir gehen direkt auf die Gefährlichen zu!“

Es kommt jedoch der Punkt, an dem Osmans Heimat zu gefährlich für ihn wird. Der junge Mann beantragt in den Vereinigten Staaten Asyl und landet in einer nordkalifornischen Kleinstadt, wo er bei Gloria (Melissa Leo), der Mutter von Gabe, lebt. Ohne Geld in der Tasche, aber großem Eifer im Herzen, bemüht sich Osman, Anschluss zu finden. Als Mitbewohner von Gloria, die in dem Ort als Sheriff für Recht und Ordnung sorgt, und ehemaliger Begleiter des hochdekorierten Journalisten Gabe (einer, der es aus der Einöde herausgeschafft hat) erlangt er schnell lokale Bekanntheit. Eine Festanstellung in der Redaktion des örtlichen Provinzblattes ist dennoch nicht drin – dafür ist das Geld zu knapp. Immerhin erhält Osman die Chance, den Polizei-Ticker mit Leben bzw. Inhalt zu füllen – für 50 Dollar die Woche.

"Wie, Gloria hat Dir doch nicht etwa gesagt, ich hätte einen Job für Dich?" In der Redaktion des örtlichen Provinzblattes regiert der Igel in der Tasche.

„Wie, Gloria hat Dir doch nicht etwa gesagt, ich hätte einen Job für Dich?“ In der Redaktion des örtlichen Provinzblattes regiert der Igel in der Tasche.

Nachrichten-Mann mit großem Eifer

„Dafür habe ich nicht studiert (und vor allem sämtliche Gefahren auf mich genommen)“, mag sich Osman denken, jedenfalls ist er nicht sonderlich erbaut, „Pressemitteilungen zu kopieren.“ Man kann es ihm aber auch nachempfinden, schließlich macht das Journalist-Sein einen wesentlichen Teil seiner Identität aus. Auf die Frage „Wer bist Du?“ antwortet er nicht mit seinem Namen, sondern mit seinem Beruf. So lernt er Herumtreiber Lindsay (James Franco) kennen, der ihn daraufhin den Nachrichten-Mann nennt.

Lindsay ist der personifizierte MacGauffin:  Zunächst befreit er Osman aus dessen Passivität, indem er ihm klar macht, wie sehr die Amis auf Crime Stories abfahren und welches Gehör ihm die Arbeit am Polizei-Ticker verschafft („Die Schreibe deines Vorgängers war scharf wie ein Laserschwert!“). Später verschwindet Lindsay spurlos und treibt damit die eigentliche Handlung voran. Osman macht sich auf die Suche nach seinem Freund, dabei taucht er in eine halbseidene Welt ab, in der sich frustrierte Aussteiger, paranoide Kommunarden und Hinterland-Gangster tummeln…

Text-Bild-Schere deluxe: Nein, Lindsay ist weder Osmans Vorbild, noch der Fixer in Burn Country.

Ein echter Fixer als Vorbild für Osman

Ian Olds greift für seinen ersten reinen Spielfilm auf vertraute Themen zurück. Als Doku-Filmer interessierte er sich für die US-Interventionen in Afghanistan und im Irak. Bereits 2009 beschäftigte er sich mit der Profession des Fixers. In der Dokumentation The Fixer: The Taking of Ajmal Naqshbandi erzählte er die Geschichte des 24-jährigen Ajmal, der Anfang 2007 gemeinsam mit dem italienischen Journalisten Daniele Mastrogiacomo in der südafghanischen Provinz Helmand von den Taliban verschleppt wurde. Während Mastrogiacomo im Austausch gegen fünf Taliban-Kämpfer frei kam, wurde sein Begleiter von den Entführern enthauptet. Die Figur des Osman fußt lose auf den Erkenntnissen, die der Regisseur über den Charakter von Ajmal Naqshbandi besaß.

In Burn Country lässt er den Fixer der Hölle entkommen, um ihn in einer anderen auszusetzen. Dieses Kalifornien ist ganz anders, als es sich Osman vorgestellt hat. Statt sonnig und weltoffen, nebelig und argwöhnisch. Erwartung und Realität klaffen weit auseinander, passend dazu lässt der Score eine verzerrte Version der Hippie-Hymne California Dreamin‘ vom Stapel. Woher diese Diskrepanz rührt? Mit Osman schickt Olds einen doppelten Outsider ins Feld – er ist Journalist UND Ausländer, wodurch es keine naiven, kritischen oder sonstwie unpassenden Fragen in Burn Country gibt (mit Fremd in eigenen Land aber einen unpassenden Untertitel). Wenn eine Frage nicht aus journalistischen Motiven erfolgt, dann aus persönlichen bzw. kulturellen heraus, und umgekehrt. Osman besitzt eben die Lizenz zum Fragen.

Gloria (Melissa Leo) nimmt den Neu-Polizei-Tickerer Osman nimmt auf Streifen. In Burn Country gibt es mehr zu tun, als Osman zunächst denkt.

Gloria (Melissa Leo) nimmt den Neu-Polizei-Tickerer Osman nimmt auf Streifen. In Burn Country gibt es mehr zu tun, als Osman zunächst denkt.

In der Herangehensweise getrennt, in der Botschaft vereint

Gleichwohl ist der junge Einwanderer niemand, der sich über Gebühr aufdrängt, sein „Afghanistan Style“ ist von Höflichkeit, Zurückhaltung und Beobachtung geprägt. Osman ist quasi die Antithese zu Sasha Boran Cohens Borat. Jener kasachischer Journalist aus der gleichnamigen Mockumentary, der den Amerikanern auf boshafte Art und Weise den Spiegel vorhält. Burn Country und Borat: Beides sind Filme, die mithilfe eines Reporters aus Zentralasien eine Fisch aus dem Wasser-Situation kreieren, von der Herangehensweise überhaupt nicht zu vergleichen sind, in ihrer Botschaft interessanterweise aber wieder zueinander finden. Denn Normalität ist immer eine Frage des StandpunktesBorat demaskiert Teile der amerikanischen Gesellschaft, die sich für fortschrittlich und überlegen halten.  Burn Country dagegen zeigt ein nordkalifornisches Milieu, das nicht minder wahnsinnig ist als das Stammesleben in der afghanischen Wüste. Es gibt Clans, es gibt Neid und es werden Menschen für Nichtigkeiten um die Ecke gebracht. Wenn man darüber nachdenkt, dann ist das Gleichnis von Burn Country ein cleveres.

Das Problem: Ein richtig interessanter Film ist Burn Country leider nur auf dem Papier. Die Hintergrundgeschichte der Doku-Vorlage, die Afghanistan-Thematik,  der Fisch aus dem Wasser-Ansatz und ein Journalist als Hauptfigur (eine Kombination, die unter umgekehrten Vorzeichen – eine Nachrichten-Mitarbeiterin wird zur Kriegsberichterstatterin am Hindukusch – in Whiskey Foxtrot Tango inszeniert wird), dazu ein namhafter Cast für einen verhältnismäßig kleinen Film – das weckt Erwartungen. Doch Ian Olds gelingt es nicht, diese Ingredienzien zu einem großen Spannungsbogen zu verweben.  Burn Country gibt sich seiner melancholischen Skurrilität hin, getragen von langen Kameraaufnahmen sowie  mal mehr, mal weniger tiefschürfenden Dialogen. Ein Film, der zum Nachdenken anregen will, aber die Unterhaltung vergisst. Ein echter Anti-Borat eben.