In den Gassen der Townships tobt der Mob. Schüsse peitschen durch die Luft. Auf den Straßen brennen Autos – und Menschen. Vier junge Berichterstatter sind mittendrin statt nur dabei: sie halten die südafrikanischen Exzesse mit ihren Kameras für die Weltöffentlichkeit fest. Das Quartett schreibt als The Bang Bang Club Fotogeschichte. Der gleichnamige Film zollt den knipsenden Teufelskerlen Respekt. Doch verglichen mit den großen Klassikern des Genres ist The Bang Bang Club die Platzpatrone unter den Kriegsreporterfilmen. Knallt ordentlich. Geht aber nicht unter die Haut.

Text: Patrick Torma. Bildmaterial: Universum Film.

Südafrika zu Beginn der 1990er-Jahre: Die Apartheid ist beinahe Geschichte. Der Versöhnungsprozess zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung nimmt nach Jahrzehnten der staatlich verordneten Rassentrennung Formen an. Staatspräsident Frederik Willem de Klerk verhandelt mit dem nach 27 Jahren Haft entlassenen Führer des Africa National Congress (ANC), Nelson Mandela, über die Demokratisierung des Landes. Reste der rassistischen Gesetzgebung, die einzig und allein dem Erhalt der weißen Vormachtstellung diente, werden beseitigt. Dennoch kommt es inmitten dieser Tauwetterphase immer wieder zu schweren Unruhen in den Armenvierteln der südafrikanischen Metropolen. Dort, in den Townships, geraten Anhänger der ANC und Mitglieder der Inkatha Freedom Party aneinander. Während die als kommunistisch geltende ANC die Idee eines südafrikanischen Einheitsstaates fördert, verfolgt die Inkatha Freedom Party einen föderalen Staatenansatz unter Berücksichtigung ethnischer Überlegungen. Der Streit eskaliert, Gewalt ergreift die Straßen. Für über 7.000 Menschen endet dieser Streit tödlich.

In diesem Spannungsfeld kreuzen sich die Wege von Greg Marinovich, Kevin Carter, João Silva und Ken Oosterbrook. Als Fotoreporter begleiten sie den gewaltsamen Spätherbst der Apartheid mit ihren Kameras. Zunächst im Auftrag der regionalen Presse. Doch es dauert nicht lange, bis ihre Bilder um die Welt gehen. 1990 wird Marinovich in Soweto – Südafrikas berüchtigter (und in diesem Fall leider buchstäblicher) Brennpunkt vor den Toren Johannesburgs – Zeuge, wie ANC-Gefolgsleute einen vermeintlichen Inkatha-Spitzel anzünden. Dafür, dass er in diesem Moment auf den Auslöser drückt, wird Marinovich mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet – dieses Bild holt nicht nur einen verborgenen Konflikt in den Fokus der Öffentlichkeit, es steht stellvertretend für eine Kultur der Gewalt in Südafrika, die in dem vergifteten Klima der Apartheidsjahre viel zu lange gedeihen konnte. Die Medien rücken daraufhin auch die Arbeit der vier Fotografen in den Mittelpunkt. Das südafrikanische Magazin Living bezeichnet die Clique in einer Reportage zunächst als The Bang Bang Paparazzi. Die Porträtierten allerdings empfinden den Begriff Paparazzi in Verbindung mit ihrer Arbeit als despektierlich – so kommt es zum Beinamen The Bang Bang Club. Warum problematisieren, wenn es auch schmissiger geht?

Mittendrin statt nur dabei. Der Bang Bang Club begleitet die Unruhen in Südafrika der 1990er-Jahre mit der Kamera.

Mittendrin statt nur dabei. Der Bang Bang Club begleitet die Unruhen in Südafrika der 1990er-Jahre mit der Kamera.

Sie sind auf Partysafari

Club, das klingt nach Abenteuer, Leichtigkeit und Zusammenhalt. Und das, während Südafrika vor der Zerreißprobe steht. Der Film kultiviert das Bild des verwegenen Kriegsreporters – und das hoch vier. Eine Gruppe junger, gut aussehender und unbekümmerter Männer (u.a. gespielt von jungenhaften Darstellern wie Ryan Phillippe oder Taylor Kitsch) streift durch die Gefahrenzone, ein unsichtbares Kraftfeld scheint sämtliche Kugeln von den Reportern fernzuhalten. Über den Leichnam eines Einheimischen gebeugt, tauschen sie sich über Brennweiten und Blickwinkel aus, als seien sie auf einer fröhlichen Fotosafari unterwegs. Plötzlich biegt eine aufgebrachte Menge um die Ecke. „Wo kriegen die ihre Gewehre her?“, will der gerade erst zur Truppe dazu gestoßene Greg Marinovich (Ryan Phillippe) wissen. „Ist doch egal, mach dein Foto“, raunt ihm der Kollege zu. Einordnung? Kontext? Darüber lässt sich später noch sinnieren. Der Auslöser surrt, Schüsse fallen. Husch, husch, schnell hinter die nächste Deckung. Die Buddies Marinovich und Carter grienen. Außer Atem, aber glücklich. Hui, war das knapp.

Der Zuschauer ahnt zwar, dass der Nimbus der Unbesiegbarkeit nicht ewig halten wird. Und tatsächlich. Es kommt, wie es kommen muss: Wo gekämpft wird, fallen Menschen. Erst wird ein Club-Anwärter tödlich verwundet. Schließlich trifft es auch den harten Kern. Ken Osterbrook wird während eines unübersichtlichen Einsatzes in Thokoza erschossen (bis heute ist nicht zweifelsfrei geklärt, wer den tödlichen Schuss abgab, es wird aber angenommen, das ihn eine verirrte Kugel aus dem Gewehr einer Sicherheitskraft traf, die eigentlich deeskalierend einwirken sollte). Marinovich, der kurz vorher noch eine wagemutige Cola-Beschaffungsmaßnahme einleitet, überlebt schwer verletzt. Angefasst von diesem und anderen Erlebnissen, nimmt sich der mit seinen Dämonen ringende Kevin Carter wenige Wochen später das Leben. Das sind alles tragische Momente. Doch The Bang Bang Club war viel zu lange darauf gepolt, rasantes Adrenalinkino aufzufahren, als dass die Schicksalsschläge in diesem abrissartigen Tempo wirklich berühren. Wir haben vier Männern dabei zugesehen, wie sie sich ganz bewusst der Gefahr aussetzten. Jetzt ist es also passiert. Waren es diese Bilder wert?

Pulitzer-Preis Nr. 1: Greg Marinovich hält fest, wie ein vermeintlicher Spitzel während der Unruhen in Soweto bei lebendigem Leib verbrannt wird.

Pulitzer-Preis Nr. 1: Greg Marinovich hält fest, wie ein vermeintlicher Spitzel während der Unruhen in Soweto bei lebendigem Leib verbrannt wird.

Einzelne Stöckchen im Sucher

Auf der Suche nach der Antwort auf diese Frage werden wir als Zuschauer weitestgehend alleine gelassen. Das, was wir zu sehen bekommen, ist ein Zusammenschnitt aneinandergereihter Episoden. The Bang Bang Club verlässt sich zu sehr auf die Kraft seiner Bilder, vernachlässigt dafür den Kontext. Wer, wie, was und warum – vieles muss sich der Zuschauer selbst zusammenreimen. Daran ist  per se nichts Schlechtes. Wer jedoch das Schlaglicht auf wahre Begebenheiten wirft, von dem erwartet man etwas mehr als eine skizzenhafte Chronologie der Ereignisse. Erst recht, wenn der Film aus der Perspektive eines bzw. mehrerer Kriegsreporter erzählt wird. Doch weder für die Einordnung der fotografischen Leistungen, noch für die Motivation seiner Figuren nimmt sich The Bang Bang Club genügend Zeit.

Zwar greift der Film das eine oder andere Stöckchen am Wegesrand auf. Die Macht der Bilder und ihre Grenzen etwa. Marinovichs „goldener Schuss“ katapultiert einen monatelang ignorierten Gewaltexzess in die öffentliche Wahrnehmung. Einen positiven Einfluss auf den Konflikt am Kap nimmt dieses Bild allerdings nicht. Im Gegenteil: die Spirale der Gewalt dreht sich weiter. In einem Nachtlokal muss sich der junge Fotograf von einem Township-Aktivisten den Vorwurf gefallen lassen, er spiele den weißen Machthabern in die Karten, indem er das Schlachten zwischen den schwarzen Ethnien öffentlichkeitswirksam dokumentiere. Doch bevor Argumente ausgetauscht werden können, erscheint die südafrikanische Fotografen-Legende Alf Kumalo (gespielt von Alf Kumalo persönlich!) und verweist den Radikalen väterlich in die Schranken. Ryan Phillippe atmet auf. Das Stöckchen wird wieder fallen gelassen.

Pulitzer-Preis Nr. 2: Kevin Carter und seine Bild vom kleinen Mädchen und dem Geier.

Pulitzer-Preis Nr. 2: Kevin Carter und seine Bild vom kleinen Mädchen und dem Geier.

Der Tod von Kevin Carter

Ausführlicher setzt sich der Film mit dem zweiten Bang Bang-Pulitzer-Foto auseinander. 1993 reisen João Silva und Kevin Carter in den Sudan. Dort werden die beiden mit den Auswirkungen einer Hungersnot konfrontiert. Während UN-Hilfskräfte Lebensmittel an die Einheimischen verteilen, fällt Carters Blick auf ein kleines, halb verhungertes Mädchen, das auf dem Boden kauert und von einem Geier beobachtet wird. Auch dieses Bild (unter dem Titel The vulture and the little girl) geht nach seiner Veröffentlichung in der New York Times am 26. März 1993 um die Welt. Es löst eine Welle der Hilfsbereitschaft aus, gleichzeitig werden Fragen nach dem Schicksal des Mädchens laut.

The Bang Bang Club zeigt, wie Kevin Carter im Zuge der Preisverleihung von Journalisten ins Kreuzverhör genommen wird. Ob er dem Mädchen geholfen oder einfach seinem Schicksal überlassen habe, wollen sie von ihm wissen. Kevin Carter, offensichtlich überfordert und von Schuldkomplexen geplagt, verstrickt sich in seinen Aussagen (zur Entstehung des Fotos siehe auch den 2006 für den Oscar nominierten Dokumentar-Kurzfilm: The Death of Kevin Carter: The Casualty of the Bang Bang Club). Zwei Monate nach der Auszeichnung ist Kevin Carter tot, verstorben an einer selbst herbeigeführten Kohlenmonoxidvergiftung. Aus seinem Abschiedsbrief – der auch im Film in Teilen rezitiert wird – geht hervor, dass Carter auch am Leid zerbrochen ist, das er mit seiner Kamera einfing.

Wo gekämpft wird, fallen Menschen. The Bang Bamg Club bietet wenig Neues von der Kriegsreporter-Front.

Wo gekämpft wird, fallen Menschen. The Bang Bamg Club bietet wenig Neues von der Kriegsreporter-Front.

Mehr Heldenepos statt Aufarbeitung

Das Schicksal von Kevin Carter gehört zu den eindringlichsten Episoden des Films, weil er sich an jener Stelle traut, in das Innenleben seiner Figuren vorzudringen. Auch wenn es zynisch klingen mag: Posthum kann man es sich ja erlauben. An die Fotografen Greg Marinovich, João Silva und Ken Osterbrook, so scheint es, wagt sich The Bang Bang Club nicht richtig heran. Ihr Antrieb reduziert sich auf ihre Abenteuerlust, den Balanceakt zwischen Mut und Leichtsinn und dem diffusen Ehrgefühl, das der Job eben so mitbringt. Das Gros ihrer Gedanken und Gefühle verbleibt eingesperrt in einer Blackbox. Als wollte man den beiden Überlebenden und verdienten Krisenreportern Marinovich und Silva keinen Seelenstriptease zumuten und stattdessen lieber das Andenken an einen verwegenen Haufen wahren. Beide waren an der Story beteiligt, als Co-Autoren der 2002-er Buchvorlage (The Bang Bang Club: Snapshots from a Hidden War), welche bereits von zeitgenössischen Rezensenten für ihre zum Teil unkritische Haltung getadelt wurde, und nicht zuletzt während der Dreharbeiten als Berater involviert.

Nur wenige Wochen nach den Dreharbeiten und noch vor dem allgemeinen Kinostart im Jahr 2011 verabschieden sich Marinovich und Silva in den Ruhestand. Marinovich nach dessen vierten Verwundung, die er sich in Afghanistan zuzieht, Silva nachdem er als eingebetteter Journalist nahe Kandahar auf eine Landmine tritt und infolgedessen beide Beine verliert. „After Afghanistan, I realized that this was just not productive. After several weeks [after being shot for the fourth time], it just dawned on me that I don’t want to do this anymore, and I don’t want to be injured anymore“, gibt Greg Marinovichin einem Interview anschließend zu Protokoll. Wer weiß, ob The Bang Bang Club eine andere Tonalität angeschlagen hätte, wäre er ein, zwei Jahre später gedreht worden. Weniger auf Action fokussiert, stärker reflektierend. So wie er heute zu sehen ist, fühlt sich The Bang Bang Club nicht echt, nicht ehrlich genug, an.

Vimeo-Link zur Dokumentation The Death of Kevin Carter: The Casualty of the Bang Bang Club


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